Reisen in eine sagenumwobene Welt

Hameln, Bremen und die Märchenstraße im Grimm-Jahr

Freitag, 16. November 2012

Die Konzerte der Bremer Stadtmusikanten sind stets „ausverkauft”.

Das imposante Bremer Rathaus (und der Dom St. Petri) am Marktplatz.

Die vier kunstinteressierten Tiere – einmal anders dargestellt.

Auch heute führt der Rattenfänger von Hameln – im Rahmen eines Freiluftspiels - Bürger und Touristen durch die Stadt.
Fotos: Christine Chiriac

„Es waren einmal zwei Brüder, die brachten im Jahre 1812 ein Märchenbuch heraus. Es machte sie weltberühmt. Sie hießen Jacob und Wilhelm Grimm.” Am 20. Dezember 2012 wird das 200. Jubiläum der Erstausgabe der beliebten „Kinder- und Hausmärchen“ gefeiert. Und nun – was hat das mit unserer Tourismus-Seite zu tun?

Ziemlich viel. Das Schöne an den „Kinder- und Hausmärchen“ ist, dass man die Spuren der Märchengestalten sowie die Lebenstationen ihrer Autoren quer durch fünf deutsche Bundesländer verfolgen kann. Und zwar auf einer „Deutschen Märchenstraße”, die seit 1975 existiert und von Hanau, dem Geburtsort der Gebrüder, bis nach Bremen zu den Stadtmusikanten führt. Sie ist mit einer Gesamtlänge von 600 km ein beliebtes Reiseziel für Touristen aus der ganzen Welt.

Macht man sich systematisch auf der Ferienstraße auf den Weg, so entdeckt man die unterschiedlichsten Landschaften und reist vom Naturpark Hessischer Spessart bis zum Weserbergland. Wichtige Stationen sind die Städte Hanau (Geburtsort der Brüder Grimm, Austragungsort der Brüder-Grimm-Märchenfestspiele), Steinau (Brüder-Grimm-Haus, Marionettentheater), Marburg und Kassel. In Kassel befindet sich ein Brüder-Grimm-Museum, in dem das literarische Schaffen der beiden Märchensammler dokumentiert wird. Hier ist auch das  Kinder- und Hausmärchenbuch aus dem Jahr 1812 zu sehen, das von der UNESCO zum Weltdokumentenerbe erklärt wurde.

Zudem sind auch andere Orte entlang der Märchenstraße von Bedeutung: Alsfeld mit dem Rotkäppchenhaus, Bad Wildungen mit dem Schneewittchenmuseum, der Hohe Meißner als Heimatort von Frau Holle, der Reinhardswald mit dem Dornröschenschloss Sababurg, Bad Oeynhausen mit dem Deutschen Märchen- und Wesersagenmuseum(www.deutsche-maerchenstrasse.de).

Versprechen, Vertrauensbruch und die Macht der Musik

Eine Station hat mit Siebenbürgen zu tun: Hameln. Zwar ist der Rattenfänger von Hameln nicht in der Sammlung „Kinder- und Hausmärchen” anzutreffen, sondern unter Grimms „Deutschen Sagen”, aber weltberühmt ist er trotzdem: Die Legende wurde in 30 Sprachen übersetzt. Sie erzählt, dass sich im Jahre 1284 zu Hameln ein wunderlicher, bunt gekleideter Mann sehen ließ.

Er gab sich für einen Rattenfänger aus und versprach, gegen Bezahlung die Stadt von der Mäuse- und Rattenplage zu befreien. Hameln begrüßte das Angebot. Der Fremde zog seine Pfeife heraus und pfiff eine Melodie. Da kamen die Ratten aus allen Häusern hervorgekrochen und folgten ihm aus der Stadt hinaus zur Weser, wo sie ins Wasser stürzten und ertranken. Als aber die Bürger sich befreit sahen, verweigerten sie dem Mann das versprochene Geld und ließen ihn zornig weggehen.

Es verging nicht lang und der Rattenfänger kehrte zurück nach Hameln, an einem Sonntag, während alle Bürger in der Kirche waren. Diesmal folgten nicht Mäuse oder Ratten seinem Flötenspiel, sondern die Hamelner Kinder. Er führte sie zum Ostertor hinaus in einen Berg, wo er mit ihnen verschwand. Man erzählt, die Kinder seien dann in Siebenbürgen wieder herausgekommen. (Brüder Grimm, „Deutsche Sagen”, Nr. 245, „Die Kinder zu Hameln”)

Soweit die Legende. Heute zieht Hameln – Dank des Rattenfängers, der schönen Architektur und der Umgebung – jährlich mehrere Millionen Tagestouristen an. Die Altstadt strahlt besonderen Charme aus. Prunkvolle Weserrenaissance-Gebäude, verwinkelte, kleine Gassen, sanierte Fachwerkhäuser mit goldenen Inschriften auf den Giebelbalken und verzierte Fassaden prägen das Stadtbild. Ob man sich auf einen Rattenfänger-Spaziergang begibt oder mit einem Hameln-Stadtführer auf den Weg macht, das Rattenfängerhaus (1603) ist ein Muß. Es trägt auf seiner Westseite eine alte Inschrift, die auf die Sage hinweist. Das Leisthaus (1589) ist heute ein Museum mit Infos zu Stadtgeschichte und Handwerk.

