Roşia Montană: „Wir stehen am Anfang eines Umdenkprozesses“

ADZ-Interview mit Ştefan Bâlici, Leiter des Nationalen Instituts für Kulturerbe

Mittwoch, 06. April 2016

Ştefan Bâlici
Foto: George Dumitriu

„Ein fantastisches unteridisches Universum“ - römischer Stollen
Foto: Ivan Rous, Severoceské muzeum v Liberci

Wer den Kampf um die Rettung von Roşia Montană in der ADZ aufmerksam verfolgt hat, dem ist der Name Ştefan Bâlici sicher noch ein Begriff: Seit fast zehn Jahren setzt sich der Architekt und Lektor für den Erhalt des Kulturerbes in Roşia Montană und die Aufnahme des historisch bedeutenden Bergbaukomplexes in das UNESCO-Welterbe ein. Er nahm an Demonstrationen gegen das zerstörerische Bergbauprojekt der „Roşia Montană Gold Corporation“ (RMGC) und an den von der NGO „Pro Patrimonio“ organisierten Fachkonferenzen teil. Er schrieb den Antrag zur Aufnahme von Roşia Montană in „Die 7 Meistgefährdeten“ von Europa Nostra, der größten Organisation der EU zur Rettung von Kulturerbe – mit Erfolg. Dann die herbe Enttäuschung, weil von offizieller Seite niemand von den Vorschlägen für eine nachhaltige Entwicklung als Alternative zum Bergbau wissen wollte. Heute, drei Jahre später, hat sich das Blatt gewendet: Im Februar kündigte Kulturminister Vlad Alexandrescu überraschend die Gründung einer interdisziplinären Task Force für Roşia Montană an, die die Aufnahme in das UNESCO-Welterbe und eine alternative Entwicklung der Region vorbereiten soll. Bâlici, seit 4. Januar amtierender Leiter des Nationalen Instituts für Kulturerbe (INP), kann sich nun endlich offiziell für Roşia Montană einsetzen. Über die bevorstehenden Schritte spricht er mit Nina M a y.

Herr Bâlici, das ist eine kolossale Veränderung seit unseren letzten Gesprächen 2013. Was ist inzwischen geschehen?

Eigentlich nicht viel. Es gab kurz danach eine erste Bestandsaufnahme seitens Europa Nostra und der Europäischen Investitionsbank: Gemeinsam besuchten sie Roşia Montană und hatten Treffen mit der lokalen Gemeinschaft, Gruppen der Zivilgesellschaft und Behörden. In Bukarest wurden sie im EU- und im Umweltministerium empfangen, aber ohne Gespräche zur Sache. Danach wurde ein weiterer Besuch nach den Präsidentschaftswahlen vorgeschlagen. Unmittelbar nach den Wahlen hat man dann Kontakt zum Präsidialamt aufgenommen. Interessant ist, dass mittlerweile nicht nur Europa Nostra, sondern auch ICOMOS, das beratende Organ der UNESCO und die weltweit wichtigste internationale Organisation für Denkmalpflege, eine Arbeitsgruppe in den eigenen Reihen vorgeschlagen hat. Dasselbe geschah seitens des World Monuments Fund in den USA, der alle zwei Jahre den Bericht „World Monuments Watch“ veröffentlicht: Für die Ausgabe 2016/17 ist ein Beitrag zu Roşia Montană geplant.

Kann man sagen, Roşia Montană ist gerettet? Oder ist es nur ein Etappensieg?

Auch wenn die jüngsten Entwicklungen und politischen Signale positiv sind, können wir noch nicht sagen, Roşia Montană ist gerettet. Die schlimmsten Hürden wurden zwar überwunden. Doch nun gilt es, Mechanismen und Instrumente zu schaffen, durch die eine lokale und regionale Entwicklung durch die alternativen Ressourcen, für die wir so lange gekämpft haben, vorangetrieben werden kann. Ich bin jedoch von Natur aus optimistisch und glaube, es ist mehr als ein Etappensieg. Wir stehen am Anfang eines Umdenkprozesses – diesmal mit  großem positivem Potenzial!

Was halten Sie von der Task Force?

Es ist das erste Mal, dass in Rumänien ein Fall auf Vorschlag des Kultur -und des Umweltministeriums gemeinsam angegangen wird, doch nur durch abgestimmte Aktionen kann man diese bedeutende Kulturlandschaft erhalten. Die Task Force wurde nun von der Regierung als Koordinator übernommen. Mitglieder sind das Generalsekretariat der Regierung, die Ministerien für Kultur, Umwelt, Landwirtschaft und EU-Fonds, lokale Gruppen der Zivilgesellschaft und NGOs, die bisher in den Kampf um Roşia Montană involviert waren.

