Reformationsjubiläum mit drei evangelischen Konfessionen

Pflanzung eines Apfelbäumchens im Predigergarten in Schäßburg

Montag, 20. November 2017

Bischof Reinhart Guib während der Predigt; im Gestühl (v. r.) Stadtpfarrer Hans Bruno Fröhlich, István Bíró (ref. Pfarrer in Schäßburg und Dechant des Kokeldekanates), Béla Kató (Bischof der ref. Kirche / Siebenbürger Distrikt), Dezsö-Zoltán Adorjáni (ev.-luth. Bischof), László Tamás Szegedi (ref. Pfarrer in Reps, Dechant des Kronstädter Bezirks), József Zelenák (ev.-luth. Pfr. in Sf. Gheorghe; Dechant in Kronstadt und Bischofsvikar der ungarische-lutherischen Kirche) u. a.

Der Ort, an dem Bischof Reinhart Guib zusammen mit evangelischen Gemeindegliedern und Freunden der Evangelischen Kirche A. B. das Apfelbäumchen in Schäßburg pflanzte, ist geschichtsträchtig, auch wenn er in seiner jetzigen Erscheinungsform – nämlich als Predigergarten – nicht unbedingt danach ausschaut. Hier stand einstmals eine Kirche, von der heute nur noch die Außenmauer erhalten geblieben ist. Im Jahr 1538 fand hier ein Ereignis statt, welches für den Verlauf der Reformation in ganz Siebenbürgen entscheidend war: das „Schäßburger Religionsgespräch“. Bevor das Apfelbäumchen gepflanzt wurde, hielt Stadtpfarrer Hans Bruno Fröhlich einen kurzen Vortrag über diese Disputation in deutscher und rumänischer Sprache.

Der damalige König Johann Zápolya ließ Befürworter und Gegner der Reformation zu einem Gespräch hier in dieser Kapelle zusammenkommen. Erbitterter Gegner und Wortführer dieser Gruppe war der Großwardeiner Bischof und Schatzkanzler Georg Martinuzzi. Als Redner der Befürworter des reformatorischen Gedankengutes wurde Stefan Szántai aus Kaschau (heute: Košice/Slowakei) herbeigerufen. Sächsische Vertreter sind in der Delegation der Befürworter auch bezeugt, u. zw. die Pfarrer aus Lechnitz, Bistritz und Kronstadt; allerdings waren sie beim Religionsgespräch einfache Zuhörer. Sogar zwei – vom König bestellte – Schiedsrichter, Adrianus Wolfhard und Martin Kalmancehi (beide aus Weißenburg), sollten darüber wachen, dass alles mit rechten Dingen zuging. Doch so einfach war ihre Aufgabe nicht, weil Stefan Szántai von der Gegenseite immer wieder unterbrochen wurde. Die Schiedsrichter baten schließlich, man möge sie von ihrem Auftrag befreien, denn Stefan Szántai, der evangelische Vertreter, war mit seinen biblisch begründeten Ausführungen wohl überzeugender gewesen. Die katholische Seite um Martinuzzi verlangte, Szántai auf dem Scheiterhaufen verbrennen zu lassen. Diese Anforderung wies der König zurück, empfahl Szántai aber, das Land so schnell wie möglich zu verlassen.

Auch wenn man damals unverrichteter Dinge auseinanderging, kann dieses Gespräch eigentlich als „Punktsieg“ für die Evangelischen gewertet werden, denn die begonnene Bewegung war nicht mehr aufzuhalten. Drei Jahre später (1542) wurde in Kronstadt die erste „evangelische Messe“ gefeiert und nachher griff die Reformation auch auf die andern Orte Siebenbürgens über und wurde im Sachsenland schließlich systematisch durchgeführt. Das „Apfelbäumchen für ein klares Wort“ wurde in Erinnerung daran gepflanzt, dass das „klare Wort“ von 1538 Frucht getragen hat.

Im Anschluss an diese feierliche Handlung im Predigergarten am 5. November wurde ein erhebender Festgottesdienst gefeiert. Daran nahmen die Bischöfe der evangelischen und reformierten Kirchen teil, u. zw. Kató Béla, Bischof der Reformierten Kirche / Siebenbürger Distrikt, Dezsö-Zoltán Adorjáni, Bischof der evangelisch-lutherischen Kirche ungarischer Verkündigungssprache, und Reinhart Guib, Bischof der Evangelischen Kirche A. B., zusammen mit etwa 60 Pfarrern dieser Konfessionen (vor allem der beiden erstgenannten; den Ornat, die evangelisch-sächsische Pfarrertracht, trugen außer Bischof Reinhart Guib noch Pfr. i. R. Dr. Rolf Binder und Stadtpfarrer Hans Bruno Fröhlich). Die Klosterkirche füllte sich bis auf den letzten Platz, wobei natürlich die ungarischen Glaubensgeschwister die Mehrheit darstellten.

