Rumänischer Katastrophenschutz trotzt Minengefahr

Temescher ISU-Einsatz im serbischen Hochwassergebiet

Mittwoch, 04. Juni 2014

Als übergeordnete Struktur hat der Temescher Kreisrat in den letzten Jahren für eine gute Ausstattung des Katastrophenschutzdienstes gesorgt. Für die serbische Hochwasserregion spendete die Kreisbehörde nun auch Geld. Blick auf Dorfstraße in Jamena.
Fotos: Constantin Duma

Wie ein reißender Bach schießt das Wasser unter der Brücke durch und fließt in die schäumende Bosut. Der Fluß ist doppelt so breit wie sonst, Felder, Teile der Fahrbahn und Vorgärten sind überschwemmt. Im Dreiländereck Serbien-Bosnien-Kroatien sind die Folgen der Überschwemmungen fast eine Woche nach dem Deichbruch an der Sava, einem Nebenfluß der Donau, noch immer allgegenwärtig. In Jamena herrscht weiterhin Ausnahmezustand: Nur die arbeitsfähige männliche Bevölkerung darf tagsüber ins Dorf, während der Nacht befindet sich bloß Polizei und Rettungsteam in dem Ort, der über weite Strecken noch immer überschwemmt ist. 1200 Personen aus der Region wurden evakuiert, sagt der Leiter des Katastrophenschutzes in der Region Mitrovica, Stevan Pejic. „20 Zentimeter pro Tag ist zuletzt der Wasserstand gesunken“ - Hauptmann Codrut Brândusoiu, Feuerwehrmann beim Katastrophenschutz ISU Banat aus dem westrumänischen Verwaltungskreis Temesch/ Timis, ist bei unserem Besuch seit fast einer Woche im Hochwassergebiet im Nord-Westen Serbiens. Er leitet eine elfköpfige Gruppe von Einsatzkräften aus Temeswar, die nahezu 300 Kilometer von ihrer rumänischen Heimatstadt im Einsatz ist.

 

Ein Dorf unter Wasser

Stationiert ist die Truppe in Morovic, etwa zehn Kilometer von Jamena entfernt. Ende Mai pumpten die Männer aus dem Banat Keller, Häuser und Stallungen leer und wenn der Wasserstand so stark sank, dass pumpen keinen Sinn mehr machte, setzen sie ihre Entwässerung und Entschlammung mit Eimern fort. Sie freuten sich auch über jede warme Mahlzeit aus dem Ort: „Konserven haben wir mittlerweile satt“, sagt der Hauptmann. Stechmücken schwirren durch die Luft, vor allem am Ufer der Bosut treiben die Insekten. Und das auch um die Mittagszeit. Trotzdem scheint dies in der Region das kleinste Übel. Nur wenige Kilometer weiter, in Jamena, liegt ein Ferkel am Rande der Fahrbahn. In den zunächst mehr als einen Meter hohen Fluten ist es umgekommen. Nicht zufällig handelt es sich um ein Schwein, sind doch die Bauern in Jamena für ihre Schweinezucht bekannt. Die toten Tiere werden nun nach und nach entsorgt, um Seuchen vorzubeugen. Fast jede Wirtschaft habe mindestens zehn Schweine, die Abnehmer sind Schlachthöfe, so die Informationen bei einem Rundgang durch das afst menschenleere und zum Teil noch immer überflutete Dorf. Nun müssen viele notgedrungen ihre Tiere verkaufen, wohl zu einem niedrigeren Preis: Bei manch einem sind die Stallungen unter Wasser, bei anderen mangelt es an Futter und beim Dritten ist Geld von Nöten, um über die Runden zu kommen. Der Staat hat Hilfen im Schnellverfahren geleistet, doch möglicherweise kann das Ausmaß des Hochwassers noch gar nicht bis ins Detail eingeschätzt werden. Auch schwer wohl, in einem Ort, in dem selbst kleine Boote durch die Dorfstraßen treiben können, manch tiefer gelegenes Gehöft noch unter Wasser steht und auf vielen Dorfstraßen nur Stiefel Sinn machen, die bis zur Hüfte reichen.

