Rumänien im Vergleich zu anderen osteuropäischen Ländern

Gheorghe Iacob über Rumänien in der Epoche der Modernisierung (1859 - 1939)

Sonntag, 11. November 2018

Das Buch von Gheorghe Iacob „Rumänien in der Epoche der Modernisierung (1859 - 1939)” erschien 2014 im Universitätsverlag in Jassy/Iași auf Rumänisch und liegt in einer guten Übersetzung von Larissa Schippel vor. Bisher gab es keine neuere Analyse zu diesem wichtigen Thema. Der Autor setzt sich das Ziel, die Modernisierung Rumäniens im Vergleich zu anderen osteuropäischen Staaten darzustellen. Die meisten seiner zehn Kapitel behandeln die Entwicklung nach 1918, weil die Industrialisierung vor allem in diesen Zeitabschnitt fällt. In der Zwischenkriegszeit beschleunigte sich der Prozess der Modernisierung durch die Vereinigung Altrumäniens mit industriellen Zentren in Siebenbürgen. Nach einem knappen Überblick zum aktuellen Forschungsstand, geht der Autor auf die rumänischen Debatten um die Ziele und Wege der Modernisierung seit Mitte des 19. Jahrhunderts ein. Alexandru Ion Cuza legte nach seiner gleichzeitigen Wahl im Jahr 1859 zum Fürsten der osmanischen Moldau und der Walachei die Grundlagen für die Entstehung des rumänischen Staates. Der Aufbau des Staatsapparates wurde größtenteils durch die Säkularisierung des Eigentums von orthodoxen Klöstern, die griechischen oder nahöstlichen Patriarchien unterstanden, finanziert. Deren Enteignung hatten die rumänischen Großgrundbesitzer zugestimmt, die damals die wichtigste politische Kraft waren. Die Entlastung der Fronbauern mittels des 1864 verabschiedeten Agrargesetzes konnte Cuza aber nicht durchführen, weil er 1866 durch König Karl I. ersetzt wurde. Der stammte aus der Hohenzollern-Dynastie und gewährleistete die Unterstützung des neuen Staates durch Bismarck und Napoleon III.

Die rumänische Armee beteiligte sich 1877 an der Seite russischer Einheiten am Krieg gegen die Osmanen. Die Großmächte akzeptierten 1881 die Unabhängigkeit des Königreichs Rumänien. Seit 1883 hatte Rumänien ein Bündnis mit Deutschland und Österreich-Ungarn, dieses zerbrach nach Beginn des Ersten Weltkrieges. Rumänien trat im August 1916 an der Seite der Entente in den Krieg ein, um die Habsburger Gebiete Transsylvanien und die Bukowina zu erringen. Vor 1918 war die Modernisierung in Rumänien nur langsam vorangekommen, vor allem weil die Agrarreform am Widerstand der Großgrundbesitzer gescheitert war.

Mit der Verdopplung des Staatsterritoriums erhielt Rumänien Ende 1918 Gebiete mit einer aktiven Bauernschicht, welche eine radikale Agrarreform einforderte. Sie wurde 1921 vom Parlament verabschiedet. 1919 wurde auch das allgemeine Wahlrecht (für Männer) eingeführt. Da die meisten Juden im rumänischen Altreich bis dahin Staatenlose waren, jedoch diejenigen in den Habsburger Gebieten seit 1867 volle Bürgerrechte besaßen, drängte die Entente 1919 bei der Friedenskonferenz auf die Gleichbehandlung der ethnischen Minderheiten, die 30 Prozent der Bevölkerung ausmachten. In der Verfassung von 1923 wurde ihre Gleichstellung verankert. Iacob betont, dass der Parlamentarismus zur Demokratisierung beigetragen habe, obwohl das Wahlgesetz von 1926 der stärksten Partei eine „Wahlprämie” an zusätzlichen Sitzen gewährte.

