Reise an die Grenzen des Vorstellbaren

Mit den Sinti und Roma aus Schleswig-Holstein unterwegs in den Slums von Bukarest

Samstag, 02. September 2017

Nicoleta lädt die Besucher ein, auch ihr Heim zu besichtigen.

Blick ins Schlafzimmer einer 7-köpfigen Familie

Pfarrer Marin Moise (Mitte, weißer Hut) begleitet die Gruppe aus Deutschland.

Die Lernstätten sind für die Kinder Refugium und Schnittstelle zwischen Slums und staatlicher Schule.

Besuch bei den Hausbesetzern im aufgelassenen Spital
Fotos: die Verfasserin

Gerümpel liegt in der Ecke: zertrümmerte Fensterrahmen, ein Einkaufswagen vom Supermarkt, eine zerschlissene Matratze, auf der sich ein Kätzchen putzt. Andra und Maria, fünf und drei Jahre alt, lächeln vor baufälligen Baracken. Aurelia, im blitzsauberen gelben Bademantel, ermutigt uns, den Schlafraum ihrer siebenköpfigen Familie zu besichtigen. Mit gezückten Kameras bücken wir uns, zwängen uns in den engen Flur, begutachten das Schlafzimmer, in dem  sich modrige Matratzen türmen. Aurelias Familie ist eine von zehn, die auf diesem winzigen Hof hausen. Noch ist Sommer...

Was ist schlimmer – der Müll draußen oder die Gerüche in den Räumen? Zurück im Hof, beginnt Yolanda zu weinen. Andere Besucher – selbst Männer - wischen sich verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel. Sintere{ti ist die erste Etappe einer Reise in die Bukarester Slums, die sich die Gruppe aus Schleswig-Holstein vorgenommen hatte. Von Angesicht zu Angesicht wollten sie sehen, wie die ärmsten ihrer Schwestern und Brüder in Rumänien leben.
Zugang verschafft ihnen der Baptisten-Pfarrer Marin Moise, selbst Roma, der in Colentina zwei  Lernzentren für nie eingeschulte, ausgeschulte, lernschwache oder verhaltensgestörte Kinder von 6 bis 16 Jahren betreibt. Seit 2002 haben 500 seiner Schützlinge den Schulabschluss geschafft, erzählt er stolz. Begleitet wird die Gruppe aus Kiel - vorwiegend junge Sinti und Roma aus einfachen Verhältnissen - von der Journalistin Karin Haug (NDR), dem Problemzonen-Stadtplaner mit Afrika-Erfahrung Wulf Dau-Schmidt, dem 69-jährigen  Matthäus Weiß, Gründer und Vorsitzender des Verbands Deutscher Sinti und Roma e.V. in Schleswig-Holstein, und dessen Frau Anna, Rudko Kawczynski, der den hiesigen Romanes-Dialekt beherrscht,  von Vereinsvorstandsmitgliedern und dem Pressesprecher Veljko Tomovic. Finanziert wurde die Studienfahrt vom Land Schleswig-Holstein, das als einziges deutsches Bundesland die Sinti und Roma als Minderheit anerkennt, schützt und fördert.
Eine solche Reise findet seit 2012 jährlich statt, wie Tomovic erklärt. Im Vorjahr hatte man Auschwitz besucht: „Für manche eine harte Erfahrung, denn einige ihrer Vorfahren sind im Konzentrationslager umgekommen.“ Auch diesmal wird es keine Vergnügungsreise...

