Rückzug ins eigene Stadion

Das diesjährige Honterus-Schulfest fiel auf einen Donnerstag

Donnerstag, 12. Juni 2014

Aufmarsch im Stadion zur Eröffnung des Honterusfestes

Bei den Wettkämpfen voll dabei
Fotos: Ralf Sudrigian

Die Ferien nahen. Aber noch stehen Prüfungen und Tests an, zum Beispiel erstmals landesweit auch für die Zweit-, Viert- und Sechstklässler. Beim Kronstädter Honteruslyzeum will man aber nicht aufs traditionelle Honterusfest verzichten. „Johannes Honterus“ und „Andrei Şaguna“ sind die zwei am stärksten traditionsbewussten Schulanstalten der Stadt, was auch eine Sonderausstellung im Museum der städtischen Wohnkultur belegt. Die Schulfeste wollen wohl zeigen, dass heute fortgeführt werden kann und soll, was die Vorgänger eingeleitet haben. Aber wichtiger ist, vor allem den Schülern, gemeinsam zu spielen, zu wandern, sich also zu unterhalten. Wenn Eltern, Großeltern oder Freunde der Schule sich den Lehrern hinzugesellen, dann umso besser.

Nun macht das Wetter diese Vorfreuden am Samstagvormittag (31. Mai) zunichte. Es regnet und das soll sich auch in den nächsten Stunden nicht ändern. Schuldirektor Helmuth Wagner gibt jenen bekannt, die trotzdem am Schulhof pünktlich erschienen waren, dass leider das Fest verschoben werden muss. Die Burzenländer Blaskapelle, traditioneller musikalischer Begleiter dieser Feier, ist umsonst da und zieht sich diskret zurück. Aber da ist noch ein Problem, das nur die Betroffenen kennen und das nach einer schnellen Lösung verlangt: Das Lyzeum hatte über den Elternbeirat seiner Schüler vom Kreisrat Kronstadt einen Geldzuschuss erhalten der eigens und nur für diese Feier vorgesehen ist. Es geht um Preise für die Schüler, die sich an den diversen Sportwettkämpfen beteiligen – von Süßigkeiten bis Sportausrüstung. Was gut gemeint war, erweist sich nun als „Pflicht zum Feiern“, könnte man scherzen.

Schuldirektor Wagner muss verreisen, hinterlässt aber die klare Anweisung, das Schulfest möglichst bald abzuhalten … um die Spenden loszuwerden. So wird der Donnerstag (5. Juni) zum Feiertag erklärt. Allerdings erst ab 10 Uhr, denn die Sechstklässler haben z. B. noch den ersten Teil des erwähnten Evaluierungstestes zu bestehen.

Für die kleineren und größeren Schüler und wahrscheinlich auch für den Großteil der Lehrer ist das ein Grund zur Freude. Raus aus den Klassen, auf zum Stadion und los geht die Feier, selbst wenn auch diesmal keine Sonne am Himmel scheint und es leicht tröpfelt. Die Zehntklässler, die jedes Jahr die „Gastgeber“ also Veranstalter der Feier sind, nehmen Stellung am Stadion zusammen mit ihren Klassenlehrern: Sabina Feldiorean (X. A), Gisella Cioconea (X. B), Liliana Stanciu (X. C) und Ioana Pirău (X. D). Die Schilder mit der buntfarbenen Klassenbezeichnung werden hochgehoben, damit die Schüler wissen, wo sie sich für den Aufmarsch aufstellen müssen. Diesmal ist es nicht eine Wanderung zum üblichen Austragungsort am Langen Rücken in der Schulerau, sondern nur eine Stadionrunde auf einer durchweichten Aschenbahn. Kurz vor vollendeter Runde gibt es für jeden/jede, beginnend mit den Vorschulklassen, je eine Brezel und einen Joghurtbecher samt Plastiklöffelchen. Die Brezel sind an langen Stöcken aneinandergereiht; den Joghurt händigen die Zehntklässler schnell den Vorbeimarschierenden aus.

