Resonanz der verletzten Gefühle

Einblicke in die Welt der Sinti und Roma: Erkenntnisse, Blickpunkte und eine offene Frage...

Sonntag, 03. September 2017

Rudko Kawczynski, Vorsitzender des Vereins der Sinti und Roma in Hamburg – hier auf Studienfahrt in Bukarest – findet nur harsche Worte über Rumänien.
Foto: Nina May

Darf man Menschen unter die Haut kriechen? Sie beobachten, studieren, ihre Reaktionen beschreiben - wie der Zoologe bei einem exotischen Tier? Darf man, moralisch gesehen, daraus Schlussfolgerungen ziehen, wo man doch weiß, dass die Bezugsrahmen von Beobachter und Subjekt relativ und verschieden sind, Kommunikation daher immer verzerrt? Mit dieser Frage musste ich mich auseinandersetzen, nachdem ich eine Gruppe Mitglieder des Verbands Deutscher Sinti und Roma e.V. aus Schleswig-Holstein durch die Bukarester Slums begleitet hatte (siehe Seite 3). Aufschlussreich war dabei nicht nur das Gesehene, sondern auch die heftigen emotionellen Reaktionen der Besucher und die anschließenden  Gespräche mit einigen von ihnen. Es gab Momente der Übereinstimmung, aber auch Momente des Erstaunens. Kann man daraus eine Essenz extrahieren, um das Phänomen „Sinti und Roma“ allgemein besser zu verstehen? Gewiss nicht. Und doch ergaben sich interessante Einblicke bei dem Versuch, zu absorbieren, zu lernen, damit sich die Bezugsrahmen annähern können.

Annas Geschichte

Im Bus setze ich mich neben Anna Weiß. Bereitwillig erzählt die zierliche, fast mädchenhaft wirkende 70-Jährige von den Sinti und Roma in Deutschland, in deren Mitte sie seit über 50 Jahren lebt. Damals hatte die Italienerin, deren Eltern als Gastarbeiter nach Kiel kamen, den 17-jährigen Sinto Matthäus Weiß kennen- und lieben gelernt. Die damals 18-Jährige versuchte, sich in die Familie ihres Partners zu integrieren, der als Ältester für zwölf kleine Geschwister sorgen musste. „Natürlich hatte ich anfangs Schwierigkeiten” gesteht sie, „zumin-dest, bis ich nach einem halben Jahr die Sprache gelernt hatte.” Bis heute sprechen die Sinti in Deutschland Romanes, eine schriftlose Sprache mit vielen Dialekten, die jedoch eine Grundverständigung mit den verschiedenen Roma-Gruppen erlaubt. „Die Sinti kamen vor etwa 600 Jahren in den deutschsprachigen Raum, die Roma erst viel später”,  erklärt sie. Als Roma bezeichne man Einwanderer aus dem Balkan, während die Sinti über westliche Routen kamen. Ihre eigenen Kinder zog Anna Weiß zweisprachig auf, sie lernten Deutsch und Romanes, „Italienisch hab ich nicht mehr geschafft”, lächelt sie entschuldigend.
Auch ein paar kulturelle Unterschiede gibt es zwischen Sinti und Roma. „Die Sinti dürfen traditionell keine medizinischen Berufe erlernen”, erklärt Anna Weiß, kann es jedoch nicht begründen. „Die jungen Leute halten sich bis heute daran, wenn auch manchmal mit Bedauern.” Denn was die Älteren vorgeben, ist Gesetz und wird nicht hinterfragt. Meinungsverschiedenheiten sind von daher stets ein schwieriges Thema.