In der Zwischenkriegszeit schritt die Industrialisierung schnell voran, es wurden vor allem Lebensmittel, Holz und Metall verarbeitet. Besonders stark nahm der Export von Erdöl, Getreide und Holz zu. Der Autor verzeichnet auch einige Defizite, wie etwa die geringe Produktivität in der Landwirtschaft. Geld für die Anschaffung von Maschinen hatten nur sehr wenige Bauern. 78 Prozent der Gesamtbevölkerung lebte am Land. Ein Drittel der Bauern hatte weniger Boden als 5 Hektar, wodurch viele Subsistenzwirtschaft betrieben. Die meisten ernährten sich größtenteils vom Maisanbau. Die ärztliche Versorgung am Land war unzureichend, wodurch die Kindersterblichkeit höher war als in Ungarn, Bulgarien und Jugoslawien. Viele Bauernkinder waren unterernährt, die Lebenserwartung war insgesamt gering. Der Analphabetismus ging nach 1918 etwas zurück, weil er in den Habsburger Gebieten geringer war als in Altrumänien. Zwar stieg der Schulbesuch an, aber viele Kinder mussten in der Landwirtschaft arbeiten. 1930 konnten nur 57 Prozent der Bevölkerung lesen. In Bulgarien waren es bereits 60,3 Prozent und in Ungarn 84,8 Prozent. Die Abwanderung vom Land schritt nicht schnell voran, weil es zu wenige Arbeitsplätze in den Städten gab. Von den über 14 Millionen Einwohnern waren 1930 nur 920.825 in der Industrie und im Verkehrswesen beschäftigt. Gut lebten außer den Eliten auch die 250.000 Angestellten in Ministerien, die mit ihren Familienangehörigen etwa eine Million Personen versorgten.

Zusammenfassend stellt der Autor fest, dass durch den Prozess der Urbanisierung die Mehrheit der Bevölkerung in der Zwischenkriegszeit besser als davor lebte. Nur etwa ein Drittel der Bevölkerung hatte ein sehr niedriges Einkommen.Während Iacob mit sehr vielen Tabellen Gemeinsamkeiten mit anderen osteuropäischen Staaten belegt, bleibt seine Darstellung der Besonderheiten Rumäniens stellenweise an der Oberfläche. Für die Zeit vor 1918 hebt er den ökonomischen Druck der Großmächte hervor, der habe die schnelle Industrialisierung behindert. Die Ablehnung bestimmter finanzieller Beteiligungen aus dem Ausland führt er nicht auf den Kontrollanspruch der rumänischen Bourgeoisie zurück, sondern zitiert aus populistischen Reden von damaligen Politikern, dass Rumänien keine Kolonie werden sollte. Iacob erwähnt zwar, dass die starke Nationalliberale Partei das protektionistische Konzept „durch uns selbst” vertrat. Sie förderte mit Zollschranken die nationale Industrie, wodurch viele technische Geräte und Maschinen sehr teuer blieben. Der Autor bringt aber den geringen Einsatz von Traktoren und die niedrige Produktivität in der Landwirtschaft nicht in Zusammenhang mit dieser Politik. Das Problem der Korruption spricht er nur kurz an und deutet den „Klientelismus” als Erbe der balkanischen Einflüsse.

Laut Iacob hätten die Gruppenmentalitäten gelegentlich eine Bremse der Modernisierung dargestellt. Er führt nicht an, dass nach 1918 die Bukarester Ministerien mit dem zentralstaatlichen Konzept die dezentralen Organisationsformen in den neu angeschlossenen Gebieten marginalisiert hatten. So wurde etwa das erfolgreiche ländliche Genossenschaftswesen der deutschen und jüdischen Minderheit behindert, statt es als Vorbild zu nutzen. Der Autor erwähnt nicht, dass durch Gesetze wie das zur nationalen Arbeit von 1934 Unternehmern der nationalen Minderheiten vorgeschrieben wurde, einen bestimmten Anteil Rumänen einzustellen, obwohl diese oft nicht ausreichend qualifiziert waren. Die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise nach 1929 werden nicht untersucht. Damals waren breite Schichten der Bevölkerung verarmt und rechtsradikale Strömungen erhielten großen Zulauf. Iacob analysiert nicht, welche Kräfte 1938 den König dazu veranlassten, das Parlament aufzulösen und die Tätigkeit der Parteien zu verbieten. Das Buch ist als Einstieg in die Beschäftigung mit der politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung Rumäniens geeignet.

Gheorghe Iacob: „Rumänien in der Epoche der Modernisierung (1859-1939)“, Wien: New Academic Press, Reihe Blickpunkt Rumänien, 2018, 259 S., ISBN 978-3-7003-2061-6

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