Röntgenbild der Jugend

Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung verrät, was junge Leute in Rumänien bewegt

Samstag, 24. Januar 2015

Studie „Jugend in Rumänien – Sorgen, Ziele, Einstellungen und Lebensstil“ von Cătălin Augustin Stoica, Daniel Sandu und Radu Umbreş

Antworten auf die Frage „Wie zufrieden bist du mit der Demokratie in Rumänien?“

Mit wem wohnen die Jugendlichen zusammen?
Quelle: FES-Studie

Gerne bezeichnen wir uns alle als jung, oder zumindest als junggeblieben – und vergessen: Jung sein bedeutet mehr als ein hübsches Gesicht, sorglose Ungebundenheit und ein Leben voller offener Chancen. Doch selbst wenn wir uns zurückerinnern an eigene schwierige Phasen – Selbstfindung und Sinnsuche, Abnabelung vom Elternhaus oder die ersten Schritte in den Beruf – die Hintergründe haben sich mit der Zeit grundlegend verändert. Mit welchen Herausforderungen Rumäniens Jugend heute zu kämpfen hat, wie sie leben will und woran sie glaubt, wem sie vertraut und was sie von der Zukunft erwartet, enthüllt eine hochinteressante soziologische Studie, von der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) Rumänien, die vom Zentrum für städtische und regionale Soziologie (CURS) in Auftrag gegeben wurde.

Die im Juli 2014 hierfür durchgeführten Direktbefragungen von 1302 Jugendlichen im Alter von 15 bis 29 Jahren befassen sich mit drei Themenschwerpunkten: 1. Probleme und Werte; 2. Religion, Glauben und Vertrauen; 3. Zivilgesellschaft, Politik und demokratische Aktivität. Betrachtet werden auch Unterschiede zwischen den Altersgruppen, städtischem und ländlichem Milieu, gesellschaftlichen Schichten und regionalen Aspekten. Die Antworten der jungen Leute auf Fragen zu Konsumverhalten und Lebensstil, über Lebensumstände bis zu Plänen und Erwartungen bieten wertvolle Aufschlüsse – nicht nur für die Politik oder mit Jugendarbeit befassten Institutionen, sondern auch für Eltern, Lehrer, Arbeitgeber, und nicht zuletzt für die Jugendlichen selbst.

Wichtigste Erkenntnisse zusammengefasst

Fast drei Viertel aller jungen Leute zwischen 14 und 29 wohnen noch bei den Eltern, davon 50 Prozent aller über 18-Jährigen. Kein Wunder daher, dass die Mehrzahl der Befragten nicht in einer stabilen Beziehung lebt. Der durchschnittliche Kinderwunsch liegt derzeit bei 1,9 – um die Bevölkerungszahl zu halten müssten es 2,1 sein. Die materielle Situation gilt für die Jugendlichen als wichtigster Gradmesser für den sozialen Rang. Andere Kriterien in absteigender Wichtigkeit sind: Ausbildungsniveau, eigenes Gehalt, berufliche Tätigkeit. So ist auch der Verdienst das höchste Kriterium bei der Jobwahl, gefolgt von der Sicherheit des Arbeitsplatzes. Die empfundenen Diskriminierungen beziehen sich meistens auf die materielle Situation und nicht etwa auf die ethnische Zugehörigkeit. Auffällig ist, dass für die Zuordnung zum sozialen Status offenbar nicht das selbstverdiente Geld zählt, sondern das für den Konsum zur Verfügung stehende.

Zur Arbeitsplatzsuche geben die meisten Befragten an, persönliche Beziehungen zu haben, sei essenziell. Erst danach kämen berufliche Erfahrung und Ausbildung zum Tragen. Etwa ein Drittel sieht die Zukunft (daher?) im Ausland, fast 40 Prozent möchten zumindest zeitweise im Ausland arbeiten oder studieren.
Die Hauptprobleme Rumäniens sind nach Meinung der Mehrheit: Korruption, Armut und Arbeitslosigkeit. 64,5 Prozent glauben, dass sich das Land in eine falsche Richtung entwickelt. Allerdings muss man diese Zahl auch in Relation zu den Erwachsenen sehen: Wie eine andere Studie (August 2014) zeigt, sind es dort sogar 75,8 Prozent! Von politischen Institutionen, vor allem aber von den jungen Politikern, sind die Jugendlichen im Allgemeinen enttäuscht. Aus diesem Grund wollen die meisten nichts mit Politik zu tun haben und entfalten keinerlei entsprechende Ambitionen. Allerdings gibt es eine spürbare Bereitschaft zum Protest zu bestimmten Themen. Es scheint, als habe die Jugend einfach noch keine Modalität für den Übergang von passiven Protestaktionen zur aktiven Einflussnahme gefunden, schlussfolgern die Macher der Studie.

