Rumänisches Kulturinstitut Berlin im Herzen Berlins angekommen

ADZ-Gespräch mit dem stellvertretenden Direktor, Claudiu M. Florian – ein Weltbürger mit siebenbürgischen Wurzeln

Mittwoch, 20. Januar 2016

Claudiu M. Florian am Brandenburger Tor, einem Symbol für Deutschland
Foto: Berndt Brussig

Nach 16 Jahren erfolgreichen kulturpolitischen Agierens in der Villa Walther im ruhigen Bezirk Berlin-Grunewald ist das Rumänische Kulturinstitut „Titu Maiorescu“ (RKI) im August 2015 in die Reinhardstraße 14 in den quirligen Berliner Bezirk Mitte umgezogen. In der Nachbarschaft des RKI im Herzen Berlins sind solche international bekannten Kulturinstitutionen wie das Revuetheater Friedrichstadt-Palast Berlin sowie das Brecht’sche Berliner Ensemble (BE) und das Deutsche Theater (DT), aber auch die Botschaften Rumäniens, Frankreichs und der USA.Am 6. Oktober fand die feierliche Neueröffnung mit dem Botschafter Emil Hurezeanu und weiteren hohen Repräsentanten aus Politik und Kultur statt, umrahmt von einem anspruchsvollen Kulturprogramm, so mit einem Konzert der international bekannten Sängerin Oana Cătălina Chiţu sowie mit der Vernissage der Ausstellung „Analoge Welten“ des aus Siebenbürgen stammenden Künstlers Michael Lassel. Über Aussichten und Erwartungen des RKI gab der stellvertretende Direktor der Institution, Claudiu M. Florian, in einem Gespräch mit Berndt Brussig Auskunft.


Herr Florian, seit 2014 sind Sie stellvertretender Direktor des RKI, das bis zum Umzug 2015 in der Villa Walther in der Königsallee im idyllischen Bezirk Grunewald an der Peripherie Berlins seinen Sitz hatte. An welche kulturellen Highlights in der edlen Villa Walther erinnern Sie sich besonders und was bewog die Direktion, nach 16 Jahren erfolgreichen kulturpolitischen Wirkens des RKI in der Königsallee im August 2015 in die Reinhardtstraße nach Berlin-Mitte umzuziehen? Haben sich Ihre Erwartungen an den neuen Standort erfüllt?

Seit dem Einzug, 1999, des Rumänischen Kulturinstituts „Titu Maiorescu“ in Berlin – damals noch „Rumänische Kulturstiftung“ – war die Villa Walther Ort der Austragung zahlreicher kultureller Ereignisse, die dem Berliner Publikum die rumänische Kultur in Form von Ausstellungen, Konzerten, Vorträgen, Theatervorführungen, Filmprojektionen, Workshops und Lesungen nahe brachte. Dabei wäre die zur Tradition gewordene Serie von Konzerten klassischer Musik, in der Interpretation junger rumänischer Musiker, zu erwähnen, die „Lange Nacht der Rumänischen Comics“, die Theatervorführungen „Sebastians große Liebe“ und „Amalia atmet tief ein“, die Filmreihe „Rumänische Filme von gestern und heute“, die Lesungen im Rahmen des Projektes „Ein Buch, zwei Sprachen“ u. v. m. Selbst eine knappe Auswahl fällt diesbezüglich schwer. Es ist nunmehr eine abgeschlossene Epoche, deren letzte anderthalb Jahre ich miterleben durfte, da ich auf diesem meinem Posten im Januar 2014 eintraf. Grund für den Umzug war die Überlegung, mehr Publikum zu den Veranstaltungen des RKI zu bekommen, und dafür stand die idyllische Lage im Berliner Grune-wald leider etwas abseits von der Kreuzung aller Kulturwege, der Berliner Mitte.

Nun sind wir hier. Erst in etwa zwei Jahren wird sich mit Sicherheit herausstellen, ob dieser massive Aufwand aller Art sich vollends gelohnt hat. Nunmehr liegt es ausschließlich an unserem Team, unsere Veranstaltungsräume, Saal und Galerie, konstant vollzukriegen. Wir sind jedoch zuversichtlich.
 

In den Ansprachen zur Neueröffnung des RKI am 6. Oktober 2015 wurde die Funktion der Kultur als „Brückenbauer“ dezidiert genannt. Was heißt das für die kulturpolitischen Aktivitäten des RKI, gerade eingedenk der jetzigen zentralen Lage des RKI im Herzen Berlins?

Es ist eine doppelte Verantwortung: gegenüber der eigenen Kultur, des (Ent)Senders, und gegenüber der hiesigen, des Empfängers. In diesem Sinne, um in der von Ihnen angesprochenen Metapher zu bleiben, sind hier die beiden Brückenköpfe gegeben. Unsere Aufgabe ist es, zwischen diesen beiden Punkten eine ständig befahrbare Bahn zu schaffen. Und der vornehmen Nachbarschaft, in der wir uns befinden, würdig zu sein.
 

