Scârţ – loc lejer

Eine Kneipe mit Musealcharakter

Mittwoch, 18. November 2015

Blick in die Vergangenheit: Im Scârţ kann man ein ausländisches Importbier trinken, während man sich in einem alten Sessel aus der Volksrepublik Rumänien einen ruhigen Augenblick gönnt.

Kuriose Gegenstände findet man auch im Garten. Im Sommer können Besucher draußen sitzen und die Gartenatmosphäre aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg genießen.

Dass eine alte, stattliche Villa aus der Zwischenkriegszeit ein Hort für Memorabilien aus der kommunistischen Zeit sein kann, daran haben die wenigsten gedacht. Die Inhaber könnte man bezichtigen, waschechte Ostalgiker zu sein, schließlich haben sie inzwischen im Keller auch ein Museum eingerichtet, das dem DDR-Museum aus Berlin verdächtig ähnelt. Die Politik spielt hier eine untergeordnete Rolle, im Vordergrund steht die Konsumgesellschaft nach sowjetischem Vorbild, die kommunistische Interpretation des amerikanischen Traums. Schließlich findet man im „Scârţ“ Propaganda aus der untergegangenen Volksrepublik, die daran erinnert, dass man den Imperialisten, obwohl immer wieder verteufelt, gerne nacheifern wollte. Christine Cizmaş, eigentlich Schauspielerin von Beruf, hat ihre Kneipe an der Arh. Laszlo Szekely Straße Nr.1 wie den Requisiten-Lagerraum eines kleinen Provinztheaters eingerichtet. Geld für ausgefallene Deko gab es nie, also hat man sich nach antikem Mobiliar umgeschaut: zwei alte Sessel – älter als die Volksrepublik und scheinbar auch beständiger – ein Stockbett, Klappstühle aus den 1970er Jahren, Sofas aus den 1980er Jahren – alles, was keine Verwendung mehr findet, darf im „Scârţ“ fortbestehen.

Schreckt das Kunden ab? Ganz im Gegenteil. Dieser bunte Mischmasch an ausrangierten Gegenständen aus der Vergangenheit ist einer der Gründe, weshalb „Scârţ“ zu den angesagtesten Lokalen Temeswars/Timişoaras gehört. Er ist nicht nur Anziehungspunkt für die Wegbereiter der rumänischen Alternativszene, die sich nach der Wende langsam entwickelt hat, sondern auch für ausländische Backpack-Touristen, die nichts Schickes suchen, sondern etwas Authentisches, Schmutziges, Unkompliziertes. Das alles ist „Scârţ“. Authentisch wegen der billigen Einrichtung, die von Cizmaş und ihren Geschäftspartnern, unter anderem dem Regisseur und Schauspieler Ovidiu Mihăiţă, geplant wurde. Hier hat kein Designer Hand angelegt.

 

Kneipe-Theater-Museum

Und ja, Ostalgie dürfte keine unwesentliche Rolle dabei gespielt haben, wobei die Inhaber nicht dem Regime nachweinen, sondern vielmehr dem Theater jener Zeit. Schließlich ist „Scârţ“ nicht nur eine Kneipe, sondern auch ein als Kneipe getarntes Privattheater, wo an Wochenenden die Theatergruppe „Auăleu“ auftritt. Hätte es diese Gruppe und ihre unkonventionelle Art, Theater zu machen, nicht gegeben, hätte es auch die Kneipe in der alten Villa nicht gegeben. Und auch Cizmaş geht es zuerst um „Auăleu“, „Scârţ“ ist zweitrangig. Darum schmücken die Wände des Lokals alte Bilder von Schauspiellegenden wie Toma Caragiu und Amza Pellea. Das heißt, im „Scârţ“ möchte man an eine Zeit erinnert werden, als alles ein bisschen unkomplizierter war, trotz einem repressiven Regime, das immer mehr die Freiheiten des Individuums einschränken wollte. Darum hat das „Scârţ“ den Beinamen „loc lejer“ erhalten, also ein „lässiger Ort“.

Auf der Getränkekarte stehen keine alten russischen Importe, sondern eher westliches Feuerwasser. Wer es gerne einheimisch mag, der kann sich ein rumänisches Bier bestellen oder hausgemachten „Ţuica“-Schnaps nach Banater Art und dazu „Pufuleţi“, ein aus Mais hergestellter Chips-Ersatz, der aus der kommunistischen Zeit überdauert hat. Alternativ dazu kann man sich etwas Süßes gönnen und zwar die von Schokolade ummantelten Neapolitaner-Waffeln namens „Dănuţ“.

Auch die Musik, die in „Scârţ-loc lejer“ gespielt wird, ist westlich und kaum östlich. Die Kneipe wäre der ideale Ort für die Protagonisten der deutschen Filmkomödie „Sonnenallee“. Der Film handelt von Jugendlichen, die am südlichen Ende der gleichnamigen Straße in Ostberlin der 1970er Jahre aufwachsen und aufgrund der Nähe zu Westdeutschland von der westlichen Popkultur angezogen sind. Im „Scârţ“ kollidieren diese beiden Welten auf bizarre Art. Die Inhaber erklären diesen verrückten Mix, indem sie ihr Lokal auf der offiziellen Facebook-Seite auch als „Geschichtsmuseum“ beschreiben, was mit der Eröffnung des „Museums des kommunistischen Konsumenten“ inzwischen durchaus stimmt. 

 

Kommentare zu diesem Artikel

Simone, 23.11 2015, 22:27
Scart: La Multi Ani! :)

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