Rumänien, Land der Mythen und Sagen

Einheimische erzählen von Märzchen, Pascha-Söhnen und Teufelswetten

Freitag, 01. März 2013

Das rumänische Märzchen ist die weiß-rote Schnur, die Frauen in Rumänien in der ersten Märzhälfte tragen. Foto: Zoltán Pázmány

Die Sage um den „Ochiul Beiului“-See berichtet von einer verbotenen Liebe zwischen einem Türken und einer Walachin. Foto: Ana Sălişte

Baba Caia – der Felsen in der Donau erzählt die Geschichte eines Streites zwischen Saturn und seiner Frau Gaia. Foto: Zoltán Pázmány

Der Beuşniţa-Wasserfall ähnelt einem Brautschleier. Laut Sage soll es der Schleier der ermordeten Hirtentochter gewesen sein. Foto: banaterra.eu

Einst war die Sonne als junges Fräulein auf die Erde herabgestiegen. Sie blieb aber nicht lange hier, denn ein böser Drache fasste sie und schloss sie in seiner Burg ein. Die ganze Welt verfiel in Dunkelheit, die Menschen waren traurig und die Kinder vergaßen das Spielen. Ein tapferer junger Mann beobachtete, was ohne Sonne auf der Erde los war. Er beschloss, den Drachen zu bekämpfen und das Mädchen zu befreien. Das tat er dann auch. Er schaffte es, den Drachen zu bezwingen und die Sonne wieder in Freiheit zu setzen. Infolge des Kampfs hatte er aber schwere Wunden erlitten und lag im Sterben in der Drachenburg. Sein Blut floss über den Schnee und färbte ihn rot.

An dieser Stelle sprossen die ersten Frühlingsboten – die Schneeglöckchen. Seitdem wird die Erinnerung an den mutigen jungen Mann, der die Sonne befreit hat, gewahrt. Die Menschen binden jedes Jahr im Frühling die Schneeglöckchen mit einer roten Schnur – ein Symbol der Tapferkeit und des Frühlingsbeginns.

So lautet eine der Legenden, die um das traditionelle rumänische Märzchen/mărţişor kreisen. Heute, am 1. März, werden rumänienweit, aber auch in Bulgarien und in der Republik Moldau, Märzchen verschenkt. Das eigentliche Märzchen ist die weiß-rote Schnur, die gewöhnlich an ein kleines Anhängsel gebunden wird. Frauen und Mädchen tragen die farbenfrohen Märzchen mit Stolz an ihrer Brust, denn diese gelten auch als Glücksbringer.

An vielen Orten in Rumänien werden vom 1. bis 8. März Frühlingsmärkte veranstaltet, auf denen Märzchen und Frühlingsblumen verkauft werden. So auch in Temeswar/Timişoara. Der Markt wurde am Montag in der Innenstadt eröffnet und erfreut sich täglich zahlreicher Besucher. Ungefähr 200 Märzchen-Verkäufer stellen hier ihre Ware zur Schau, unter ihnen auch einige Künstler, die handgefertigte Märzchen anbieten. Von den Händlern bekommen Touristen die Märzchen-Sage erzählt. Dass dabei jeder Verkäufer seine eigene Variante zum Besten gibt, ist selbstverständlich.

Die walachisch-türkische Liebesgeschichte

Rumänien ist das Land der Mythen, Sagen und Legenden schlechthin. Zahlreiche Sehenswürdigkeiten werden mit alten Geschichten in Verbindung gebracht, die die Einheimischen meist sehr spannend erzählen können. Auch das Banat hat seine Sagen, die manch Reisenden mit offenem Mund staunen lassen. Ein Spaziergang durch die Nera-Klamm ebnet den Weg für eine Geschichte, die die Entstehung des azurblauen Sees „Ochiul Beiului“ (deutsch: das Auge des Bey) erklärt. Ein Bey, der Sohn eines osmanischen Pascha, ein junger Mann von außerordentlicher Schönheit, ging in dieser Gegend auf die Jagd.

Hier traf er die Tochter eines walachischen Schafhirten, in die er sich Hals über Kopf verliebte. Daraus entwickelte sich eine Liebesbeziehung, die jedoch eines Tages bis zu den Ohren des alten Paschas drang. Um dieser Liaison ein Ende zu setzen, verordnete der Türke die Tötung des Mädchens. Als der Bey seine tote Geliebte auffand, vergoss er bittere Tränen und nahm sich schließlich selbst das Leben. Aus diesen Tränen soll der See „Ochiul Beiului“ mit kristallklarem Wasser, inmitten einer noch unberührten Natur, entstanden sein. Nicht weit davon entfernt befindet sich der Beuşniţa-Wasserfall, der einem Brautschleier ähnlich sieht. Man sagt, es sei der Brautschleier der jungen Hirtentochter, die der Pascha zu ermorden angeordnet hatte.

