Reisen bildet, sagt man

Erwartungen, Vorurteile und ein Kurzbesuch in Tiraspol

Donnerstag, 02. Juli 2015

Alltag in der Innenstadt von Bendery

Denkmal für den in Transnistrien als Nationalhelden gefeierten russischen General Alexander I. Lebed
Fotos: Robert Pfützner

Vor einigen Jahren wurde der Schriftsteller Alain de Botton in einem Interview gefragt, was seiner Meinung nach ein Reiseziel über eine Person verrät. Seine Antwort: „Es sagt uns etwas darüber, was einer Person fehlt, was ein Mensch am dringendsten innerlich braucht.“ Als ich diesen Satz las, musste ich noch ein bisschen mehr über meine letzte Reise nachdenken. Sie führte mich, gemeinsam mit zwei Freunden, in die Pridnestrowische Moldauische Republik, bekannter unter dem Namen Transnistrien. Wir waren über das Wochenende in einem kleinen Hostel in Chişinău abgestiegen und planten einen Tagesausflug in die Hauptstadt Transnistriens, nach Tiraspol. Einmal täglich, um 7.34 Uhr, fährt der Zug von Chişinău nach Odessa, der dritte Zwischenhalt ist Tiraspol. Zwei Stunden dauert die knapp 70 km lange Fahrt. Neben uns stiegen wenige weitere Fahrgäste aus, größtenteils wohl Einwohner der Stadt. Touristen waren wir definitiv die einzigen. Unser Gästeführer und ein Miliz-Major warteten schon und erkannten uns von Weitem.

Warum bin ich nach Tiraspol gefahren, was – nach de Botton - fehlt mir innerlich, was ich dort zu finden hoffte? „Tiraspol“ – seit einigen Jahren geisterte dieses irgendwie verlockend und „exotisch“ klingende Wort in meiner Fantasie umher. Doch welche Vorstellung verband ich mit der Stadt? „Freiluftmuseum des Kommunismus“, „letzter Hammer-und-Sichel-Staat Europas“, „rest-sowjetische Mafia-Despotie“ – das sind die Schlagworte, die mir aus den Zeitungen im Kopf geblieben sind, dazu ein paar Bilder von Soldaten mit überdimensionierten Schirmmützen, monumentalen Denkmälern und sowjetischen Emblemen. Dank der Hilfe unseres Gästeführers waren die Anmeldeprozeduren schnell und unkompliziert hinter uns gebracht. Der Major freute sich, mit seinen Englisch-Kenntnissen brillieren zu können. Im Hintergrund lief ein Fernseher mit Werbung für ein deutsches Waschmittel. Auf der Mütze des Milizionärs prangten, umsternt, Hammer und Sichel. Immer wieder musste ich mich zwingen, nicht ständig auf diese anachronistischen Insignien zu starren. Unterschrift, Stempel, Handschlag – nach zehn Minuten ist alles vorbei. Vor dem Bahnhof hatte unser Führer sein Autor geparkt, von hier starteten wir zu unserer vierstündigen Spritztour durch Pridnestrowien.

Während ich diesen Artikel schreibe, suche ich im Internet nach Informationen über Transnistrien, finde Texte aus dem „Spiegel“, aus der „Zeit“, auf „Wikipedia“ und so langsam verblasst das Bild der erst wenige Tage zurückliegenden Reise und wird durch eines ersetzt, das verdächtig dem ähnelt, das ich vorher schon hatte. Wieder lese ich von militanten Separatisten, von russischen Friedenssoldaten – immer in Anführungszeichen, von geopolitischen Ränkespielchen und dubiosen Politikern, von einer gescheiterten Städtepartnerschaft zwischen Eilenburg im Bundesland Sachsen und Tiraspol. Wenig lese ich von den Menschen, die auf dem schmalen Landstreifen zwischen Moldau und Ukraine leben oder vom Alltag in den Dörfern. Meist haben die Texte einen – nicht sehr subtilen – süffisanten, skeptischen oder ironischen Unterton. Wir wissen schließlich, wie wir die Situation dort zu bewerten haben.

