Rumäniendeutsche Literatur und ihre Übersetzung

Rumänisches Kulturinstitut organisiert Konferenz in der Hauptstadt

Freitag, 26. Mai 2017

Olivia Spiridon (v.l.), Horst Samson und Carmen Elisabeth Puchianu
Foto: die Verfasserin

Eine internationale Konferenz mit dem Titel „Die Rettung und Bewahrung der rumäniendeutschen Literatur durch Übersetzungen“ fand am 11. Mai in Bukarest statt. Zu den Teilnehmern an der Veranstaltung des Rumänischen Kulturinstituts (ICR) zählten mehrere Schriftsteller, Übersetzer und Wissenschaftler aus Rumänien, Deutschland und Ungarn, darunter Horst Samson, Dr. Carmen Elisabeth Puchianu, Dr. Cosmin Dragoste, Dr. Ferencz Vincze und Dr. Olivia Spiridon. Die Veranstaltung ist Teil der Reihe „Diagonale“, die 2014 vom ICR ins Leben gerufen wurde und die dem Multikulturalismus und dem Dialog zwischen lokalen Gemeinschaften gewidmet ist. Den Auftakt der Konferenz bildete die Begrüßung durch den Stellvertretenden Direktor des ICR, Mirel Taloş, der sich zum Thema Rettung der deutschen Kultur in Rumänien äußerte. „Das Ziel soll sein, dass man die ganze Kultur der Sachsen wieder aufleben lässt“, begann er und brachte mehrere Beispiele aus Bereichen wie Musik, Malerei und Literatur. Die Konferenz widmete sich aber ausschließlich der Literatur. Erklärt wurde weiterhin, dass die rumäniendeutsche Literatur nicht in die rumänische Literatur integriert wurde, da ethnische und linguistische Kriterien eine wichtige Rolle gespielt haben.

Das war aber nicht schlimm, meinte der erste Redner der Konferenz, Cosmin Dragoste. Angefangen hat er mit einer kurzen Geschichte der deutschen Minderheit in Rumänien. Er setzte sich mit verschiedenen umstrittenen Definitionen und Begriffen auseinander, die die Literatur bezeichnen, die von Angehörigen der deutschen Minderheit in Rumänien geschrieben wurde. Wenn man bedenkt, dass viele Autoren der deutschen Minderheit in den letzten Jahrzehnten Rumänien verlassen haben, kann man dann noch von einer rumäniendeutschen Literatur sprechen?
Dabei gehe es nicht nur um Auswanderung. Argumentiert wurde, dass man bestimmte Bedingungen, Institutionen und – am wichtigsten – Leser braucht, damit sich eine Literatur entwickeln kann. Die Auswanderung und das schrumpfende Interesse für Literatur sollen dazu beigetragen haben, dass diese Voraussetzungen nur teilweise vorhanden sind. Angesprochen wurde auch der Aspekt der Zugehörigkeit der rumäniendeutschen Literatur: Die Identität sei diffus, ungewiss. Anschließend stellte Dragoste andere relevante Fragen bezüglich der Kategorisierung der deutschsprachigen Literatur in Rumänien: Ist es eine regionale Literatur oder die Literatur einer Minderheit? Man spricht von einer Rettung der rumäniendeutschen Literatur – wovor und vor wem? Erinnert wurde daran, dass deutsche Schriftsteller andere Vorbilder als die rumänischen Schriftsteller hatten, denn sie waren auf die westliche Kultur ausgerichtet. Diese Autoren haben versucht, sich in der deutschen Literaturszene durchzusetzen.

Wenn man von der deutschsprachigen Literatur in Rumänien spricht, dann spricht man von einem abgetrennten Raum, der aus mehreren Kulturen besteht, die sich im Laufe der Geschichte berührt haben. Wie kann man eine Minderheitenliteratur vermitteln? Wie kann sie Leser erreichen? Das waren Fragen, die Moderatorin Olivia Spiridon im Rahmen des Rundtischgesprächs gestellt hat. Mehrere Gäste wurden eingeladen, sich zu äußern. Anwesend war Carmen Elisabeth Puchianu, die sich nicht nur mit Interkulturalität beschäftigt, sondern diese auch erlebt und die schon seit den 70er Jahren schreibt. Ebenso war der Banater Dichter Horst Samson unter den Teilnehmern, der in der Deportation in der Bărăgan-Steppe geboren wurde und seit mehreren Jahren in Deutschland wohnt. Am Gespräch haben sich auch Cosmin Dragoste, Réka Sánta-Jakabházi, Enikö Szenkovics und Ferencz Vincze beteiligt.  Die Schriftsteller wurden gebeten, aus ihrer Perspektive über diese Literatur zu sprechen.