Ständiger Anpassungsstress

„Ich kam als junger Mann nach Dänemark, dort essen die Leute ihren Käse mit einem Salatblatt im Brötchen. Mir schmeckte das und ich gewöhnte mich daran, doch als ich zurück nach Hause kam, war das Salatblatt ein großes Thema”, illustriert dies ein Reiseteilnehmer, der aus gleich verständlichen Gründen anonym bleiben will. „Du bist nicht mehr mein Bruder!”warfen die älteren Geschwister ihm an den Kopf. Er lacht und man weiß nicht, wie Ernst das wirklich gemeint war. „Dies ist der Konflikt, den viele haben, wenn sie Bildung erfahren und sich weiterentwickeln. Wer eine andere Meinung vertritt, eckt in der Familie an – selbst bei Kleinigkeiten wie dem Salatblatt. Man begeht eine ständige Gratwanderung zwischen Anpassung nach innen und außen. Ein unglaublicher Stress!”
Bereitwillig spricht er von Kindheitstraumen. Vom Lehrer, der stets wiederholte: „Aus dir wird nie etwas!” „Den wollte ich später mal aufsuchen und ihm eine knallen – nicht mehr. Ich hatte mir schon ausgerechnet, was mich das an Strafe kostet. Doch als ich nach ihm suchte, erfuhr ich, er lebt nicht mehr...” Von der ständigen Angst in der Schule, man könne ihn des Diebstahls beschuldigen, wenn etwas vermisst wurde. Von der Mutter, die ihm mit der Bürste eine Schürfwunde in den Nacken schrubbte, aus Angst, die braune Haut könne mit Dreck verwechselt werden.

Im Teufelskreis  der Abschottung

Aus Angst vor Vorurteilen, aber auch, um ihre Identität nicht zu verlieren, ist die Gemeinschaft der Sinti auch in Deutschland sehr geschlossen, erklärt Anna Weiß. Nur so konnte die Sprache über Jahrhunderte hinweg bewahrt werden. Doch die Nachteile liegen auf der Hand: „Auch bei uns gibt es Familien, die ihre Kinder nicht zur Schule schicken wollen.” Eines der Hauptziele des Vereins, den ihr Mann 1989 gegründet hat, ist daher die Förderung von Bildung. „Mein Mann ist Analphabet, denn er musste als Ältester die Familie ernähren”, erklärt sie. Es gab zwar eine Schule, die Matthäus Weiß zusammen mit seinen Geschwistern besuchte, doch dort steckte man Kinder von 6 bis 16 in eine einzige Klasse. „Wenn sie kamen, gut – wenn nicht, dann eben nicht”, bemerkt Anna trocken. Irgendwann schlossen sich ein paar Mütter zusammen und passten auf, dass die Kinder zur Schule erschienen. Diese Idee hat der Verein aufgegriffen und weiter entwickelt: „Heute haben wir eigene Bildungsberater, die Hausbesuche machen, um den Eltern zu erklären, wie wichtig Schulbildung ist, aber auch, um bei Schwierigkeiten mit den Lehrern zu vermitteln.” Zwölf Berater und drei Mediatoren kümmern sich um an die 5000 Sinti und Roma in Schleswig-Holstein. „Längst werden sie vom Bildungsministerium unterstützt - nicht wie früher vom Sozialministerium”, betont Anna Weiß.

Ein Grund für die Schulverweigerung liegt auch in der Geschichte: „Im Dritten Reich wurden die Sinti und Roma von der Gestapo aus der Schule geholt und in Lager gesteckt. Noch immer fürchten sich viele davor.” Eine andere Rolle spielt die besondere Beziehung zu den Kindern. „Unsere Kinder werden verwöhnt”, lächelt sie. „Wenn sie morgens aufstehen und über Bauchweh oder Kopfweh klagen, lässt man sie zu Hause – dabei ist das vielleicht in einer halben Stunde vorbei. Man muss den Eltern klarmachen, wie wichtig Bildung ist”, insistiert sie immer wieder. „Die meisten von uns haben keinen Beruf, sind vom Jobcenter abhängig - ein ewiger Kreislauf. In Kiel haben nur drei oder vier Leute eine gute Ausbildung.”
Früher übernahmen die Kinder einfach den Beruf ihrer Eltern: Scherenschleifen, Schrotthandel, Hausieren. Damit zogen sie von Dorf zu Dorf. Das „Nomadenleben” hatte nichts Romantisches, es war aus der Notwendigkeit entstanden, rückt Anna Weiß zurecht: „Mein Mann und ich haben jahrelang Scheren geschliffen. Wenn es nichts mehr zu tun gab, zogen wir weiter. Doch das hat in Deutschland keine Zukunft.” Allerdings, räumt sie ein, fiele es den meisten schwer, acht Stunden in einer Fabrik zu arbeiten, „wo man ihnen sagt, ‘mach dies, mach das’ - sie sind sehr freiheitsliebend.“

