Sach- und Lachgeschichten mit Beate Köhler

Die Leiterin des Goethe-Instituts in Bukarest resümiert das Jahr 2013

Freitag, 27. Dezember 2013

Die Leiterin des Goethe-Instituts in Bukarest, Beate Köhler, ist bereit für 2014. Im Gespräch bot sie einiges an Vorschau.
Foto: Manuel Pape

Ein Jahr neigt sich dem Ende. Diese Tatsache, die an niemandem vorübergeht, lädt zum resümieren ein. Was gab es für besondere Ereignisse im vergangenen Jahr? Was war nervig, was lustig, was hat uns verändert und was nehmen wir ins nächste Jahr mit? Mit Veranstaltungen von Buchmessen über Theateraufführungen bis hin zu Festen und vielem mehr ist das Team des Goethe-Instituts in Bukarest um Leiterin Beate Köhler ein Zahnrad im Uhrwerk der rumänischen Kultur, indem es durch weitreichende Kooperationen seinen Beitrag leistet. Am Nikolaustag waren alle Sprachkursteilnehmer und Goethe-Mitarbeiter zur jahresabschließenden Weihnachtsfeier geladen. Und nachdem das Jahr 2013 nun offiziell ad acta liegt, konnte Beate Köhler in Ruhe den Blick zurückstreifen lassen, um aus den vergangenen zwölf Monaten die schönen, ernsten, erhebenden und belustigenden Momente noch einmal zu ergreifen und gleichzeitig einen Ausblick auf Kommendes zu geben. Den Rundumschlag teilte sie mit dem ADZ-Praktikanten Manuel Pape.

Anekdoten

„Meine Kolleginnen am Empfang erzählen eigentlich die lustigsten Geschichten. Vor Kurzem kam ein Herr, der unbedingt mit mir reden wollte, weil er mich noch einmal davon in Kenntnis setzen musste – ich wisse das ja bestimmt auch schon –, dass in Kürze Erdbeben der stärkeren Sorte zu erwarten seien, die von den Arabern ausgelöst werden. Ich müsse ihn umgehend empfangen, damit er mich davon unterrichtet und ich mit Frau Merkel in Kontakt treten kann, um etwas dagegen zu unternehmen, dass wir in naher Zukunft von den Erdbeben dahingerafft werden.

Wenn das hier ein kleines Institut wäre und jeder würde den Weg in mein Büro finden, dann könnte ich sicher ein Buch über solche Gespräche schreiben. Oder über die Briefe, die ich bekomme. Gestern hat mir eine Tierschützerin ein zwanzigseites Schreiben gebracht: ihr Statement zum Schutz der Hunde in Bukarest.

Cristina Mărculeţ, eine Kollegin von mir, schrieb mir noch eine Anekdote per Mail: ‘Vor Kurzem kam ein Mann in das Institut und fragte mich nach einer alten Zeitung. Ich war erstaunt und fragte ihn, wozu er denn eine alte Zeitung brauche. Da meinte er, er brauche eine Zeitung, um damit seinen Kopf zu bedecken. Der Mann schien ganz seriös zu sein. Da ich ihm nicht weiterhelfen konnte, ging der Mann in die Bibliothek und kam tatsächlich mit einer Zeitung auf dem Kopf und einem Buch in der Hose zurück. Er verabschiedete sich und ging weg. Draußen regnete es nicht, die Sonne schien auch nicht stark, sodass der Mann mit der Zeitung auf dem Kopf und dem Buch in der Hose eine lustige Figur machte.’“

Spannende Momente

„Eine der spannendsten Veranstaltungen in diesem Jahr war für mich eine Diskussion zusammen mit dem DAAD-Informationsbüro zur Migration. Das Thema war nicht die in Deutschland oft diskutierte illegale Migration und der Menschenhandel oder die Bedingungen von Leiharbeiterschaft, sondern die Anwerbung von hochqualifizierten Akademikern, die in Westeuropa dringend benötigt werden. Goethe-Institut und DAAD hat das stark interessiert, weil wir mit dieser jungen Elite täglich in den Sprachkursen und Veranstaltungen an der Universität zu tun haben.

