„Ruhe“ in labilem Gleichgewicht

Was kostet Russland die annektierte Krim und was verspricht es sich von der Annexion?

Freitag, 04. April 2014

Symbolfoto: sxc.hu

Von Krimtataren und unter dem Reitervolk vereinzelt lebenden blonden Hühnen als „Überreste des Wandervolks der Goten“ oder von Krimsekt und „Urlaub auf der Krim“ hat jeder schon mal gehört und kann ein paar zusätzliche Worte zur Tageskonversation beisteuern. Vielleicht hat man auch noch vage Erinnerungen an Alexei Tolstois unvollendeten Mammutroman über „Peter der Erste“ und die Beschreibung von dessen Eroberungskriegen im südlichen Steppenrussland bis auf die Krim zu Beginn des 18. Jahrhunderts. In der Regel beschränkt sich unser Bildungswissen über die Krim im Wesentlichen auf ungefähr soviel. Deshalb dürfte bei den meisten auch die grimmige Verbissenheit bei der Annexion der Krim durch Russlands Zar Wladimir Putin Verwunderung geweckt haben, zumal man – das ist schon zeitgenössisches Bildungswissen – mit einem Blick auf vergleichende Internetdaten über die Ukraine und Russland unschwer erkennen kann, dass das Einkommen – ergo das Wirtschaftsaufkommen – der Ukrainer (also bis unlängst auch der Bewohner der Krim) etwa ein Drittel von jenem der Russen beträgt und dass die Krim in fataler Weise abhängig ist von der Ukraine.

Wer wird 2014 Krimtourist?

Fazit: Die reichen Russen wollen trotzdem unbedingt die armen Krimbewohner an ihrer Seite  haben – auch wenn Reichtum immer relativ zu sehen ist... . Warum wohl?
Als einziger wirklich einkommensträchtiger Wirtschaftszweig der Krim gilt der Tourismus mit seinen mehr als sechs Millionen Krimbesuchern pro Jahr – rund dreimal mehr, als die Krim insgesamt Einwohner hat. Nur – und schon kommt das ABER – rund 70 Prozent dieser Besucher waren bis dato Ukrainer, denen jetzt der Boden der Krim unter den Füßen bestimmt zu heiß sein wird. Der Putin nahestehende TV-Sender „Russia Today“ meint zwar, dass das Ausbleiben der Touristen aus der Ukraine leicht von patriotischen Russen kompensiert wird, die zudem bereit sind, im Urlaub mehr Geld auszugeben als ukrainische Touristen – derselbe Sender gibt aber auch in einem Nebensatz zu bedenken, dass Touristenströme weder leicht zu lenken und noch schwieriger umzulenken sind. Trotzdem, oder gerade deswegen, wird 2014 von einem Abnehmen der Touristenzahlen um rund 30 Prozent – das sind etwa 1,8 Millionen Gäste – ausgegangen. Vom Bruttoinlandsprodukt (BIP) der Krim (4,3 Milliarden Dollar) macht der Tourismus nach konventionellen Angaben etwa sechs Prozent aus. Ein drittes Aber kommt durch die Tatsache, dass der Tourismus auf der Krim ein „Cash-Tourismus“ ist, ein Handgeld-Tourismus, wo wegen der nahezu ausschließlichen Bargeldzahlungen fast alles am Fiskus vorbeigeht – trotz der Tatsache, dass die Ukraine für die Halbinsel für die Bereiche Tourismus und Landwirtschaft das Sonderregime des Nichtbesteuerns eingeführt hat. So muss man ehrlicherweise sagen: Keiner weiß so ganz genau, wie viele Touristen jährlich kommen und wie viel Geld sie auf der Krim lassen... . Deshalb spricht man von obigen „konventionellen Angaben“.

Vors internationale Schiedsgericht

Ansonsten sind grundsätzlich nur Abhängigkeiten vom ukrainischen Festland zu entdecken, am wohl schlimmsten jene von der Trinkwasserzufuhr, die über einen Kanal geschieht, der vom Dnjestr abgezweigt wird. Die Schleusen können jederzeit geschlossen werden...
Trotzdem: Die fieberhafte Suche des vergangenen Jahrzehnts nach fossilen Roh- und Brennstoffen führte zur Entdeckung des Gasfelds Skifska im Schwarzen Meer, mit geschätzten 200-250 Milliarden Kubikmeter Erdgas. Schätzwert: 90 Milliarden Dollar. Wieder ein Aber: Rechtlich gehört das Gasfeld der Ukraine. Da wird es wohl, das wissen selbst die Russen (und geben es sogar öffentlich zu!), zu einem internationalen Schiedsspruch darüber kommen müssen. Und das andere, vielleicht schwerwiegendere Aber, bevor Russland dieses Gasfeld auszubeuten vermag: Die Technologie dazu muss von westlichen Firmen gekauft werden. Den internationalen Usancen gemäß wird die russische Kaufabsicht wahrscheinlich an ein politisches Entgegenkommen Russlands gegenüber dem Abendland gebunden werden. Unter Privatleuten nennt man das Erpressung, aber keiner hat bislang nachgezählt, wie viele internationale Erpressungen im Annexionsprozess der Krim durch Russland aktiv sind.
Exxon Mobil und Royal Dutch Shell haben mit der Ukraine einen Milliarden-Dollar-Vertrag über die Nutzung des von ihnen aufgrund der Prospektions- und Schürfrechte georteten Gasfelds Skifska vereinbart. Das Festhalten daran der beide Unternehmen und der Ukraine werden so leicht und billig nicht zu lösen sein. Die Ukraine wird sich wohl ein zweites Mal nicht vom russischen Bären überrumpeln lassen.