Das Telefon klingelt. Eine Freundin unseres Führers ruft an. Ob man jetzt damit rechnen müsse, dass die Ukraine Transnistrien angreift. Schließlich habe Poroschenko soeben den ehemaligen Präsidenten Georgiens, Micheil Saakaschwili, zum Präfekten von Odessa ernannt – und man erwarte das Schlimmste, so die besorgte Frau. (In der Tat sollte man sich vor Männern hüten, die Demonstranten niederprügeln lassen, wegen Korruption in ihrem eigenen Land mit Haftbefehl gesucht werden und vor laufenden Kameras ihre Krawatte essen.) Unser Führer beruhigt: „Solange die russischen Friedenssoldaten da sind, wird sich die Ukraine nicht trauen anzugreifen – dabei kann sie nur verlieren!“ – Im Auto fahren wir an russischen Soldaten vorbei, die gelangweilt vor ihrem Panzer lungern. Ich sollte jetzt ein paar Zeilen über den Transnistrien-Konflikt schreiben. Was waren und sind seine Gründe? Wie viele Tote gab es? Wie ist die politische Situation jetzt in Transnistrien und zwischen Transnistrien und der Moldau? Welche Rolle hatte der als Nationalheld gefeierte Alexander Lebed? Das alles ist sehr spannend, interessant, kontrovers. Aber: Es interessiert mich im Moment nicht. Es geht ja, ganz egozentrisch, um mich und was ich in (oder von?) diesem Land zwischen Moldau und Ukraine will. Ich bin ja nicht hingefahren, weil ich wusste, dass es eine schöne Landschaft gibt, oder spektakuläre Kulturgüter. Nein, das „Image“ des real existierenden Sozialismus war es, das mich angelockt hat.

Auf unserer Tour besuchen wir einen sowjetischen Kulturpalast in der Provinz, das von rumänischen Mönchen gegründete Kloster Noul Neamţ, die Innenstadt von Bendery. Einschusslöcher in der Wand der Bürgermeisteramts. Ansonsten: postsowjetischer Alltagstrott. Die Menschen gehen einkaufen, Kinder spielen, Rentner sitzen im Schatten gepflegter Parkanlagen. Ein unbewaffneter Soldat auf einem Fahrrad fährt die Straße entlang. Es gibt viel Platz, wenig Autos. Dass es so in der Sowjetunion war, kann ich mir nicht vorstellen. Zwar sind Hammer und Sichel oft zu sehen, die Straßen heißen „Lenin“, „Marx“ oder „Liebknecht“. Aber es gibt ganz unproletarische Spielkasinos, Werbung für westliche Konsumprodukte, ausländische Restaurantketten. Unser Gastgeber fährt VW.
Was habe ich erwartet? Die Manifestation eines sowjetischen Propagandafilms? Die Kulisse einer Reise in die UdSSR? Ganztägige Militärparaden mit T-34-Panzern? Ein Verhör durch den KGB (der heißt hier tatsächlich noch immer so)? Wenn ich ehrlich bin, dann weiß ich es nicht. Ich habe tatsächlich keine Ahnung, was ich erwartet habe, außer eben das, was ich von Bildern schon kannte.

Freilich, das hat sich auch bestätigt: Hier eine Lenin-Statue, dort ein paar schön drapierte rote Fahnen, da ein Denkmal für den Sieg der Arbeiter- und Bauernmacht. Und doch fahre ich irritiert weg, das Klischee hat sich nicht bestätigt. Und doch wird es sich bestätigen. Ich habe viele Fotos gemacht, die ich den Freunden im fernen Deutschland schicke, natürlich vor allem die mit Sowjetkrimskrams drauf. Die anderen wären langweilig. Burgen, Parks, Bäume und schöne Landschaften kann man auch in Deutschland fotografieren. Und so reproduziere ich das Klischee, das Bild, das „man“ von Transnistrien hat, das Bild, das sicher in irgendjemandes Interesse liegt, vielleicht auch in meinem, schließlich kann ich sagen, ich war in einem Land, das die meisten Menschen gar nicht kennen. Aber der Realität kommt es nicht nahe. Wie auch, wie soll man nach fünf, sechs Stunden ein Land kennen?

