Reiselust

Sonntag, 09. Juli 2017

Hauptmahlzeit: Tütenchips. Oder sich beim Frühstück vollstopfen, weil man nicht weiß, wann es heute wieder was zu Essen gibt. Hinterm Autositz ein Korb mit drei Tage altem Kaffee, geschmolzener Schokolade, verschütteten Erdnüssen, einer Rolle verknüddeltem Klopapier, klebrigem Obst. Die matschige Tomate muss auch dringend weg... Mist, nun habe ich mir das einzige saubere T-Shirt versaut! Zu den Füßen Eispapier und Bananenschalen, gibt’s in diesem Land keine Papierkörbe? Und wo ist eigentlich das Taschenmesser geblieben? Gestern, bei der Rast am Waldrand, war es noch da, und zwar in der blauen Tüte, in die ich dann die Käserinde und die Eierschalen... Oh, nein!
Reisen macht Freude. Egal ob man fährt oder fliegt, die Summe der Spaßelemente bleibt in jedem Fall konstant. Statt kreativem Autochaos – Vorfreude aufs Fliegen: „Schatz, der Koffer ist immer noch um 20 Gramm zu schwer!” Nach zwei Stunden Umpacken passt endlich das Gewicht. Nur, jetzt geht er nicht mehr zu. Unbedingt zu beachten ist ein vielfach verkanntes physikalisches Gesetz: Gegenstände, die man für den Hinflug packt, neigen dazu, sich zusammenzuziehen und erst für den Rückflug wieder auszudehnen. Ein häufig bestätigtes Naturgesetz, das nur für einen Gegenstand nicht gilt: den Koffer.

Wie wär’s dann mit Zugfahren? Entspannt sitzt man am Fenster, lässt die Landschaft vorbeigleiten und liest. Alles perfekt – bis sich ein biologisches Bedürfnis in den Vordergrund drängt: Der Kaffee will raus! Der dafür vorgesehene Ort befindet sich am anderen Ende des Gangs. Also: Handtasche umhängen, Fotokoffer am besten auch, und den Laptop kann man auch nicht liegen lassen. Geschmückt wie ein Pfingstochse wankt man rempelnd durch den schmalen Gang: “Tschuldigung – tschuldigung!” Tür auf, rein – das muss gehen, andere schaffen es doch auch. Jetzt bloß nicht in die Pfütze treten! Die nächste Herausforderung besteht darin, wie man drei Taschen festhalten, die Tür zuhalten und die Hosen auf halber Höhe hochhalten soll, denn um die Füße dümpelt ein Sumpf aus zermatschtem Klopapier und Ich-wills-gar-nicht-so-genau-wissen. Ich komme zu dem Schluss: Zugfahren ist nur was für Männer.


Dann doch lieber Busreisen mit der Gruppe. Da bleibt einem dieses Erlebnis erspart, manchmal sogar länger, als einem lieb ist...
Huch, schon wieder Serpentinen! Der Obstsalat vom Frühstück will auch mal die tolle Landschaft sehen, gibt mir mein Magen zu verstehen. Hat keiner einen Schnaps dabei? Der Herbert gibt einen aus. Und am besten gleich noch einen. Der Obstsalat im Magen ist erstaunt: „Wer bist du denn?” fragt er, und der Schnaps antwortet: „Ich bin ein Schnaps, der Herbert hat mich ausgeschenkt.” Beim zweiten Mal dieselbe Antwort. Da meint der Obstsalat: „Diesen Herbert, den muss ich mir doch glatt mal anschauen!” Wie gut, dass ich eine Tüte dabei hatte.
Reisen ist herrlich – aber Ankommen noch schöner. Am besten jeden Tag in einem anderen Hotel. Faustregel: Das Hotelrestaurant schließt genau fünf Minuten bevor man sich entschieden hat, doch noch etwas zu essen. Egal: Ohnehin gibt es dort nie vegetarische Gerichte, auch keine fleischlosen, versichert der Kellner im Brustton tiefster Überzeugung. „Haben Sie nicht wenigstens Pommes frites oder Maisbrei mit Käse und Spiegelei?“  „Ja, das schon.“ Ich komme mir vor, als hätte ich nach einem fleischlosen Schweineschnitzel gefragt. Der Maisbrei kommt schließlich – ohne Ei und Käse. „Sie wollten doch vegetarisch!“

Eine rumänische Merkwürdigkeit ist das Aushändigen der Fernbedienung für den Fernseher an der Rezeption. „Brauch ich nicht“, lehne ich mangels freier Hand ab. Mitten in der Nacht geht dann wie von Geisterhand die Klimaanlage an: Das muss der Typ im Nebenzimmer gewesen sein, sind die Wände hier so dünn? Es bläst mir fast die Haare vom Kopf, bis ich die Fernbedienung dafür finde: Aus. Aus! AUS!!!
Keine Batterie drin. Dann nehm ich halt die von der TV-Fernbedienung.... Ach, nee!
Am nächsten Morgen bin ich taufrisch. Ich schüttle mir den Schnee aus den Haaren, breche den Eiszapfen von der Nase ab und strecke die Knie durch, dass die Eisschollen krachend wegsplittern. Dann trete ich in die strahlende Morgensonne und denke: Reisen ist herrlich! Abenteuer pur!

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