Rumäniendeutsche Erinnerungskulturen in Literatur und Geschichtsschreibung

Tagungsbeiträge von Jürgen Lehmann und Gerald Volkmer herausgegeben

Sonntag, 11. Dezember 2016

Wenn es um die jüngste Geschichte geht, haben sich neue Felder den Geschichtswissenschaften aufgetan, die sich, jenseits der chronologischen Orientierung an politischen Ereignissen, auf deren Bewertung durch die Gesellschaft, die individuellen Erinnerungen oder das sogenannte „kollektive Gedächtnis“ erstrecken. Zwischen dem, was war, der subjektiven Gedächtnisleistung, und dem, was durch die Gesellschaft oder den Staat als erinnerungswürdig eingestuft wird, gibt es bisweilen erhebliche Diskrepanzen. Kollektiv gemachte Erfahrungen können identitätsstiftend sein, mündlich kommuniziert werden, durch Literatur und bildende Kunst in ein „kulturelles Gedächtnis“ überführt werden. Während es in Ländern wie England für die Geschichte des 20. Jahrhunderts ein relativ homogenes „kollektives Gedächtnis“ gibt – man denke nur an die Tradition der „Rememberance Poppies“(der Erinnerungs-Mohnblumen) im Andenken an die gefallenen Soldaten –, gibt es in Rumänien eine vielschichtige historische und auch ethnische Ausgangslage. Insbesondere für die Rumäniendeutschen, die Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben und einige mehr, gibt es Erinnerungskulturen, die sich zuweilen im Konflikt und zuweilen im Einklang mit den Kulturen der anderen Ethnien befinden, ganz abgesehen von der individuellen Haltung des Einzelnen.

Diesen unterschiedlichen Ausprägungen gingen Literatur- und Geschichtswissenschaftler auf einer interdisziplinären internationalen Tagung 2013 zu den „Rumäniendeutschen Erinnerungskulturen“ nach. Die Beiträge zu dieser Tagung, die anlässlich der Verabschiedung des damaligen Direktors und Vorstandsvorsitzenden des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas e.V. (IKGS), Professor h.c. Dr. Stefan Sienerth, an der Ludwig-Maximilian Universität München durchgeführt wurde, sind nun von den Tagungsleitern Prof. em. Dr. Jürgen Lehmann und Dr. phil. Dr. jur. Gerald Volkmer unter dem Titel „Rumäniendeutsche Erinnerungskulturen – Formen und Funktionen des Vergangenheitsbezuges in der rumäniendeutschen Historiografie und Literatur“ in der IKGS-Buchreihe publiziert worden. (ADZ berichtete am 20. Juli 2013: „Eine Ära geht zu Ende, ein Neubeginn steht an!“ von Elke Sabiel).
Als Einführung in die Problematik erläutert Kathrin Schödel in „Kulturwissenschaftliche Gedächtnistheorien. Ein Abriss“ die verschiedenen wissenschaftstheoretischen Ansätze z. B. nach Jan und Aleida Assmann. Der „Abriss“ wird hier in des Wortes doppelter Bedeutung, sowohl als grober Überblick als auch in Bezug auf das Gedächtnis, als Lücke und Unterbrechung verwendet.

Die Kapitelgliederung folgt der thematischen Zweiteilung der Tagung in Literaturwissenschaft und Historiografie.
Für die Literaturwissenschaft untersucht Prof. Dr. Jürgen Lehmann in lyrischen Texten zeitgenössischer Autoren wie Richard Wagner, Elisabeth Axmann und vielen mehr die Bedeutung des sogenannten „Opfergedächtnisses“ innerhalb dieser identitätsstiftenden Erinnerungslyrik. Ebenso wie sich Prof. Dr. Waldemar Fromm mit dem für die Sachsen identitätsstiftenden Gedicht, der „Siebenbürgischen Elegie - Anders rinnt hier die Zeit“ von Adolf Meschendörfer auseinandersetzt, wobei er den Focus auf den Wandel der Rezeption unter verschiedenen politischen Konstellationen legt. Dr. Grazziella Predoiu analysiert die Inszenierung von Erinnerung und Gedächtnis in dem Text „Atemschaukel“ von Herta Müller und ihren besonderen Umgang mit der hier konstruierten Erinnerung, d. h. nicht eigene Erfahrungen, sondern die Berichte von Oskar Pastior über seine Deportation in den Donbass – einer traumatischen kollektiven Erfahrung, die hier exemplarisch ihren Ausdruck findet – wurden literarisch von ihr umgeformt und bearbeitet.

