Rückblick und Ausblick zum Thema „Wir sind hier“

Festrede von Benjamin Jósza, Geschäftsführer des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien, auf dem Treffen der Siebenbürger Sachsen in Mühlbach am 20. September 2014 (II)

Freitag, 26. September 2014

Aufmarsch der Tanzgruppen in Mühlbach
Foto: George Dumitriu

II.
Doch gehören zum „sind“ mehr als nur die Erfolge. Das „hier sein“ ist auch geprägt vom Kampf um Bereiche, die von enormer Wichtigkeit für den Fortbestand unserer kleiner werdenden deutschen Gemeinschaft sind.
Der vermutlich wichtigste Bereich ist die Schule. Die Siebenbürger Sachsen hatten seit jeher ein fortschrittliches Lehrwesen. Seit dem 14. Jahrhundert gab es ein verpflichtendes Lehrwesen in Siebenbürgen. Mit anderen Worten, in einer Zeit, in der an den Königshöfen Europas oft Halbanalphabeten herrschten, lernten die sächsischen Bauernkinder auch noch im kleinsten Dorf lesen und schreiben. Später brachten Studenten, welche Universitäten im deutschsprachigen Raum besuchten, den neusten Stand der Wissenschaft und Technik nach Siebenbürgen mit. Ja selbst in den schlimmsten kommunistischen Jahren bestand ein staatliches deutsches Bildungswesen vom Kindergarten bis zum Lyzeum. Die deutsche Sprache war nicht nur nicht verboten, sie wurde staatlich und flächendeckend gefördert.

25 Jahre nach der Wende ist das Lehrwesen in deutscher Sprache akut gefährdet. Nicht etwa aus Mangel an Schülern. Ganz im Gegenteil, die deutschen Schulen sind als Eliteschulen beliebt und gesucht, gerade von der Mehrheitsbevölkerung. Gefährdet ist die Schule durch den Lehrermangel.
Selbst in den großen Schulen Siebenbürgens, dem Brukenthal-Gymnasium, der Honterusschule, dem Haltrich-Lyzeum können nicht mehr alle Fächer auf Deutsch unterrichtet werden, da die Fachlehrer hierfür fehlen.
Dieses ist freilich nicht unsere Schuld: Im Moment ist es so, dass jede noch so unbedeutende Stelle in der Wirtschaft besser bezahlt wird als ein Posten als Gymnasiallehrer. Diejenigen, die frisch von der Universität kommen, erwägen es gar nicht mehr, ins Lehramt zu gehen. Und schlimmer noch: Die Studiengänge, die deutschsprachige Lehrer ausbilden, kriegen kaum eine Handvoll Studenten zusammen.
Obwohl das Forum übermenschliche Anstrengungen unternahm, sei es mit Übernahme des Druckens der Schulbücher, sei es in der Lehrerfortbildung, wurden in den letzten zehn Jahren dreißig Prozent der deutschen Klassenzüge landesweit geschlossen. Dreißig Prozent!

Deswegen hat sich das Forum in regen Austausch mit den politischen Partnern, unseren Freunden aus Deutschland begeben und zusammen Möglichkeiten gesucht, das deutsche Lehrsystem zu erhalten und auf zukunftsfähige Beine zu stellen. Wir, die deutsche Minderheit in Rumänien, erhoffen uns viel davon!
Lassen Sie es mich deswegen in aller Deutlichkeit sagen, meine Damen und Herren: Dieses stolze Lehrsystem eingehen zu lassen, wäre keine Fahrlässigkeit, es wäre ein Verbrechen!
Der zweite Bereich – nicht der zweitwichtigste! – ist die Jugendförderung.
Erlauben Sie mir hier einige Worte über die Generation, der ich angehöre. Wenn ich von meiner Generation spreche, so spreche ich von den Kindern der Siebziger und Achtziger, von denen, die alt genug waren, die Ungerechtigkeit des kommunistischen Systems zu begreifen, und jung genug, sich davon nicht verbiegen lassen zu müssen, von denen, für die die Freiheit lebensnotwendig war und das geeinte Europa nicht nur eine Floskel, von denjenigen, die anders als ihre Väter und Großväter eine Richtung hatten, in die sie gingen, nicht eine Richtung aus der sie kamen.
Diese Generation ließ sich begeistern! Wie kochte es in den frisch gegründeten Jugendforen Anfang der Neunziger Jahre! Was waren für Projekte zu verwirklichen! Kein Berg war zu hoch, kein Meer zu weit, man machte sich einfach an die Arbeit, tagelang, nächtelang, koste es was es wolle.
Parallel mit den Ortsforen entstanden die eingangs genannten Jugendforen, Diese schlossen sich nach dem Vorbild der „großen“ Foren zu regionalen Verbänden zusammen, danach zu einem landesweiten Verband, der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Jugendorganisationen.

