Röntgenbild einer verlorenen Welt

Sultana-Malu Roşu, eine prähistorische Siedlung vor 6000 Jahren, im Bukarester Geschichtsmuseum

Samstag, 27. Juni 2015

Vase mit verliebtem Paar
Foto: Michael Marks

Vor etlichen Jahren wurde die Nekropole von Warna (Bulgarien) unter dem Titel „Das erste Gold der Menschheit“ in etlichen Museen vorgestellt. Daraufhin strömten Scharen von Besuchern in die Ausstellung, die demselben Zeithorizont, dem Gumelni]a-Kodjadermen-Karanovo VI-Komplex, zuzurechnen ist, wie der hier präsentierte Fundplatz Sultana–Malu Roşu (35 Kilometer nordwestlich von Călăraşi), einer Tell-Siedlung hoch über dem Ufer des heutigen Mostiştei-Sees.

Umso bemerkenswerter, dass die Kuratoren des Nationalen Geschichtsmuseums Bukarest hier ganz auf dieses Lockmittel verzichtet haben, obwohl auch hier durchaus Gold gefunden wurde, das aber schlicht wie immer bei den übrigen Schatzfunden im Keller verbleibt. Der Fokus liegt also diesmal nicht auf den „Schätzen“. Der Ausdruck Röntgenbild ist allerdings auch ein wenig irritierend, da hier zwar umfassend über die verschiedenen Methoden der Archäologie berichtet wird, allerdings gehören Röntgenaufnahmen nicht in dieses Repertoire. Gemeint ist hier vielmehr die Art der Präsentation: Der Besucher soll mit einem Röntgenblick die Schichten der Vergangenheit durchdringen, um schlaglichtartig seinen Blick auf die verschwundene Welt der frühen Kupferzeit (4500-3900 v. Chr.) zu richten.

Daher die schwarzen Tücher, die die Ausstellungshalle geheimnisvoll umhüllen, der labyrinthische Aufbau und die ganz als Negativbild in Weiß-auf-Schwarz gehaltenen Rekonstruktionszeichnungen, die einen Eindruck von dieser Epoche vermitteln sollen. Die Kuratoren verfolgen hier ein doppeltes Ziel: Zum einen möchten sie so anschaulich wie möglich dem Besucher die Welt dieser faszinierenden Zivilisation am Übergang zwischen dem Ende der Jungsteinzeit und den beginnenden Metallzeiten vermitteln, zum anderen eignet sich gerade dieser Fundort mit seiner befestigten Höhensiedlung samt dem dazugehörigen Friedhof wie kaum ein anderer, um einmal alle Facetten und Möglichkeiten, die der modernen Archäologie zur Verfügung stehen, durchzuexerzieren und vorzuführen. Bereits 1923 von Ioan Andrieşescu, ebenso wie Vasile Pârvan einem Vater der rumänischen Archäologie, entdeckt, lässt sich anhand der Grabungsgeschichte auch die Entwicklung der rumänischen Ur- und Frühgeschichtsforschung rekapitulieren.

Keramische Meisterwerke

Ganz auf künstlerische Höhepunkte möchte die Ausstellung dennoch nicht verzichten und präsentiert in einem abgetrennten verspiegelten Areal vier besondere Keramiken in jeweils einer eigenen Vitrine auf farbigen rotweißen Podesten. Einen bemalten Vasenhalter, die sogenannte „Göttin von Sultana“, eine metallisch glänzende „Tulpenvase“ und die berühmte „Vase der Verliebten“. Die gut erhaltenen Vasen wurden früh gefunden und lassen sich zwar stilistisch eindeutig zuordnen, die genauen Fundumstände werden jedoch in der Literatur allenfalls vage angegeben. Sie sollen wohl als frühe künstlerische Meisterwerke für sich stehen, denn außer den Namensgebungen finden sich weder Zuordnungen noch Interpretationen.

Dies hat bei einigen Kommentatoren zu Zirkelschlüssen geführt. So sagt die moderne Bezeichnung „Tulpenvase“ allenfalls etwas über die Vorstellungskraft des Namensgebers, keinesfalls lässt sie den Rückschluss zu, dass es damals hier bereits Tulpen gegeben hätte. Ebenso vorsichtig sollte die übliche Bezeichnung „Göttin“ für die häufig auftauchenden anthropomorphen, meist, aber nicht nur weiblichen Vasen und Statuetten verwendet werden. Die Darstellung des „Paares“, eindeutig ein Mann und eine Frau, die beide auf einer Bank sitzen, wobei er den Arm um sie legt, auf dem Grund einer Vase ist allerdings einzigartig und berührt, auch ohne dass wir wissen, was genau sie denn nun aussagen sollte.

Die Welt der Lebenden

Der zweite Teil der Ausstellung beschäftigt sich dafür umso ausführlicher mit den Zusammenhängen von Funden, Befunden und ihrer Interpretation bis hin zur Rekonstruktion. So wird die genaue stratigrafische Abfolge der einzelnen Fundschichten samt ihrer zeitlichen Einordnung schematisch wiedergegeben. Auch der Zusammenhang zwischen Grundrissplan und dem Modell des Dorfes wird klar ersichtlich hergestellt und mündet schließlich in die, mittels der Methoden der experimentellen Archäologie gewonnene Rekonstruktion des Äußeren und Inneren eines Hauses und seines Umfeldes. Welchen Stellenwert der Ackerbau, die Jagd oder die Haustierhaltung innerhalb der Nahrungsbeschaffung einnahm, lässt sich am prozentualen Anteil der jeweiligen Hinterlassenschaften, also Knochen von Wild- oder Haustieren, gesammelten oder angebauten Früchten, selbst Muschelschalen oder Fischresten bestimmen.

