Reschitzas Feldzug ums Vertrauen

Einen Etappensieg dürfte Bürgermeister Ioan Popa vor dem deutschsprachigen Wirtschaftsclub DWC Banat erzielt haben

Mittwoch, 26. Juli 2017

Eine Längsseite der viereckigen Tischordnung im Rathaus Reschitza besetzten (v.l.n.r.) Gerhard Kerner, Leiter eines IT-Unternehmens aus der Schweiz, Stephan Rambacher, "Werzalit", Peter Hochmuth, DWC-Präses, Adrian L. Dacica, Vizebürgermeister, Ioan Popa, Hausherr und Bürgermeister, Carmen Rusmir, "Zoppas", Ioan Laslau, Gründer und Besitzer des Druckereiunternehmens ArtPress Temeswar.
Foto: Werner Kremm

Seine Begeisterung kann einen schon mitreißen, wenn der Reschitzaer Bürgermeister Ioan Popa von „seiner“ Stadt spricht und den Perspektiven, die er sich für sie – als seine Wahlheimat, als ihr oberster Verwalter, aber auch als Unternehmer, der er durch und durch geworden ist und nun auch die Stadt wie „sein“ Unternehmen betrachtet – wünscht. Im Juli hatte er gleich zwei wichtige Delegationen eingeladen, die er zu überzeugen suchte, dass es der Mühe wert ist, in Reschitza zu investieren. Zwei Tage weilte eine Delegation aus Serbien in Reschitza, für den folgenden Tag hatte Popa den deutschsprachigen Wirtschaftsclub DWC „Banat“ zu seiner Juli-Tagung nach Reschitza geladen. Es war nicht die erste Tagung des DWC in Reschitza, vielleicht aber die folgenreichste.

Von der Anwesenheit eines Teils der Mitglieder des DWC „Banat“ sprachen die Ortsmedien danach als von „einem Meilenstein“ in der Wirtschafts- und Sozialentwicklung des Reschitza der Nachwendezeit – obwohl es, selbstverständlich, ausser Bekundungen konkreten Interesses (geäussert durch gezielte Fragen der Unternehmensleiter), bis zu einem eventuellen Vertragsabschluss mit der Stadt noch ein weiter Weg ist. Aber Bürgermeister Popa versteht es zu bezirzen und zu bezaubern („Ich bin ein Choleriker, der mit Hartnäckigkeit seine Ziele verfolgt. Ich rede Tacheles, denn das ist das Einzige, was noch Vertrauen schaffen kann, da, wo manche Gutschrift aus der Vergangenheit verlorenging!“) und eins hat er über diese Begegnungen mit Sicherheit gewonnen: Vertrauen.

Das bestätigte nicht nur der amtierende DWC-Präsident Peter Hochmuth, das meinte auch Stephan Rambacher, der Geschäftsführer des Herstellers von Bettfedern aus Buchenholz „Werzalit“ aus Lugosch (der durchblicken ließ, er sei auf der Suche nach einem Expansionsstandort für das Lugoscher Werk), das bestätigte aber vor allem die Geschäftsführerin des Standorts Großsanktnikolaus des weltgrößten Herstellers diverser Widerstände, „Zoppas“, Carmen Rusmir: „Die Leute von `Zoppas` waren bereits mehrere Mal in Reschitza, um sich nach einem geeigneten Standort für die dringend nötige Zweigstelle unseres Werks umzusehen“, sagte sie gegen Ende der Veranstaltung im Reschitzaer Rathaus. „Aber immer sind die `Zoppas`-Leute noch am selben Tag nach Großsanktnikolaus zurückgekehrt. Warum? Keiner Ihrer Vorgänger, Herr Bürgermeister, war im Stande, auch nur auf eine unserer gezielten Fragen eine Antwort zu geben, die wir glauben hätten können. All denen gegenüber sind Sie bereits im Vorteil: Sie haben uns Zahlen vorgeführt und Fakten genannt, die als gute Grundlage einer eventuellen künftigen Zusammenarbeit dienen können. Das wollen wir mal unbedingt positiv vermerkt haben.“