Im Wechselbad der Gefühle

Yolanda steht da und weint.  „Wie viele Kinder hast du?“ will eine andere Sinti von Aurelia wissen. Mit dieser Frage nähern sich die Frauen stets an. Doch zur Enttäuschung der Besucher spricht kaum jemand Romanes, ständig ruft es aus einer Ecke: „Kannst du übersetzen?“ So gelingt mir der Kontakt zur Gruppe schnell. Trotz der Kürze des Besuchs weicht die anfängliche Befangenheit rasch einer herzlichen Verbundenheit. Aurelia gesteht, sie hätte gern noch mehr Kinder, leider gibt es keinen Mann. Nicoleta, die kokette 15-Jährige, die uns aus Moises Lernzentrum begleitet hat, drängt, wir sollen auch ihr „Haus“ sehen. Hier also wohnen die Kinder aus der zuvor besichtigten Schule. Wie schaffen sie es, dort in sauberen Kleidern und gewaschen zu erscheinen? Wo machen sie ihre Hausaufgaben? Haben sie Licht und einen Tisch? Womit wird im Winter geheizt? Gibt es jemanden, der den Kindern abends Gutenachtgeschichten erzählt? Vielleicht Roma-Sagen von Roma-Helden? „Sie lassen die Kinder nach der Schule Metall und Plastik im Müll suchen“, hatte die Lehrerin aus Moises Einrichtung  auf diese Frage leise geantwortet.

Armut frisst Kultur. Entwurzelt. Die Probleme  sind so komplex, dass staatliche Programme diese Menschen oft nicht erreichen. Und umgekehrt. Zwei korpulente  Frauen sitzen da, stieren einfach nur vor sich in den Boden. Ich erinnere mich an die Aussage eines Roma-Aktivisten, der mir einmal sagte: Für die Erwachsenen können wir meist nichts mehr tun - bei den Kindern muss man ansetzen.
Die Männer schleppen Säcke herbei. Am Vortag war die Gruppe im Großmarkt gewesen, um kleine Spielzeuge für die Kinder, Mehl, Grieß und Zucker für die Familien  zu kaufen. Auf dem Rückweg zum Bus meint ein Mädchen: „Jetzt weiß ich erst, in welchem Paradies wir leben!“ „Ja, wir sind Könige in Deutschland“, ruft ein anderes. Tomovic verrät später: Die meisten unter ihnen sind Harz IV-Empfänger.

Ein zweischneidiges Schwert...

Die nächste Etappe ist wieder eines von Moises Lernzentren. Die Kinder wirken adrett, neugierig, aufmerksam. Es gibt Buntstifte und Malhefte.  Die Besucher wuseln durcheinander, alle wollen mit den Kindern reden.  „Kann uns mal einer vorstellen?“ ruft jemand in den Raum.  „Hier ist eine Gruppe aus Deutschland, die euch besuchen will - sie sind Roma, genau wie ihr“, hebe ich an. Sage „Roma“ und nicht „Zigeuner“, um die Besucher nicht zu beleidigen. Haben die Kinder mich überhaupt verstanden? „Kann einer von euch noch ‘Zigeunerisch’?“ übertönt mich Rudko Kawczynski plötzlich. Wenige Hände fliegen hoch. Doch Gemeinsamkeit geht auch ohne Sprache: Es wird gesungen, gelacht, es werden Fotos geknipst. „Jesus hat dich und mich und alle lieb“, schmettern die Kinder zum Abschied fröhlich.
Wulf Dau-Schmidt erzählt von seiner Afrika-Erfahrung: In manchen Ländern, wo man mit den Behörden nicht zusammenarbeiten kann, müsse man religiöse Einrichtungen unterstützen, um überhaupt an die Bedürftigen heranzukommen. Oft ein zweischneidiges Schwert, fügt er an, denn deren Ziel sei Missionierung und eigener Machtgewinn.

Einblick in die Unterwelt

Strada Radu Calamfirescu. Das Gebäude – ein aufgelassenes Krankenhaus - hat keine Fenster und Türen mehr. Wer nicht zuhause ist, stellt einen Karton vor den Eingang, als symbolische Barriere. Auch hier wohnen einige von Moises Schülern. Im Treppenhaus türmt sich der Müll: eine kaputte Schaufensterpuppe,  Plastikflaschen, Teppichreste. Schmierige Böden und Wände, ein säuerlicher Geruch. Menschen schlurfen neugierig auf den Gang. Eine Einbeinige erzählt, dass die Polizei das Gebäude mehrmals räumte, doch sie kehrten jedes Mal zurück. Hunde auf den Gängen; man hält sie gegen die Ratten. Auch hier Gespräche, Fotos. Zuerst schockierte Blicke, dann Empathie. Es gibt kein Licht, kein Wasser, gekocht wird draußen auf einem Einkaufswagen. Die Notdurft wird im Eimer verrichtet, den man morgens in den Gulli auf der Straße entleert, erzählen die Leute bereitwillig.