Dr. Markus May und Dr. Réka Sánta-Jakabházi beleuchten in ihren Aufsätzen, welche ganz gegenteilige Behandlung bestimmte mythische Gestalten Siebenbürgens in den Werken von Dieter Schlesack und Franz Hodjak erfahren haben. So geht es bei Schlesack unter dem Titel „Visionen und Revisionen“ laut May eher um eine differenziertere Betrachtungsweise des Dracula Mythos bzw. des gerade unter Ceauşescu heroisierten Vlad Tepeş. Auch die Verantwortung, die den Kronstädtern und damit den Siebenbürger Sachsen bei der Schaffung des negativen Bildes von Vlad Tepeş seit damals zukommt, ist Thema in seinem Roman und wird von May unter dem Aspekt der „memorialkulturellen Wiedergutmachung“ gesehen. Ganz anders geht es bei Hodjak u. a. um den in Siebenbürgen idealisierten Klingsor, den Zauberer aus dem „Parsival“ des Wolfram von Eschenbach. Als „poetische Identifikationskonstruktion“ betrachtet Sánta-Jakabházi die Figur des Klingsor in dem Roman „Der Sängerstreit“ von Hodjak, wobei es hier mehr um Entmystifizierung geht und gleichzeitig um eine autobiografische Vereinnahmung bzw. psychologische Umdeutung dieser Gestalt durch den Autor. Sánta-Jakabházi untersucht dabei die Vergangenheitsbezüge und welchen Stellenwert Hodjak seiner eigenen Identität hinsichtlich seiner persönlichen Situation als ausgewanderter Siebenbürger Sachse einräumt.

Im historiografischen Teil geht es darum, wie die Ereignisse des Ersten und Zweiten Weltkrieges, der Deportation und der kommunistischen Herrschaft sich in der Erinnerungskultur der Banater Schwaben und Siebenbürger Sachsen niedergeschlagen haben und welchem Wandel diese unterworfen wurden. Dr. Bernhard Böttcher beschäftigt sich mit den Kriegsdenkmälern des Ersten Weltkrieges und inwiefern sich die rituelle Handhabung der Gedenktage in Bezug auf die Rumänen im Banat und Siebenbürgen bereits während der Zwischenkriegszeit voneinander unterschieden. Im Gegensatz zu der eingangs genannten englischen Gedenkkultur standen hier von Anfang an Sieger und Besiegte Seite an Seite, was sich auf die Form und auch den Inhalt der Gedenkveranstaltungen auswirkte. Wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung, so konnte hier doch so etwas wie eine gemeinsame Erinnerungskultur entstehen.

Cristian Cercels Thema ist das schwierige Kapitel der Russlanddeportationen, für die es lange Jahre weder im Westen noch im Osten überhaupt eine Erinnerungskultur gab bzw. geben durfte. Ein wenig bekannter Untersuchungsgegenstand ist dabei die anfänglich in den 50-er und 60-er Jahren wenig gepflegte Erinnerungskultur unter den in die damalige BRD ausgewanderten Siebenbürger Sachsen. Anhand der landsmannschaftlichen Publikationen, wie der „Siebenbürgischen Zeitung“, aber auch Zeitzeugenberichten verfolgt er die Zusammenhänge und politischen Gründe für dieses anfängliche Schweigen. Mit einem kontroversen Untersuchungsgegenstand wartet Florian Kührer-Wielach auf. Dabei geht es um die Umorientierung und Integration der Rumäniendeutschen in das kommunistische Rumänien über einen postulierten „gemeinsamen Kampf gegen den Faschismus“ im Spiegel der Zeitschrift „Forschungen zur Volks- und Landeskunde“. Die Umdeutung und Unterordnung der Historie unter diese Prämisse ermöglichte es der deutschen Minderheit, ihre Rolle innerhalb der rumänischen Gesellschaft zu finden, zum Teil sogar Spielräume für die eigene Minderheitenkultur zu bewahren, auch wenn dieser Prozess keineswegs kontinuierlich verlief.

Zu der mündlich überlieferten Erinnerungskultur der Banater Landbevölkerung präsentiert Harald Heppner die Ergebnisse einer Feldstudie. Die Fragestellung zielt darauf ab, welchen Niederschlag die historischen Ereignisse in den Erzählungen finden und welche Wertigkeit sie besitzen. Unterschieden wird beispielsweise zwischen privaten und regionalen Erinnerungshorizonten, dabei konstatiert er eine Konzentration auf die wiederkehrenden Abläufe des bäuerlichen Lebens, während historische Veränderungen nur peripher und in ihrer unmittelbaren Wirkung auf die Lebenswirklichkeit wahrgenommen werden. Wichtig ist ihm darüber hinaus, die bäuerliche zur städtischen Kultur und zu den sich ändernden Zeitläufen in Beziehung zu setzen. Ergänzt wird der Band noch durch ein Personen- und Ortsregister sowie die Kurzbiografien der einzelnen Autoren.

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