Einzelne Aspekte unter die Lupe genommen

Auswanderungswunsch:

Interessant sind die Argumente der Auswanderungswilligen – auch hier dominiert der rein materielle Gedanke: 58 Prozent wünschen sich einfach nur einen höheren Lebensstandard, gefolgt von 19 Prozent, die sich bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt erhoffen. 9 Prozent reizt die Bereicherung durch eine andere Kultur, 5 Prozent eine angeblich bessere Ausbildung, 4 Prozent suchen dort Chancen für den Aufbau eines eigenen Unternehmens und 2 Prozent wollen ausgewanderten Bezugspersonen nachfolgen. An der Spitze der gewünschten Zielländer liegt England (20 Prozent), gefolgt von Deutschland (16), USA (10), Spanien (10), Italien (10), etc.

Familienplanung und soziales Umfeld:

Während 14,2 Prozent in einer festen Beziehung leben, wünschen sich 64,5 Prozent Ehe und Familie, 15,9 Prozent eine formlose Beziehung und 5,4 Prozent ein Leben ohne partnerschaftliche Verpflichtungen. Als Kriterien für die Partnerwahl zählen in abnehmender Wichtigkeit: Persönlichkeit (85 Prozent), gemeinsame Interessen/gleicher Geschmack (81), Aussehen (79), Ausbildungsniveau (65), Einverständnis der Familie (56), wirtschaftliche Lage (47), Religion (35), Nationalität/Ethnie (34), Jungfräulichkeit (25) und Herkunftsregion (20). Was Freundschaft betrifft, bewegen sich 81 Prozent der 15 bis 19-Jährigen in einer festen, eng gestrickten Clique, von den 20 bis 24-Jährigen nur noch 78 Prozent und von den 25 bis 29-Jährigen 64,2 Prozent. Burschen tendieren ein wenig stärker zur Cliquenbildung als Mädchen. Die Zufriedenheit mit den Freunden ist in der Stadt größer (83,6 Prozent) als auf dem Land (75,8).

Präferenzen, Freizeit und Lebensstil:

Diese Sparte bietet einige Überraschungen. Auf die Frage, was „cool” sei, steht gutes Aussehen mit 89 Prozent an erster Stelle, gefolgt von Unabhängigkeit (84 Prozent), sportlicher Aktivität (78), Karriere (78) und – kaum zu glauben – gesunder Ernährung (74), die an gleicher Stelle rangiert wie das Tragen von Markenklamotten (74)! Dann erst kommt Uni-Ausbildung (72), Verantwortung (62), sexuelle Treue (54), Ehe (47), Teilnahme an Bürgeraktionen (33), politische Aktivität (33), Marihuana rauchen (32) und der Konsum ethnobotanischer Drogen (26).

Fernsehen rangiert zwar nicht auf der „cool”-Liste, doch sitzen immerhin 10 Prozent der Jugendlichen täglich über vier Stunden vor der Glotze. 21 Prozent gucken „nur“ zwei bis drei Stunden täglich in den Flimmerkasten, 32 Prozent maximal zwei Stunden, 28 Prozent eine Stunde und 9 Prozent nie. Nur das Internet schlägt den TV-Konsum (und man fragt sich, wie viel Zeit überhaupt noch für andere Aktivitäten übrig bleibt). 16,1 Prozent verbringen über sechs Stunden täglich online, 22,2 Prozent zwischen drei und vier Stunden, 25,6 Prozent zwei bis drei Stunden, 20 Prozent maximal zwei Stunden und 15,9 Prozent maximal eine Stunde. Täglich mehr als sechs Stunden im Web surfen 18,4 Prozent der Jungs und nur 13,8 Prozent der Mädels – oder 19,3 Prozent der Städter und 11,4 Prozent der Landbewohner. Die meiste Zeit verbringen die Jüngsten (15-20 Jahre) im Internet. Die häufigsten Online-Aktivitäten: soziale Netzwerke (87 Prozent), Musik/Videoclips (65), Informationssuche (60), Mail (55), andere Kommunikationsplattformen (51), Filme und Bücher herunterladen (51), Nachrichten lesen (37), Spiele (33) etc.

