Reformation und Toleranz

Tagung im Rahmen der Lutherdekade in der Evangelischen Akademie Siebenbürgen

Samstag, 16. November 2013

Dr. Paul Brusanowski, Bischof Kató Bela und der Vorstandsvorsitzende der EAS, Dietrich Galter (v.l.)

Christoph Sigrist: „Der Mensch bedient sich losgelöst von seiner konfessionellen und religiösen Herkunft frei auf dem religiösen Markt“.
Fotos: Andrey Kolobov

Zu der dreitägigen Tagung zum Thema „Reformation und Toleranz – Brücken und Leitwege über Jahrhunderte“ lud die Evangelische Akademie Siebenbürgen (EAS) vom 7. bis 9. November ein. Die Konferenz fand im Rahmen der Lutherdekade statt, einer Veranstaltungsreihe, die auf den 500. Jahrestag des Thesenanschlags von Martin Luther im Jahr 2017 hinzielt. Innerhalb der Lutherdekade wird das weite Themenspektrum der Reformation in Themenjahren aufgenommen und entfaltet. So wird zum einen an die historischen Gedenkjahre angeknüpft. Zum anderen nimmt die Lutherdekade Impulse der Reformation auf, die bis in unsere heutige Zeit reichen. Das Thema des Jahres 2013 lautet „Reformation und Toleranz“.
Mitveranstalter der Tagung war das Generalkonsulat der Bundesrepublik Deutschland in Hermannstadt/Sibiu, welches Konsulin Judith Urban vertreten hat. Die Toleranz sei eines der wichtigsten Güter des heutigen Zeitalters, sagte Urban in ihrem Grußwort: „Die Toleranz schützt die Anderen, die Andersdenkenden“. Begrüßt wurden die Teilnehmer auch vom Bischofsvikar der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien (EKR), Dr. Daniel Zikeli, der daran erinnerte, dass die „Toleranz eine Herausforderung des 21. Jahrhunderts“ ist.

Das einleitende Referat zum Tagungsthema hielt am Donnerstag Bischof emeritus D. Dr. Christoph Klein. Das Thema seines Vortrags lautete „Der Toleranzgedanke bei Martin Luther und den Reformatoren“. Die Frage der Toleranz bei Luther und in der Geschichte der reformatorischen Kirchen sei innerhalb der Lutherdekade unausweichlich, stellte Klein anfangs fest: „Das kommt daher, dass die aufgrund einiger seiner Schriften nachweisbare Haltung Luthers zu den Juden ein düsteres Kapitel seines Lebens und seines Lebenswerkes darstellt.“ Nach einem geschichtlichen Überblick über die „religiöse Toleranz“ – hier sollten das Toleranzedikt von 311 des Kaisers Galerius, das Toleranzedikt des Kaisers Konstantin (313), das Edikt von Nantes (1598), das König Heinrich IV. den französischen Calvinisten nach den schrecklichen Ereignissen der Bartholomäusnacht 1572 gewährte, der Augsburger Religionsfrieden (1555) sowie das „Toleranzpatent“ von Kaiser Joseph II. genannt werden – behandelte Klein das Verhältnis Luthers zu den Juden. Dieses reichte von der „wohlwollenden Einstellung“ wie in der Schrift „Dass Jesus Christus ein geborener Jude war“ (1523) bis hin zur „späteren Härte des alternden Reformators im Spannungsverhältnis zu den Juden“ wie in der Abhandlung „Von den Juden und ihren Lügen“, die Luther 1543, drei Jahre vor seinem Tod, geschrieben hat.

Man solle jedoch nach den Ausführungen über die Toleranz und Intoleranz beim Reformator etwas nicht vergessen, meinte Klein: Erstens gehe es „bei diesem Thema nicht um Luther, sondern um den Protestantismus“ und zweitens „Luther und lutherische Kirche ist nicht miteinander gleichzusetzen“. Welchen Einfluss die Reformatoren und deren Gedankengut in Siebenbürgen hatten, verdeutlichte in seinem Vortrag „Die evangelische Reformation in Siebenbürgen – Konfessionelle Unterschiede und Gemeinsamkeiten im siebenbürgischen Raum des 16. Jahrhunderts“ Dr. Hermann Pitters. Für Siebenbürgen sei es bezeichnend, dass die Reformation hier von den Laien, den Bürgern, ausging. „Wir sind zufrieden, dass wir auch heute von Siebenbürgen als dem Land der Duldung sprechen können“, meinte Pitters in der Anlehnung an das „Siebenbürgenlied“.