Sie stammen aus Siebenbürgen, aus Reps, also Rupea, wo Sie Ihre Kindheit bis zum 11. Lebensjahr verbrachten. Markanter Weise beginnen die meisten der Meilensteine Ihrer Laufbahn mit dem Anfangsbuchstaben „B“, jedenfalls bis dato: Sie studierten Germanistik und Geschichte in Bukarest und Bielefeld. Dem folgten Stationen im diplomatischen Dienst in Berlin und Bern, wo Sie als Kultur- und Presseattaché sowie als Gesandter der Botschaft wirkten. Also sehr gute Voraussetzungen für Ihre verantwortungsvolle Arbeit am RKI. Welches sind Ihre spezifischen Aufgaben?

So wie Sie es deuten, wird das wohl etwas mit B-Stimmung zu tun haben. Das möchte ich nicht B-zweifeln, versuche aber trotzdem, B-scheiden zu bleiben. In der Tat trage ich eine doppelte Aszendenz in mir, die auch alle Stationen meines bisherigen beruflichen Werdegangs ergänzt hat. Ich habe mit dem gleichen Empfinden Veranstaltungen zu Brâncoveanus Architektur, Cantemirs Studien oder Panait Istratis Romanen organisiert, wie zur deutschen Kultur in Hermannstadt, zur Geschichte der Rumäniendeutschen im 20. Jahrhundert oder zur Persönlichkeit Hans Bergels. Meine Aufgaben im RKI betreffen überwiegend die Veranstaltungen aller Art literarischen, geschichtlichen oder akademischen Charakters. Meine Kolleginnen teilen sich die vielschichtigen Bereiche Musik, Theater, Tanz, Film und visuelle Kunst.
Natürlich schalten wir uns im Team ab und zu auch in die Arbeitssphäre des anderen ein und unterstützen uns gegenseitig. Hinzu kommt für mich ein gewisses Ausmaß an Kommunikation, Koordinierung, Knüpfung neuer Kultur-Kontakte, wobei tatsächlich das angesammelte Know-how aus früheren Zeiten nicht schadet. Wie Sie sehen, hat das konstante Anfangs-„B“ ein Pendant im „K“. Und ergänzt den Begriff „Beauftragter für Kultur“.
 

Ein Beispiel für die anspruchsvollen Programme des RKI im Dezember ist die Konferenz „Politische Manipulierung im rumänischen Film” unter Vorsitz des international geschätzten Filmkritikers und Journalisten Cristian Tudor Popescu, ausgezeichnet mit dem EU-Journalistenpreis. Das RKI bot eben kürzlich wieder Doktoranden die Möglichkeit, sich für ein 3-monatiges Forschungspraktikum mit Stipendium an einer rumänischen Einrichtung zu bewerben, um eine Forschungsarbeit mit Bezug auf Rumänien zwecks akademischer Perfektionierung für eine erfolgreiche Dissertation zu verfassen. Seit wann engagiert sich das RKI für ausländische junge Akademiker, wie war die Resonanz auf dieses Bewerbungsangebot und welche Themen präferieren die Bewerber?

Das Engagement für diese Art von Stipendien durch das RKI ist auf das Jahr 2009 zurückzuführen. Dabei muss gesagt werden, dass sich diese Forschungshilfe bislang einer besonderen Beliebtheit erfreut, da im Moment ein Andrang von mehreren Anwärtern für einen freien Platz besteht. Hauptthemen der Kandidaten sind Geschichte, Kulturmanagement, Geopolitik, Politologie, Internationale Beziehungen, Sozialwissenschaften. Die von den Stipendiaten ausgesuchten Themen stellen einen Teil eines jeweiligen Projektes dar, das eine tiefgründige Forschung voraussetzt. Wie man sehen kann, sind die behandelten Themenbereiche Zeichen der Relevanz des Landes sowohl im geopolitischen, als auch im soziokulturellen Kontext.
 

Dank hoher internationaler Wertschätzung wird Rumänien im Jahre 2019 die EU-Ratspräsidentschaft innehaben. Gibt es bereits erste Ideen als Arbeitspunkte für das RKI, dieses herausragende Ereignis kulturpolitisch in Berlin zu unterstützen bzw. mit PR vorbereiten zu helfen?

