Rumänische Musiker aus Irland

Das Streichquartett „ConTempo“ in Bukarest

Freitag, 26. September 2014

Das „ConTempo“-Quartett ist in der internationalen Musikszene sehr erfolgreich.

Wenige Tage vor Beginn des Bukarester Internationalen Rundfunkorchesterfestivals, dem vom 20. bis 27. September der Große Saal des Rumänischen Rundfunks seine Bühne lieh, trat dort das ‚Quartet in Residence’ des Irischen Staatsrundfunks auf, das den sprechenden Namen „ConTempo“ trägt. Das weltberühmte Quartett, das schon vor Papst Johannes Paul II., Nelson Mandela und Prince Charles gespielt sowie mit Hollywoodregisseuren vom Range eines Steven Spielberg zusammengearbeitet hat, wurde 1995 in Bukarest gegründet, besteht ausschließlich aus rumänischen Musikern und setzt sich – eine weitere Besonderheit! – aus zwei Ehepaaren zusammen. Auch wenn der letzte Auftritt des Quartetts „ConTempo“ im Bukarester Mihail-Jora-Saal mittlerweile vierzehn Jahre zurückliegt, haftete dem Konzertabend gleichwohl eine heimatliche und familiäre Atmosphäre an, die durch die launigen und zugleich doch auch persönlichen Zwischenmoderationen vor allem des Cellisten des Quartetts noch intensiviert wurde.

Auf dem Programm des Konzertabends standen Quartette von Joseph Haydn sowie weitere Werke der klassischen und zeitgenössischen Moderne. Vom Vater der musikalischen Gattung des Streichquartetts wurden ein Apponyi- und ein Erdödy-Quartett zu Gehör gebracht: das unter dem Namen „Reiterquartett“ bekannt gewordene Streichquartett g-Moll op. 74 Nr. 3 sowie das „Sonnenaufgangsquartett“ betitelte und im deutschen Sprachraum oft auch als „Tannhäuser-Quartett“ apostrophierte Streichquartett B-Dur op. 76 Nr. 4. Die zwei Haydn-Quartette bildeten jeweils den Auftakt zu den beiden Teilen des Konzertabends. Vor der Pause wurden außerdem zeitgenössische Werke zweier amerikanischer Komponisten – Jane O’Leary und Terry Riley – aufgeführt. Das Konzert endete mit den bekannten „Sechs rumänischen Volkstänzen“ von Béla Bartók in einer Fassung für Streichquartett. Die beiden Zugaben des Konzertabends entstammten dann wieder den zwei Haydn-Quartetten: Es erklangen abschließend der Kopfsatz des „Reiterquartetts“ sowie das Menuett des „Sonnenaufgangsquartetts“, bevor dann unter lang anhaltendem Applaus vor allem die Bratscherin mit Blumen überhäuft wurde.

An den Haydn-Darbietungen des Streichquartetts „ConTempo“ beeindruckten, neben der Rasanz, der stilistischen wie der klanglichen Einheit, vor allem seine an Ausdrucksmöglichkeiten reiche Tonsprache, die auch Effekte zeitgenössischen Musizierens in die klassischen Werke Joseph Haydns hineintrug und sie dort zur Entfaltung brachte. Das rauchig zarte Spiel am Steg verfremdete den gewohnten Quartettklang ins Unwirklich-Ätherische, und das fulminante Tempo ließ den jagenden Triolen der ersten Violine neue musikalische Erfahrungsdimensionen zukommen, sodass man das „Reiterquartett“ in der dargebotenen Version gerne als „Jagdquartett“ bezeichnet hätte, wenn es ein Quartett dieses Namens nicht schon gäbe, nämlich aus der Feder des Haydn-Verehrers Wolfgang Amadeus Mozart.

