Rumäniendeutsche Literatur im europäischen Dialog

Neue wissenschaftliche Veröffentlichung im Münchener IKGS Verlag

Samstag, 16. Juni 2012

Im Verlag des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas an der Ludwig-Maximilians-Universität München (IKGS) ist soeben ein Sammelband erschienen, der der deutschsprachigen Literatur in und aus Rumänien im interkulturellen Dialog gewidmet ist. Das wissenschaftliche Werk mit dem Titel „Ost-West-Identitäten und -Perspektiven“ vereint fünfzehn Beiträge von deutschen, österreichischen, norwegischen und rumänischen Germanistinnen und Germanisten und wurde vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages gefördert.

Herausgeber der lesenswerten Aufsatzsammlung sind die Bukarester Germanisten Ioana Crăciun und George Guţu, die an der Universität Bergen lehrende Literaturwissenschaftlerin Sissel Lægreid und der in München wirkende Literarhistoriker Peter Motzan.

Der Aufsatzband bildet den wissenschaftlichen Ertrag eines von der EU und der norwegischen Meltzer-Stiftung geförderten Projekts, das von Ioana Crăciun und Sissel Lægreid initiiert wurde und in der institutionellen Zusammenarbeit zwischen der Humanistischen Fakultät der Universität Bergen, dem Forschungs- und Exzellenzzentrum „Paul Celan“ des Instituts für Germanistik der Universität Bukarest und dem IKGS in München Konturen gewann.

Mehrere Tagungen in Bergen, Bukarest und Bad Kissingen über die rumäniendeutsche Literatur im europäischen Kontext sowie im norwegisch-rumänisch-deutschen Dialog bildeten die Basis für diesen Band, der sich nicht nur der rumäniendeutschen Literatur im herkömmlichen Sinne, also der Literatur beispielsweise der Siebenbürger Sachsen oder der Banater Schwaben, zuwendet, sondern seine Aufmerksamkeit auch auf literarische Werke von rumänischen Autoren richtet, die das Deutsche, ohne es als Muttersprache ererbt zu haben, als Sprache ihrer Lebenswelt erworben und als Sprache literarischen Ausdrucks zu ihrem Besitz gemacht haben.

Zu solchen Autoren gehört beispielsweise Carmen-Francesca Banciu, zu deren autobiografischem Werk „Berlin ist mein Paris“ Daniela Ionescu-Bonanni in dem erwähnten Sammelband einen Aufsatz verfasst hat. Die deutsche Sprache wird für die in Lipova geborene Banciu zu einem Mittel der Identitätsfindung, um die rumänische Vergangenheit verarbeiten und mit dem neuen multikulturellen Ambiente Berlins in Einklang bringen zu können: „Ich lebe nicht mehr in der Muttersprache. Nicht nur. Ich lebe auch nicht nur in der fremden. Hat sich meine Muttersprache entfernt? Entfremdet? Nein. Ich verliere sie nicht. Ich gewinne die andere. Jeden Tag. Mit jeder Präposition, die ich richtig zu setzen lerne. Ich gewinne jeden Tag ein Stück Geschichte. Die in meine Geschichte hineinpasst wie ein Puzzle.“

Der größte Teil der in diesem Band versammelten Aufsätze befasst sich mit rumäniendeutschen Autoren der Gegenwart, die nach Deutschland ausgewandert sind und dort ihre schriftstellerische Karriere fortgesetzt haben. Dazu zählen Beiträge über die Banater Schwaben Richard Wagner (Birger Solheim, Iulia-Karin Patrut) und Rolf Bossert (Ioana Crăciun), über die rumäniendeutsche Nobelpreisträgerin Herta Müller (Espen Ingebrigtsen) sowie über die siebenbürgisch-sächsischen Autoren Oskar Pastior (Michael Grote, Ulrich van Loyen), Andreas Birkner (Lucia Nicolau) und Hellmut Seiler (Mariana-Virginia Lăzărescu). Den noch im 19. Jahrhundert geborenen rumäniendeutschen Schriftstellern Adolf Meschendörfer (1877-1963) und Oskar Walter Cisek (1897-1966) sind zwei Aufsätze gewidmet (Stefan Sienerth, Peter Motzan). Mit deutschsprachigen aus der Bukowina stammenden Dichtern befassen sich Beiträge von Torgeir Skorgen sowie von Sissel Lægreid (über Paul Celan) und von George Guţu (über Moses Rosenkranz).

