Rumänische duale Ausbildung zur europäischen Debatte gestellt

Temeswarer „König Ferdinand“-Berufsschule als positives Beispiel

Freitag, 01. März 2019

Als Absolvent der ersten Generation des neuen dualen Schulsystems nach deutschem Muster arbeitet Romulus Mărgineanu derzeit bei Continental – ContiTech. Im Bild rechts noch während seines Studiums.

Europäische Fachleute im Bereich der Bildung besuchten u. a. die Praktikumslabors der „König Ferdinand“-Berufsschule in Temeswar (im Bild). Die Schule soll bei der nächsten Arbeitssitzung in Tschechien als Exzellenz- und Innovationsmuster im Bereich der Berufsausbildung vorgestellt werden. Fotos: Zoltán Pázmány

Europäische Fachleute im Bereich der Bildung, Mitglieder der europäischen Bildungsarbeitsgruppe des Nationalzentrums für technische und berufliche Aus- und Weiterbildung (NCTVETD), weilten vor Kurzem in Temeswar/Timișoara. Infolge der rumänischen Übernahme der EU-Ratspräsidentschaft wurde die Tagung in der westrumänischen Stadt organisiert. Vorträge, Gespräche und Debatten standen an zwei Tagen auf dem Programm. Das Thema der dualen Schulausbildung stand innerhalb der Tagung im Rampenlicht. Als ein gutes Beispiel für Rumänien wurde in dieser Hinsicht das  Technische Kolleg „König Ferdinand I.“ vorgestellt. Im hauseigenen Lehrersaal wurde am 22. Februar eine Debatte organisiert, wobei rumänische Akteure in diesem Bereich und Vertreter jeweiliger Unternehmen mit den europäischen Fachleuten ins Gespräch kamen. 


Die „König Ferdinand I.“-Berufsschule hat in den letzten zehn Jahren einige hundert Schüler verloren. Von den einstigen 700 Schülern, die hier Unterricht und Praktikum durchführten, sind derzeit noch 400 Studierende geblieben. Grund dafür: die Abschaffung aller rumänischen Berufsschulen im Jahr 2009. In den letzten Jahren versuchten jeweilige Unternehmen, das duale Schulsystem nach deutschem Muster wiederzubeleben. Die Temeswarer Ferdinand-Schule bietet in dieser Hinsicht ein positives Beispiel. In Partnerschaft mit den Lokalniederlassungen internationaler Konzerne, wie Continental – ContiTech, Dräxlmaier und Smithfield, werden hier Schüler für einen künftigen Beruf ausgebildet. Die Schüler bekommen eine monatliche Geldunterstützung während der dreijährigen Ausbildung, sie können ein Praktikum in jeweiligen Unternehmen ablegen und als Absolventen sogar einen sicheren Arbeitsplatz bekommen.

Das System hat kleine, aber entschlossene Schritte unternommen, wissen die Vertreter der jeweiligen Unternehmen vor Ort zu schätzen. Ohne die Unterstützung der Kommune kann aber das System auch nicht vorankommen, sind sich die Unternehmer einig.

Die Sanierung bzw. Neueinrichtung einer gut ausgestatteten Werkstatt für das Praktikum im Innenhof des „Ferdinand“-Lyzeums stockt seit einigen Jahren. Die Sanierung der alten Werkstatt hat schon vor mehreren Jahren begonnen: Neue PVC-Fenster und Türen wurden eingesetzt, Wände vom alten Verputz befreit, doch hier endeten die Arbeiten. „Die Lehrkräfte sind bereit, die Unternehmen vor Ort auch. Auf das Engagement der Behörden lässt sich noch warten. Wir hatten positive Ergebnisse in Mazedonien, Tunesien und in der Republik Moldau. In Rumänien bewegen sich leider die Sachen nur sehr schwer“, sagt Barbara Gerber, internationale Ausbildungsleiterin bei der Dräxlmaier-Gruppe.