Die Anwesenheit der reformierten Geistlichen in ihren für die reformierte Kirche typischen Umhängen (dem sogenannten „Palást“, der dem „krausen Rock“ des sächsischen Pfarrerornates nicht unähnlich sieht) und jene der ungarisch-lutherischen Geistlichen im Talar mit leuchtend roter Stola (rot ist die liturgische Farbe für das Reformationsfest) war natürlich ein Blickfang. Richtig beeindruckend wurde es dann aber, als diese Geistlichen zusammen mit den beiden Kirchenchören der Reformierten Kirchengemeinde und der Evangelischen Kirchengemeinde A. B. Schäßburg die „Reformationshymne“ „Ein feste Burg ist unser Gott / Erös vár a mi Istenünk“ (ungarisch und deutsch, und dies gleichzeitig) anstimmten.

Bischof Reinhart Guib ging in seiner Predigt (gehalten in deutscher Sprache; ungarische Übersetzungen konnten als Handout mitverfolgt werden) von der Losung und dem Lehrtext des diesjährigen Reformationstages, des 31. Oktobers, aus: „Lass  ab vom Bösen und tue Gutes; suche Frieden und jage ihm nach“ (Psalm 34,15) & „Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Ehre“ (Römer 15,7). Dabei wies er auf das Zentrum unseres Glaubens und unserer Verkündigung, nämlich auf Christus, hin: „Da steht wie ein Fels in der Brandung Christus der uns im Leben, Sterben und Auferstehen vorangegangen ist und der uns einlädt, aufzusehen zu ihm und ihm nachzufolgen.“ ER wurde von den Reformatoren neu entdeckt und ins Blickfeld gerückt. „Dieser Blick veränderte sie (die Menschen) und die Welt zum Guten“, sagte Bischof Guib.

Bischof Belá Kató ging in seiner Ansprache (auf Ungarisch gehalten, wobei deutsche Übersetzungen vorlagen) auf die guten Verbindungen zwischen Reformierten und Lutheranern in Siebenbürgen ein, die auf die Anfänge der Reformation zurückzuführen sind. Damals begannen diese beiden Glaubensrichtungen in Zentral- und Westeuropa getrennte Wege zu gehen. Hier in Siebenbürgen – wo die religiöse Freiheit damals schon und später auch ein hohes Gut war – gab es sogar das Paradox, dass einer der reformierten Bischöfe, Alesius Dénes, lutherisch und einer unserer evangelischen Bischöfe, nämlich Matthias Schiffbaumer, kalvinistisch war. Reformierte Schüler besuchten sächsische Gymnasien und umgekehrt: Lutherische Schüler gingen auf reformierte Schulen. „Ein anderer schöner Beweis unserer Zusammenarbeit ist, dass bis Mitte des 19. Jahrhunderts die reformierten Gemeinden von Szászváros (Broos), Tordos (Eisenmarkt), Vizakna (Salzburg) und Kóbor (Kiewern) zum sächsisch-lutherischen Bischof, während die evangelischen Gemeinden von Nagysajó (Groß-Schogen) und Teke (Tekendorf) zum siebenbürgisch-reformierten Superintendenten gehörten“, so Bischof Kató.

Bischof  Dezsö-Zoltán Adorjáni predigte zweisprachig und gab seiner großen Freude Ausdruck: „Wir, die ungarischen protestantischen Geistlichen, reformiert und evangelisch, haben uns unten in der reformierten Kirche versammelt und sind gleich einem Pilgerzug mit Gebet und Gesang zur Kirche unserer sächsischen Geschwister in die Burg heraufgezogen. Hier dürfen wir die Gäste der sächsischen Lutheraner sein, gemeinsam Gottesdienst feiern, Gottes Wort hören und am Sakrament des Abendmahls teilnehmen. Das, liebe Schwestern und Brüder, ist gelebte Reformation!“

In der Tat waren die ungarischen Glaubensgeschwister mit ihren Bischöfen und Pfarrern in einem feierlichen Fackelzug von der reformierten Kirche neben der Kokelbrücke aus zur Klosterkirche in die „Burg“ hinauf „gepilgert“, geistliche Lieder singend. Dort, vor dem Kirchenportal, wurden sie von der evangelischen Gemeinde zusammen mit Bischof Guib, Dechant Fröhlich und Pfr. i. R. Dr. Rolf Binder erwartet. Vorher hatte es in der reformierten Kirche ein Konzert mit archaischer ungarischer geistlicher Musik gegeben, während dessen die viel kleinere sächsische evangelische Gemeinde im Predigergarten das Apfelbäumchen gepflanzt hatte.

Die Pflanzung des Apfelbäumchens, der Fackelzug, der Gottesdienst mit etwa 400 Teilnehmern (über 300 Gemeindeglieder kamen zum Abendmahl) zusammen mit den drei Bischöfen war eine denkwürdige Begehung des 500. Reformationsjubiläums mit bleibendem Erinnerungswert.

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