 

Gastfreundschaft gelebt

Ljubomir Boric schneidet pikante Wurst auf, fragt ob „pivo“ denn gewünscht sei, wartet aber die Antwort erst gar nicht ab, sondern bringt gleich die Bierflaschen mit und „auf das „jiveli“ von Einsatzkräften und Journalisten freut er sich. Seinen tiefen und geräumigen Keller kann er zur Zeit nicht nutzen. Das gesamte Haus ist nämlich unterwässert, nachdem zeitweilig bis zu einem Meter hoch das Wasser in seinem Hof stand. Wer einen Krieg mitgemacht hat, lässt sich jedoch von einem Hochwasser nicht unterkriegen, so in etwa könnte man sich zusammenbasteln, was in Wortfetzen und mit notdürftiger Übersetzung bekannt wird. Der Krieg hat sie, die Serben, gehärtet, aber auch in ihrer Ansicht über manch ein anderes Volk verändert. So seien die Bosnier und Kroaten noch immer die Feinde, genauso wie die Weststaaten. Angeblich würden viele der Ortsbewohner ein gutes Englisch sprechen, doch wolle man die Sprache des Feindes nichts sprechen, heißt es. Ob die Gerüchte Wirklichkeit sind, darüber habe ich in den wenigen Stunden des Aufenthaltes keinen endgültigen Aufschluss erhalten können. Dass alte Animositäten auch im Alltag eine gewichtige Rolle spielen, zeigt die Angehensweise, mit der sie hierzulande ihr Verhältnis zu den heutigen Nachbarstaaten und ehemaligen Mitgliedstaaten im Bund der Föderation Jugoslawiens stehen. So munkelt der ein oder andere Bürger gar, dass in Kroatien absichtlich ein Deichbruch herbeigeführt worden sei, um nicht eigenes Land zu überschwemmen und dadurch habe man die Überflutung der Region um Jamena in Serbien billigend in Kauf genommen. Fakt ist jedoch, dass Sintflut artige Regen mit 280 Liter pro Quadratmeter in 24 Stunden in der Region fielen und auch die wohl sichersten Deiche irgendwann nachgeben mussten. Dass es ein Deichbruch in Grenznähe, aber in Kroatien war, darf – mit nötigem Abstand gesehen – als Naturkatastrophe gesehen und nicht politisch ausgelegt werden.

 

Feuermann gegen Suizide

Waschen, rasieren, Nahrungszubereitung – alles ist nicht einfach für die Feuerwehrleute aus dem rumänischen Banat. Motivationsschub ist jedoch allein schon das Ansehen, die Lobesworte der örtlichen Behörden. Zusammen mit den Hilfskräften aus Montenegro sind die Rumänen geblieben, als jene aus Slowenien und Ungarn aus Sicherheitsgründen unverrichteter Dinge wieder abzogen. Sie  hatten nämlich befürchtet, Minen können durch die Fluten an Land geschwemmt werden und ihre eigenen Leute gefährden. Dass das Team aus Rumänien geblieben ist, hat dessen Ansehen gewaltig gehoben. In Dreiergruppen gehen die Sicherheitskräfte ihrer Arbeit nach. Ein Rumäne, ein Mitglied des Rettungsdienstes aus Serbien und ein Vertreter der Ortsbevölkerung. Seine Erfahrung und seine Serbisch- bzw. Rumänischkenntnisse machen auch Viorel Peteu aus Belgrad praktisch unverzichtbar. Der Mann hat als Feuerwehrmann auf dem Schiff langjährige Erfahrung mit Wasser, Flammen und Gefahren: Im Alltag fährt er nämlich über die Donau und löscht Brände, wenn an den Ufern auf dem Stadtgebiet der serbischen Hauptstadt Feuer ausbrechen. Und das schon seit 1986. „Es gibt viele Restaurants nahe zur Donau, bei denen es zu Bränden kommt, und da greife ich ein“, sagt der Mann der aus einem rumänischen Dorf des serbischen Banats stammt. „Etwa 500 Menschen habe ich aus den Fluten gerettet, die sich in Belgrad von einer Brücke stürzten und Selbstmordgedanken hatten“, hebt Peteu hervor und sieht darin seine wohl besondere Leistung, Menschen in einer Existenzkrise geholfen zu haben. Und deshalb ist er wohl auch in Jamena dabei: Eben, weil hier Menschen vor einer Krisensituation stehen.

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