„Rhein!“ in die deutsche Literatur aus Rumänien

Lesung im Schiller-Haus mit Christel Ungar, Nora Iuga und Rolf Stolz

Sonntag, 10. Juni 2012

Auf was sich die Herausgeber der Zeitschrift „Rhein!“ mit ihrer Sonderausgabe über deutsche Literatur in Rumänien eingelassen haben, hatten sie vorher nicht geahnt. Bei der Auswahl und Zusammenstellung der Texte stießen sie auf so einige Widerstände, die geprägt waren durch Zwist und Spannungen zwischen den Autoren aus Siebenbürgen oder dem Banat.

Im Schiller-Haus schilderte einer der Herausgeber, der Rheinländer Rolf Stolz, am 31. Mai die Arbeit an der vierten Ausgabe der Zeitschrift des Künstlerverbandes Kunstgeflecht. Der Name „Rhein!“ nimmt dabei natürlich Bezug auf die Heimat der meisten Mitglieder, mit der Metropole Köln als Dreh- und Angelpunkt, aber auch auf den gleichklingenden Imperativ, als Aufforderung sich den Texten des Heftes zu widmen.

Die Ausgaben bestehen zumeist aus Erstveröffentlichungen von Schriftstellern oder Intellektuellen wie Alexander Kluge oder Friederike Frei und werden nicht honoriert. Die Sonderausgabe, die um ungefähr zweitausend Kilometer das Rheingebiet verlässt, hat nur noch bedingt etwas mit dem westdeutschen Gebiet zu tun. Doch Rolf Stolz will Bögen spannen zwischen Deutschland und Rumänien und hatte auch ein persönliches Interesse an dem Thema.

Die Lesung im Schiller-Haus gestalteten zudem zwei Autorinnen, die in der Zeitschrift vertreten sind: Christel Ungar und Nora Iuga. Beides sind Frauen der Öffentlichkeit. Christel Ungar als Chefredakteurin der deutschen Sendung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen und Nora Iuga als die  Grande Dame der rumänisch-deutschen Übersetzung.

Nora Iuga verfasste zum ersten Mal Werke auf Deutsch. Eigentlich war sie der Überzeugung, dass man Gedichte nur in der Muttersprache schreiben kann. „Aber meine Gedanken kamen mir auf einmal auf Deutsch“, sagte die charismatische Frau und liest bescheiden ihre Texte vor, die während eines Deutschland-Aufenthalts entstanden sind.

Ihre Gedichte, die sich kaum einem gängigen Formschema anpassen, tragen keine Titel. Man hört und liest sie gerne, ohne den Inhalt wirklich zu verstehen. Aber die Worte, die sie wählt, sind träumerisch, zum Teil mit Bezug auf die rumänische Heimat. Das Vokabular bedient sich aus der Natur und der Gefühlswelt.

Auch Christel Ungars Verse sind sehr gefühlvoll, zum Teil schon melancholisch und sehr nachdenklich. Jedoch weniger abstrakt als die Werke von Iuga. Ihre Intentionen sind durch Überschriften klarer zu fassen. Auch ihre Kurzgeschichte über Nächstenliebe, ein Abbild eines einsamen Mannes vor Weihnachten, will den Leser bewegen. In dem Klang der tiefen, mikrofonerprobten Stimme Christel Ungars, ihren feinfühligen Worten folgend, fühlt sich das Ohr des Zuhörers geschmeichelt.

Rolf Stolz ergänzt die Auswahl der Gedichte von Iuga und Ungar durch den Vortrag von weiteren Autoren, die in dem Band repräsentiert sind. Dabei wählte er Schriftsteller aus, die aus Rumänien stammen, aber schon seit längerem in Deutschland leben. Mit einem sehr persönlichen Gedicht hat die Tochter eines Funktionärs beigetragen: Carmen-Francesca Banciu. „TOD eines Patrioten“ erzählt über die Beziehung zwischen ihr, einer freiheitsliebenden Frau, die nach Berlin gegangen ist, sobald es  möglich war, und ihrem Vater, dessen Herz einzig für den Patriotismus und die Partei schlug.

Auch Elisabeth Axmann greift in ihren Versen die rumänische Vergangenheit auf. So schreibt sie über das Arbeits- und Vernichtungslager für politische Gefangene „Kap Midia“ in der Dobrudscha. Die Schriftstellerin und Übersetzerin ist 1977 aus Rumänien geflohen und lebt jetzt in Köln.
Die Lyrik der Rumäniendeutschen, so resümierten die Teilnehmer der Lesung, lässt sich unterscheiden in zwei Gruppen. Zum einen die Lyrik derjenigen, die nach Deutschland gegangen sind, und zum anderen derjenigen, die in Rumänien geblieben sind.

Während die ersteren sich nicht von ihrer Vergangenheit lösen könnten und in ihren Gedichten immer politisierend über Rumänien schrieben, hielte sich die zweite Gruppe aus politischen Fragen heraus, bemerkte Nora Iuga. „Man kann doch auch über etwas Schönes schreiben. Wie über eine Mohnblume“, sagte sie. Ewig verbittert über die Vergangenheit nachdenken und ein Lebenswerk daraus machen, kann sie nicht verstehen.

Beides aber hat Platz in der Zeitschrift gefunden. Von Vorteil sei es gewesen, dass die Herausgeber  unvoreingenommen an die Texte und Biografien der Autoren herangingen, betonte Rolf Stolz am Ende der Diskussion, die sicherlich bereichert worden wäre mit denjenigen Verfassern, die jetzt in Deutschland leben.

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