Roma, Feminismus und Theater

Schauspielerin Mihaela Drăgan gibt Roma-Frauen eine Stimme

Samstag, 02. April 2016

Stigmata, Klischees oder auch Konflikte in der eigenen Gemeinschaft: Mihaela Drăgan nimmt kein Blatt vor den Mund

Konfliktthemen Zwangsheirat und Frühehe

Klischee: die „feurigen“ Roma-Frauen

Die engen Outfits werden zum Symbol des Feminismus.

Traditionelle Werte versus moderner Zeitgeist

Fotos: giuvlipen.tumblr.com (5), Adi Bulboaca (1)

Eine Frau im weißen Kleid mit Schleier. Noch erkennt man die Person darunter nicht. Alle Augen sind auf die Braut gerichtet – gespannt wird das Lüften des Schleiers erwartet. Dann, ganz langsam, tut uns das Mädchen den Gefallen und man erblickt eine Schönheit, wie nur Bräute sie an Hochzeiten inne haben. Die Haare sind zu Zöpfen geflochten. Zwei rote Schleifen leuchten auf dem weißen Kleid, wie der Tropfen Blut, den Schneewittchens Mutter auf dem Schnee vergoss. Dann erzählt sie ihre Geschichte, die den dunklen Gegensatz zu ihrem Äußeren bildet.

„Del duma“ ist eine Aufführung des Theaters „Giuvlipen“, in der vier Roma-Frauen ihre Geschichten über eine Zwangshochzeit erzählen. Wer jedoch hofft, auf Klischees und Stereotype zu stoßen, wird enttäuscht, wenn er Mihaela Drăgan kennen lernt. Die junge Frau kommt nicht aus einer anderen Welt oder von einem fremden Planeten, sondern aus dem kleinen Dorf Cândeţti. Trotzdem wird sie nach ihren Shows mit seltsamen Fragen gelöchert, die zeigen: Das „Wissen“ über Roma besteht meistens aus Vorurteilen. Nicht, weil die Menschen rassistisch wären, sondern weil sie sich nie wirklich mit dieser Volksgruppe beschäftigt haben. In den Aufführungen von „Giuvlipen“, von der Schauspielerin mitbegründet, spricht sie Vorurteile gezielt an und führt vor Augen, wie lächerlich simpel diese meist sind. Damit will sie den Rumänen ihre Kultur näherbringen und auch deren Mentalität ändern.

Roma – ein Brandmal

Eine Romni zu sein ist nicht einfach. Viele verschweigen ihre Herkunft – nicht nur in Rumänien. Mihaela erzählt, dass sie nicht etwa Aktivistin wurde, weil sie Roma ist, sondern weil sie erfuhr, was es bedeutet, Roma zu sein. Um einen Platz an der Universität zu bekommen, nahm sie an einem Wettbewerb um die drei für Roma reservierten Studienplätze teil. Sie bekam ihn, allerdings wurde ihre Herkunft damit auch allgemein bekannt. Als Resultat wurde sie von vielen in vorherrschende Stigmata gequetscht, verschnürt und verpackt. Diese Reaktion, so Mihaela, war neu für sie. Ihr drängten sich die Fragen auf: Wieso verhielten sich die Leute so? Weswegen sollte sie sich überhaupt schämen?

Im Sommer 2014 gründete sie mit zwei anderen Schauspielerinnen die Theatergruppe „Giuvlipen“. Den Name für ihre Gruppe prägte Mihaela. Sie wollte ein Wort, das eindeutig für Roma-Frauen steht. Deshalb fügte sie dem Wort „giuvli“ (übersetzt: Frau) die Endung -ipen hinzu und führte somit den Begriff des Feminismus in die Sprache der Roma ein. Giuvlipen ist mehr als ein Unterhaltungsprogramm. Eher ein Sprachrohr für Roma-Frauen – eine Art Teleskop, gerichtet auf eine Teilgruppe, der sonst nur wenig Beachtung gewidmet wird. Probleme und Unterdrückungen werden durch Giuvlipen sichtbar gemacht. Dabei war es nicht einfach, jemanden zu finden, der professionell arbeitet und gleichzeitig an Aktivismus interessiert war, erzählt Mihaela. Sie selbst hatte davor zwar schon zwei Auftritte in Shows – unter anderem eine One-Woman-Show – aber es fehlte ein ausgebildeter Theaterregisseur mit Roma-Herkunft. Jemand, mit dem sie arbeiten konnten, der ihnen Zuversicht gab und der eine Affinität zur Zielgruppe hatte. Denn das war Mihaela wichtig: Eine Theatergruppe von Roma-Frauen für Roma-Frauen. Auch wenn sie jetzt einen Mann mit dabei haben, lacht sie: „Aber keine Sorge. Er wurde gut getestet.“

Die Geschichten der Roma-Frauen

Im Mai soll nun die vierte Show „Iovan“ starten. Dabei lädt Giuvlipen sein Publikum in ein kleines Roma-Dorf ein. Die Geschichte spinnt sich um das jüngste Mädchen einer Familie, das fort möchte, um seinen eigenen Weg zu gehen. Der Konflikt, der sich daraus konstruiert, besteht zwischen dem innigen Wunsch des Mädchens und dem Bedürfnis der Familie, ihre Tochter zu schützen. Als Lösung sieht die Familie nur eine Zwangsheirat zwischen ihr und einem alten Mann – die sichert, dass ihr kleines Mädchen zuhause bleibt. „Iovan“ erzählt über den Schutz, den Roma-Familien ihren Kindern garantieren wollen - und dessen negative Kehrseite. Gleichzeitig muss auch das Mädchen mit einem inneren Konflikt kämpfen – zwar möchte sie fortgehen, doch liebt sie ihre Familie. Die Aufführung hat ebenso wie die erste, „Del Duma – tell them about me“, das Ziel, die Geschichten von Roma-Frauen hörbar zu machen. An den Reaktionen nach der Show merkt man, wie neu es für die Volksgruppe der Roma ist, Mittelpunkt einer Aufführung zu sein. Viele bedankten sich bei den Schauspielerinnen für deren Engagement, manche weinten sogar. Auch das Erstaunen über ein Theater für Roma war groß, „als ob es überraschend wäre, dass Roma-Frauen auch eine Geschichte zu erzählen haben“.

