Rumäniens Historikerstreit könnte in die nächste Runde gehen

Nüchterne Analyse: Lucian Boia schreibt über den rumänischen Kommunismus

Sonntag, 29. Mai 2016

Lucian Boia: „Strania istorie a comunismului românesc şi nefericitele ei consecinţe)“, Editura Humanitas, Bucureşti, 2016, 232 S., ISBN 978-973-50-5278-2, 29 lei

Rund zwei Jahre ist es her, seit in der rumänischen Geschichtswissenschaft ein Historikerstreit ausgebrochen ist, nämlich durch den Angriff des Klausenburgers Ioan Aurel Pop, Akademiemitglied und Rektor der Babeş-Bolyai-Universität, auf den publizistisch erfolgreichen Bukarester Historiker Lucian Boia. Damals ging es um Boias Auffassung, die Siebenbürger Rumänen hätten 1914 - 1918 nicht unbedingt die Vereinigung Siebenbürgens mit dem Altreich angestrebt, sondern hätten sehr zufrieden auch in einer reformierten Habsburgermonarchie leben können, für die sie teilweise auch eingetreten waren.

Die Geschichte würde er verfälschen, mit unwissenschaftlichen Methoden arbeiten, der lateinischen und der altslawischen Sprache nicht mächtig sein und, im Grunde, eine antirumänische Kampagne führen, so lauteten die Vorwürfe, mit denen sich Lucian Boia, einer der brillantesten Autoren des Bukarester Humanitas Verlags, konfrontiert sah. Pops Stimme wurde in zahlreichen Kreisen dankbar aufgenommen, nämlich in jenen, die eine neue Art des orthodoxen Nationalismus predigen: von der auflagenstarken Wochenschrift „Formula As“, die rumänische Minderheiten von Litauen bis Griechenland und von der Schweiz bis in die Ukraine zu entdecken glaubt, bis hin zu jenen Jugendvereinen, die glauben, in Sommercamps in den Karpaten wie einst die Daker leben zu können und dabei eine konservativ-fremdenfeindliche Orthodoxie an den Tag legen, die inzwischen von immer breiteren Schichten als durchaus salonfähig empfunden wird.

Doch zurück zu Boia: Unbeeindruckt von der in Klausenburg gegen ihn gestarteten Kampagne, schreibt der Mann weiter. Zum Beispiel über das rumänische Königshaus („Suveranii României. Monarhia, o solu]ie?“, 2014), über die Rumänisierung Rumäniens („Cum s-a românizat România?“, 2014) und über den Nationaldichter Mihai Eminescu („Mihai Eminescu, românul absolut“, 2015). Dabei setzt er die Entmythisierung der rumänischen Geschichte fort, und er macht es nicht mit den Mitteln des im Elfenbeinturm lebenden und schreibenden Wissenschaftlers, sondern mit jenen des Schriftstellers, ja vielleicht sogar des Reporters. Es mag sein, dass aus einer rein wissenschaftlichen Perspektive so mancher die Nase rümpfen kann; denn schriebe Boia nur für ein Fachpublikum, würde seine Schreibweise akademischen Standards wohl kaum genügen.

Aber von Geschichtsfälschung ist sie auch weit entfernt; der Bukarester Professor schreibt nicht für wissenschaftliche Zeitschriften, sondern für das breite Publikum. Seine Bücher sind leicht zugänglich, im Grunde könnte (und müsste!) sie auch ein Lyzealschüler lesen und verstehen können. Man braucht kein allzu breites Vorwissen, man braucht keine umfangreiche zusätzliche Bibliografie, um Boias Auffassungen zu begreifen und sich selbst Gedanken zu machen, ob der schriftstellerisch begabte Historiker recht hat oder nicht. Damit hat Boia zumindest die Chance, Leser zu erreichen, die sonst kaum ein Geschichtsbuch in die Hand nehmen würden, eine Chance also, die durch einen Fachstreit unter Historikern nicht vertan werden sollte.

