Rumänischen Roma ein zehnter Band gewidmet

Franz Remmel schildert Vor- und Zwischenfälle im Spiegel von Zeiten und Fakten

Samstag, 26. Mai 2012

Franz Remmel, „Vor- und Zwischenfälle. Die rumänischen Roma im Spiegel von Zeiten und Fakten“, Banatul-Montan-Verlag 2012.

Kürzlich erreichte uns der Band unseres ehemaligen langjährigen Kollegen Franz Remmel, der sich noch in den Jahren, als er Redakteur beim „Neuen Weg“ war, mit einem heiklen Problem für die Jahre vor der Wende auseinander setzte – dem der Roma. Nach Dezember 1989 hat er sich dann voll dieser selbstgestellten Aufgabe gewidmet, sowohl bei der Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien, als auch anschließend im wohlverdienten Ruhestand. So konnte nun sein zehnter Band erscheinen, unter dem Titel „Vor- und Zwischenfälle. Die rumänischen Roma im Spiegel von Zeiten und Fakten“ im Banatul Montan-Verlag, Reschitza/Reşiţa 2012, der eine Chronologie der wichtigsten Ereignisse in den Jahren 2007 bis 2011 umfasst.

Schon der erste Band „Die Roma Rumäniens. Volk ohne Hinterland“, 1993 im Picus Verlag Wien erschienen, sorgte für Aufsehen. Aber auch für Anerkennung, sowohl in wissenschaftlichen Kreisen, als auch bei der Leitung diverser Roma-Gruppen. Der Autor musste einige Vorarbeit leisten, bis er sich deren Vertrauen sichern konnte, sich direkt bei diesen zu dokumentieren und zu ihren Veranstaltungen zugelassen zu werden. Geweckt wurde sein Interesse am Leben der Zigeuner vom siebenbürgischen Forscher Dr. Heinrich von Wlisloscki.

Nach dem Erfolg des in Wien erschienen ersten Bandes folgten weitere: „Karawanen auf der Todesstraße“, „Nackte Füße auf steinigen Straßen“ (beide 2003), „Der Turm zu Babel“ (2004), „Alle Wunder dauern drei Tage“ (2005), „Botschaft und Illusion“ (2007), „Die rumänischen Roma in Daten und Fakten“ (2007), „Zigeunersitte – Zigeunerrecht“ (2008), „Die Fremden aus Indien“ (2010). Diese umfassen Themenbereiche wie Geschichte, Brauchtum, Sitten, Kultur, Literatur und Bildung der – nach den Ungarn – gegenwärtig zweitgrößten Minderheit des Landes. Sie könnten glatt die Grundlage für eine Enzyklopädie bilden und fanden schließlich auch die entsprechende Anerkennung. Für seine langjährigen Forschungen über die Roma wurde der Autor vom Bundespräsidenten der Republik Österreich mit dem Goldenen Verdienstzeichen geehrt. Überreicht wurde ihm es vom österreichischen Botschafter in Bukarest, Dr. Christian Zeileissen, am 7. März 2007, wobei dieser betonte: „Franz Remmel hat für das Zusammenleben mit den Roma als nationale Minderheit in Rumänien... einen wichtigen und einzigartigen Beitrag geleistet...“. Sein Engagement fand aber auch Anerkennung seitens des „Roma-Königs“ Florin Cioabă, der ihm das „Ehrendiplom Ioan Cioabă“ überreichte. Franz Remmel ist zudem Träger des Ehrendiploms der Internationalen Forschungsgesellschaft für Romologie, Budapest (2000). Als erstem Publizisten wurde ihm die Medaille „Ioan Cioabă“ (2001) verliehen. In seinen Recherchen und im Hinblick auf die Herausgabe der genannten Bücher fand der Autor zudem das Interesse der Redaktion, der Kollegen, sowie die Unterstützung von Elke Sabiel, der ehemaligen Leiterin der Vertretung der Friedrich Ebert-Stiftung in Rumänien. 

Der vorliegende Band konnte dank der finanziellen Unterstützung des Deutschen Konsulates in Temeswar, mehrerer Privatfirmen und des Deutschen Wirtschaftsclubs Temeswar erscheinen. Das Lektorat übernahm unser Banater Redaktionskollege Werner Kremm. Der Band umfasst 475 thematisch gegliederte Ereignisse aus dem In- und Ausland, bezogen auf die Roma in der Zeitspanne 2007 bis 2011.