Die Wette mit dem Teufel

Wer gern Geschichten hört, der kann sich in der Nera-Klamm einiges erzählen lassen. Allein schon die Namen der Naturdenkmäler (wir befinden uns im Naturpark Nera-Quellen – Beuşniţa-Wasserfälle) lassen erkennen, dass dahinter spannende Sagen stecken könnten. Der Teufelssee, Lacul Dracului im Locvei-Gebirge, steht ebenfalls mit einer Sage in Verbindung.

Ein Hirte, der am Ufer des Sees seine Ziegen weidete, sah plötzlich, wie eine Hand mit einem Fisch aus dem Wasser ragte. Eine Stimme sprach befehlend: „Hirte, brate mir diesen Fisch, aber so, dass er durch die Glut nicht gekrümmt wird“. Der Hirte wusste nicht, wie er das vollbringen sollte, denn schließlich wird jeder gebratene Fisch krumm. Dann schlug er einer Ziege den Kopf ab und sagte: „Und du, brate mir diesen Kopf so, damit er in der Glut nicht grinst“.

Im Feuer wird das Fleisch runzlig und die Zähne kommen zum Vorschein. Der Hirte nahm den Fisch, steckte ihn auf den Spieß der Länge nach und schaffte es, ihn so zu braten, dass er nicht krumm wurde. Doch der Teufel versuchte vergebens, den Ziegenkopf zu braten, damit die Zähne nicht zum Vorschein kommen. Voller Wut, dass er die Wette verloren hatte, sprang der Teufel in den See und zeigte sich nie wieder. Seitdem trägt der See den Namen „Lacul Dracului“. Die Einheimischen sagen, dass der See keinen Grund hat und raten den Touristen davon ab, in dem See zu baden. Viele sollen dabei schon ertrunken sein.

Der Streit der Alten

Wandert man weiter in Richtung Donauklamm, stößt man am Anfang der Klamm auf einen Felsen, der sieben Meter aus der Donau hinausragt. Es ist „Baba Kaia/Babacaia“ bei Pescari-Moldova Nouă – ein sagenumwobener Fels, der aus dem Spiegel des Donaustausees am Eisernen Tor herausragt, dessen Name im Laufe der Jahrhunderte verschiedene Deutungen hervorlockte. Alles soll mit einem Streit zwischen einem alten Mann und seiner Frau (rumänisch: babă) begonnen haben.

Der Mann – der Gott Saturn – und seine Frau Gaia stritten darüber, ob denn das Gras mit der Sense oder mit der Schere geschnitten wird. Während Saturn behauptete, dass das Gras mit der Sense gekürzt werden muss, meinte Gaia, man bräuchte dafür eine Schere. Der Streit zwischen den beiden Alten eskalierte und Saturn warf Gaia vor Wut in die Donau. Obwohl schon unter Wasser, streckte Gaia noch zwei Finger heraus, um ihrem Mann zu zeigen, dass das Gras doch mit der Schere und nicht mit der Sense geschnitten wird. Die zwei versteinerten Finger der „Baba Gaia“ sind auch heute noch in Form des gespaltenen Steins mit dem Namen „Baba Caia“ zu sehen.

Eine andere Legende besagt, dass ein Mann sein untreues Weib, das seine Taten nicht bereuen (rumänisch: a se căi) wollte, an den Donau-Felsen gebunden hatte. Die Männer in der Gegend des Felsens würden auch heute noch ihren wegen Untreue verdächtigten Frauen damit drohen.
Sagen, die die Entstehung bestimmter Orte in Rumänien erklären, gibt es unzählige. Meist reicht ein Hauch an Phantasie, um in den Nebel der Mythen und Sagen eintauchen zu können und Sehenswürdigkeiten ganz neue Aspekte zu verleihen. Das sagenumwobene Rumänien erschließt sich allen, die es kennenlernen wollen.

Kommentare zu diesem Artikel

Thor, 31.08 2016, 10:40
Es gibt ein wunderschönes Bilderbuch über den Brauch und die Legende des Marzchens, das 2016 erschienen ist:
http://shop.con-thor.de/epages/d5e0fc7e-f20c-4026-9660-327dd14de5e5.sf/de_DE/?ObjectPath=/Shops/d5e0fc7e-f20c-4026-9660-327dd14de5e5/Products/1005
Anne, 03.03 2013, 16:14
Leider kann die erste sog. "Legende" keine rumänische sein, meinen etymologischen Kenntnissen zufolge, da der Genus des Nomens "soare" dieses Märchen nicht zulässt. Eher ist der Mond eine märchenhafte, weibliche Figur, und Stil-Figur, gleichzeitig, wie auch in u.a. in Eminescus Dichtung reichlich belegt wurde. Viel Freude bei weiterer, gründlicherer Recherche, und danke für das Auslegen des Kultur-Brauchtums, der an un für sich keinen Angriff erlaubt.

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