Die Rotation der EU-Ratspräsidentschaft gehört zu den Standardfunktionen der Union. Für Rumänien ist es in der Tat eine Premiere von höchster politischer und kultureller Relevanz. Zweifelsohne wird das Angebot an kulturellen Ereignissen dementsprechend sein, nicht zuletzt auch hinsichtlich des 30. Jahrestages seit der Wende. Das Jahr wird zugleich die gehobene Fortsetzung einer Reihe von Veranstaltungen bringen, die ab 2016 bevorstehen und 2018 mit der 100-Jahr-Feier der Großen Vereinigung gipfeln. Es gibt bereits eine intensive Beschäftigung mit dem Programm der kommenden Jahre und Sie können sicher sein, dass kein Bereich der Kultur in und um Rumänien dabei vernachlässigt wird.

Welche Projekte, die 2016 auf der Arbeitsagenda des RKI stehen, liegen dem Direktorium ganz beson-ders am Herzen?

Alle vom Team vorgeschlagenen und vom Direktorium befürworteten Projekte liegen uns am Herzen, sonst lägen sie gar nicht auf der Arbeitsagenda. Um nur einige davon zu erwähnen: die Ausstellung „Architektur und Regalität – 150 Jahre seit der Gründung der Hohenzollern-Dynastie in Rumänien“, „DADA lives for Ever – Hommage an Tristan Tzara“, „Der Fotograf Constantin Brâncuşi“, „Der Große Krieg – Fotografie an der Rumänischen Front“ – anlässlich der 100 Jahre seit dem Eintritt Rumäniens in den Ersten Weltkrieg, „Carmen Sylva – Meines Herzens Königin“ – ein Programm, bestehend aus Lektüre, Filmvorführung und musikalischer Darbietung, ein Symposium und eine Ausstellung zum Thema „Deutsches Kulturerbe in Rumänien“, eine Deutsch-Rumänische Medienkonferenz zum Thema „Professioneller Journalismus und seine Gefahren“ u. a.
 

Ihr Erstlingswerk „Zweieinhalb Störche – Roman einer Kindheit in Siebenbürgen“, das im August 2008 sein Debüt in Berlin hatte, entstand während S-Bahnfahrten von Ihrem Berliner Wohnort zum Arbeitsplatz. Ist 2016 mit einem neuen Roman, geschrieben wiederum während S-Bahnfahrten von Ihrem Berliner Wohnort zum Arbeitsplatz, zu rechnen? Und liebäugeln Sie gar mit einem Thema irgendwie mit Bezug auf Berlin?

Schön wär´s. Ich bin in der Tat weiter am Schreiben – nach dem Umzug auch in der S-Bahn. Jedoch ist aus zeitlichen Gründen diesmal nicht nur auf die Strecke zwischen Zehlendorf und Friedrichstraße Verlass. Dafür müssen nunmehr auch etliche Nachtstunden herhalten. Und, ja, eines der Themen wird sich ganz gezielt auch auf Berlin beziehen.
 

Was empfinden Sie als weitgereister Siebenbürger Sachse sowie Historiker und Literat, wenn Sie heute, in der Zeit des vereinten Europas, am Brandenburger Tor, dem Wahrzeichen Berlins, stehen?

Eine historische Dichte, die ihresgleichen sucht. Als Brandenburger Tor steht der Bau symbolisch für Deutschland, geteilt wie vereinigt. Für die Nadel am Kompass zwischen Ost und West und für Europa, mit und ohne Kaltem Krieg. Als Tor – als Symbol des Tores – steht es jedoch für eine ganze Welt. Von dem Haustor bis hin zum Himmelstor wird jeder Mensch im Leben, konkret oder figurativ, vom Symbol des Tores begleitet. Ein Tor steht stets für den Schritt in eine andere Dimension. Das Zeichen des Brandenburger Tores, ursprünglich als schlichtes Stadttor gedacht, wuchs ebenfalls über sich hinaus, wenn man bedenkt, dass dessen heutige Fassung auf friedliche Weise eben in den stürmischen Jahren der Französischen Revolution entstanden ist, die ihrerseits ein Tor in eine andere geschichtliche Dimension darstellt. Da kann man sehen, wie deutsche Symbole auch für Friedfertigkeit in Zeiten unfriedlicher Umwälzungen stehen können. Genauso wie heute.
 

Wie würden Sie BERLIN mit einem einzigen Wort charakterisieren?

Vergeben.
 

Sie sind von Beruf Germanist, aber auch Historiker mit dem Fokus Zeitgeschichte. Während der Ceau{escu-Ära wurden Rumäniendeutsche von der Bundesrepublik ‘freigekauft‘. Zur Thematik „Freikauf“ werteten Sie nach der Wende etliche Akten im Auswärtigen Amt in Berlin aus. Welche Ergebnisse brachte Ihre Untersuchung zutage?