Es dauert zwar etwas lange, aber die Musik vom Band als Blasmusikersatz versucht eine feierliche Stimmung zu vermitteln. Anfangs war auch ein Live-Trommeln zu hören. Fünf Schüler trommeln auf vier kleinen Trommeln und auf einem als Schlagzeug improvisierten umgekehrten roten Plastikbehälter Rhythmen der Lieder, die einst, in der Zwischenkriegszeit, während des Festumzuges auf den Straßen der Inneren Stadt von Trommlergruppen zu Gehör gebracht wurden. „Tagwache, Honterusmarsch und Michael-Weiß-Marsch“ seien es, sagt eine Schülerin. Ihre Klassenlehrerin ist erleichtert, dass es mit dem Trommeln doch geklappt hat, scheint aber über Anwesenheit und Fragen der Presse leicht irritiert zu sein.

Es scheint, als sollte dieses Honterusfest irgendwie unter Ausschluss der Öffentlichkeit über die Bühne gehen. Eine Bekanntgabe oder Einladung zum nachgefeierten Schulfest hatte es nicht gegeben. Eltern, Großeltern, Gäste sind nicht zu sehen; eine Begrüßung/Ansprache zur Festeröffnung erübrigte sich unter diesen Umständen. Fachschulinspektorin Gabriela Adam vertritt das Kreisschulamt und ist froh, dass das Wetter diesmal das Fest nicht ausschließen kann. Die stellvertretende Schuldirektorin Rodica Dan kommt auch zum Sportplatz und versichert sich, dass alles programmgemäß abläuft. Die Vorsitzende des Elternvereins „Pro Honterus“, Gabriela Proca, spricht von den besonderen Umständen, unter denen diesmal das Schulfest abgehalten werden muss. Sie selber hätte sich bei ihrer Arbeitsstelle freistellen lassen, um dabei zu sein. Das hätten ja auch andere Eltern tun können ...

Inzwischen beginnt ein Fußballspiel auf dem Handballplatz, wo Turnlehrer Hans Tontsch die Tore aufgestellt und vorsorglich, gemeinsam mit seinen Schülern, die größten Wasserpfützen weggefegt hatte. Er und seine Kollegin Rodica Georgescu, zusammen mit den Grundschullehrerinnen sind voll impliziert bei den diversen Sportwettkämpfen, die nun starten sollen. Die jungen Fußballer (diesmal haben die Lehrer verzichtet, gegen eine Schülerelf anzutreten) sind ganz bei der Sache. Selten hatten sie derart viele Zuschauer. Die überdachte Zuschauertribüne ist voll; jedes Tor, jede Torgelegenheit löst dort Jubelschreie oder Rufe der Enttäuschung aus, als werde für einen wichtigen Pokal zwischen zwei Topmannschaften gespielt. Am hinteren Teil des Stadions beginnt ein „Völkerball“-Spiel, wobei zwei Klassen in Vollbesetzung, sowohl Mädchen als auch Jungen, aufeinandertreffen.

Die Kleinsten der Schüler betreten letztendlich auch die betonierte Spielfläche und hüpfen, laufen, springen im Stafettenlauf mit voller Energie unter Anleitung der Sportlehrer oder ihrer Lehrerinnen. Sie wollen spielen und nicht warten – das ist klar. Es gibt Preise zu gewinnen, für jeden Teilnehmer, für jede Klasse. Noch sind diese Preise, mit Ausnahme der Bonbons, die am Zieleinlauf überreicht werden, nicht zu sehen – sie sind im Kofferraum mancher Pkw verstaut, die am Schulhof geparkt sind. Aber den Schülern geht es offensichtlich nicht um Preise und Prämien, sondern um Bewegung, Unterhaltung, gemeinsamen Spaß.

Das alles hat den meisten notgedrungen auch diese Sondervariante des Honterusfestes beschert. Es wirkte zwar improvisiert und forciert, als ob es nolens volens jetzt und nur an diesem Tag stattfinden müsste; es hatte auch seine Mängel und Enttäuschungen, aber es wäre schade gewesen, wenn es wieder geregnet hätte.

Kommentare zu diesem Artikel

Alexander, 12.06 2014, 04:13
Und wie werden wohl die anstehenden Prüfungen ausfallen? Hoffentlich ergeht es der Schule dabei nicht so wie beim Fest.
Traditionen sind ja nett, aber den Reformbedarf sollte man darüber nicht aus den Augen verlieren.

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