Rumäniengeschichten: Starke Frauen, Dinosaurierfische und das Delta

ADZ-Gespräch mit der österreichischen Autorin Jutta Sommerbauer

Mittwoch, 18. Juni 2014

Vor Kurzem hat die österreichische Journalistin Jutta Sommerbauer ihr neues Buch im Rahmen der Buchmesse Bookfest dem rumänischen Publikum präsentiert. Dafür haben sie und ihre Kollegin Duygu Özkan mehrere europäische Länder bereist und zahlreiche Menschen getroffen. Über ihre Erfahrung auf der Reise entlang der Donau sprach die Koautorin des Buchs „Lesereise Donau. Vom Schwarzwald zum Schwarzen Meer“ mit der ADZ-Redakteurin Aida Ivan.

Frau Sommerbauer, wie sind Sie auf die Idee gekommen, ein Buch über den Donauraum zu schreiben?

Begonnen hat es eigentlich als eine Artikelserie in der Zeitung „Die Presse“, für die ich arbeite, später ist das Buch daraus entstanden. Diese Artikelserie hat einen praktischen Hintergrund: Die Stadtregierung Wien hat ein Werbebudget, um diese Donauraumstrategie bekannter zu machen. Sie haben einfach mit der „Presse“ eine Kooperation gemacht und wollten eben zwei Autorinnen losschicken, um sich diese Donauländer anzusehen. Das Buch ist aus einer Kooperationsgeschichte eben über diese Donauraumstrategie entstanden, aber wir konnten bei der Auswahl unserer Geschichten ganz frei vorgehen und es gab keine Beschränkungen, auch keine Vorgaben. Die Idee war einfach eine Reportageserie aus den Donauländern zu machen. Das haben wir auch gemacht und dann haben wir bei einem Verlag angefragt, ob es ihn interessieren würde, ein Buch zu veröffentlichen. Der Verlag war sehr interessiert. Wir haben einige neue zusätzliche Reportagen geschrieben: In der Zeitung gab es zehn Reportagen, im Buch sind 18 oder 17.

War das Ziel, den Donauraum attraktiver zu machen?

Vielleicht. Die Idee der Stadt Wien war, den ganzen Raum bekannter zu machen. Unsere Themen sind nicht so touristisch: Es geht nicht nur um positive Dinge, sondern auch um geteilte Probleme, Umweltschutz, aktuelle Fragen, die halt im Donauraum relevant sind, oder auch aktuelle Problematiken; zum Beispiel die sozialistische Vergangenheit von manchen Ländern, die Armut, die Überlebensstrategien von Fischern im Donaudelta, auch die religiösen Minderheiten. Es ist ein sehr breiter Bogen, der nicht nur auf schöne Themen beschränkt ist.

Wie lange hat es gedauert, bis Sie die Reportagen, bzw. das Buch geschrieben haben?

Wir waren vom November 2012 bis zum Mai 2013 unterwegs. Die Reiseperiode war ein halbes Jahr, aber wir waren immer wieder in Wien. Wir haben das nicht als eine Reise gemacht, weil das auch sehr schwer zu organisieren ist, wir waren mehrfach unterwegs. Zum Beispiel war ich in meiner ersten Reise in Rumänien, in der Moldau und der Ukraine und dann später bin ich noch mal nach Serbien gefahren. Wir hatten noch die vier Länder dabei, die nicht direkt an der Donau liegen, die aber zur Donauraumstrategie gehören. Ich war noch in Bosnien und Montenegro und Bulgarien. Es ist gar nicht einfach, an der Donau zu reisen, weil die Transportmittel nicht vorhanden sind. Man kann es natürlich alles auf einmal machen, aber man muss als Journalistin Termine ausmachen und Gesprächspartner finden. Es ist irgendwie sehr kompliziert, wenn man alles von unterwegs organisieren muss, deshalb war es einfacher für mich, eher kürzere Reisen zu machen und immer wieder nach Wien zu fahren und immer wieder alles zu organisieren und hinzufahren. Es gibt kein Donauschiff, das die ganze Zeit rauf und runter fährt, wo man praktisch aussteigen kann, deswegen ist es auch aufwendig, so eine Reise zu organisieren.

Wie lange hat die erste Reise nach Rumänien, in die Moldau und Ukraine gedauert?

Die Reise hat zwei Wochen gedauert, aber alle Termine wurden vorher geplant, sonst würde man noch viel länger brauchen. Teilweise gibt es Objekte dabei, die nicht zu besichtigen sind, wie zum Beispiel der Hafen in Giurgiuleşti in der Republik Moldau. Man muss vorher die Erlaubnis und das alles organisieren. Ich bin nach Bukarest geflogen, ich habe Termine mit der WWF (Umweltorganisation World Wildlife Fund) und einer Fischfarm gemacht und dann bin ich nach Tulcea gefahren und dann ins Delta fünf Tage, dann wieder zurück und nach Galaţi. Von Galaţi nach Giurgiuleşti in der Republik Moldau und dann nach Chişinău, da ich dort Termine hatte, dann wieder nach Giurgiuleşti und dann von Giurgiuleşti in die Ukraine. Man braucht ein bisschen Zeit, man fährt vor allem mit diesen Mini-Bussen. In der Ukraine gab es sehr schlechte Straßen und es hat lange gedauert, bis man da irgendwohin kam. Ich habe versucht, alles vorher zu planen, aber man kann nicht alles planen.

Wie haben Sie sich sprachlich zurechtgefunden?

