„Rumänien lag mir von allen osteuropäischen Staaten schon sehr früh am Herzen“

Interview mit Dr. Peter Nadig, Mitbegründer der Klinik für Herz- und Kreislaufmedizin Inimed 360° und langjähriger Leiter der Region Österreich/Südosteuropa der REHAU Gruppe

Mittwoch, 19. März 2014

Der Schweizer Geschäftsmann Dr. Peter Nadig hat zu Beginn des Jahres zusammen mit Dr. med. Gabriela Cozmanciuc, einer bekannten Bukarester Herz- und Gefäßchirurgin, eine Klinik in Bukarest eröffnet, in der die Patienten von der Prävention über die Stellung der Diagnose und Behandlung bis hin zur Rehabilitation aus einer Hand betreut werden. In dem von der ADZ-Redakteurin Dagmar Schneider geführten Interview erzählt Dr. Peter Nadig, wie es dazu kam, in diesen Bereich einzusteigen, und über seine bisher hierzulande gesammelten Erfahrungen.

Als früherer Leiter für das Südosteuropageschäft des bekannten Polymerverarbeiters REHAU kennen Sie Rumänien schon seit längerem. Wie fing alles an?

Das ist eine längere Geschichte. Nach meinem betriebswirtschaftlichen Studium und der Promotion in der Schweiz 1993, habe ich meine Berufslaufbahn in Deutschland bei der REHAU AG begonnen, dem bekannten Kunststoffverarbeiter und Anbieter für Polymerlösungen. Dort war ich Assistent der Geschäftsleitung. Schon bald wurde ich in die Schweiz zurückberufen und arbeitete von 1995 bis 2001 als persönlicher Assistent des Eigentümers und als Sekretär des Verwaltungsrates. Als die osteuropäischen Märkte im Wachsen waren, wurde ich 2001 Geschäftsführer für das Gebiet Österreich und Südosteuropa mit Sitz in Guntramsdorf bei Wien. Meine Aufgabe war der strukturierte und nachhaltige Aufbau dieser Märkte. Damals hatten wir in Bukarest ein kleines Verkaufsbüro und eines in Klausenburg. 2002 wurde die neue Rumänien-Zentrale mit Logistikzentrum in Tunari an der heutigen Bukarester Umgehungsstraße eingeweiht und 2005 ein weiteres Verkaufsbüro und Logistikzentrum in Klausenburg. Zusätzliche Vertriebsbüros in Temeswar und Bacău kamen hinzu. In Heltau bei Hermannstadt wurde 2003 eine Halle angemietet und mit der Rohrproduktion begonnen. REHAU hatte dort in der Folge auch ein Grundstück gekauft und man plante eine größere Fabrik zu errichten, was aber, bedingt durch die Krise, nicht mehr zustande kam. So bin ich jährlich fünf bis zehn Mal in Rumänien gewesen und von all den rund 20 Ländern, wo ich beruflich tätig war, ist mir Rumänien sehr früh ans Herz gewachsen. Einerseits war es geschäftlich attraktiv hier. Als Beispiel hatten wir in den Boomjahren einen Umsatz von 50 Millionen Euro in Rumänien. Andererseits finde ich die Menschen sehr nett, warm und gastfreundlich und fühle mich in deren Gesellschaft wohl.

Hatten Sie, abgesehen von den geschäftlichen Reisen, auch private Beziehungen zum Land?

In der Zeit meiner Dienstreisen nach Rumänien ist auch eine enge Kooperation mit der deutschen Abteilung der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Babeş-Bólyai-Universität in Klausenburg entstanden. Hier möchte ich den Prorektor, Herrn Dr. Rudolf Gräf nennen, mit dem ich zu der Zeit schon Kontakt hatte. Für gute betriebswirtschaftliche Arbeiten wurde der  REHAU-Preis an Studierende erstmals 2004 vergeben, dessen Schirmherrschaft von 2004 bis 2009 Hermannstadts Bürgermeister Klaus Johannis freundlicherweise übernommen hatte, selber ein Absolvent der Universität Klausenburg. Mir wurde 2008 aufgrund meines  Engagement die Ehre erteilt, als Honorarprofessor berufen zu werden. Darüber habe ich mich ausgesprochen gefreut und bin heute noch sehr stolz darauf. Auch jetzt halte ich einmal im Jahr Vorlesungen als Gastprofessor im Fach Personalmanagement und lege großen Wert auf den Austausch von Informationen, Wissen und Studienaufenthalte der Studenten außerhalb des Landes und finde es erstaunlich, wie qualifiziert, fleißig und motiviert die Studierenden in Klausenburg sind.

Dies erwähne ich hier, weil wir in der neu gegründeten Klinik ein ähnliches Konzept haben; wir bringen Ärzte aus Frankreich und anderen Ländern hierher, die nicht nur Patienten behandeln, sondern sich auch mit hiesigen Ärzten fachlich austauschen und gemeinsam operieren. Auch unsere Ärzte entsenden wir zwecks Fortbildung in ausgewählte Kliniken nach Frankreich, wo ihnen Mentoren zur Seite stehen.
Erwähnen möchte ich auch die freundschaftliche Atmosphäre, die mir in Hermannstadt seit 2002 begegnet ist und dann speziell auch als die Stadt 2007 Kulturhauptstadt Europas war. Damals wurde ein Art Campus von REHAU organisiert mit 10 jungen rumänischen Künstlern, eine Woche lang in der Sommerresidenz Brukenthals in Freck/Avrig mit einer Jury, in der auch Hermannstadts Bürgermeister Klaus Johannis vertreten war.