Mit besonderem Interesse wurden seitens des Konzertpublikums die beiden Werke zeitgenössischer amerikanischer Komponisten aufgenommen. Zunächst bot das „ConTempo“-Quartett ein Werk der in Irland lebenden Komponistin Jane O’Leary (geb. 1946) mit dem Titel „Mystic Play of Shadows“ (Mystisches Spiel von Schatten) aus dem Jahre 1995 dar, das das gesamte Ausdrucksspektrum zeitgenössischer Quartettspielkunst auffächerte, angefangen von harten Pizzicati, bei denen die gezupften Saiten derb auf das Griffbrett knallen, über allerhand verschiedene Arten, die Saiten anzustreichen, bis hin zu teils flirrenden, teils verhauchenden, künstlichen Flageoletti ähnelnden Klanggebilden.

Von dem 1935 in Kalifornien geborenen Komponisten Terry Riley wurde das 1980 entstandene Werk „Sunrise of the Planetary Dream Collector“ aufgeführt, dessen Titel auch in der deutschen Übersetzung nicht sehr viel verständlicher wird: Sonnenaufgang des planetarischen Traumsammlers! Riley gilt als ein Vertreter der Minimal Music, die im Hinblick auf ihre kompositionstechnischen Mittel von motivischen und rhythmischen Klangzellen ausgeht, die als musikalische Nuklei fungieren, aus denen dann durch Addition, Repetition und Variation verschiedene Klangteppiche aus diversen Mustern entstehen, die seriell ineinander übergehen, sich dabei ständig verwandeln und doch zugleich als permanentes Kontinuum wahrgenommen werden. Bei dem genannten Werk Terry Rileys kommt noch ein aleatorischer Aspekt hinzu: Jeder der vier Quartettmusiker kann die Gestaltung seines Parts ein Stück weit selbst mitbestimmen, insofern die Zeitdauer und die Reihenfolge der diversen Klangkerne seiner Entscheidung überlassen bleibt. Der Zuhörer hört also, wenn er das Stück von anderen Musikern oder von denselben Musikern zu einem anderen Zeitpunkt dargeboten bekommt, niemals dasselbe Stück, auch wenn es sich um dasselbe Werk handelt. Der konsonante, tonal geprägte, harmonische und moderate Charakter des Werkes ließ das Klangerlebnis zu einem Hörgenuss werden, dem auch das für die Minimal Music symptomatische plötzliche und abrupte Werkende keinen Abbruch tat.

Béla Bartóks „Sechs rumänische Volkstänze“ sind von der Musiktradition Siebenbürgens inspiriert, die der ungarische Komponist zusammen mit seinem Landsmann und Musikerkollegen Zoltán Kodály zu Beginn des 20. Jahrhunderts in ihren reichhaltigen Erscheinungsformen eifrig aufzeichnete und sorgsam bewahrte: strophische und nichtstrophische Lieder, Wiegenlieder, Klatschlieder, Haarwaschlieder, Tiersprüche, Nachahmungen von Glocken, Mühlen, Fuhrwerksgerassel, Brauchtumslieder für jede Gelegenheit, Totenklagen, Kummerlieder sowie eine Fülle von Instrumentalmusik. Die „Sechs rumänischen Volkstänze“ entstanden im Jahre 1915. Zwei Jahre später wandte sich der Komponist dem Klavierwerk erneut zu und stellte eine Orchesterfassung davon her. Alle Volkstänze beruhen auf originalen Tanzmelodien, von denen der ethnografisch interessierte Komponist sogar festhielt, von wem und wo ihm die jeweilige Melodie vorgespielt worden war und wie die Choreografie der einzelnen Tänze ausgesehen hatte. Das „ConTempo“-Quartett bot die einzelnen Sätze des Werkes ohne Pause hintereinander, gleichsam attacca subito, mit großer Spielfreude, ausgelassener Verve und mitreißendem Schwung dar.

Dieser Bukarester Konzertabend bedeutete für das „ConTempo“-Quartett gleichsam eine doppelte Heimkehr: die Rückkehr zu den musikalischen rumänischen Wurzeln und die Rückkehr an den Ort ihrer Kindheit und Jugend, die von den vier rumänischen Musikern Bogdan Şofei (1. Violine),  Ingrid Nicola (2. Violine), Andreea Banciu (Bratsche) und Adrian Mantu (Violoncello) sichtlich genossen wurde.

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