Der Kulturminister meinte unlängst, das Thema Bergbau sei dennoch nicht vom Tisch...

Es geht um eine bestimmte Art von Bergbau: Wenn wir vom Tagebau in sehr großem Ausmaß sprechen, tritt ein unlösbarer Konflikt zwischen dem gesetzlich definierten öffentlichen Interesse – dem Schutz des Kulturerbes – und dem privaten wirtschaftlichen Interesse, erreichbar nur durch Zerstörung ganzer Berge, auf. Das Gesetz jedoch schützt die historische Bergbaustätte auf höchstem Niveau!

Auf einmal?

So war es schon immer: Gesetz Nr. 15/2000, Teil 3 über geschützte Gebiete, benennt Roşia Montană als eine der außerordentlich wertvollen Zonen, für die jedwede Maßnahme zum Schutz und zur Restaurierung von nationalem öffentlichem Interesse ist. Von Anbeginn an also hätte die Diskussion über ein zerstörerisches Bergbauprojekt gar nicht stattfinden dürfen. Das Gesetz hat Roşia Montană immer geschützt, allerdings gab es Variationen zur territorialen Ausdehnung: Die erste Klassifizierung in den 90er Jahren schützte den gesamten Ort im Radius von zwei Kilometern. In den Listen zwischen 2004 und 2010 gab es dann Einschränkungen. Nun aber ist das Kulturministerium in der Ende 2015 neu aufgelegten Liste auf den vorherigen Schutzzustand zurückgekommen. Jetzt sind wir wieder bei den normalen Koordinaten. Das ist die Essenz des Sieges.

Und die 150 Kilometer historische Stollen gehen da-rüber nicht hinaus?

Nein, denn es gibt sehr viele übereinandergelagerte Ebenen in einer Tiefe bis zu 400 Metern.

Welche geschützten Naturdenkmäler gibt es in Roşia Montană?

Im Câlnic-Massiv gibt es zwei sehr interessante, entstehungsgeschichtlich schwer erklärbare geologische Formationen, Piatra Corbului und Piatra Despicată. Auch wegen diesen hätte diese Art Bergbauprojekt von Anfang an indiskutabel sein müssen.

Was hat sich die Task Force nun vorgenommen?

Die Task Force hat die Aufgabe, eine Korrelation herzustellen zwischen allen existenten Ideen zur Entwicklung des Gebiets, jenen, die sich an der Durchführung beteiligen wollen und den Finanzierungsmöglichkeiten. Der Augenblick ist günstig, auch weil sich neue Programme zur Finanzierung durch EU-Fonds 2014-2020 auftun. Doch noch haben wir uns auf keine strategische Richtung festgelegt.

Wird Tourismus ein Schwerpunkt sein?

Mit Sicherheit.

Was kann man heute schon in Roşia Montană besichtigen – und wie könnte die Zukunft aussehen?

Dort tut sich ein fabelhaftes unterirdisches Universum auf! Heute kann man nur einen kleinen Teil davon besichtigen, ein römisches Stollensegment, eröffnet in den 70er Jahren, nicht repräsentativ für die tatsächliche Diversität. Ein Bestreben ist sicher die Öffnung einer wesentlich größeren Zone, zugänglich in geführten Touren mit Spezialausrüstung, damit der Besuch interessanter ist. Weltweit einzigartig sind die Spiraltreppen, die geneigten Stollen, die säulengestützten Erzabbau-Kammern...

Was mag die Römer veranlasst haben, dort „weltweit einzigartige Strukturen“ zu schaffen? Woher der Entwicklungssprung?

Vielleicht die Beschaffenheit des Felsens, oder bereits vor Ort existierende Bergbautraditionen – es gibt viele Spekulationen. Bergbau wurde hier immerhin seit der Bronzezeit betrieben. Auch vor den Römern gab es Untertagebau, aber nicht sehr tief. Was die Römer neu eingebracht haben, ist der Bergbau in großer Tiefe, der sich sehr schnell entwickelt hat, in weniger als einem Jahrhundert.

Die Häuser mit integrierten Altären, die immer noch unbekannten Götter? Woher kommen diese Einflüsse?

Von den Völkern, die in verschiedenen Etappen für den Bergbau kolonisiert wurden. Einiges weiß man aus dem Studium der berühmten Wachstäfelchen, die in Roşia Montană gefunden wurden. Es sind juristische Dokumente, die Namen erwähnen, aus denen man auf eine sehr heterogene ethnische Zusammensetzung der Arbeiter zur Zeit der Römer schließen kann: aus Kleinasien, Dalmatien, dem Balkan. Auch dakische Namen sind erwähnt.