In meinen aus beruflich-zeitlichen Gründen leider viel zu kurzen Recherchen bin ich auf eine Fundgrube an Akten gestoßen, die eindeutig belegen, dass die Prozedur des Freikaufs eine westliche Initiative ist. Ursprünglich gar keine offizielle, sondern eher eine private, unter minimaler Beteiligung skeptischer, bundesdeutscher öffentlicher Einrichtungen. Sie ist auf den Anfang der 60er Jahre zurückzuführen, in die Zeit des Mauerbaus. Hauptakteure waren seinerzeit die beiden Leiter der Landsmannschaften, Heinrich Zillich für die Siebenbürger Sachsen und Peter Ludwig für die Bana-ter Schwaben.

Eine Schlüsselrolle behielt ein gewisser Henry Jakober, Londoner Geschäftsmann mit höchsten Beziehungen im rumänischen Machtapparat. Die ursprüngliche – letzten Endes gescheiterte – Aktion dieser Art lässt sich wie ein Krimi verfolgen und sprengt den Rahmen dieses Interviews. In zusammengefasster Form habe ich sie im Herbst 2007 anlässlich eines Symposiums in Hermannstadt vorgetragen und in einem Bulletin der Hermannstädter Uni veröffentlicht. Dazu muss gesagt werden, dass die rumänischen Behörden sowohl vor, als auch nach dem berühmten Abkommen anlässlich des Besuchs von Bundeskanzler Helmut Schmidt in Bukarest, im Januar 1978, so gut sie nur konnten, bei der Ausreise der Rumäniendeutschen Schwierigkeiten bereitet haben.

Es ist falsch zu behaupten, die rumänischen Behörden hätten sie einfach loswerden wollen, selbst wenn dabei beträchtliche Geldsummen geflossen sind. Dabei gab es in den 80ern auch in der BRD andere, politisch viel pragmatischere Denkübungen zur Beschleunigung und Erweiterung dieses Prozesses, als nur die schlicht humanitären Gründe der Familienzusammenführung. Der Verlust für die rumänische Seite war um das Vielfache größer und unersetzbar, trotz der einkassierten anderthalb Milliarde DM. Eine ganze lokale und regionale Gesellschaft kam aus dem Gleichgewicht, die Wirtschaft musste Verluste an Fachkräften und Kompetenz einbüßen, uralte nachbarschaftliche Bindungen wurden gelöst, und ich wage es zu behaupten, einschließlich aus der Erfahrung naher Angehöriger, dass im Nachhinein nicht immer, nicht überall und nicht alle Aussiedler in der BRD mit ihrem Entschluss glücklich gewesen sind.

Aus ihren rauen, naturverbundenen, jahrhundertealten Wirtschaften in Siebenbürgen und im Banat erstmal in den polierten Plattenbauten angekommen, verspürten, trotz allem, so mancher der älteren Generation deutlich den stummen Tadel der Ahnen. Mein sächsischer Urgroßvater aus Seiburg/Jibert bezeichnete sich selber noch, selbst in Zeiten der Enteignung und Deportation, als beharrenden Kolonisten. Schikanen, Amtsmissbräuche und Schiebereien vor der Abreise gab es in Einzelfällen auch, was kein Ruhmesblatt für die damaligen örtlichen Behörden ist. Alles in allem gehört, meiner Ansicht nach, der Prozess der massiven Aussiedlung der Rumäniendeutschen zu den traurigsten und folgeschwersten historischen Ereignissen im Rumänien des 20. Jahrhunderts.
 

Was steht Weihnachten und Silvester traditionell auf Ihrem Tisch und was wünschen Sie sich für das Neue Jahr 2016?

Alle Jahre wieder steht auf meinem Tisch ein Engels-Geläute, diese zierliche Installation, wo unter der Hitze leuchtender Kerzen sich vier Bronzeengel drehen und ein zarter Glöckchenklang ertönt. Es befindet sich in der Familie noch seit meinen Kindheitszeiten, seit den siebziger Jahren, und hat mich von Reps über Bukarest bis nach Berlin begleitet. Es ist immer wieder nostalgisch und inspirierend zugleich. Für das Jahr 2016? Friede, Frieden, Gesundheit bei seelischer Ruhe. Und gute Menschen ringsum.

Kommentare zu diesem Artikel

Gigel, 22.01 2016, 11:40
Sehr schönes Interview, es war ein Genuss, es zu lesen! Dennoch sei es der Redaktion der ADZ empfohlen, die Regeln der deutschen Grammatik zu respektieren. Unter dem Photo heißt es: "C.M. Florian am Brandenburger Tor, ein Symbol für Deutschland". Richtig müsste es heißen: "... einem Symbol für Deuschland", sonst versteht man, dass Claudiu Florian ein Symbol für Deutschland ist! Apposition heißt diese Grammatikregel und sie sollte auch für die ADZ-Redaktion verbindlich sein.

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