Raus von zuhause

Europäischer Jugendaustausch in Craiova

Mittwoch, 07. März 2012

Beim Jugendaustausch gibt es keinen „Frontalunterricht“. Jeder ist gefragt, aktiv zu werden. Foto: Alexandra Neufeld

35 junge Leute, ganz viel Aufregung, ganz viel Motivation, die Welt verändern zu wollen und dann der rumänische Schnee. Doch davon lassen sich die Teilnehmer des Jugendaustausches „In and Out of EU: Breaking down stereotypes“ ( Innerhalb und außerhalb der EU: Stereotypen einreißen) nicht abhalten, wenn auch die Anreise zum Veranstaltungsort Craiova etwas beschwerlich ist. Anfang Februar, zur Hochzeit des Schneechaos im Süden Rumäniens, hatte die Studentenvereinigung der Sprachwissenschaftlichen Fakultät in Craiova via des „Youth in Action“-Programms der Europäischen Union sechs NGOs aus verschiedenen europäischen Ländern zu einem Jugendaustausch eingeladen. Gekommen sind Gruppen aus Frankreich, Norwegen, Italien, Polen, der Türkei und auch aus Deutschland. Nach den Anreiseschwierigkeiten konnte es los gehn: Zusammen mit den rumänischen Teilnehmern ging es darum, sich über Problematiken von Stereotypisierung und Diskriminierung mit Schwerpunkt auf die Schwierigkeiten von Roma-Gemeinschaften auszutauschen. Aber auch fremde Kulturen sollten kennengelernt, Freunde aus ganz Europa gefunden oder einfach auch die eigenen Englisch-Kenntnisse verbessert werden (das ganze Programm lief verständlicherweise auf Englisch).

Und so treffen die verschiedensten Köpfe zusammen: Ipran kommt aus Norwegen, seine Eltern stammen aus dem Iran. Er und seine Freunde Hassan und Monti sind Norweger und sehen sich als solche, trotzdem sind sie zuhause immer wieder Opfer von Diskriminierung. Das schützt sie allerdings nicht davor, selbst Vorurteile zu haben. Oder da ist Liony, die Politikwissenschaftsstudentin aus Düsseldorf, die bereits in Washington D. C. und Singapur gelebt hat und eine wahre Verfechterin von „political correctness“ ist. Aus Polen angereist ist Anna, die sich in ihrem Studium Vergleichende Kulturwissenschaften auf den Orient spezialisiert hat, ein Semester lang in der Türkei studierte und in Craiova als Dolmetscherin für Amina und Cansu fungiert, zwei Mädchen aus der Türkei, die sich trotz mangelnder Englischkenntnisse auf das Abenteuer Jugendbegegnung eingelassen haben.

Ein charakteristisches Merkmal von „Youth in Action“ ist, dass sich die Angebote einer non-formalen Lernmethode bedienen. Darunter versteht man einen Lernprozess, der sich von schulischen Ansätzen unterscheidet, und einen Schwerpunkt auf Bildungsaspekte setzt, die zwischen den Zeilen vermittelt werden. „Jugendarbeit ist nicht nur Wissensvermittlung, es geht auch darum, involviert zu werden oder einfach nur zusammen Spaß zu haben! Mit Jugendarbeit können wir unsere Flexibilität nützen und in Kontakt kommen mit dem ‘hier und jetzt’.“ So geht es beispielsweise darum, zwischenmenschliche, interkulturelle Erfahrungen zu machen und soziale Kompetenzen auszubilden, zu lernen, wie man die eigene Kultur und eigene Erfahrungen ausdrücken kann und wie Kommunikation funktioniert, egal ob in der Muttersprache, in einer Fremdsprache oder die nonverbale Kommunikation.

Silke Hüper, deutsche Teilnehmerin, ist schon ein alter Hase in Sachen internationale Erfahrungen und Rumänien-Expertin. Neun Monate lang war sie mit dem europäischen Freiwilligendienst in Chişinău in der Republik Moldau und dann nochmal vier Monate mit dem Erasmus-Stipendium in Suceava. Die Jugendbegegnung in Craiova war allerdings das größte Projekt, das sie bisher gemacht hat.
„Ich hab nicht zum ersten Mal so ein internationales Projekt mitgemacht, aber zum ersten Mal eins mit so vielen Teilnehmern aus verschiedenen Ländern. Das fand ich spannend, so viele Leute auf einmal zu treffen. Die Vielfalt der Teilnehmer war für mich eine ganz große Bereicherung und auch für den Austausch somit der wichtigste Punkt.“

Auch sie schätzt die non-formale Arbeitsweise der „Youth in Action“-Programme, allerdings ist das in Craiova ihrer Meinung nach fast ein bisschen zu kurz gekommen. „Ich hab gemerkt, dass es eben ganz unterschiedliche Arbeitsweisen gibt, dass Leute mit großer Motivation viel Konzentration aufbringen wollen und andere Leute sehr schnell gelangweilt sind und auch andere Erwartungen haben, sich in der Diskussion mehr Spaß wünschen. Man muss kreativere Methoden finden, um wirklich alle gleichermaßen zu erreichen, sodass nichts verloren geht.

Ich hätte mir insgesamt mehr Abwechslungsreichtum in den Methoden gewünscht, zum Beispiel durch Zeichnen oder kurze Sketche kann man auch ganz viel ausdrücken. Das hat mir ein bisschen gefehlt, gerade im Hinblick auf die Unterschiedlichkeit der Teilnehmer.“
Nach intensiven sieben Tagen ist auch das schlimmste Schneechaos überwunden und die Teilnehmer können voll bepackt mit neuen Ideen und ausgetauschten Telefonnummern zurückblicken auf die kleinen Momente, die den Austausch besonders gemacht haben: 

Silke erinnert sich an eine „schöne Situation ganz ganz am Ende. Da war auch schon die Hälfte der Teilnehmer abgereist, mitten in der Nacht. Und wir saßen zu viert auf dem Zimmer, ich mit zwei weiteren deutschen Teilnehmerinnen und einem Norweger. Er war während der ganzen Woche sehr ruhig und hat nicht so richtig seinen Platz gefunden. Aber in dieser kleinen Runde hatte er einfach Lust, sich mitzuteilen und von seiner Familie zu erzählen oder davon, was er vorher über Polen gedacht hat. Es war eine schöne Situation zu sehen, dass er dann natürlich genauso viel zu erzählen hatte, wie alle andern und dann quasi in letzter Sekunde die Chance ergriffen hat. Das war sehr schön, da ist er so aufgetaut.“

Aber auch andere Erinnerungen sind wach, so an die jüngste Teilnehmerin, Giorgia aus Italien, die den Mut hatte, vor der ganzen Gruppe über die Diskriminierung zu sprechen, die ihr widerfahren ist. Oder an den türkischen Tanz, den Amina, die fast kein Englisch konnte, den anderen gezeigt hat und den am Ende alle am liebsten getanzt haben. Kommunikation funktioniert nicht immer nur über Worte. Dass man auf einer Wellenlänge ist, kann man auf so vielen verschiedenen Wegen mitteilen. Klüger wird man nicht nur durch Faktenwissen, sondern auch durch das Leben im „hier und jetzt“.

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