Omnipräsent sind die Tankstellen und Supermärkte der Oligarchen Gushan und Kazmaly. Ihr Firmenimperium ließ auch das gigantomanische Fußballstadion errichten, das wir schon vom Zug aus sahen. Es soll eines der größten in Osteuropa sein – in einem Landstrich mit nur 500.000 Einwohnern. Das Markttreiben ist nicht ganz so lebhaft wie in Chişinău oder Bukarest, man merkt, die Menschen sind ärmer. Subsistenzwirtschaft nennt die Wissenschaft das, wovon die meisten Leute hier leben: Landwirtschaft für den Eigenbedarf. Das Stadion wirkt in diesem Kontext völlig deplatziert. Auch, dass Transnistrien Textilien, Eisenwaren und Energie exportiert, wie unser Führer uns erzählte, kann ich mir nicht recht vorstellen. Es scheint aber zu stimmen, die Wirtschaft überlebt mit russischer Hilfe.
Was also war oder ist das, was mir, um auf das Zitat von Alain de Botton zurückzukommen, fehlte oder fehlt, was ich „am dringendsten innerlich“ brauchte, als ich nach Transnistrien fuhr? Warum fuhr ich in ein Land, das als „sowjetisches Freiluftmuseum“ betitelt ist – und was finde ich dort? Ist es das, was ich suche? Vielleicht sollte man sich diese Frage öfter stellen, bei einigen der Reiseziele, die man so wählt. Ich weiß, was ich suche, wenn ich in die Berge fahre – Natur, Bewegung, frische Luft, schöne Ausblicke. Doch warum zieht ein politisches System Interesse auf sich? Vielleicht war es ein Versuch biografischer Vergangenheitsbewältigung. Ich bin im Sozialismus geboren, 1986 in der DDR, habe in meiner Kindheit diese Atmosphäre aufgesogen. Dann war sie weg. Sentimental, „ostalgisch“, wie das dummerweise in Deutschland oft genannt wird, bin ich nicht, aber vielleicht doch auf der Suche nach den Wurzeln.

In der Zeit kann man nicht zurückreisen, doch im Raum sich bewegen. Vielleicht war Transnistrien für mich die Möglichkeit einer Zeitreise durch den Raum – zurück in meine Kindheit? Und was habe ich nun gefunden? Dass die Menschen ihr Leben überall irgendwie leben? Auf der Rückfahrt, nachts im Mikrobus nach Bukarest, sprach ich mit einem Mann, der mir stolz das Foto seiner sechs Monate alten Tochter zeigte. Er sieht sie nur jedes zweite Wochenende, arbeitet in Buz²u, seine Frau und die Tochter leben im transnistrischen Bendery. „Die Leute denken, wir sind irgendwie geisteskrank, weil wir in Transnistrien leben, aber es ist unsere Heimat, und wir wollen nichts anderes als in Frieden leben.“ Lassen wir die Politik beiseite, die Ideologie, alles das, was es verhindert, dass Menschen in Frieden leben, dann, ja dann ist Transnistrien auch nur ein ganz normales Land, in dem die Menschen in Frieden leben wollen. Nur, ganz so einfach ist es dann doch nicht. Als ich diesen Text fertig habe, lese ich auf „Spiegel Online“ die Schlagzeile: „Transnistrien: Wo Europas nächster Krieg droht.“ – So falsch lag Andreijs Freundin vielleicht doch nicht.

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