Sexualität:

Von den 15 bis 19-Jährigen hatten 19,8 Prozent bereits mehrere Sexualpartner, Jungs häufiger als Mädchen, 22,7 Prozent hatten nur einen und 50,1 sind „Jungfrau“. Von den 20 bis 24-Jährigen sind immerhin 11,4 Prozent, von den 25 bis 29-Jährigen 4,8 Prozent ohne sexuelle Erfahrung. Verhütung ist unter den 20 bis 24-Jährigen am verbreitetsten: 39,4 Prozent verhüten immer, 30,5 Prozent manchmal.

Komsumverhalten:

Jugendliche geben monatlich im Schnitt folgende Summen für Freizeitaktivitäten aus: 175 Lei für den Kauf von Kleidung, Accessoires und Schuhen; 90 Lei für Bars, Cafés, Restaurants und Clubs; 50 Lei für Telefonkosten; 17,4 Lei für Filme, Kino, DVDs; 16 Lei für Bücher und 26,3 Lei für andere Dinge. Im Mittel geben Jungs monatlich fast 400 Lei aus, Mädchen nur 330. In der Stadt geben Jugendliche etwa 100 Lei pro Monat mehr aus als auf dem Land. Wer sich zur obersten Gesellschaftsklasse zählt, gibt im Schnitt 466 Lei pro Monat für Freizeitgestaltung aus, die Mittelklasse 412 Lei, die Arbeiterklasse immerhin noch stolze 327 Lei und selbst die untere Klasse 206 Lei! Auch dies mag erklären, warum viele Jugendliche noch bei den Eltern leben...

Religion:

Stark überzeugt von der Existenz Gottes sind 79 Prozent aller Befragten, nur 5 Prozent glauben nicht. Wie zu erwarten, ist die Gottgläubigkeit auf dem Land höher (85,7 Prozent) als in der Stadt (73,7). Von den Mädchen glauben 84,4 Prozent an Gott, von den Jungs 73,3 Prozent. An Himmel und Hölle glauben insgesamt 63,3 Prozent, und zwar je jünger desto eher. Mädchen tendieren etwas mehr zur Religiosität, interessanterweise aber auch zu mehr Toleranz gegenüber sexuellen Minderheiten. Bemerkenswert ist, dass 15 Prozent aller Jugendlichen sich für ein striktes Verbot von Abtreibung unter allen Umständen aussprechen. 38 Prozent akzeptieren Abtreibung zumindest im extremen Notfall.

Politisches Interesse:

Zu folgenden Themen würden Jugendliche am ehesten Protestdemonstrationen befürworten: Mangelnde Arbeitsplätze (28 Prozent), schlechte Bezahlung/Armut (24 Prozent), schlechtes Gesundheitssystem (11), Korruption (9), Diskriminierung von Frauen (4), für Umweltschutz (3), für den Rechtsstaat (3), zur Unterstützung einer Partei (2), gegen ethnische oder sexuelle Diskriminierung (1). An Demonstrationen zu einem als wichtig empfundenen Thema selbst teilnehmen würden allerdings nur 21 Prozent – 23 Prozent sicher nicht, der Rest viel-leicht.

Als Informationsquellen zu politischen Themen nutzen 51 Prozent das Internet, 33 Prozent TV und nur 2 Prozent Zeitungen und Radio. 4 Prozent bilden ihre Meinung aus Diskussionen mit Familienmitgliedern, 5 Prozent mit Bekannten. Unter 5 Institutionen im Vergleich – politische Parteien, Parlament, Regierung, Kirche, Armee und EU – haben Jugendliche wie Erwachsene (laut separater Umfrage) das meiste Vertrauen in die Kirche (61 bzw. 73 Prozent), gefolgt von der Armee (57 und 68 Prozent). Schlusslicht bilden politische Parteien (6 bzw. 9 Prozent) und das Parlament (9 und 12 Prozent). Die 173 Seiten umfassende Studie kann auf folgenden Links als PDF heruntergeladen werden:

Auf Rumänisch: http://www.fes.ro/media/2014_news/Raport-FES-Tineri_in_Romania.pdf  
Auf Englisch:  http://www.fes.ro/media/2014_news/Report-FES-Romanian_Youth.pdf

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