Die resolute „Zoppas“-Chefin Carmen Rusmir – sie hinterließ, wie Popa, den Eindruck des zupackenden Typs – sprach wohl vielen der Anwesenden aus dem Herzen. Denn Bürgermeister Popa lüftete vor seinen Gästen sogar das Geheimnis um die Resultate der großangelegten soziologischen Untersuchung, die im Winter mit Hilfe von 300 Studenten der Reschitzaer „Eftimie Murgu“-Universität lief: er macht sie vorläufig in  ihrer Gesamtheit nicht öffentlich, weil die Ergebnisse so detailreich sind, dass man damit auch leicht Schindluder treiben könnte. Aber er verstand es auch, daraus diejenigen Daten zu entnehmen, die für Unternehmer relevant sind: dass Reschitza eigentlich eine „altersmäßig gesunde Stadt“ sei (die Pyramide des Alters hat eine Standart-Konfiguration, mit den 35-45jährigen als Hauptmasse der rund 80.000 Reschitzaer), dass die Stadt entscheidende Massnahmen getroffen hat, um ausbildungsmässig durch den dualen Berufsschulunterricht Nachwuchs zu sichern, dass die rund 7800 Reschitzaer, die tournusmässig als Altenbetreuer nach Deutschland und Österreich fahren, inzwischen der Stadt mehr Einnahmen bescheren, als es das bestfunktionierende Werk, das Stahlwerk TMK tut (die „Diener der westlichen Senioren“ bringen um die 32 Millionen Euro jährlich nach Hause, TMK schafft einen Umsatz um die 30 Millionen Euro), dass die etwa 2500-3000 täglichen Schicht-Pendler aus Reschitza nach Temeswar (Fahrtzeit hin und zurück: 4,5 Stunden), Lugosch (Fahrtzeit hin und zurück: 2,5 Stunden) oder Karansebesch (Hin- und Rückfahrzeit: 2 Stunden) überhaupt nichts dagegen hätten, zuhause zu arbeiten usw.

Der Stolz von Bürgermeister Ioan Popa ist die duale Berufsausbildung. Acht Berufsschulklassen mit dualer Ausbildung hat er für das Schuljahr 2017-18 durchgesetzt. In erster Session sind nur 46 Ausbildungsplätze belegt worden. Nach der zweiten allerdings blieb nur ein Dutzend Plätze frei. Popa, sichtlich aufgekratzt: „Im Spätsommer gibt´s eine Aufnahmeprüfung für die Restplätze. Ich freu mich diebisch, dass diejenigen, die diese Aufnahme dann nicht schaffen, an die theoretischen Lyzeen müssen. So kann sich die Situation rasch umkehren, von Paria- zu Spitzenklassen...“ Daran hängte er sofort die Aufforderung, sich beizeiten zu überlegen, was die Firmen denn so selber an Berufen in dualer Ausbildung interessieren könnte.

Zum Thema Bedienung der Senioren der Wohlstandgesellschaft durch Reschitzaer: „Unsere Umfragen haben ergeben, dass die 800 bis 1000 Euro netto verdienen, monatlich. Nur: das tun sie bloß alle zwei Monate. Also liegt ihr reales Monatsverdienst zwischen 400-500 Euro. Schlussfolgerung für jeden Investor: wollt ihr Arbeitskräfte, bietet ihnen diese Summe netto. Die bleiben lieber zuhause, als dass sie sich ums selbe Geld die Gesundheit irgendwo in Europa ruinieren. Und wir haben eine Menge sozialer Probleme vom Hals!“

Ähnliches gilt für die mehrere tausend Pendler nach Temeswar, Lugosch oder Karansebesch. Ein Mehrverdienst, als der Mindestlohn (Carmen Rusmir: „Ich kenne keine Firma mehr im Kreis Temesch, die den gesetzlich vorgeschriebenen Mindestlohn nicht überschreitet!“), und bis zu 3000 Arbeitskräfte stehen bereit. Was also in Temesch oder Arad zur Entwicklungshürde wurde, die fehlenden Arbeitskräfte, Popa sieht es für Reschitza (noch) lösbar.

Die Begegnung von Reschitza war aber mehr als nur der organisierte Rahmen im Rathaus. Viele informelle Gespräche fanden statt, viele Eindrücke wurden vermittelt (auch beim Automotive-Hersteller Autoliv, der größten bisherigen Investition in Reschitza) und Popa vergaß auch nicht, seine Bemühungen zur Erhöhung der Lebensqualität in der Stadt zu betonen: Promenadenstraße, Straßenbahn im Nahverkehr, Aquapark, Sanierung des Straßennetzes usw.

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