Werkstätten, seien es zur Steinbearbeitung oder zur Keramikherstellung, lassen sich ebenso durch eindeutige Befunde nachweisen. Bemerkenswert in diesem Zusammenhang scheint, dass gerade die besonderen Vasen oder Statuetten, ja selbst Goldfunde, vorwiegend aus dem Kontext der Siedlung stammen und nicht aus den Gräbern, in die sie als Grabbeigabe hätten geraten können. Welche besondere Rolle die gerade für die Gumelni]a-Kultur charakteristischen Statuetten und Darstellungen innerhalb dieser Gemeinschaften spielten, als Ausdruck eines religiösen oder soziokulturellen Systems, lässt sich heute nur schwer nachvollziehen.

Zumal man erst in jüngster Zeit dazu übergegangen ist, die genauen Fundpositionen, z. B. innerhalb oder außerhalb eines Hauses, zu dokumentieren. Dankenswerterweise wird der Begriff der „Kultur“ im archäologischen Sinne erläutert, mit dem man konventionell die Ähnlichkeit der materiellen Hinterlassenschaften bezeichnet, wie sie sich z. B. durch einen bestimmten Dekorstil der keramischen Erzeugnisse auszeichnet. Das muss nicht unbedingt gleichzusetzen sein mit einer ethnischen Gruppe, wie dies in früherer Zeit postuliert wurde.

Die Welt der Toten

Das Bild wäre jedoch nicht vollständig, wenn nicht der nahe gelegene Friedhof weitere Erkenntnisse über die Frage „Wer waren sie?“ geben könnte. Alleine dass es zu dieser Zeit eigenständige Friedhöfe außerhalb des Siedlungsareals gab mit regelrechten Bestattungssitten – d. h. die Gräber waren erkennbar in eine Richtung ausgerichtet – ist bemerkenswert. Hier lassen sich, wenn auch nicht mit absoluter Verlässlichkeit – fast kein Friedhof ist vollständig ausgegraben –, Aussagen zum Anteil der weiblichen zu den männlichen oder der Anteil der erwachsenen zu den kindlichen Bestattungen treffen.

Das durchschnittliche Sterbealter der Erwachsenen lag beispielsweise um die 40 Jahre. Zwar finden sich in den ovalen Grabgruben bis auf einige Ausnahmen, die auf eine sekundäre Deponierung hinweisen, allesamt Hockerbestattungen mit eher spärlichen Grabbeigaben – ganz anders als in dem reich ausgestatteten Gräberfeld von Varna –, aber dank modernster Analysen, einschließlich DNA-Untersuchungen, lassen sich typische Krankheitsbilder rekonstruieren und paläogenetische Überlegungen anstellen. So treten vereinzelt Osteoporose oder Karies auf , die typisch für bestimmte Mangelerscheinungen sind. Es lassen sich Migrations- und Diffusionsmodelle verifizieren, die den Schluss nahelegen, dass es eine Migrationswelle aus Anatolien gegeben haben muss. Für das Spätneolithikum bedeutet dies, dass eine Welle direkt über Bulgarien nach Rumänien kam. Der so entstandene Genpool kann klar von früheren Bevölkerungsgruppen abgegrenzt werden und findet sich wohl auch noch in den Genen der modernen rumänischen Bevölkerung dieses Gebietes wieder.

Die verschiedenen Ausgrabungsphasen des Gräberfeldes lassen sich durch die Wiedergabe der alten und neueren Grabpläne und –zeichnungen erkennen. Dem zur Seite gestellt sind die vollständigen Bestattungen in Vitrinen, und getrennt dazu, verschiedene Beigaben mit der genauen Angabe ihrer Position im Grab durch Zeichnungen an der Außenwand der eingelassenen Schaukästen. Die angefügten Texte erklären knapp und klar die wichtigsten Erkenntnisse, die sich aus diesen Befunden gewinnen lassen.

In eigener Sache

Zum Schluss werden die einzelnen Forschungsergebnisse und die hier angewandten Methoden noch einmal schematisch in zwei großen Tafeln zusammengefasst. Und letztendlich – das darf aus nostalgischen Gründen nie fehlen – dokumentieren Fotos von den letzten Grabungskampagnen und der Kampagne zur experimentellen Archäologie die Mühen und Anstrengungen der Archäologen. Die Ausstellung entstand in Zusammenarbeit des Nationalen Geschichtsmuseums Bukarest mit dem Muzeul Dunării de Jos in Călăraşi, dem Kreis-Museum „Teohari Antonescu” Giurgiu, dem Museum der Gumelni]a-Kultur in Olteni]a, dem Institut „Vasile Pârvan” Bukarest, dem Museum für Naturkunde „Grigore Antipa” Bukarest und dem Städtischen Museum Bukarest sowie der Universität für Landwirtschaft und Veterinärmedizin Bukarest. Die Ausstellung läuft noch bis zum 31. Dezember 2015, Mi-So von 10 – 18 Uhr (im Sommer) bzw. 9 – 17 (im Winter).

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