„Aus meiner Perspektive soll man die deutschsprachige Literatur in Rumänien mit einem nicht-deutschen Hintergrund verstehen – eine rumänische Wirklichkeit, die sich durch diese Literatur mittels der deutschen Sprache widerspiegelt, durch die Mechanismen der deutschen Sprache“, sagte Puchianu. Sie argumentierte, dass sie als Schriftstellerin solche Etikettierungen nicht interessieren. Als sie in den 70er Jahren angefangen hatte zu schreiben, hat sie auf Englisch, Deutsch und Rumänisch geschrieben: „Ich schrieb verschiedene Sachen in jeder Sprache. Ich habe mich für die deutsche Sprache entschieden, weil es ja meine Muttersprache ist. Ich habe Texte an Zeitschriften geschickt, von den rumänischen Zeitschriften habe ich keine Reaktion bekommen, von der Zeitschrift ‚Neue Literatur‘ gab es eine Antwort“.
Horst Samson fügte hinzu: „Wir waren von Anfang an weder rumänische noch deutsche Autoren, sondern internationale Autoren – so haben wir uns verstanden. Wir wollten keine Provinzautoren sein“. Er sagte, dass Berlin sich nicht für deutsche Schriftsteller aus Rumänien interessiert hat, so wie das Zentrum sich für den Rand der Literatur nicht interessiert. Nicht mal Rumänien hatte sich für deutschsprachige Autoren interessiert: Als Beispiel nannte Horst Samson eine Anthologie von Banater Geschichten, die unlängst erschienen ist. „ Zum ersten Mal wurden deutsche Autoren aufgenommen – nach zwanzig Jahren. Es sind Leute, die nicht mehr in Rumänien wohnen“. Er konnte feststellen, dass die rumänische Literatur sich von rumäniendeutschen Autoren distanziert hatte. „Es gab Lexika, in denen wir nicht erschienen sind“.

Olivia Spiridon stellte anschließend weitere Fragen in die Runde. Zu den von den Gesprächsteilnehmern genannten Hindernissen zählte nicht nur die prekäre finanzielle Situation, sondern auch die Engstirnigkeit mancher Leute. Dragoste erinnerte an seine Übersetzungen der Werke von Herta Müller vor ungefähr 15 Jahren. Seit 2009 wurde Herta Müller plötzlich „unsere Rumänin“, auch wenn sie vorher nicht bekannt war. Mehrere Autoren wie Franz Hodjak, Richard Wagner und Joachim Wittstock wurden als wertvolle Schriftsteller hervorgehoben, denen nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt wird. Der Grund soll daran liegen, dass man in Rumänien innerhalb von nationalen Kategorien denke. So werden Angehörige der Minderheit nicht mit einbegriffen. Eine Parallele zu Deutschland wurde an dieser Stelle gezogen. Olivia Spiridon sprach von einem Übergang in Deutschland – von der Literatur der deutschen Autoren zur Migrantenliteratur. Der Literaturmarkt hat die Aufmerksamkeit zu diesen Autoren gelenkt.

Vorgeschlagen wurde, dass die rumäniendeutsche Literatur aus dem nationalen Kontext herausgeholt wird, damit diese in einen internationalen Kreislauf integriert wird. Deutsche Studenten würden rumäniendeutsche Literatur als Migrantenliteratur entschlüsseln. Vorgeschlagen wurden außerdem die Gründung einer Literaturzeitschrift, eines Festivals oder eines Literaturpreises, damit sich die rumäniendeutsche Literatur weiterentwickelt. Zum Abschluss wurde eine dreisprachige Lesung veranstaltet. Carmen Elisabeth Puchianu und Horst Samson haben Gedichte auf Deutsch gelesen, die von den Übersetzern auf Rumänisch und Ungarisch gelesen wurden.

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