Nun kommt ein neues Versprechen seitens des Temeswarer Bürgermeisteramts: Die Werkstatt im Innenhof der Temeswarer Ferdinand-Berufsschule soll in drei Monaten komplett saniert werden. „Wir unterstützen die Berufsschulen in Temeswar. Wenn wir auf diese Schule schauen, haben wir in den letzten Jahren hier schon auf Infrastruktur gebaut: Eines der Internatsgebäude und auch die Mensa der Schule wurden modernisiert. Wir bereiten demnächst einen Kommunalratsbeschluss vor, wonach alle Schüler, die eine Berufsausbildung machen, ein warmes Mittagessen bekommen“, sagte beim Treffen die Vertreterin des Temeswarer Bürgermeisteramts, Anca Lăudatu. „Weitere Investitionen wurden auch in den Labors innerhalb der Schule unternommen. Die Werkstatt ist leider wegen der schlechten Zusammenarbeit mit der beauftragten Baufirma nicht fertig. Ich kann Sie aber nun versichern, dass die Sanierungsarbeiten bald aufgenommen und dann in etwa drei Monaten vollendet werden“, setzte Lăudatu fort.

Beim Treffen im Ferdinand-Kolleg kamen auch zwei Absolventen der Berufsschule. Beide arbeiten in den Unternehmen, wo sie auch ein Praktikum während ihrer Ausbildung gemacht haben. Romulus Mărgineanu (20) ist Absolvent der ersten Generation des neuen dualen Schulsystems, das in Temeswar in Zusammenarbeit mit dem Deutschsprachigen Wirtschaftsclub (DWC) Banat eingeführt wurde. Seit zwei Jahren arbeitet er bereits bei Continental - ContiTech. Der junge Mann gibt zu, dass es ihm schwer fiel, seine Eltern zu überzeugen, dass er eine Berufsausbildung antreten will.

„Maßgebend für mich war, dass ich dort ein Praktikum ablege, wo ich auch künftig angestellt werden kann. So bekommt man eine klare Sicht, von dem was auf einen im Beruf zukommt“, erzählte Romulus Mărgineanu den anwesenden europäischen und rumänischen Fachleuten.
Auch Florian Papuc ist Absolvent der ersten Berufsschule nach deutschem Muster und arbeitet bei Continental Temeswar. In der Zwischenzeit setzt der junge Mann auch sein Studium in der Abendschule fort. Er möchte sein Abi machen und sogar ein Studium im Bereich des Ingenieurwesens antreten. „Die Fortsetzung der Schule hilft, mich persönlich zu entwickeln. Dass ich von unten anfangen kann, ist mir sehr wichtig, alle Bildungsetappen durchzugehen. In zehn Jahren sehe ich mich als Ingenieur im CNC-Bereich und würde mir wünschen sogar ein eigenes kleines Unternehmen in die Wege zu leiten“, erzählte Florian Papuc.

„Mit 20 sind diese jungen Männer besser ausgebildet als viele unserer älteren Mitarbeiter“, betonte Alina Bratu, Verantwortliche für die Berufsausbildung seitens des Unternehmens Continental. In den drei Unternehmen des deutschen Konzerns in Temeswar bildet Continental in der Ferdinand-Schule insgesamt 75 Schüler für die drei genehmigten Qualifizierungen – CNC, Elektriker und Elektromechaniker – aus. Jedes Jahr absolvieren um die 60 bis 80 Prozent der Auszubildenden die Qualifizierung in diesen Berufen.

Auch wenn es noch an Werkstätten und einer passenden Infrastruktur für Berufsschulen mangelt, sollen ab Herbst doppelt so viele Berufsklassen im Verwaltungskreis Temesch/Timiș eingeführt werden. Dies kündigte die Temescher Schulinspektorin Aura Danielescu vor Kurzem an. „Im Schuljahr 2019/2020 soll die Zahl der Berufsschulklassen von 30 auf 60 steigen. Wir hoffen, dadurch mehr Unternehmen zu ermutigen, sich für eine duale Ausbildung zu engagieren“, sagte die Schulinspektorin. Des Weiteren sollen noch in dieser Hinsicht Beratungstreffen mit Lehrern, Eltern und Schülern durchgeführt werden, unterstrich Danielescu.


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