Wir spüren deren starkes und anhaltendes Interesse auszuwandern. Der Medienkünstler Florian Thalhofer hatte für unsere Veranstaltungen eine Korsakow-Show vorbereitet. Darin dienen Interviews mit Betroffenen und die Beiträge von Experten als Grundlage einer interaktiven Gesprächssituation. Die Gäste bestimmen mit, ob sie sich einen Beitrag anschauen oder anhören wollen oder ob sie sich selber zu Wort melden möchten.“
Beim Bookfest: „Eines ist mir ganz besonders in Erinnerung geblieben: Michael Stavaric (österreichischer Autor, Anm. d. Red.) sagte: ‘Bukarest ist die einzige noch nicht pasteurisierte Hauptstadt in Europa.’ Man könnte erweitern: Nicht homogenisiert, nicht doppelt entfettet. So empfinde ich Bukarest auch.

Der Auftritt auf dem Bookfest Ende Mai war wohl die größte Veranstaltung – und unser Highlight – in diesem Jahr. Wir waren ursprünglich als Gastland Deutschland eingeladen. Wir sind jedoch der Auffassung, dass es keine deutsche Literatur, sondern nur deutschsprachige Literatur gibt, die österreichische und Schweizer Autoren genauso einschließt wie Autoren aus Deutschland. Deshalb haben wir den Gastlandauftritt als Dreiländerauftritt mit dem Motto „Drei Länder – eine Sprache” arrangiert. Wir hatten einen auffallenden Stand auf der Buchmesse, der mit der Frankfurter Buchmesse gestaltet worden war. Es gab verschiedene Abteilungen, neueste Erscheinungen, eine eigene Bühne, und die Menschen konnten frei stöbern. Wir hatten außerdem interessante Autoren zu Besuch, die an zusätzlichen Veranstaltungen in der Stadt teilnahmen.“

Aktuelle Probleme

„Ich bedaure sehr, dass die Unterstützung der innovativen jungen Kulturszene durch die öffentliche Hand hier in Bukarest immer mehr abnimmt und sie quasi ausblutet. Ein Beispiel: Es gab vor zehn Jahren sehr, sehr große Anstrengungen zur Gründung eines nationalen Tanzzentrums, das dann schließlich im Nationaltheater seine Heimat fand. Das Tanzzentrum wurde während der Renovierungen des Theaters auf die Straße gesetzt. Es wurde ihm versprochen, dass es danach wieder dort untergebracht werden kann und für die Zwischenzeit eine alternative Spielstätte bekommt – und nichts ist passiert. Eigentlich ist die rumänische Tanzszene hier jetzt nicht mehr sichtbar. Einmal im Jahr unterstützen wir das internationale Festival „explore dance”, was sehr stark auf der Privatinitiative von begeisterten Tanzleuten beruht, aber ansonsten hat Bukarest seine frühere Bedeutung in der europäischen Tanzszene verloren. Dadurch wird auch unsere Arbeit schwieriger.

Normalerweise entwickeln wir unsere Projekte und Veranstaltungen zusammen mit den rumänischen Partnern. Wenn die innovative Szene nicht mehr da ist, fehlt nicht nur das Publikum, sondern auch die Verankerung unserer Arbeit in der hiesigen Kulturszene. Unser Auftrag ist nicht nur, deutsche Kultur zu zeigen, sondern die Szenen zu vernetzen und einen Dialog zwischen Künstlern aus beiden Ländern herzustellen. Da fängt Kulturaustausch an.“

Vorschau: „Schwergewichte“

„Wir haben sehr viel für nächstes Jahr geplant, aber dadurch, dass die neue Bundesregierung gerade erst antritt und wir wahrscheinlich sehr spät erfahren werden, wie viel Geld wir zur Umsetzung unserer Projekte zur Verfügung haben, wissen wir noch nicht, wie wir das Kind jetzt schaukeln.

