Romanfiktion und Lebenssubstanz

Über Nora Iugas Roman „Harald und der grüne Mond“

Donnerstag, 26. Februar 2015

Im Herbst des vergangenen Jahres ist im Verlag POLIROM (Jassy/Iaşi–Bukarest) der Roman „Harald şi luna verde“ erschienen. Der zeitliche Rahmen der Schilderung reicht von den 1920er Jahren bis in die Gegenwart, und dadurch werden Personen und Handlungsmomente in die Komposition eingearbeitet, die von der Autorin bisher nicht gestaltet worden sind – sie ist früher vorwiegend auf die eigene Lebensspanne eingestellt gewesen, auf die Zeit bewussten Erlebens ab der Jahrhundertmitte.

Eine Gewähr, dass uns ein für Nora Iuga kennzeichnendes Opus vorliegt, bietet die Verfasserin durch die eigene Diktion, durch den an ihrer Prosa gewohnten Redefluss. Kennzeichnend für sie ist aber auch das Verfahren, bereits behandelte oder auch nur gestreifte Motive beziehungsweise biografische Fakten wieder aufzunehmen und in neue Zusammenhänge zu platzieren. Die Mischung aus Vorgeformtem, aus der Öffentlichkeit bereits Mitgeteiltem und frappierend Neuem bietet uns Anlass, nachzusinnen über das Verhältnis zwischen stofflichem Ausgangspunkt und dem schier unbezähmbaren Drang der Schriftstellerin zu fabulieren und zu räsonnieren. Den Akzent wollen wir dabei darauf setzen, was sie selbst und Menschen aus ihrer Familie und aus der sonstigen näheren Umgebung durchlebt haben.

Ein Romanautor, eine Romanautorin wird in den meisten Fällen die dem Schreibziel angepasste, die zurechtgeschobene Realität der strikt dokumentarischen, der gleichsam lückenlos verbürgten Wirklichkeit vorziehen. Die Fiktion hat zu stimmen und weniger die reale Datenbasis. Schreibende werden für sich behalten oder nur im vertraulichen Gespräch preisgeben, welches die kaum überprüfbaren Partien der Darstellung sind, wo also bei genauerem Hinsehen das bloß Behauptete liegt, und sie werden, bei eventuellen kritischen Einwänden, das Gedankengebäude anhand der von jedermann überprüfbaren Tatsachen rechtfertigen. Der schöpferische Geist, dem zweckdienliche poetische Erfindung vorrangig ist, wird sich in seinem Vorgehen bestätigt sehen durch eine Aussage wie: „Die Wirklichkeit ahmt die Fiktion nach“ (N. Iuga: „Harald…“, S. 84). Oder durch den Satz: „…ich neige zusehends dazu zu glauben, dass Wirklichkeit ein inhaltsleeres Wort sei“ (S. 260).

Sosehr in der Belletristik das Erdachte dominieren kann und soll, sosehr die nach den Regeln neuerer Romanliteratur erschaffene Vorstellung der eigentliche Gegenstand literarischer Kritik zu sein hat, ist es doch wohl zulässig, auch den Weg in die andere Richtung einzuschlagen und die stofflichen Voraussetzungen eines Prosawerks unter die Lupe zu nehmen. Das mag hier geschehen, und es wird anderen überlassen bleiben, den künstlerischen Überbau von Nora Iugas letzterschienenem Roman zu analysieren.

Zunächst einmal dürfen wir feststellen, dass die Autorin in ihrer Schilderung einschneidender Wandlungen des 20. Jahrhunderts von ihrer eigenen Biografie ausgeht. Zwar stattet sie die Frauengestalt, die Züge des eigenen Ichs aufweist, mit einem erfundenen Namen aus – Stana –, doch kann diese von allen, die über Nora Iugas Curriculum vitae einigermaßen unterrichtet sind, leicht als Alter Ego der Verfasserin identifiziert werden. An schwierigen Lebenslagen, an existenziellen Zwängen und Engpässen, an ideologischen Nötigungen und politischen Bizarrerien fehlte es im langwährenden Dasein Stanas nicht. Die unverblümte Darstellung von mancher Zwiespältigkeit, die ungeschönte Zeichnung von Enttäuschungen und Niederlagen, auch von gemeinhin eher verschwiegenen Intimitäten gehören ebenso zu Nora Iugas schriftstellerischen Eigenheiten – gehören zu Stanas Porträtlinien – wie die nicht minimalisierten oder nicht wortlos übergangenen Pluspunkte eines Künstlerlebens.