Wie kam es dazu, dass Sie sich nun auch privat hier niedergelassen haben?

Nach 16-jähriger Betriebszugehörigkeit bei REHAU, in denen ich von 2007 bis 2009 auch im Gruppenvorstand tätig war, überlegte ich mir, ob ich die restlichen Jahre weiterhin mit vielen Dienstreisen und der enormen Belastungen verbringen möchte, und entschied mich dann, diese Aufgabe aufzugeben und gründete mit Partnern eine Firma in Österreich und eine Immobilienfirma in der Schweiz. Der Zufall wollte es, dass ich in der Schweiz dann meine jetzige Partnerin, Frau Dr. Cozmanciuc, traf. Sie hatte acht Jahre an renommierten Krankenhäusern in Paris, London und Mailand gearbeitet und war davor viele Jahre im Fundeni-Krankenhaus in Bukarest tätig. In Gesprächen mit ihr entstand die Idee, eine eigene Klinik in Bukarest zu gründen.

Die Entscheidung, in eine Einrichtung wie diese zu investieren, setzt gründliche Überlegungen voraus. Wie sind Sie dabei vorgegangen?

Aus geschäftlicher Sicht ist es wichtig, erstmals einen Bedarf zu haben, der danach gedeckt werden kann und schlussendlich muss auch ein Abnehmermarkt vorhanden sein, der wiederum eine gute Vermarktung voraussetzt. Wir haben anhand von Statistiken aus den Jahren 2008-2010 gesehen, dass von allen Todesfällen in Rumänien rund 60 Prozent auf Herz- und Kreislaufversagen zurückzuführen sind. Das sind ca. 160.000 Personen pro Jahr. Der Durchschnitt in Westeuropa liegt bei 30 Prozent. Das heißt, in Rumänien sterben durchschnittlich doppelt so viele Menschen an dieser Pathologie als in Westeuropa. Auch das Durchschnittsalter bei Herzinfarkten in Rumänien ist mit 42 Jahren verglichen zu 50 Jahren in Westeuropa deutlich niedriger. Hinzu kommen jährlich ca. 700.000 dokumentierte, neue Fälle, die in irgendeiner Weise Probleme mit dem Kreislauf oder dem Herzen haben.

Eine andere Statistik zeigt die Zahl der chirurgischen Eingriffe am Herzen. In Rumänien werden jährlich rund 3500 bis 4000 Operationen dieser Art durchgeführt. Nehmen wir eine weitere Statistik zum Vergleich, die besagt, dass in Frankreich etwa jährlich 700 Personen von einer Million am Herzen operiert werden. Hochgerechnet auf Rumänien mit einer Einwohnerzahl von 20 Millionen, würde das bedeuten, dass 14.000 bis 24.000 Patienten jährlich chirurgisch behandelt werden müssten. Insgesamt gesehen, gibt es einen riesigen Bedarf, und da spreche ich nicht nur von Operationen und medizinischen Behandlungen. Insbesondere die Prävention und Aufklärung ist absolut wichtig, aber eigentlich praktisch völlig vernachlässigt hierzulande. Vielen ist die periodische Inspektion ihres Autos wichtiger als eine Vorsorgeuntersuchung und erst wenn sich die Situation verschlechtert, kommen sie, oft viel zu spät zum Arzt. Auch die vielen Risikofaktoren, zum Beispiel Rauchen, wenig Bewegung/Sport, falsche Essgewohnheiten usw. werden kaum beachtet. Darum sagen wir, es gibt rein von der Marktseite her, einen riesigen Bedarf. So empfehlen wir jedem Mann mit 40 und jeder Frau mit 45 Jahren in Rumänien eine kardiologische Vorsorgeuntersuchen durchzuführen. Vorsorgeuntersuchungen können gewaltige finanzielle und soziale Folgekosten vorbeugen.

Private Kliniken gibt es in Bukarest sehr viele. Inwieweit unterscheidet sich Inimed 360° von den anderen Kliniken?

Es gibt zwar viele private Kliniken, aber ganz wenige mit unserer Spezialität in der Herz- und Kreislaufmedizin. Ich behaupte auch, wir sind einzigartig aufgrund unseres gemischten Teams und die Herangehensweise an unsere Patienten. In unserer Klinik werden die Patienten über die gesamte Zeitspanne eines Krankheitsverlaufes betreut. Das Leistungsspektrum beginnt bei der Prävention und setzt sich auch nach einer Therapie oder einem chirurgischen Eingriff fort, mit Rehamaßnahmen und Beratung. Wir erklären und besprechen die Befunde mit unseren Patienten, zeigen Lösungsvorschläge auf und entscheiden gemeinsam über allfällige Behandlungen. Für medizinische Probleme, die nicht in unser Fachgebiet fallen, empfehlen wir Partnerärzte.