Lauscht man den Geschichten, die Mihaela erzählt, weiß man nicht, ob man sich ärgern oder lachen soll. Ärgern darüber, welch banale Vorurteile viele verfolgen - und lachen, weil sie zu irrwitzigen Situationen führen. Mihaela beschreibt das Date einer Freundin: „Der Rumäne hatte sich etwas Besonderes für den Tag überlegt. Er wusste, dass meine Freundin religiös war, deshalb führte er sie in eine Kirche aus. Um das Date zu einem krönenden Abschluss zu bringen, lud er sie anschließend in einen Sexladen ein. Er dachte wohl, für eine Roma, die ja sehr „wild“ und „leidenschaftlich“ ist, wäre ein Sexspielzeug das richtige Geschenk. Tja, falsch gedacht“, lacht Mihaela.

Aber auch Probleme innerhalb der Roma-Gemeinschaft werden von Giuvlipen thematisiert. Roma-Frauen wird beispielsweise durch die Tradition vorgeschrieben, wie sie sich kleiden sollen. Mit diesem Problem sah sich eine andere Freundin, die beim Fersehen arbeitet, konfrontiert. „Sie trägt gerne kurze Röcke, deshalb muss sie sich immer wieder Bemerkungen wie ‚Oh mein Gott, dass ist nicht unsere Tradition. Dass du dich nicht schämst. Du könntest so keine Kinder großziehen!’ anhören.“ Gerade auf Facebook finden sich unter fast jedem Bild mit „unpassender“ Kleidung derartige Kommentare, in denen ihr das Recht auf eine selbstbestimmte Kleiderwahl abgesprochen wird. Beide Erlebnisse inspirierten die Schauspielerinnen zu einer zweiten Aufführung, „Gadjo Dildo“, welche die Übersexualisierung von Roma-Frauen thematisiert.

„Wir sind Kämpfer, keine Opfer“

Roma-Frauen kämpfen mit einer zweifachen Diskriminierung, so Mihaela: „Sie müssen mit Rassismus, aber auch mit Sexismus umgehen.“ Der Hass, der ihnen grundlos entgegengebracht wird, gipfelte in der Kampagne einer rechtsextremistischen Partei, welche Roma-Frauen dazu aufforderte, keine Kinder mehr zu bekommen. Nachrichten dienten dabei als Plattform, um das rechtsextremistische Gedankengut zu verbreiten. Dabei wurden auch Roma-Frauen gezeigt, die dafür bezahlt wurden, stereotypisiert zu werden. Aber auch in der Familie sind Frauen teilweise sexistischen Verhaltensweisen ausgesetzt. „Del Duma“ handelt nicht nur von Zwangsehen, sondern auch von häuslicher Gewalt, mit der die Frauen oft kämpfen. Die Schauspielerinnen laden die Betroffenen dann zu ihren Aufführungen ein und versuchen, mit ihnen über das Erlebte zu sprechen, damit die Frauen wissen: Sie sind nicht alleine. „In den Gesprächen geht es vor allem um erfahrene körperliche Gewalt, Zwangsehen sind eher ein Problem der älteren Generation“, berichtet Mihaela aus ihren Erfahrungen. „Viele Jungen sagen auch: Ich werde meine Freundin nicht so früh heiraten, wie du, du alter Sack.“

Um etwas zu verändern und auch die Politik aufmerksam zu machen, setzt Mihaela auf Kunst und das Gespräch. So lud sie beispielsweise den Bürgermeister von Bukarest zur Diskussion ein. „Viele denken, dass sich sowieso nichts an unserer Situation ändern lässt. Dass wir eben so sind, wie wir sind“, seufzt Mihaela. Wie aber sind denn Roma? Die „Natur der Roma“ besteht für viele aus den Klischees, die ihnen einfach zugeschrieben werden - und die Mihaela im Theater aufzeigt. Die Schuld für viele Mißstände wird ihnen selbst zugeschrieben. Auch wenn es um Zwangsräumungen geht: Schließlich, so glauben viele, wussten die Roma oft schon vorher, ob eine Räumung bevorsteht. Ist das so? In der dritten Aufführung von Giuvlipen, „La Harneală“, kommt eine Roma-Frau zu Wort: „Ich habe immer meine Miete und Steuern gezahlt, trotzdem wurde ich vertrieben – musste vier Monate auf der Straße leben, bis ich endlich eine Sozialwohnung vom Bürgermeister bekam. Die Papiere habe ich immer noch nicht, obwohl ich jeden Monat zum Amt gehe und danach frage. Ich könnte jeden Moment wieder zwangsgeräumt werden, wenn die Wohnung anderweitig vermietet wird.“ Trotz vieler Diskriminierungen sieht Mihaela Roma-Frauen nicht als wehrlos. Sie selbst ist überzeugt: „Wir finden eine Lösung, wie wir respektiert werden – denn wir sind Kämpfer, keine Opfer!“


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