Sigurd Paul Scheichl stellt in einem grundlegenden methodischen Beitrag zu diesem Sammelband die Frage „Bedürfen deutsche Texte aus Rumänien eines Kommentars?“ und plädiert in seiner Antwort dafür, Werke rumäniendeutscher Autoren bei ihrer Edition nicht mit Erläuterungen zu überfrachten. „Nichtsdestoweniger ist klar, dass manche Stellen aus ihren Werken einen Hinweis auf den Kontext, in dem sie entstanden sind oder auf den sie sich beziehen, brauchen – sonst stößt das Werk auf Verstehensgrenzen an der Oberfläche, die jede Deutung schlechthin fragwürdig oder falsch machen.“

Die Frage der Notwendigkeit einer Kommentierung rumäniendeutscher Texte erörtert auch die Herausgeberin Ioana Crăciun in ihrem Beitrag über den Lyriker Rolf Bossert, der rumänische Wörter und Namen wie „gogoaşa“, „maraschescht“, „karpatz“ oder „funicular“ bruchlos in seine dichterischen Texte einfügt und so seine des Rumänischen unkundigen Leser vor große rezeptionsästhetische Probleme stellt.

Jeder der in dem hier besprochenen Sammelband abgedruckten Beiträge verdiente es, eigens vorgestellt, in seinen zentralen Aussagen ausführlich präsentiert und eingehend gewürdigt zu werden. Stellvertretend kann und soll hier jedoch nur auf einen Beitrag näher eingegangen werden, der einerseits den Skandinavienbezug der rumäniendeutschen Literatur herausarbeitet und andererseits die europäische Dimension dieser sogenannten Regionalliteratur beleuchtet.

Der Direktor des IKGS Stefan Sienerth zeigt in seinem Beitrag mit dem Titel „Adolf Meschendörfer und Skandinavien“, dass der Dichter der berühmten „Siebenbürgischen Elegie“, bevor er „auf die konservativ-nationale und völkische Linie einschwenkte“, sich durchaus an den literarischen Vorbildern der europäischen Moderne orientierte, zu denen eben auch die skandinavische Literatur gehörte. Der dänische Literarhistoriker Georg Brandes und die aus Ungarn stammende Skandinavistin Marie Herzfeld hatten die Berliner und Wiener Literaturszene zur Zeit der Jahrhundertwende durch ihre Propagierung skandinavischer Literaturen entscheidend beeinflusst.

Neben August Strindberg, Henrik Ibsen, Björnsterne Björnson und Arne Garborg wurden auch Autoren wie Knut Hamsun und Jens Peter Jacobsen populär, zwei Romanciers, an denen Meschendörfer starkes Interesse bekundete. Sein Roman „Leonore. Roman eines nach Siebenbürgen Verschlagenen“ (1905 entstanden, 1920 als Buch erschienen) orientiert sich an Jacobsens „Niels Lyhne“ und weist außerdem Einflüsse von Hamsuns „Pan“ auf. Daran wird deutlich, dass die siebenbürgisch-sächsische „Inselliteratur“ (Edith Konradt) zur Zeit der Jahrhundertwende durchaus Bezüge zu skandinavischen Literaturen herstellte und sich dadurch bewusst in die Traditionen europäischer Moderne einzureihen wusste.

„Ost-West-Identitäten und Perspektiven. Deutschsprachige Literatur in und aus Rumänien im interkulturellen Dialog“, hg. von Ioana Crăciun, George Gu]u, Sissel Lægreid und Peter Motzan, IKGS Verlag München 2012, ISBN 978-3-942739-02-3

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