Moskau lässt sich die Krim was kosten

Mit Sicherheit haben die russischen Strategen an die wirtschaftlichen Vorteile gedacht, welche die völkerrechtswidrige Annexion der Krim ihrem Mütterchen Russland bringen könnte. Aber auch an die Kosten mussten und müssen sie denken, die Russland aufbringen muss, um die Abnabelung der Krim von der Ukraine und die Annabelung an Russland zu vollziehen. Denn bei aller Euphorie aller Russophonen und auch Russophilen: billig kommt die Krim Russland nicht zu stehen. Über den Daumen gepeilt dürfte laut „Russia Today“ die Gesundung der Wirtschaft auf der Krim mindestens eine Milliarde Dollar pro Jahr kosten. Mindestens ein Jahrzehnt lang. Momentan produziert die Krim gerade mal so viel Erdgas, wie sie auch verbraucht. Wenig. Sie könnte auch jährlich sieben Millionen Tonnen Erdöl fördern und verfügt auch über die Förderkapazitäten dazu – das ist mehr als Rumänien fördert. Aber sie hat überhaupt keine Verarbeitungskapazitäten. Faktisch produzierte die Krim zur Stunde der Annexion durch Russland geschätzte 10-20 Prozent ihres Eigenbedarfs an Energie – den Rest lieferte bis zu jenem Zeitpunkt die Ukraine. Obwohl eine Halbinsel im Schwarzen Meer, wird die Krim klimatisch vom trockenen Festlandklima Russlands beherrscht.

Das Wasser für die Landwirtschaft (sie liefert 10 Prozent des Bruttoinlandsprodukts BIP) kommt über denselben Kanal, der vom Dnjestr abgezweigt ist und der auch 80 Prozent des Wassers für die zwei Millionen Krim-Bewohner liefert. Was die Erdgasleitungen der Gazprom für die Ukraine darstellen, das ist dieser Kanal für die Krim: Er ist das Zeichen einer fatalen Abhängigkeit. Und der Schlüssel zur Fruchtbarkeit. Auch in diesem Bereich muss sich Russland entweder mit einer verwundeten, erbosten und frustrierten Ukraine an den Verhandlungstisch setzen oder schnell Abhilfe mittels Großinvestitionen schaffen. Die aber ihre Zeit brauchen. Ein Kompromiss könnte so aussehen: Gas von Gazprom über die existierenden Pipelines für die Ukraine, Energie und Wasser aus der Ukraine für die ansonsten kollabierende Krim, über die bisher benutzten Kanäle. Der finanzielle Dringlichkeitsbedarf der Krim-Wirtschaft wird von „Russia Today“ auf eine Milliarde Dollar beziffert, der kurzfristige Bedarf zur Gesundung der Wirtschaft laut Russlands Premierminister Dmitri Medwedew auf fünf Milliarden Dollar – die er inzwischen dem Interimspremier der Sezessionsrepublik der Krim auch versprochen hat. Für Zar Wladimir dürfte das alles mit einem einzigen Wort zu erledigen sein: Dawaj!

Schlüsselfrage Energie

Weitere 16 Prozent des BIP liefern der Bergbau und die verarbeitende – vor allem die Chemie-Industrie. Beides sind aber Zweige, die zu zwei Dritteln von der Energie aus der Ukraine abhängen, die wohl als Druckmittel eingesetzt werden wird, ähnlich wie es Russland beim Erpressen der Abnehmerländer für Erdgas immer dann tut, wenn es etwas nur ihm Genehmes durchsetzen will. Manche Beobachter prognostizieren, dass sich eine aufsteigende Preisspirale der Energie in diesem Raum als Folge der Krim-Annexion abzeichnet. Russland hat angekündigt, binnen einer Dreijahresfrist drei Erdgaskraftwerke auf der Krim zu bauen, um deren Energieproblem zu lösen. Kostenpunkt: 1,8 Milliarden Dollar. Zwischendurch sollen auch die Stromverbindungen mit den Überlandleitungen Südrusslands hergestellt werden. Die Krim brauchte bisher aus der Ukraine eine 70-prozentige Finanzierung ihres öffentlichen Haushalts. Dies, obwohl sie ein Sonderregime hatte und alle Eigeneinnahmen der Halbinsel auf der Krim verbleiben durften, also erst gar nicht in den großen Umverteilungstopf nach Kiew kamen. Die Renten wurden voll und ganz aus der Zentralkasse in Kiew bezahlt – obwohl an Kiew aus der Krim nur 24 Prozent der einbehaltenen Rentenbeiträge überwiesen wurden. Alles in allem muss Moskau mit monatlichen Unterhaltskosten für die frisch geschluckte Sezessionsrepublik von mindestens 100 Millionen Dollar rechnen, meinen Verwaltungs- und Wirtschaftsexperten. Und all das gilt, wenn der „neue Kalte Krieg“ keine Eigendynamik entwickelt und sich unmerklich aufwärmt. Denn die Gärungsherde rund um den russischen Bären – Transnistrien, Gagausien, Nordossetien, Abchasien, Nagorno Karabach, die Krim und der russophone Osten der Ukraine – „ruhen“ in einem sehr labilen Gleichgewicht.

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