Für das nächste und übernächste Jahr erwarte ich, dass in der Kulturarbeit – nicht nur beim Goethe-Institut, sondern auch bei anderen Kultureinrichtungen – historische Themen ein Schwerpunkt sein werden. Der Beginn des Ersten Weltkrieges 1914 und das Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 jähren sich. Wir planen in diesem Zusammenhang eine Ausstellung des Künstlers Otto Dix im Nationalen Kunstmuseum (MNAR), die wir um ein museumspädagogisches Programm ergänzen werden.

Ab April planen wir gemeinsam mit dem Institut Français eine landesweite Filmreihe zum Thema ‘Erster Weltkrieg’. Darin sind historische wie aktuelle Filme enthalten. Natürlich auch begleitet von Diskussionen einerseits zu dem historischen Geschehen, aber auch zu ästhetischen Fragen in Verbindung mit der Entstehung des Dokumentarfilms.

Wir planen außerdem ein spannendes internationales Theaterprojekt namens ‘Parallel Lives’ (Parallele Leben, Anm. d. Red). Darin geht es um die Stasi-Securitate-Kultur zu Zeiten des Kommunismus in Osteuropa. Erinnerungskultur ist seit Jahren einer unserer thematischen Schwerpunkte. Dass es jetzt wieder eine aktuelle Diskussion um Bespitzelung durch die NSA-Enthüllungen gibt, war ein Zufall. Aber das ist jetzt natürlich ein Bogen, der geschlagen werden kann. Bei der Beschäftigung mit der rumänischen Securitate geht es oft ganz stark um Schwarz und Weiß: Wer hat mitgemacht, wer hat nicht mitgemacht? Wer war Diener des Systems, wer war Opfer? In der NSA-Debatte wird das zu einer viel heikleren Frage. Aber auch ein Theaterstück zur Stasi-Praxis, das das Dresdner Staatsschauspiel vorstellen wird, weicht diese klaren Fronten auf. Die Veranstaltung wird ein kleines Festival mit drei Theateraufführungen sein. Die deutsche Produktion aus Dresden, eine weitere vom Nationaltheater Prag und eine rumänische Produktion vom Odeon-Theater Bukarest werden aufgeführt.

Außerdem: „Das Bewährte“

Neben diesen Schwergewichten werden wir auch ganzjährig die vertrauten Musik-, Literatur- und andere Veranstaltungen anbieten. Wir haben vor, uns mit Autoren am Bookfest zu beteiligen. Im Oktober zeigen wir einen restaurierten Stummfilm mit Livemusik: „Die Büchse der Pandora“. Dazu haben wir einen jungen deutschen Komponisten beauftragt, die Orchestermusik zu schreiben.

Es wird wie immer eine deutsche Filmwoche geben und auch sonst alles, was wir sowieso immer machen. Außerdem wird unsere Sprachabteilung ab Januar neben dem normalen Programm auch Sprachlehrgänge für angehende Mediziner anbieten, die nach Deutschland gehen wollen. Darin können sie lernen, wie beispielsweise Gespräche mit Patienten am Krankenbett geführt werden, was mitunter ganz besonders empfindliche Ansprüche an das Vokabular stellt.

Im Rahmen unserer Bildungskooperation richten wir weitere kleine Physiklabore in Schulen ein, wo die Fächer Mathe, Informatik, Naturwissenschaften und Technik auf Deutsch unterrichtet werden sollen.

In der Bibliothek wird die in diesem Jahr begonnene „Onleihe” fortgesetzt. Man kann online Zeitungen ausleihen und hat auf jede Zeitung dann jeweils eine Stunde Zugriff pro Tag. Insgesamt geht es im Bibliotheksbereich jetzt bei uns um den Weg, den moderne Bibliothekskonzeptionen gehen: Nicht mehr alles in Regalen stehen zu haben, nicht mehr nur Bücher aufzubauen und auszuleihen, sondern auch die neuen Medien zu nutzen.
Das war so ein bisschen das Jahr 2013.

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