Roboter-Experimentier-Diskothek

Zur Premiere von Capeks „R.U.R.“ an der deutschen Abteilung des Radu-Stanca-Theaters Hermannstadt

Sonntag, 11. März 2018

Anca Cipariu, Valentin Späth und Fabiola Eidloth – zwei Menschen und eine Roboterin
Foto: Cynthia Pinter

Das Thema, künstlich menschenähnliche Wesen als Helfer des Menschen zu schaffen, stammt aus frühen Zeiten und wurde im Mittelalter im Kontext der Alchemie ausgebaut. Besonders wegen der potenziellen Gefahr, dass das vom Menschen geschaffene Geschöpf den Befehlen seines Herren nicht mehr gehorcht und zur Gefahr wird, hielt es Einzug in die Literatur. Die Problematik dürfte dank Goethes Ballade „Der Zauberlehrling“ und „Faust II“ nicht unbekannt sein. Außer dem Meister der deutschen Klassik ist das Thema in unzähligen Variationen in der Science-Fiction-Literatur und -Filmindustrie behandelt worden.

Den Gedanken des „Homunculus“ – des alchemistisch geschaffenen Menschleins – nahm auch der tschechische Schriftsteller Karel Capek (1890-1930) auf. Im Zeitalter der fortschreitenden Ingenieurswissenschaften dachte er sich von Menschen geschaffene menschenähnliche Maschinen aus, die die Fronarbeit, die „Robota“ leisten. In dem 1920 veröffentlichten Drama „R.U.R.“ wird der zwischenzeitlich gängige Begriff „Roboter“ erstmals verwendet. Ein Jahrhundert später, im Zeitalter der Elektronik und der Kunst-Installationen, brachte der junge Spielleiter Vlad Cristache „R.U.R.“ an der deutschen Abteilung des Radu-Stanca-Theaters als Konzert-Installation auf die Bühne. Als Soundtrack diente die Musik von „Kraftwerk“, der Pionier-Band der elektronischen Musik. Cristache selbst erklärt seine Inszenierung als „eine verspielte Show, eine postmoderne Collage sämtlicher Science-Fiction-Klischees aus Film und Buch, die die Fantasie meiner Kindheit anregten“. Die Premiere fand am Freitag, den 2. März, vor einem jungen und begeisterten Publikum statt.

Im Mittelpunkt von Capeks Drama steht das Unternehmen R.U.R. (Rossum’s Universal Robots), die Firma des Rossum. Das tschechische Wort „Rozum“ bedeutet Vernunft, der Name des Erfinders der künstlichen Menschen Rossum ist also eine Verballhornung. Die künstlichen Menschen, d. h. Roboter, übernehmen die Arbeit der Menschen und diese können sich ihren Vergnügen widmen. Die Roboter haben keine Bedürfnisse und Gefühle, keine Seele – das wäre zu kostspielig, so der Chef-Physiologe Dr. Gall (von Daniel Bucher dargestellt) – und gehorchen den Menschen. Die verhalten sich – wie jedes sich überlegen wähnende Wesen – arrogant und missbrauchen die Roboter. Das ändern will Helena Glory (von Anca Cipariu verkörpert), angeblich die Tochter eines an Robotern interessierten Magnaten, die sich jedoch als Vertreterin der Liga für Humanität entpuppt, die sich für eine gerechte Behandlung der Roboter einsetzt.

Zehn Jahre später ist die perfekt kontrolliert geglaubte Entwicklung außer Kontrolle geraten und die Menschheit steht vor dem Aus. Die Menschen vermehren sich nicht mehr, da kein Bedarf, die Roboter tun doch alles. Das Experiment, Roboter mit Verstand auszustatten, führt dazu, dass ein solcher selbst Herr über andere sein will. In Helena Glory verliebt – die mit Harry Domin (Valentin Späth), dem Generaldirektor des Werkes verheiratet ist – hatte Dr. Gall eine Roboterin Helena geschaffen. Die zeigte jedoch keine Gefühle für ihn, also stattete er Roboter mit der Fähigkeit aus, menschliche Gefühle zu entwickeln, wie Roboter Primus (Ali Deac). Gefühle hatten Roboterin Helena und Roboter Primus füreinander, als Alquist (Daniel Plier), der ehemalige Produktionsleiter und einzige Überlebende des Robotermordes, das Geheimnis des Lebens zu finden hofft, wenn er einen der beiden seziert. Das Happy End, die Liebe der beiden Roboter füreinander, steht am Ende des Stückes im Vordergrund, man hätte sich heute jedoch gewünscht, dass dem Untergang der Menschheit, den Helenas Magd Nana (Renate Müller-Nica) befürchtet hatte, dieselbe Bedeutung geschenkt wird. Oder sollte die Zukunft tatsächlich in Robotern liegen?

Das fast hundert Jahre alte Stück ist in seiner Botschaft hochaktuell. Die Fragen, ob die Fortschritts- und Technologiebesessenheit oder die Gefahr der außer Kontrolle geratenen Schöpfungsambitionen die Menschheit in den Untergang treibt, sind nicht von der Hand zu weisen. Tiefer gehen die Fragen nach dem Identitätsverlust in unserer Gesellschaft und was den Menschen zum Menschen macht.

Leider geht die tiefgründige Problemstellung etwas unter in dem Disco-Tumult der Inszenierung. Die drei Hauptakteure Valentin Späth, Daniel Bucher und Daniel Plier wirken recht blass, gehetzt und sind streckenweise schlecht zu verstehen. Sie wollen und sollen am Anfang des Stückes ihre Überlegenheit darstellen, wirken aber bereits als Verlierer, eine Entwicklung, die sie im Verlauf des Stückes auch tatsächlich erfahren. Die Bühne und das Geschehen dominieren die silbernen Roboter.

Als Roboterinnen treten Fabiola Eidloth, die auch für die Dramaturgie zeichnet, und Regieassistentin Emöke Boldizsar auf, das Roboter-Corps besteht jedoch vorrangig aus Theater-Studierenden, die Bühnenerfahrung sammeln. Die sichere Hand des Choreografen Stefan Lupu (auch Tänzer und Regisseur) ist deutlich zu bemerken in ihren mechanischen Bewegungen und dem Ensemble-Auftritt. Die Inszenierung mag ältere Semester abschrecken, sie ansehen und über sie nachdenken, lohnt jedoch.

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