„Richard Wagner muss dort gespielt werden, wo man ihn spielen kann“

Interview mit dem Intendanten der Nationaloper Corneliu Murgu

Mittwoch, 28. August 2013

„Ich gehe immer davon aus, dass dieses Haus ein Sprungbrett für junge, talentierte Sänger ist.“ – Corneliu Murgu, Intendant der Nationaloper Temeswar Foto: Zoltán Pázmány

Seit neun Jahren veranstaltet das Temeswarer Opernhaus das „Opern- und Operettenfestival“ im Rosengarten. Obwohl das Publikum mit jeder Auflage wächst, bleibt das Festivalprogramm seit Jahren unverändert, was besonders Kenner inzwischen fern hält. BZ-Redakteur Robert Tari sprach mit Corneliu Murgu über das traditionsreiche Fest und warum man lieber auf das gleiche Rezept setzt, statt neue Experimente zu wagen.

Wie viele Zuschauer besuchen das Opern- und Operettenfestival?

Wir schätzen jedes Mal mit Zuschauern zwischen 2.500 und 3.000 pro Vorstellung.

Deutlich mehr als das Opernhaus in einer Spielzeit?

Man kann die beiden nicht miteinander vergleichen. Man darf nicht vergessen, dass es sich bei dem Opern- und Operettenfestival um eine Sommerveranstaltung handelt. Im Sommer passiert kulturelle in der Stadt nicht viel. Unser Fest füllt da eine Lücke. Es muss nicht mit anderen Einrichtungen oder Veranstaltungen konkurrieren. Dieses Festival ist als eine Vorsaison gedacht, die insbesondere für die Besucher stattfindet, die später nicht in die Oper kommen können. Der Preis der Tickets spielt eine ausschlaggebende Rolle, denn im Rosengarten ist der Eintritt frei und in der Oper nicht. Es gibt sehr viele Leute, die sich ein Ticket nicht leisten können. Rumänien bleibt ein armes Land und die Zeiten sind auch nicht die rosigsten. Aber nicht nur der freie Eintritt lockt die Besucher an, sondern auch die Open Air-Atmosphäre. Dieses Festival wird von Jahr zu Jahr immer erfolgreicher. Im letzten Jahr zum Beispiel hatte unsere Veranstaltung mehr Besucher als das Bierfest. Das finde ich eine positive Entwicklung.

Für Kenner wagt das Festival keine Risiken. Seit Jahren werden stets die gleichen Vorstellungen gespielt.

Es sind die Vorstellungen, die das Publikum am meisten liebt. Außerdem kämpfen wir im Rosengarten mit technischen Einschränkungen. Wir haben zum Beispiel keinen Schnurrboden. Selbst das Musical „Anatevka“, das in diesem Jahr erstmals gespielt wird, hat uns viel Kopfzerbrechen bereitet. Es auf die Bühne im Rosengarten zu bringen, war schwer. Wir mussten es so umstellen, dass es in Rahmen unserer Möglichkeiten überhaupt machbar sein konnte. Aber ich finde es kaum wichtig, dass wir immer etwas anderes spielen sollen. Hauptsache dem Publikum gefällt es und dieses kommt eben für die Sänger und für diese bekannten Klassiker.

Dieses Jahr wird der 200. Geburtstag sowie der 130. Todestag Richard Wagners gefeiert. Anlässlich des Wagnerjahres werden im deutschsprachigen Raum besonders aber nicht ausschließlich die musikdramatischen Werke Wagners im großen Umfang inszeniert. Warum hat die Nationaloper Temeswar keinen Wagner im Repertoire?

Richard Wagner muss dort gespielt werden, wo man ihn spielen kann. Ich habe es bei uns versucht, aber im Theater kann ich es mir nicht leisten, eben wegen der Technik und der viel zu kleinen Bühne. Unser Orchestergraben ist sehr klein und da kriegen wir keine Wagnerbesetzung rein. Für ein Wagnerkonzert brauchen wir Sänger, die Wagner singen können, das gleiche gilt auch für den Chor. Darum ist Wagner gegenwärtig für die Nationaloper nicht machbar. Im Rahmen dieses Festivals haben wir immer versucht Highlights auf die Bühne zu bringen, sprich verschiedene Vorstellungen, die sehr beliebt sind. Ich kann keine schwierigen Opern zeigen. Die Veranstaltung richtet sich an ein Massenpublikum und darum müssen auch populäre Stücke gezeigt werden, die jeden ansprechen, ob jung oder alt, Kenner oder Laie. Alle sollen gefallen daran finden.

Sie haben die technischen Einschränkungen erwähnt. Mit welchen Hindernissen kämpft das Opernhaus noch?

Es wird immer schwieriger, die Menschen für die Oper zu gewinnen, weil die Kosten immer größer werden. Die Lebensumstände sind nicht rosig und viele können sich die Karten einfach nicht leisten. 80 Prozent unserer Besucher sind Leute, die die Oper zwar lieben, ihnen aber die finanziellen Mittel fehlen, um diese Liebe zu pflegen. Darum müssen ständig Kompromisse gemacht werden. Wir müssen auf unser Budget achten und für das Geld trotzdem etwas unserem Publikum bieten, dass sie zufriedenstellt. Wir können nicht mit Opernhäusern aus dem Ausland konkurrieren. Dort zieht allein das Renommee die Zuschauer an. Die Wiener Oper kann für eine Eintrittskarte auch 200 Euro verlangen und die Leute zahlen dafür. Wir können uns solche Ticketpreise niemals leisten. Und obwohl unsere Karten im Vergleich sehr günstig sind, haben wir immer noch Besucher, die sich diese nicht leisten können.

Das Opernpublikum gilt in der Regel als sehr konservativ...

Das ist es in der Tat. Darum bemühe ich mich auch darum, ein Programm zu machen, das ihren Bedürfnissen entspricht. Ich kann nichts Verrücktes auf die Bühne bringen, weil wir ein Repertoire-Theater sind. Unsere Vorstellungen müssen über Jahre gehen. Wir können keine Vorstellung produzieren, die nur drei bis viermal gespielt wird und Schluss.

Sind Sie auch konservativ, was die Oper betrifft?

Ich bin sehr konservativ. Ich gehe immer davon aus, dass dieses Haus ein Sprungbrett für junge, talentierte Sänger ist. Sie sollen hier Oper so lernen, wie sie geschrieben ist. Damit experimentieren können sie im Ausland. Man kann durchaus sagen, dass dieses Opernhaus, vielleicht zu traditionell ist. Aber dadurch kann man das „Opern-ABC“ richtig erlernen. Man kann nicht ein Buch schreiben, ehe man das Alphabet kennt.

Temeswar möchte Kulturhauptstadt Europas in 2021 werden. Die Nationaloper wird keine unwesentliche Rolle bei der Kandidatur spielen. Welche Argumente würden für dieses Haus sprechen?

Wird sind als Opernhaus in Europa schon bekannt. Wir machen sehr viele Tourneen und das hilft. Letzte Woche sind wir gerade aus Kufstein, Österreich zurückgekommen. Dort auf der Festung wird jeden Sommer seit Jahren ein Opernfestival veranstaltet und wir sind inzwischen seit sieben Jahren Dauergäste. In Luxemburg waren wir heuer das erste Mal. Mehr, als das wir uns einen Namen im Ausland machen, können wir nicht tun.

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