Bevor ich meine Leidenschaft zum Beruf machte und meinen Arbeitsplatz im Forum antrat, hatte ich das Glück, die Jugendarbeit in allen Facetten und Ebenen kennenzulernen und mitzugestalten. Die Jugendarbeit war nicht minder eine Erfolgsgeschichte. Zahlreiche Kulturprojekte, Seminare im In- und Ausland, sogar eine eigene Kultur- und Jugendzeitschrift – „Der Punkt“ – es ist beileibe nicht wenig für einen Jugendverein.
Doch die Jugendarbeit lief nicht immer so leicht, wie es vielleicht klingen mag. Die Generation der Heranwachsenden traf aufgrund der demografischen Struktur auf die Generation ihrer Großväter. Und die wussten, wie das so ist, aufgrund ihres Alters selbstverständlich meistens alles besser.
Lassen Sie mich dieses mit einer Begebenheit aus den Neunzigern verdeutlichen: Als Vorstandsmitglied des Jugendforums Hermannstadt bin ich mit einem der älteren Herrschaften des Forumsvorstandes aneinandergeraten. Bezeichnend für die Wichtigkeit der Angelegenheit ist, dass ich mich nicht mehr entsinne, um was es ging. Vermutlich um eine Idee, die nicht oder nicht schnell genug umgesetzt werden konnte. Der Disput gipfelte im Satz des älteren Herren: „Wer etwas möchte, muss zuerst etwas sein.“ Ich zog mich aus der Affäre mit dem bissigen Bonmot „Es ist der Irrglaube der Jugend zu glauben, Mangel an Erfahrung mit Intelligenz wettmachen zu können, und der Irrglaube des Alters, Mangel an Intelligenz mit Erfahrung wettmachen zu können“. Was Wunder, es dauerte etwas Zeit, bis unser Verhältnis ein herzlicheres wurde. Trotzdem ist in diesem kleinen Geschichtchen der Samen zu einem weitverbreiteten Fehler in der Jugendarbeit enthalten: Die Jugend ist nicht unsere jüngere, willfährige Ausgabe mit weniger Runzeln im Gesicht, sondern eine Generation mit eigenen Ideen und Vorstellungen. Mit anderen Worten, wir müssen der Jugend nicht nur etwas zutrauen, sondern ihr vertrauen, dass sie das Richtige tun wird.

Der zweite Fehler, auf den ich öfter treffe in der Jugendförderung, besteht in dem Satz und der damit verbundenen Denkweise: „Bisher haben wir noch immer jemanden gefunden, wenn wir einen gesucht haben.“ Dies entspricht in etwa der Logik, die der Mann in dem Witz an den Tag legt, als er am Bankschalter das Geldbündel halb zählt und schließlich sagt „Wenn´s bis hierher gestimmt hat, wird´s auch weiterhin stimmen.“
Es vereinfacht die Sache nicht gerade, dass die Welt, in der die Jugendlichen heute leben, ebenfalls multipolar ist. Die Vertreter meiner Generation sind in aller Welt verstreut. Die eine schreibt aus Barcelona, der andere aus Princeton, der dritte aus Südostasien. Die Jugend kommt nicht mehr zwangsläufig zum Forum, ihr Betätigungsfeld ist die weite Welt geworden.
Dieses ist wohl die größte Herausforderung der kommenden Jahre, eine funktionierende Jugendarbeit zu gewährleisten. Die Jugend – und wenn ich Jugend sage, dehne ich den Begriff weit über das Zulässige hinaus, nämlich auf die Mitglieder zwischen 16 und 45 Jahren – fehlt an allen Ecken und Enden. Es ist unsere Pflicht, jeden einzigen so zu fördern, dass er bei uns das ideale Betätigungsfeld findet. Jeder Jugendliche der geht, ist einer zuviel und nicht zu ersetzen.