Unstrittig ist weiterhin, dass die „Sam“ benannte Person in vielem, wenn auch noch lange nicht im eins-zu-eins-Verhältnis, Nora Iugas Gatte ist, der verstorbene Dichter George Almosnino (1936-1994). Die Autorin selbst hat dafür gesorgt, dass sich zahllose Übereinstimmungen feststellen lassen zwischen „Sam“ und „Nino“ (wie G. Almosnino einst in der Bukarester Literatenwelt bezeichnet wurde). Und das, indem sie zu einem Sammelband der Gedichte ihres Mannes ein ausführliches Lebensbild beisteuerte (im Band „Der grüne Fauteuil“. Piteşti: Verlag Paralela 45, 2013).

Ein eigenartiger Mensch war das. Er hatte früh Zurücksetzungen aller Art hinnehmen und verarbeiten müssen, verursacht von seiner Abkunft aus jüdischem Bankiersmilieu und von der politisch-gesellschaftlichen Deklassierung des Vaters durch die „Volksdemokratie“ (nach anfänglicher Begünstigung, auch wegen Leiderfahrung während des Antonescu-Regimes, wurde dem Advokaten Leon Almosnino ein politischer Prozess angehängt). Diese negativen Auspizien bewirkten denn auch, dass Sam/Nino die Universität nur mit Schwierigkeiten absolvieren konnte und Zeit seines Lebens bloß Dienste in untergeordneter Stellung verrichtete (als Handlanger im Bau, als Buchverkäufer im Straßenhandel und ähnliches).

Zusehends machten Nino/Sam gesundheitliche Beschwerden zu schaffen. Alles, was er schrieb, war kargen Lebensbedingungen abgerungen, war im Einklang mit der ernsten Grundstimmung seines Daseins, das nur wenige seelische Aufschwünge zuließ. Verschwiegenheiten, gedrückte Empfindungen, impulsiv gefasste wie auch lang verzögerte Entschlüsse gehörten zu dieser Existenz, nicht weniger aber auch Regungen der Dankbarkeit, hervorgerufen durch dichterische Einfälle und durch kleine Gesten seelischer Verbundenheit oder durch unerwartete Beweise von Solidarität.

Weniger memoirenhaft behandelt Nora Iuga die anderen Personen, meist sind sie Geschöpfe einer recht frei angewandten Kombinatorik. Am ehesten glauben wir, einige Physiognomien aus der Familie Almosnino erkennen zu können. In Bukarest gab es in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts neben dem einflussreichen Bankhaus Marmorosch-Blanc das zweitgrößte Geldinstitut, die Bank Almosnino; ihre Inhaber werden im Roman Schallmon genannt. Nicht so sehr ihr Aufstieg, mehr ihr von der Legionärsbewegung und vom Krieg verursachter Niedergang wird veranschaulicht, recht eindringlich exemplifiziert durch Halevy Schallmon, der als „Papa Levy“ auftritt. Vom wohlhabenden Mann des bürgerlich-gutsherrschaftlichen Regimes steigt Levy Schallmon sozial ab zum Nachtwächter, zum Ablader und Verkäufer in einem Salzdepot, und er kann noch von Glück reden, dass ihm eine bescheidene Verdienstmöglichkeit zugeschanzt wurde. Sein Erbe ist schmal – Tand aus besseren Tagen, und auch dieser verliert sich.

Wie bereits gesagt, weist die Genealogie der Almosninos zwischen dem Großvater (im Roman Halevy Schallmon) und dem Enkel Nino (Sam) noch den Rechtsanwalt Leon Almosnino auf. Sein Vorname wird im Roman beibehalten, in seine Biografie wird jedoch vieles eingebaut, was Leon Schallmon vom Modell, dem realen Leon, entfernt.

Allgemein kann festgestellt werden, dass die Autorin nicht nur Erfahrungsbestände einzelner Generationen gelegentlich umschichtet, sondern dass sie auch Erlebnisse weiterer, nicht dem Familienkomplex angehörende Personen reichlich ins Romanganze einfügt. Im Besonderen geschieht das im Falle Leon Schallmons. Anhand von charakterlichen Umrissen und Episoden aus dem Ballettmilieu, Nora Iuga bestens bekannt (ihre Mutter war Tänzerin, ihr Sohn Tiberiu ist Ballettmeister der Rumänischen Oper in Bukarest) entwirft sie das Lebensschicksal eines Tänzers, der sich als erfolgreicher Künstler Leo Schall nennt. In einer seiner Glanzleistungen spielt übrigens der im Romantitel enthaltene „Grüne Mond“ eine wichtige Rolle: Ein Kondor zerstört mit seinem Schnabel den Mond. Symbolisch bezieht sich das auch auf Leon selbst, den widrige Zeitumstände um viel Wesentliches bringen, um Freiheit, um den Glauben an Schönheit, um Lebenskraft.

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