Rumäniens Urwälder sollten unbedingt erhalten werden

ADZ-Gespräch mit dem Forstdirektor Dietmar Gross

Mittwoch, 09. Juli 2014

Foto: Ralf Sudrigian

Noch gibt es in Rumänien rund 200.000 Hektar Urwälder. Ihre Fläche hat aber in den letzten Jahrzehnten konstant und massiv abgenommen. Für Europa sind sie besonders wertvoll, da sie zu den letzten unseres Kontinents zählen und als Lebensraum für eine Vielzahl von anderswo sehr seltenen oder sogar ausgestorbenen Pflanzen und Tieren dienen. Einer der besten Kenner der rumänischen Urwälder ist der aus Siebenbürgen stammende Forstdirektor Dietmar Gross. Nach dem Studium der Forstwissenschaften in Kronstadt und an der Ludwig-Maximilian-Universität in München war er unter anderem stellvertretender Forstamtsleiter am Forstamt Bamberg und Leiter des Bayerischen Forstamtes Lichtenfels. Gross organisiert und begleitet seit 1995 Reisen in die Natur- und Kulturlandschaften Rumäniens, seit 2005 als Reiseleiter für den Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Heute lebt Gross (64) in Deutsch-Weißkirch/Viscri. Nach seinem Vortrag „Urwälder und Naturlandschaften in Rumänien“ beim Kronstädter Deutschen Forum gewährte Dietmar Gross dem ADZ-Journalisten Ralf Sudrigian folgendes Interview.

Was sind Urwälder in unseren Breitengraden?

Um es einfach zu sagen: Urwälder sind Wälder, in denen der Mensch nie Holz genutzt hat und auch nicht nutzt. Einen Einfluss des Menschen in diesen Wäldern gibt es in der heutigen Zeit schon über die Luftschadstoffe. Da darf man aber nicht zu kleinlich sein. Ein geringer Viehtrieb, also wenn das nicht jedes Jahr passiert, oder eine total extensive Jagd, wird in der Regel akzeptiert. Ganz wissenschaftlich korrekt ist es nicht. Als Ergänzung: In Rumänien gibt es noch die Definition der „Quasi-Urwälder“ (păduri cvasi-virgine). Das sind Wälder, wo man nicht hundertprozentig weiß, ob der Mensch nicht doch in der Vergangenheit mal eingegriffen hat. Die Mindestfläche für einen Urwald war mal bei 50 Hektar festgesetzt worden. In den neuen Verordnungen des Umweltministeriums ist sie auf 30 Hektar heruntergesetzt worden. Aber diese Flächengröße spielt nicht die entscheidende Rolle. Natürlich: Je größer der Urwald ist, desto wertvoller ist er, denn dann sind die Störungselemente des Randwaldes am geringsten. Allerdings: Wenn der Urwald in das Weltnaturerbe einfließen soll, dann muss er eine gewisse Größe haben und eine Pufferzone, wo auch gewisse Kriterien eingehalten werden müssen. 30 oder 50 Hektar reichen dann nicht.

Wo liegen in unserem Land solche Urwälder?

Die meisten gibt es in Südwest-Rumänien, angefangen von Retezat, Godeanu, Ţarcu herunter bis an die Donau und dann vor allem im Semenic. Der Südwesten des Landes weist prozentual drei Viertel der rumänischen Urwälder auf. Der Rest liegt in Teilen des Fogarascher Gebirges, meistens an den Nordhängen, zum Beispiel im Strâmba-Tal.

Was bedroht diese Urwälder?

Es gibt einen Druck auf die Wälder, der international besteht: Man möchte mehr und mehr den Rohstoff Holz nutzen. Der Druck auf die Urwälder hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Es besteht die Tendenz, auch diese Restwälder zu nutzen. Inzwischen gibt es auch die Gegenbewegung, die sagt: Diese Wälder sind so wertvoll geworden, weil sie in Europa äußerst selten sind. Deshalb sollten sie unbedingt erhalten werden. Wo wird sich dieser Trend einpendeln? Ich bin so optimistisch, vielleicht auch realistisch, dass ich meine: Rumänien wird schon ein Land bleiben, wo solche Urwälder in vielleicht zehn Jahren noch da sind. In welcher Größenordnung weiß ich nicht.