Gibt es schon Pläne für eine gezielte Erforschung?

Derzeit nein, denn der gesamte unterirdische Bereich steht unter der Zuständigkeit von Minvest, dem staatlichen Unternehmen für die Erzextraktion. Bisher war ja immer nur von Bergbau die Rede. Jetzt, wo wir mit Anliegen des Kulturerbeschutzes daherkommen, muss auch die Verwaltung des unterirdischen Stollensystems neu überdacht werden. Bis dahin allerdings sind die Möglichkeiten, zu forschen oder etwas für den Tourismus vorzubereiten, beschränkt. Wir hoffen jedoch, dass die Rumänische Akademie, die auch in der Task Force vertreten ist und dem Goldabbau in der Vergangenheit kritisch gegenüberstand, bald eine tragende Rolle spielen wird.

Was also sind die nächsten Schritte?

Kultur- und Umweltministerium werden sich mit der Eintragung in die Liste des UNESCO-Welterbes befassen. Das aber bedingt nicht nur eine Erfassung, sondern auch eine Strategie, die den Schutz des Kulturerbes garantiert. Man muss beweisen, dass man dazu in der Lage ist und Managementpläne vorlegen, einschließlich Finanzierung.

Sie haben den ersten Antrag zur Aufnahme Roşia Montanăs in die UNESCO-Liste mit vorbereitet. Wird es diesmal einen großen Unterschied geben?

Damals war von einer Aufnahme in die vorläufige Liste die Rede, dafür musste man die UNESCO nur vom Wert des Kulturerbes überzeugen. Das ist am 6. Februar geschehen!. Nun aber geht es um eine wesentlich komplexere Dokumentation, die wir, das INP, vorbereiten müssen. Damit beginnen wir in Kürze und in Abhängigkeit dessen, was in der Task Force passiert.

Ist das Kulturerbe dafür schon ausreichend inventarisiert?

Nein, es gibt Bereiche, zu denen wir bisher keinen Zugang hatten. Da erwarten wir allerdings auch erfreuliche Überraschungen – neue Entdeckungen.

Wie lange kann es dauern, bis Ro{ia Montan² UNESCO-Welterbe wird?

Mindestens zwei bis drei Jahre, voraussichtlich mehr. Das liegt an der Komplexität der Anlage, aber auch an dem Korrelationsbedarf vieler Aspekte, lokal und regional. In Japan hat es in einem Fall über 10 Jahre gedauert... Für uns ist jedoch wichtig, schnell und operativ zu sein.

Kooperieren denn jetzt auch die Lokalbehörden – oder beharren sie weiterhin auf dem Goldabbau?

Im Moment glauben sie nur an die Option Bergbau – das wird mit Sicherheit weiterhin eine der Schwierigkeiten sein! Aber sobald man konkrete Ergebnisse in der lokalen Entwicklung sieht, können sie das nicht ignorieren.

Und wenn sie ihre Meinung nicht ändern? Kann dann die Einschreibung als UNESCO-Welterbe erfolgen?

Eine der Bedingungen ist in der Tat die Teilnahme der lokalen Gemeinschaft. Aber über das Gewicht dieses Teilnehmers kann man diskutieren. Sicher gibt es auch vor Ort Gruppen mit unterschiedlichen Interessen. Das Rathaus ist mit Leib und Seele für den Bergbau. Aber es gibt auch eine Gemeinschaft, die hart gekämpft hat für den Erhalt von Roşia Montană und sehr repräsentativ ist, die NGO jener, die nicht bereit waren, ihre Häuser und Grundstücke zu verkaufen und den Ort zu verlassen: „Alburnus maior“. Sie kann nicht einfach ignoriert werden. Es fällt mir daher schwer zu glauben, dass es zu einer Blockade kommen wird. Wir müssen jetzt nur beweisen, was wir jahrelang behauptet haben – dass man die Region auf der Basis von Kulturerbe entwickeln kann. Ich bleibe bei meinem Optimismus, will aber auch die Schwierigkeiten nicht minimalisieren.

Welches Resümee ziehen Sie nach all den Jahren Einsatz für Roşia Montană?

Das beste ist, dass wir endlich eine Konvergenz zwischen der Regierung, den Fachleuten und der Öffentlichkeit, die sich eingesetzt und gekämpft hat, erreicht haben. Diese Tatsache kann ganz klar Ergebnisse produzieren!

Vielen Dank für das Gespräch!

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