Das Hochzeitshaus wurde Anfang des 17. Jahrhunderts errichtet – am Westgiebel befindet sich das Rattenfänger-Glockenspiel, dem täglich zahlreiche Neugierige ihre Aufmerksamkeit schenken. Vor dem Hochzeitshaus und der Marktkirche Sankt Nicolai findet von Mitte Mai bis Mitte September sonntags um 12 Uhr das Rattenfänger-Freilichtspiel statt. Insgesamt 80 Darsteller aus den Reihen der Hamlescher präsentieren den Besuchern aus aller Welt die Geschichte des Rattenfängers. Die Vorstellung ist kostenfrei und dauert eine halbe Stunde.

Man könnte meinen, alles dreht sich hier um die Ratte – eins der bekanntesten Restaurants trägt den Namen „Rattenkrug”, der Rattenfänger hat einen eigenen Brunnen (1975 von Ulrich Nuss errichtet), unweit kann man sich im „Antiquariat Leseratte” dokumentieren, und die Rattenfängerhalle steht für große Sport- und Kulturevents zur Verfügung. Ein Besuch lohnt sich.

Vier mutige Tiere begeben sich auf Wanderschaft

Mit Sicherheit ist auch Bremen ein Publikumsrenner auf der Märchenstraße, weil die Geschichte der Bremer Stadtmusikanten zu den beliebtesten Märchen gehört. „Es hatte ein Mann einen Esel, der schon lange Jahre die Säcke unverdrossen zur Mühle getragen hatte, dessen Kräfte aber nun zu Ende gingen, sodass er zur Arbeit immer untauglicher ward. Da dachte der Herr daran, ihn aus dem Futter zu schaffen, aber der Esel merkte, dass kein guter Wind wehte, lief fort und machte sich auf den Weg nach Bremen: dort, meinte er, könnte er ja Stadtmusikant werden.”

So beginnt die Geschichte von Hahn, Katze, Hund und Esel. Interessant bei allen Fassungen, auch in der Sammlung der Brüder Grimm, ist der Kern der Handlung: Die Schwachen setzten sich durch mutiges, solidarisches und ... musikalisches Handeln erfolgreich durch und spielen den Starken einen Streich. Sie schaffen das Unmögliche, überlisten das Böse, beginnen ein neues Leben. Ganz berühmt ist der Esel mit seiner Überzeugung geworden: „Etwas Besseres als den Tod findest du überall.”

Bei derartigem Bekanntheitsgrad ist es nur selbstverständlich, dass gleich mehrere Denkmäler in Bremen den vier Helden gewidmet sind. Die klassische Darstellung befindet sich an der Westseite des Rathauses und wurde in den fünfziger Jahren vom Bildhauer Gerhard Marcks aus Bronze geschaffen. Man glaubt, dass ein Wunsch in Erfüllung geht, wenn man die Vorderbeine des Esels umfasst und sich etwas wünscht. In der Stadt gibt es zudem die Figurengruppe von Bernhard Hoetger am Sieben-Faulen-Brunnen, die Tiergruppe von Heinrich Möller im Senatszimmer des Bremer Ratskellers, Kupferplastiken oder Graffitis an Häuserwänden oder Abziehbilder auf den Fensterscheiben.

Doch nicht nur die Musikanten sind in Bremen zu bewundern. Wahrzeichen der Hansestadt sind auch das Rathaus im Stil der Weserrenaissance und die Figur des Roland – beide im UNESCO-Welterbe. Beim „Roland” handelt es sich um einen Ritter Karls des Großen, der auf dem Schlachtfeld in Frankreich fiel. Seine Statue ist ein Symbol für die Freiheit und die Unabhängigkeit der Stadt.

Rund um den „Salon”, wie die Bremer den Marktplatz nennen, befinden sich der Dom St. Petri, das moderne Gebäude des Parlaments und der „Schütting”, das Haus der Kaufleute, sowie der Hof der Liebfrauenkirche mit dem täglich stattfindenden Blumenmarkt. Vom „Schütting” führt ein kleiner Gang zur Böttcherstraße, der Kunststraße Bremens. Früher wohnten hier Tonnen- und Fassmacher, heute ziehen die ungewöhnliche Architektur und das Meißner-Glockenspiel Tausende Touristen an. Über die Böttcherstraße gelangt man zur St. Martini Kirche und zur Flaniermeile am Ufer der Weser. Auch das ehemalige Seeleute-Viertel „Schnoor” ist unweit gelegen und lädt mit seinen Cafes und Boutiquen zum Verweilen ein.

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