Die Klinik deckt drei Bereiche ab. Der eine ist die komplette Diagnostik und Prävention. Wir haben Kardiologen, Ultraschallexperten, Diabetologen, Neurologen, welche die Patienten eingehend untersuchen, und wir haben für die Erstellung des Blutbildes und sonstige Analysen eine strategische Zusammenarbeit mit der deutschen Diagnostik-Gruppe „Synlab“ vereinbart. Der zweite Bereich befasst sich mit der Behandlung der Patienten, sprich der medizinischen Behandlung, also medikamentös, Ernährungsberatung, Umstellung der Lebensgewohnheiten usw. Die chirurgischen Eingriffe zählen hier auch dazu. Unsere Einrichtung verfügt über einen kleinen Operationssaal für tageschirurgische Eingriffe, bei denen, als Beispiel, Venenleiden mit einer speziellen Methode behandelt werden, die nur wir in Rumänien durchführen und der Patient nach wenigen Stunden das Krankenhaus verlassen darf. Für größere Fälle gibt es die Variante, in privaten Partnerkliniken in Bukarest deren Operationssäle und Infrastruktur anzumieten und den Eingriff vom Inimed-Team durchzuführen. Schwierige herzchirurgische Eingriffe können zurzeit nur in Pariser Kliniken durchgeführt werden. Diesbezüglich laufen aber Kooperationsgespräche mit hiesigen Krankenhäusern, um dieses Segment auch abdecken zu können. Als dritten Bereich erwähne ich die postoperative Behandlung, zu der regelmäßige Untersuchungen sowie individuelle  medizinische Beratungen und physiotherapeutische Behandlung zählen.

Welches sind nun die weiteren Schritte nach der Klinikeröffnung?

Wir versuchen, mit verschiedenen Kliniken zu kooperieren, und sind mit einem öffentlichen Krankenhaus in Bukarest im Gespräch, um eine öffentlich-private Partnerschaft zu vereinbaren, wo das Ganze gemeinsam getragen wird – dann könnte man hochwertige Medizin noch günstiger anbieten, als wir es in einer rein privaten Klinik machen können. Das ist aber ein komplexes Projekt, wo es gilt, zahlreiche unterschiedliche Interessen unter einen Hut zu bringen.

Obwohl Sie seit 13 Jahren hin und wieder und seit einem Jahr nun vorwiegend in Bukarest wohnen, sprechen Sie englisch mit der Belegschaft der Klinik. Wäre das nicht  eine persönliche Herausforderung, die Landessprache zu lernen?

Eigentlich verstehe ich recht gut die Sprache und habe kaum Schwierigkeiten, in Rumänisch zu lesen, aber das Sprechen ist noch nicht so perfekt, das muss ich noch üben. In der Ostschweiz, von wo ich herkomme, genauer gesagt in Graubünden, gibt es eine Sprache, die eine Mischung aus Latein und Keltisch ist. Es ist das sogenannte Rätoromanisch, welches die vierte offizielle Landessprache in der Schweiz ist. Zu meiner Zeit wurde ausschließlich Romanisch in den drei ersten Schuljahren gesprochen und geschrieben und erst danach wurde Deutsch gelernt. Rätoromanisch ist sehr ähnlich mit Rumänisch, es gibt viele gemeinsame Wortstämme, die sich nur durch die Aussprache unterscheiden. Die Grammatik ist eine andere. Für mich ist es nur eine Frage des konsequenten Übens.

Welches sind, aus Ihrer Sicht, die Unterschiede zwischen der Schweiz und Rumänien im geschäftlichen Umfeld und was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Wichtigstes Prinzip ist, man muss flexibel sein, man muss sich auf die Verhältnisse im fremden Land einstellen. Sicher gibt es Mentalitätsunterschiede, die bekannt sind und an die man sich gewöhnen muss. Man muss sehr genau schauen und hinterfragen, mit wem man sich einlässt in geschäftlichen Dingen. Aber auf der anderen Seite kann man auch vieles lernen in Sachen Kreativität, Flexibilität, dem Umgang mit Menschen, da die Rumänen oft spontaner, offener und intuitiver sind. Für die Zukunft hoffen wir, dass sich unsere Klinik stetig und nachhaltig entwickelt und dass es ein Erfolg wird. Die Voraussetzungen sind ja gegeben mit dem qualifizierten und engagierten 20-köpfigen Team. Und wenn das Ganze sich mal selber trägt, haben wir vor, eine Art Akademie zu gründen, wo wir regelmäßig Ärzte einladen, interessante Fälle präsentieren und den Gedankenaustausch pflegen – eine Art medizinisches Kolloquium auf hohem Niveau. Privat wünsche ich mir – wie auch allen Menschen – Gesundheit, Liebe, Harmonie und Glück. Ein wenig Glück gepaart mit Zufall muss immer dabei sein, damit manche Wünsche auch in Erfüllung gehen können, auch bezüglich dieses Vorhabens.

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