Das alles gilt auch für sein jüngstes Werk zur Geschichte des Kommunismus in Rumänien, „Strania istorie a comunismului românesc (şi nefericitele ei consecinţe)“, das Anfang Mai im Bukarester Humanitas Verlag erschienen ist. Auf knapp über 200 Seiten erzählt Boia alles, was ein gebildeter Rumäne über den Kommunismus wissen müsste. Von dessen Anfängen in der Zwischenkriegszeit bis zum Zusammenbruch 1989 und dem Nachleben in den 1990er Jahren und danach. Ohne Zorn und Eifer, wohl im Sinne des Römer Tacitus, präsentiert Boia die wichtigsten Eckdaten des rumänischen Kommunismus: die Machtübernahme 1944 - 1947, die Zerstörung der Eliten und den Widerstand in den frühen 1950er Jahren, die Zurückdrängung des sowjetischen Einflusses unter Dej und Ceauşescu, die Industrialisierung, die Stellung der Frau, die Rolle der Rumänischen Orthodoxen Kirche (man lese den Anhang des Buchs, in dem neben dem Protokoll einer Sitzung des Exekutivkomitees des ZK der RKP vom 30. März 1977 auch das Protokoll des Empfangs des frisch gewählten Patriarchen Teoctist durch Ceauşescu aus dem Jahre 1986 veröffentlicht wird), das Streben nach Unabhängigkeit, den Nationalismus, die wirtschaftliche Misere der späten 1970er und der 1980er Jahre, den Personenkult um Ceauşescu und seine Familie, die Beziehungen zum Ausland und das Streben nach Macht und Ansehen auf internationalem Parkett, schließlich den blutigen Umsturz im Dezember 1989 sowie den rapiden Abschied der Rumänen vom Kommunismus, jedoch den langsamen, nie abgeschlossenen Abschied von den Kommunisten. Der Historiker zieht eine nüchterne Bilanz: Zu hoch waren die Kosten, die dem Land für die vermeintlichen Fortschritte des Kommunismus aufgebürdet wurden, zu viele Generationen sind im wahrsten Sinne des Wortes vergeudet worden, zu viele Schicksale mussten sich der kommunistischen Utopie beugen, das negative Erbe einer Jahrhunderthälfte wiegt weiterhin schwer.

Dass Boias jüngstes Buch nicht nur seine Historikerkollegen ärgern wird, sondern Nostalgiker und stramme Antikommunisten gleichermaßen, liegt auf der Hand. Er lobt weder den eigentlich schwachen Widerstand der Bevölkerung gegen die kommunistische Diktatur, noch hebt er unkritisch die ökonomischen Fortschritte des Regimes in den 1960er Jahren hervor. Er sagt das, was gesagt werden muss: Dem Land fehlte in der Zwischenkriegszeit die politische Kultur, die zu einem stärkeren Widerstand nach 1945 hätte führen können, und auch die wirtschaftliche Entwicklung bis zum Zweiten Weltkrieg war nicht gerade die, die sich so manche Antikommunisten nach 1990 vorgestellt hatten. Und dann: Zwar hat der Kommunismus die gesamte Elite des Landes ausgelöscht, doch für Millionen arme Bauern brachte das neue Regime – zwar mit unermesslichen Opfern – eine deutliche Verbesserung ihres Lebensstandards. Dass sich breite Teile der Bevölkerung Rumäniens in den ersten zwei bis drei Jahrzehnten nach 1947 mit dem Regime bestens arrangiert hatten und schließlich nur die wirtschaftliche Unvernunft des Regimes, die Kälte und der Hunger, sowie die Ende der 1980er Jahre vollkommen geänderte internationale Lage den Sturz Ceauşescus herbeibrachten, ist eindeutig. Boia sagt das klipp und klar und sägt somit an weiteren Mythen der Nachwendezeit.

Lucian Boias Buch liefert eine aufschlussreiche Interpretation des rumänischen Kommunismus, seiner Besonderheiten und seiner Nachwelt. In einer Gesellschaft, die von Geschichtsvergessenheit geprägt ist, in der die Mangelbildung von Politikern, Journalisten und anderen Trägern der öffentlichen Meinung zunehmend besorgniserregende Ausmaße annimmt, ist Boias Buch nichts anderes als eine Art Hygiene-Maßnahme. Ein notwendiges Mittel zur Erinnerung an das historische Unheil, das, obwohl formell überwunden, in den Köpfen zu vieler Bürger dieses Landes weiterhin wuchert, unabhängig von dem Alter, der Herkunft, dem Beruf oder der Bildung.

Kommentare zu diesem Artikel

Tourist, 09.06 2016, 04:18
Korrektur: nicht Ioan Pop, natürlich Lucian Boia hat Recht. Kleine Verwechslung!
Tourist, 09.06 2016, 04:10
der Herr Pop hat schon recht. Allein die Tatsache, dass rumänische Wehrpflichtige des Kaisers Rock bis zum Schluß getragen haben, am Isonzo, am Piave, in Galizien, bestätigt seine These. Man gehen nur auf jeden beliebigen rumänischen Friedhof in Siebenbürgen oder dem Banat und schaue sich die Gräber aus dieser Zeit an, was für Uniformen die Männer auf den Bildern anhaben und welcher Text darunter steht. Die siebenbürgischen Rumänen waren sehr kaisertreu, weil genau dieser Kaiser das Gegengewicht zum lokalen (ungarischen) Adel war und in der Habsburgermonarchie jeder Karriere machen konnte, unabhängig von der ethnischen Abstammung. Erst als die Monarchie gestürzt war und man Gefahr lief, nun in einem rein ungarischen Nationalstaat zu landen, da keimte die Idee des Anschlusses an das Regat. Wer übrigens eine alte österreichisch-ungarische Kronenbanknote einmal in die Hand bekommt, der schaue sich doch einmal den Namen des Nationalbankgouverneurs an: ja, es war ein Rumäne mit Namen Popovici.

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