Gemeinschaft über alles

Den Beruf könnten sich die jungen Leute heute selbst aussuchen. Auch den Lebenspartner, fährt Anna Weiß fort. „Man wünscht sich zwar, dass die Kinder in den eigenen Reihen heiraten, doch Pflicht ist es nicht.” Wenn sich das Paar entscheidet, sich an die Regeln der Gemeinschaft anzupassen, ist auch der deutsche Partner willkommen. Früher heirateten die Sinti im Schnitt mit 17 oder 18; die Roma schon ab 14. Doch kann es auch heute vorkommen, dass Paare sich extrem jung finden. „Wenn sie sich mögen, treffen sie sich heimlich, sonst gelten sie als ‘verheiratet’ - erst wenn sie sich sicher sind, verschwinden sie für eine Nacht und tauchen dann gemeinsam wieder auf. Von da an werden sie als ‘Ehepaar’ betrachtet, sofern die Eltern einverstanden sind”, erläutert Anna Weiß. „Ein unverheiratetes Mädchen musste früher – egal wie alt - bei den Eltern leben und tun, was diese sagen”, lächelt sie und fügt an, dies sei heute nicht mehr üblich.
Die eng gestrickte Gesellschaft hat auch ihre Vorteile: Familie, Solidarität und gegenseitige Hilfe sind fest verankerte Werte. Dass Senioren ins Altersheim abgeschoben werden, gibt es bei den Sinti und Roma nicht. „In Kiel hat unser Verein eine Wohngenossenschaft von 13 Familien gegründet. Wenn einer zum Arzt muss, passt jeder auf die Kinder auf. Gemeinschaft ist uns wichtiger als Individualismus!”

Auch Helfen gehört zu den Werten der Gemeinschaft. Selbst den Flüchtlingen habe man geholfen, die 2015 zu Tausenden nach Schleswig-Holstein kamen. „Unser Verband und andere haben Spenden gesammelt und für die Leute gesorgt, Essen gebracht und Decken. Obwohl wir auch Angst vor Terrorismus haben”, fügt sie an. Persönliche Beziehungen hatten sich nicht entwickelt, es war ein ständiges Kommen und Gehen. Die meisten wollten mit dem Schiff nach Schweden und Norwegen. „Aber wir haben geholfen und haben ein ruhiges Gewissen.”
Für den Verband haben Matthäus Weiß und seine Frau 22 Jahre lang gekämpft. Seit 2012 hat Schleswig-Holstein die Sinti und Roma dann als erstes deutsches Bundesland als Minderheit anerkannt. „Das hat noch keiner geschafft!” freut sich Anna Weiß. Rudko Kawczynski, der Vorsitzende des Vereins für Sinti und Roma in Hamburg, meint, dies sei vor allem der Hartnäckigkeit von Matthäus Weiß zu verdanken - aber auch der allgemeinen Offenheit für Minderheiten seitens des Landes: „Das ist einmalig, dass die Minderheit der Sinti und Roma in Schleswig-Holstein in der Verfassung verankert ist, mit Schutz und Unterstützung. Ein wahnsinniges Signal!”

Gefährliche Wut

Der aus Polen stammende, seit dem ersten Lebensjahr in Hamburg lebende Kawczynski hat langjährige Erfahrung in der Interessenvertretung von Sinti und Roma auf politischer Ebene. Er begleitete die Studienfahrt auf Bitte von Matthäus Weiß, mit dem er  „als Freund und Berater, auch auf EU-Ebene”, viel zusammengearbeitet hat. „Wir wollen nun versuchen, die einzelnen Organisationen – auch in Rumänien, der Moldau und Ungarn - zu vernetzen”, motiviert Weiß sein Interesse an Rumänien, das er zum etwa 20. Mal bereist. „Wir haben schon vor 30 Jahren versucht, hier eine Situationsänderung herbeizuführen, doch der rumänische Staat kümmert sich einen Dreck um die Roma”, bricht es heftig aus ihm heraus. „Europa unterstützt Rumänien mit Millionen und Milliarden, aber bei den Roma kommt nichts an!” Es gäbe zu viele dunkle Kanäle, zu viele Organisationen, Korruption bei Behörden, Polizei, Schulen, fährt er wütend fort. „Darunter leiden die Kinder, sie können nicht zur Schule gehen, wenn vorher nicht bezahlt wird, sie haben kein Dach über dem Kopf, wenn nicht geschmiert wird.” Die Motivation, sich auch für Roma in Rumänien zu engagieren, bezieht er aus seinem eigenen Schicksal: „Ich bin damals in Kiel genauso aufgewachsen, im selben Elend.”