Im ersten Band, der 2007 erschienen war, bietet der Autor eine Übersicht zu den rumänischen Roma in Daten und Fakten, wobei in rund tausend Anmerkungen Daten, beginnend mit dem Eintreffen der ersten Romagruppen im Südosten Europas bis zur Aufnahme Rumäniens in die Europäische Union, geboten werden. Im zweiten Band setzt der Autor diese Serie von Aufzeichnungen fort. Als erster Vermerk wird ein Beschluss angeführt, laut dem der Staat eine Hilfe von 200 Euro bei der ersten standesamtlichen Trauung bietet. Dieses war ein großer Anreiz für viele Roma – auch in fortgeschrittenem Alter – die bis zu dieser Beschlussfassung Anfang des Jahres 2007 nicht standesamtlich getraut waren. Ebenfalls vom Anfang des gleichen Jahres ist zu vermerken, dass von der Bezeichnung „Zigeuner“ abzusehen sei, wobei der Begriff aus dem Wörterbuch der rumänischen Sprache gestrichen werden solle. Interessant sind auch die Stellungsnahmen der Roma gegenüber dem rumänischen Staatspräsidenten Traian Băsescu, der diesbezüglich mehrere Male ins Fettnäpfchen getreten ist und damit nicht nur Unstimmigkeiten bei den Roma und deren Vertretern ausgelöst hat, sondern auch von den Medien ins Visier genommen wurde. Erinnert sei an den Vorfall, als er – allerdings in einem privaten Gespräch, das aber bei offenem Telefon geführt wurde – eine Journalistin als „stinkende Zigeunerin“ abstempelte.
 
Ein vieldiskutiertes Problem ist auch die Anzahl der in Rumänien lebenden Roma. Diesbezüglich gibt es Daten, meist aus den Medien entnommen, die sich auf die Dynamik des Wachstums in Ortschaften beziehen, in denen es kompakte Romasiedlungen gibt. Anderseits wird jedoch von den Roma die Zugehörigkeit zu ihrer Ethnie oft verleugnet, zum Beispiel im Rahmen von Volkszählungen. Viele positive Beispiele in dem Band beziehen sich auf Maßnahmen von Lokalbehörden, etwa im Repser Gebiet, wo es darum ging, die Roma nachträglich in den Besitz der Grundstücke zu setzen, auf denen sie ihre Häuser gebaut hatten. Allerdings beanstandeten sie die hohen Kosten für die Eintragung der Grundstücke in das Grundbuch. Privatinitiativen, wie beispielsweise in Deutsch-Weißkirch, wo Romafrauen angeleitet wurden, Wollsocken zu stricken, die auf dem Markt abgesetzt wurden, oder wo Roma über die Stiftung Mihai Eminescu-Trust mit traditionellem Handwerk vertraut gemacht wurden und Arbeit auf den Baustellen zur Restaurierung von sächsischen Häusern fanden, sind ebenfalls nennenswert. Weitere Beispiele sind in dem Band angeführt, bezüglich Schulbesuch, Berufsausbildung, über Migration, aber auch über Kriminalität, beginnend mit Gewalttaten und bis hin zu Mordfällen. Dabei wurde auch der Mordfall Mailat in Italien erwähnt, der eine Welle der Empörung gegen die Romaangehörigen auslöste. Zahlreiche Fälle, betreffend Rassismus und Diskriminierung der Roma, nicht nur in Rumänien, sondern auch in Italien, Spanien, Frankreich und England, werden ebenfalls angeführt. Ein weiteres Problem, durch Beispiele illustriert, ist das der Trauungen im Kindesalter, eine immer noch gängige Praxis. Zwar sind diesbezüglich standesamtliche Trauungen nicht erlaubt, doch finden derartige Zusammenschlüsse nach Vereinbarung zwischen den Eltern statt.
Armut, Betteln und Arbeitslosigkeit werden durch weitere Fakten illustriert. Aber auch Aberglaube und Hexerei spielen noch eine große Rolle innerhalb dieser Ethnie. Was die Hexerei betrifft, ist erstaunlich, wie viele gut betuchte Personen sich gegen schweres Geld nicht nur ihre Zukunft voraussagen lassen, sondern auch glauben, durch derartige Methoden Feinde loswerden zu können.

In seinem Vorwort zu dem jüngst erschienenen Band würdigt Werner Kremm die Bedeutung der Bücher von Franz Remmel, der durch akribische Dokumentation über die Roma für ein besseres Verständnis dieser Ethnie wirbt. In seiner Schlussbetrachtung dankt Franz Remmel all denen, die ihn bei seiner Arbeit unterstützt haben und dieses weiter tun, bezieht sich auf Schwierigkeiten, die er überbrücken musste, aber auch auf die Genugtuung, dass sein Schaffen so breite Anerkennung fand. Ein ansprechender Bildanhang ergänzt den dokumentarischen Charakter des Buches auf willkommene Weise.

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