In Rumänien hatte ich das Glück, dass meine Gesprächspartner Englisch gesprochen haben oder eben im Donaudelta war ich mit einem Rumänen unterwegs, der hat für mich übersetzt. In der Moldau und in der Ukraine sprach ich Russisch. Auch im Donaudelta habe ich ein bisschen Russisch gesprochen, da es Russen und Ukrainer gibt. Aber sie sprechen anders, es war nicht so leicht zu verstehen. Und ich spreche auch Bulgarisch. Man kann ein bisschen improvisieren oder mit einem Dolmetscher hingehen.

Mit was für Menschen sind Sie in Kontakt getreten?

Ganz viele verschiedene, ich habe auch Politiker getroffen, aber nicht nur. Mich hat es vor allem interessiert – das ist auch das Ziel des Buches – Menschen zu treffen, die am Fluss leben und auch mit dem Fluss leben. Wir haben Unternehmer von Fischfabriken und Fischer getroffen. Es gibt im Buch auch eine Geschichte über einen Sportler, der die Donau durchgeschwommen hat. Ich habe mit Jugendlichen gesprochen, die in diesen Dörfern leben, mit Menschen aus dem Bereich Kultur und Zivilgesellschaft, die sich in Initiativen engagieren. Ich wollte mich nicht nur mit Experten oder Bürokraten beschäftigen, sondern ganz normalen Leuten, die am besten wissen, welche die Schwierigkeiten sind. Es sind ganz viele verschiedene Personen da drinnen.

Was hat Ihnen am meisten gefallen oder Sie beeindruckt?

Das passt auch für Rumänien und Moldau – ich habe eigentlich ganz tolle Bürgermeisterinnen getroffen, also ganz aktive, mutige Frauen, die diesen Posten übernommen haben, die Ortschefinnen sind. Es gab im Donaudelta einige, aber auch in Giurgiuleşti, in der Republik Moldau. Das hat mich beeindruckt, das habe ich nicht erwartet: Man denkt sich, dass in ländlichen Gemeinschaften Männer irgendwie dominanter sind. Die Frauen haben dort das übernommen, weil die Männer das nicht gut gemacht haben. Und die wollen sich jetzt um Spielplätze und Kanalisation, um Trinkwasser kümmern, alle diese Probleme, die es in ländlichen, sehr isolierten Gemeinschaften gibt. Das war sehr überraschend und darüber habe ich auch im Buch geschrieben. Diese starken Frauen kommen auch vor. Noch beeindruckend ist die Geschichte über die Störe, diese Riesenfische, die es noch immer in der Donau gibt, die gefährdet sind. Ich selbst habe nicht gewusst oder geglaubt, dass es in der Donau so riesige Urfische gibt, wie Dinosaurier, also Fischdinosaurier. Es war schon etwas, das ich entdeckt habe.

Haben Sie auch harte Erfahrungen gemacht?

Mir ist eigentlich alles gut gegangen. Wir sind im Donaudelta im Sand mit dem Auto stecken geblieben und dann mussten wir warten, bis ein großer Jeep kam, der uns wieder rausgezogen hat. Das machen die Leute dort, man hilft sich. Man würde niemals einfach vorbeifahren.

Sie haben also keine schwierigen Momente in den sechs Monaten erlebt?

Nein, das Reisen war immer aufregend und toll. Es ist eher schwieriger, wenn man nach Wien zurückkommt, dann muss man alles schreiben, und die Notizen entziffern. Ich bin gerne unterwegs, mich stört das nicht, wenn ich in einem Mini-Buss sitzen muss, es ist eher eine interessante Art zu reisen. Ein Buch zu machen ist viel Arbeit. Nachher ist es ein bisschen anstrengend, dass man überarbeiten muss und schreiben muss, es ist schon länger her, man muss sich erinnern, manchmal ist das ein anstrengender Prozess. Aber während der Reise... Das Frühaufstehen vielleicht? Im Donaudelta musste man früh aufstehen, weil wir mit den Fischern unterwegs waren und die beginnen früh. Es war schon kalt im Winter. Aber tagsüber war immer Sonnenschein.

Wie war das als Erfahrung für Sie? Haben Sie gewissermaßen einen Überblick über diesen Raum?

Einen kleinen Überblick, weil es so ein großer Raum ist. Je mehr man reist, desto mehr Geschichten findet man und desto mehr will man eigentlich schreiben. Ich hatte leider nicht so viel Zeit, aber man könnte noch zehn solche Bücher schreiben. Es ist schon faszinierend, wenn man dort längere Zeit verbringt, man entdeckt, wie viele Geschichten es eigentlich um diesen Fluss und rund um diesen Fluss gibt, obwohl die Donau nicht der schönste oder der malerischste Fluss ist. Hier zwischen Bulgarien und Rumänien ist es ein breiter Fluss, ein bisschen schlammig. In Wien ist er nicht so breit, es gibt viel mehr Brücken, aber es ist auch keine Grenze, sondern innerhalb eines Landes und es ist auch besiedelt. Gerade zwischen diesen beiden Ländern hier gibt es nicht so viele Berührungspunkte, die Donau ist irgendwie eine massive Grenze. Auch wenn die Donau nicht der schönste Fluss ist, ist es doch faszinierend, was es für Geschichten gibt, und die Bedeutung, die sie für die Leute hat, die da leben – Fischer, für die Landwirtschaft, dass sie uns alle verbindet. Das Wasser fließt von Deutschland bis zum Schwarzen Meer, das ist schon faszinierend.

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