Zum Auftakt des zweiten Tages der Konferenz referierte der Bischof der reformierten Kirche Siebenbürgens, Bela Kató, über den „Calvinistischen Weg der ungarischen Bevölkerung in Siebenbürgen“. Über die „Rumänische Bevölkerung in Siebenbürgen im Zeitalter der Reformation“ berichtete Dr. Paul Brusanowski von der Theologischen Fakultät „Andrei

Şaguna“ in Hermannstadt. Dieser Vortag sei „im europäischen Geist, ohne Vorurteile und übertriebenen Nationalstolz“ gehalten worden, merkte Pitters anschließend an. Brusanowski unterrichtete die Teilnehmer über das spannungsvolle Verhältnis zwischen den drei in Siebenbürgen anerkannten Nationen (Unio Trium Nationum) und den aus dieser „Verfassungsregelung“ ausgeschlossenen Rumänen. Er fasste desgleichen die „spärlichen“ Dokumente des 16. Jahrhunderts über die rumänische Kirche in Siebenbürgen zusammen, auch wenn die „Geschichte der siebenbürgischen Rumänen aus dieser Zeitspanne echt nebelig ist“, und gewährte einen Einblick in die politische und kulturelle Lage dieser Bevölkerungsgruppe. Im weiteren Verlauf der Tagung referierte Dr. Dorin Oancea über „Spiritualität und Toleranz im orthodoxen Gedankengut“. Er schlussfolgerte aus seinem umfangreichen Vortrag: „Ohne die Toleranz kann sich kein Mensch als Christ bekennen“. Das Thema „Der reformatorische Toleranzgedanke im Europa des 21. Jahrhunderts“ erörterte Rüdiger Noll seitens der Konferenz der europäischen Kirchen.

Der Frage der „Religiösen Gemeinschaft und Multikulturalität – Wege zum anderen Selbstverständnis“ behandelte Christoph Sigrist, Pfarrer am Großmünster in Zürich. Sein von zahlreichen persönlichen Erfahrungen begleiteter Vortrag widmete sich der Suche nach einem neuen Selbstverständnis der Kirche, der Frage nach der Macht, dem Raum und dem Volk der Kirche. Laut jüngsten Untersuchungen des Religionssoziologen Jörg Stolz aus Lausanne wird „Die Institution Kirche immer ärmer, älter und kleiner, die religiösen Praktiken lösen sich auf, vermischen sich mit Teilen anderer religiöser und spiritueller Traditionen“. „Nicht nur demografische Veränderungen, sondern auch der meist schleichend wahrgenommene Wandel im religiösen Leben und spirituellen Empfinden wirkt sich auch im kirchlichen Leben aus. Multikulturalität und Multireligiosität lösen Konfessionalität und Säkularität in einem immer mehr öffentlich sichtbaren Prozess ab und bilden den neu zu beachtenden Hintergrund der Arbeit der Kirche“, stellte Sigrist fest.

Zwei weitere Vorträge zum Thema Toleranz gegenüber der ethnischen Minderheiten rundeten den zweiten Tag der Konferenz ab. Dorin Cioabă referierte zum Thema „Zwischen Integration, Migration und Toleranz – die Romaminderheit in Europa“. Er rief die Tagungsteilnehmer dazu auf, nicht zu verallgemeinern: „Man soll nicht denken, dass die Roma-Gemeinschaft nur aus Verbrechern besteht. Auch wir haben unsere wertvollen Menschen“. Das Problem der Roma sei, so Cioabă, in erster Linie das Fehlen der Elite. Dagegen versucht er, wie bereits sein Vater, zu wirken, indem er den Bildungsweg bei der jungen Generation der Roma populär macht. „Wir sind eine Nation ohne eigenen Staat. Wir sind keine ethnische Minderheit, denn eine solche setzt das Vorhandensein einer Mehrheit voraus, wie zum Beispiel die Siebenbürger Sachsen und die Deutschen“, erklärte Ciob² abschließend. Einen spannenden Tagungsbeitrag mit dem Titel „Toleranz als Lernprozess – Das Bundesland Kärnten als Studienfall“ brachte Peter Karpf vom Volksgruppenbüro des Landes Kärnten. Er gewährte einen Einblick in die Entwicklung der Volksgruppenfrage in Kärnten, wo bekanntlich die deutschsprachige Mehrheit und Slowenisch sprechende Minderheit leben. „Mit vertrauensbildenden Maßnahmen bemüht sich das Land heute um den Erhalt und die Förderung dieser Vielfalt und Unverwechselbarkeit“, so Karpf.

Der letzte Vortrag der Tagung stand unter dem Motto „Toleranz und Religionsfreiheit – Wurzeln ethnisch-kultureller Identität und Voraussetzungen eines religiösen Pluralismus im Donau- und Karpatenraum“ und wurde von Dr. Karl Schwarz aus Wien gehalten. „In Siebenbürgen bedeutete der religiöse Pluralismus, der sich als Frucht der politischen Koexistenz der drei Nationen und der mitwohnenden Rumänen ergab, weder eine Eliminierung der Wahrheitsfrage noch deren Relativierung im Sinne eines Rückbezugs auf die ’natürliche Religion’, die sich in allen christlichen Konfessionen widerspiegelt, sondern als konstruktive Toleranz innerhalb einer bewussten Vielfalt“, schlussfolgerte Schwarz.
Die Tagung in der EAS beleuchtete die Frage der Toleranz aus verschiedenen – konfessionellen, ethnischen und politisch-geschichtlichen – Perspektiven. Nichtsdestotrotz bedauerten die Organisatoren ein – milde gesagt – geringes Interesse seitens der EKR, der Hermannstädter Stadtpfarrgemeinde sowie des Departements für protestantische Theologie. Die Studierenden am Departement glänzten durch Abwesenheit, obwohl sie vom Bischof em. Klein dazu eingeladen worden waren.

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