Bedeutet die Privatisierung eine zusätzliche Gefahr für solche Wälder?

Im Landkreis Kronstadt/Braşov, wo es nach einer neuen Erfassung von „Pro Parc“ und WWF noch rund 17.000 Hektar Urwald gibt, ist fast die Hälfte davon in Privatbesitz. Das bedeutet eine zusätzliche Schwierigkeit. Einer Privatperson kann man schwerer vorschreiben, wie sie vorgehen kann. In Westeuropa ist es so, dass ein Ausgleich geschaffen wird: Entweder man tauscht den Wald ein oder der Staat zahlt dem Besitzer den Nutzungsausfall, der ihn betrifft, damit er auf das Holz verzichtet. Eigentlich ist es eine Aufgabe des Staates, die Urwälder zu schützen. In den Wäldern generell muss in Rumänien ein Fachmann als Verwalter eingesetzt werden (bei über 10.000 Hektar sogar ein Forstdirektor, was einem Privatforstamt gleichkommt).

Rumänien ist ja wirtschaftlich lange nicht so stark wie die Länder Westeuropas. Meiner Meinung nach muss die EU, genau wie bei finanziellen Ausgleichen in Verkehrs- oder Infrastrukturprojekte, Gelder nach Rumänien hinleiten, sodass nicht allein der rumänische Staat an Privatbesitzer Gelder auszahlt, um die Urwälder zu schonen. Die Urwälder sind nicht nur für Rumänien wichtig, sondern für die gesamte Europäische Union. Deutsche und westeuropäische Umweltschützer überlegen nun, wie man EU-weit diesbezüglich einen finanziellen Ausgleich sichern kann.

Der Status als Weltnaturerbe für Urwälder würde auch hinzukommen.

Der finanzielle Ausgleich, von dem ich spreche, ist nicht direkt daran gebunden. Weltnaturerbe ist eine Anerkennung, eine Sache des Prestiges. Vor allem öffentliche Urwälder sollen dazu gehören; So wird deren Wert verdeutlicht und der rumänische Staat oder der Waldbesitzer kann zurecht sagen: „Es ist etwas Tolles, etwas Schönes.“ Es ist mehr ein ideeller Wert.

Wie werden Urwälder touristisch richtig vermarktet?

Der Tourismus ist als positiv zu betrachten, so lange er nicht zum Massentourismus wird. Wir sind bedacht, diese Wälder bekannt zu machen, sie zu erleben, aber auch die Leute in ihrem Umfeld moralisch zu unterstützen. Wenn wir, 20-30 Leute, kommen und in Gesprächen mit ihnen zeigen, wie wertvoll wir diese Wälder finden, dann ist es für sie auch eine Anerkennung. Sie sagen sich: „Die Leute kommen gezielt hierher und freuen sich an unseren Wäldern“. Sie sehen darin auch einen Gegenpol zur Nutzung. Vor allem bei den Fachleuten, den Forstleuten, gibt es eine Bewusstseinsbildung über den Wert dieser Schutzgebiete; wohl auch bei der Bevölkerung – wir haben aber kein Feedback, um genau zu sehen, wie viel davon allein auf unsere Exkursionen zurückzuführen ist.

Aber zurück zur Frage, was darf man und was darf man im Urwald nicht. In jedem Nationalpark weltweit gibt es Gebiete, in die man nicht hinein darf. Das sind die totalen Schutzgebiete. Dann gibt es Gebiete, wo man hinein darf und hinein soll. Der Mensch schützt nur das, was er sieht und was er als Wert erkennt. Also braucht man auch Bereiche, die man in bestimmten Maßen auch zugänglich macht. Die meisten rumänischen Nationalparks (und auf deren Gebiet befinden sich auch viele der Urwälder) sind erst 1999 ausgewiesen worden und haben fast noch keine Verwaltung. Oft haben die Ranger noch viel zu lernen. Und wer bezahlt diese Ranger? Immer noch die Forstverwaltung – das ist ein Paradox an sich. Wenn diese Leute von Bezahlung bis Outfit echte Ranger werden, wird genauer darüber gewacht, wo Stellen sind, die man besichtigen darf, wo Gebiete sind, die nicht zugänglich sind oder wo geforscht wird.

Vielen Dank für dieses Gespräch!

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