III.
Lassen Sie uns nun zum letzten Teil des Mottos kommen, dem „hier“. Dieses „hier“ besitzt zwei Komponenten, eine geografische und eine zeitliche. Die geografische ist schnell erfasst. Wo wenn nicht hier, in Siebenbürgen, sollen sich die Sachsen treffen? Siebenbürgen ist und bleibt der zentrale Teil unserer Identität.
Lassen Sie mich zur vielschichtigeren Dimension vorstoßen, das zeitliche „hier“: „Hier“, an diesem Punkt der Geschichte, sind wir angelangt. Wohin geht es aber weiter?
In 25 Jahren, im Jahr 2040, werden wir beim 49. Sachsentreffen zusammensitzen. Meine Wenigkeit wird 66 Jahre alt sein, die Vertreter meiner Generation nicht viel jünger.
Dafür sehe ich Jugend im Saal, viel Jugend, viel mehr Jugend als jetzt, Leute die bei der Gründung des Vereins noch nicht geboren waren, aber jetzt ihr Bestes zu seiner Arbeit beitragen.
Die Tanzgruppe des Brukenthal-Gymnasiums wird da sein, selbstverständlich, die Tanzgruppen der Jugendforen aus Hermannstadt, Kronstadt, Bistritz, Zeiden, Mediasch und Schäßburg werden ungeduldig mit den Füßen scharren. Sie wollen endlich tanzen und nicht Reden hören.
Das Publikum hatte vorher Gelegenheit, durch eine Ausstellung zu gehen, in der die letzten drei noch zu renovierenden Kirchenburgen vorgestellt werden. Die älteren unter den Besuchern werden gelächelt haben, als sie sich an die Diskussionen vor Jahren erinnerten, in denen von Verfall und Preisgabe die Rede war. Wie die Zeit vergeht...

Ich sehe alte Freunde aus Deutschland und von hier aber auch aus Österreich, Kanada und den USA, für die das Sachsentreffen der Höhepunkt des Jahres ist und die sich freuen, dass sie wieder dabei sein können.
Ich sehe einen überfüllten Saal, der zu klein ist, alle Teilnehmer beim Sachsentreffen aufzunehmen. Es sind diejenigen Siebenbürger Sachsen, die in den Saal drängen, die nach und nach ihre Häuser in Augsburg, Köln und München aufgegeben haben und wieder in Siebenbürgen wohnen, weil Augsburg, Köln und München zwar schöne Städte sind, aber doch kein Vergleich zu Hermannstadt, Kronstadt oder Schäßburg.
Die Fachlehrer, die im Saal sitzen, haben allesamt Ringe unter den Augen. Soeben ist die internationale Tagung „Das deutsche Lehrsystem in Rumänien - Modell für Europa“ zu Ende gegangen, in der Fachleute aus der ganzen EU zusammengekommen sind, um vom rumäniendeutschen Modell zu lernen.
Die Geschäftsführer der Forums-Stiftungen sind nicht im Saal, sie sind gegangen, sich die Ausstellung der geförderten Betriebe anzusehen, die wegen Platzmangel auf das Fußballstadion ausgelagert werden musste.
Aber ansonsten ist alles wie immer. Gottesdienst, Auftritt der Tanzgruppen, Honterus-Medaille, Festrede. Mer welle schließlich bleiwe, wat mer sen und das Gute sollte ja auch nicht verändert werden.
Wir, die Alten, werden dem Festredner aufmerksam zuhören, einem jungen Menschen, viel jünger als ich es heute bin, der von den nächsten 50 Jahren spricht. Wir werden dann und wann lächeln, halb wissend, halb versonnen. Was die Jugend sich alles vornimmt! Wie unerfüllbar das alles klingt! Möge sie in allem recht behalten!

Kommentare zu diesem Artikel

Ortwin, 26.09 2014, 14:18
Festreden haben bekanntlich den faden Beigeschmack der Schönfärberei. Etwas Zweckoptimismus gehört verständlicher Weise auch dazu. Benjamin Jozsa sprach beim Sachsentreffen nicht nur als Hauptredner, sondern auch als früherer Gastgeber. Er fügt der trotzig anmutenden Aussage "Wir sind hier" eine zeitliche Komponente hinzu, in dem er den erreichten Punkt in der langjährigen Geschichte der Sachsen festhält, verbunden mit der Richtungsfrage, wie/wohin es weitergehen könne. Die zum Teil gekonnt pointierte Ansprache des Vertreters der tragenden, mittleren Generation, wirbt für DAS Sachsentreffen in Siebenbürgen, und nicht nur dafür.

Sachsentreffen also zu Pfingsten in Dinkelsbühl, mit Bussen von Teilnehmern aus Siebenbürgen und eines Mitte September in Siebenbürgen, mit Bussen von Teilnehmern aus Deutschland? Warum nicht? Viele HOGs treffen sich vermehrt im Sommer in Siebenbürgen; einige im Wechsel mal in Deutschland, im Folgejahr im Heimatort, andere tun das im 3-Jahresrhythmus, andere sind noch am Abwägen...

Meiner Meinung nach ist das keine entweder/oder-Frage...

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