Plötzlich kreischt eine Frau: „Wer seid ihr? Wollte ihr uns die Kinder wegnehmen?“ Bedrohlich baut sie sich vor der Pfarrersgattin auf, die sie für eine Amtsperson hält. Die anderen können sie gerade noch zurückhalten. Nachdem das Missverständnis ausgeräumt ist, beruhigen sich die Gemüter. Wieder werden Säcke mit Lebensmitteln herbeigeschleppt. Ein Mädchen, das sich von den Hausbesetzern durch saubere Kleidung unterscheidet, schnappt sich einen Sack - und wird von den Spendern sofort taxiert: „Wer bist du? Du wohnst doch nicht hier?“ „Sie lebt nebenan und ist auch sehr arm“, beschwichtigt eine Bewohnerin. Beim Hinausgehen meint einer aus der Gruppe: „Und in Deutschland beschweren wir uns, wenn ein Fenster klemmt...“

Verschobene Perspektiven

Als nächstes führt uns der Pfarrer nach Fr²]e{ti, ein Dorf bei Giurgiu, wo sein Bruder ein Lernzentrum betreibt. Die Menschen wohnen in schlichten Bauernkaten, manche in Rohbauten aus Gasbeton, weil  Mann oder Sohn im Ausland arbeiten. Ringsum ist es herrlich grün. Jemand wundert sich laut, dass es gar keine Blumen oder Gemüsegärten gibt. In der Gruppe macht sich plötzlich spürbar Unmut breit. „So ‘ne Hose ist bei uns sauteuer“ zischt der junge Mann neben mir beim Anblick eines Mädchens in hautengen, löchrigen Jeans. „Die sind ja gar nicht arm, die haben Grund und Häuser – ich wohne in Deutschland zur Miete!“ empört sich lautstark eine Frau. „Hier lassen wir keinen einzigen Sack!“ ist man sich schnell einig. Man ist wütend auf den Pfarrer, enttäuscht, dass er sie hierher gebracht hat, wo man doch ausdrücklich „arme Leute“ besuchen wollte! Die Säcke bleiben tatsächlich im Bus, man will sie am nächsten Tag in den Bukarester Slums verteilen.

Auf der Rückfahrt erzählt Anna Weiß über die Sinti und Roma in Deutschland (hierzu wird extra berichtet). Die zierliche, 70-jährige Italienerin, seit über 50 Jahren mit dem Sinto Matthäus Weiß verheiratet und selbst im Vorstand des von ihm gegründeten Vereins, kennt alle Reiseteilnehmer von klein auf. Sie selbst hat ihre Enkelinnen mitgebracht: „Ich wollte, dass sie mal sehen, wie gut es ihnen geht.“
Im Bus bietet sich auch Gelegenheit, nach den Eindrücken der anderen zu fragen. So mancher empört sich: Der rumänische Staat müsste etwas tun, er bekommt doch viel Geld von der EU! Die Armut in den Slums hat alle tief berührt – und doch passt manches nicht zusammen. Die Fragen kreisen - unausgesprochen - darum, ob man nicht auch ein wenig Mitverantwortung für sein Schicksal trägt. „Es hat überall so gestunken - aber muss das  wirklich sein?“ fragt eine junge Frau. Die anderen nicken heftig. „Ich glaube, unsere Gruppe ist deutscher als sie denkt“, zwinkert Karin Haug dem Kieler Stadtplaner Wulf Dau-Schmidt vielsagend zu.

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