Matthäus Weiß, der Analphabet, ist ein hochintelligenter Mann. Doch genau wie bei Kawczynski deutlich spürbar, haben auch ihm gewisse Erfahrungen und das Gefühl, dass Sinti und Roma überall auf der Welt benachteiligt wurden und immer noch werden, eine erschreckende Wut aufgeprägt. „Roma, Sinti und Juden waren im Dritten Reich in derselben Lage: Sie wurden erschlagen, vergast, erschossen. Für die Juden wurde es ab 1945 besser, für die Roma erst ab 1980”, vergleicht Weiß. Dennoch sei es bis heute den meisten Leuten in Europa lieber, wenn es die Sinti und Roma gar nicht gäbe, bemerkt er traurig und bitter. „Der Rechtsstaat gilt für Roma nur auf dem Papier! Wir wollen nun versuchen, die Organisationen miteinander in Verbindung zu bringen. Damit man eine gemeinsame Informationsbasis hat. Aber auch, um zusammen an die Staaten heranzugehen und zu sagen,’Freunde, so geht das nicht!’”
Rudko Kawczynski findet noch harschere Worte über die Situation in Rumänien. Er spricht von Genozid, davon, dass Menschen sich selbst überlassen werden, „wie im Warschauer Ghetto”. „Es ist nicht hinnehmbar, dass Menschen am Rande der Gesellschaft vernichtet oder aus dem Land getrieben werden. Wenn die Juden so leben würden, wie die Roma hier in Rumänien, dann würde ganz Europa – ach was, die ganze Welt – aufschreien!”

Das Pendel  verletzter Gefühle

Anna Weiß kennt die Teilnehmer an der Studienreise seit ihrem Baby-Alter. „Ich wollte ihnen zeigen, wie gut sie es haben in Schleswig-Holstein. Wir haben ein Land, das uns den Rücken stärkt! Und die anderen Minderheiten dort, die ebenfalls für uns da sind. Ich wollte, dass sie den Kontrast sehen – und das ist uns gelungen: Sie sind sprachlos. So etwas wie in Rumänien haben sie noch nie gesehen. Meine Enkelin hat geweint.”
Die Erlebnisse dieser Menschen wurden im vorangegangenen Artikel beschrieben – ihre emotionellen Reaktionen, ihre Diskussionen untereinander, ihre unbeantwortet gebliebenen Fragen. Doch Wahrheit hat viele Gesichter. Viele Blickwinkel. Viele Nuancen. Jede Essenz, die man extrahieren wollte, wäre vereinfachend und unvollständig. Man kann sich der Wahrheit nur von vielen Seiten nähern. Es geht daher nicht nur darum, wie recht Anna Weiß, Matthäus Weiß oder Rudko Kawczynski aus ihrer jeweiligen Perspektive haben. Es geht nicht nur darum, ob ihre Urteile „gerecht“ sind – ob sie denn nicht auch die vielen angepassten, erfolgreichen Roma in Rumänien in Betracht ziehen müssten, oder ob man vor der allgemeinen Armut hierzulande ganz andere Schlussfolgerungen ziehen müsste, als aus der Perspektive des im vergleichsweise reichen Deutschland Lebenden... Es geht vielmehr um etwas, das zwischen den Zeilen schwingt, sich aufschwingt, emotionsgeladen und schwer auszudrücken ist. Wird das Pendel der verletzten Gefühle, das die Geschichte allzu sehr ausgelenkt haben mag, nicht irgendwann heftig zurückschwingen?

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