Schafft es die Justiz nicht, eine Gedächtnisform zu sein...

...so wird das Gedächtnis selbst zur Justizform / Ein Gespräch mit Ana Blandiana und Romulus Rusan

Mittwoch, 08. August 2012

Sommerschule in Sighet mit Ana Blandiana und Romulus Rusan

Ana Blandiana (mit bürgerlichem Namen Otilia Coman, 1942 in Temeswar/Timişoara geboren) ist eine geschätzte Dichterin und Bürgerrechtlerin. Vor 1989 deckte sie Missstände des sozialistischen Rumänien auf und war als Dissidentin bekannt. Ana Blandiana und ihr Ehemann, der Schriftsteller Romulus Rusan (1935 in Alba Iulia geboren), sind Gründungsmitglieder der Bürgerallianz (Alianţa Civică) und der Academia Civică, eine Stiftung, welche die Gedenkstätte Sighet zur Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit Rumäniens verwaltet. Luise Schifter-Popescu sprach mit Ana Blandiana und Romulus Rusan über die Rolle der Vergangenheit in der Gestaltung von Gegenwart und Zukunft. Über die Poesie der Hoffnung und die Heilkraft der Modelle. An dem Gespräch nahm auch Ioana Boca, Historikerin, Geschäftsführerin der Stiftung Academia Civică teil. 

Man spricht viel von der Trägheit der rumänischen Zivilgesellschaft. Nicht auch im Fall der Bürgerallianz und der Stiftung Academia Civică. Ihre Namen sind nicht zu trennen von diesen beiden Organisationen. Beginnen wir mit der Bürgerallianz...

AB: Sehr gern. Ich persönlich bin aber keine Anhängerin dieser These von der nicht engagierten Zivilgesellschaft, es geht ja nicht unbedingt um Anzahl und/oder Verbreitung von implizierten Personen. Denken wir an die Bürgerallianz, die den Machtwechsel 1996 ermöglichte, die eine Popularität genoss, von der Parteien oder Institutionen in Rumänien nur träumen konnten. Denken Sie an die Gruppe für den Sozialen Dialog, an Pro Democraţia etc. Es gab und gibt heute noch viele Organisationen, die in der gesellschaftlichen Entwicklung viel logischer und effizienter auftreten als die politischen Akteure. 

Rückblickend sind Sie also zufrieden mit der Tätigkeit der Bürgerallianz?

AB: Das hängt davon ab, auf welche Zeit wir uns beziehen. Der Anfang war phantastisch. Erinnern Sie sich an die Versammlungen, die an die 500.000 Menschen zusammenführten? Unglaublich heute. Es folgte eine – frei gewählte, muss ich sagen, keiner zwang uns dazu – Entwicklung, die der Bürgerallianz aber letztlich ernsthaft schadete. Ich beziehe mich auf die Gründung einer Partei (Bürgerallianzpartei PAC), einer Parteiallianz (die Demokratische Konvention, DK, ein anderes Werk der Bürgerallianz übrigens) und auf die Nominierung eines Präsidentschaftskandidaten, der 1996 die Wahlen gewann.

Was meinen Sie mit „schadete“?

RR: Man verlor den Drang für die Prinzipien im reinen Zustand, manchmal waren sie vielleicht etwas utopisch, ich sehe das ja ein, für den perfekten Altruismus... Uns benachteiligte die Tatsache, dass keiner wahr haben wollte, dass wir kein persönliches Interesse hatten...

Keine Privelegien?

RR: Keine, für die Politiker war das anscheinend unglaublich. Für viele unserer Schriftstellerkollegen übrigens auch. Von 1990 bis 2001, als wir die Bürgerallianz verließen, um uns den Aktivitäten der Stiftung Academia Civică zu widmen, elf Jahre also, haben wir keinen Pfenning verdient, keinen der von der Demokratischen Konvention angebotenen Posten akzeptiert, dafür tagtäglich von morgens bis in die Nacht gearbeitet, unsere Freunde und unsere literarischen Karrieren vernachlässigt.

Also doch eine Ausnahme in der einheimischen Landschaft...

AB: Na ja, bei der Bürgerallinz gab es keine Gehälter, kein Geld, wir hatten keine eigenen Kandidaten, machten Wahlkampagne für andere, mit den eigenen Autos... Um aber zurückzukommen auf den „Schaden“. Wieso haben eine Parteigründung und der Wahlsieg uns als Organisation geschwächt? Es gab in der Gesellschaft ein Vorurteil bezüglich „veralterter“ Struktur der Parteien in der DK. Die Bürgerallianz begrüßte das Projekt einer jungen intelektuellen Elite. Ich glaubte fest an die „poetische“ Idee des doppelten Sterns: Wir hätten dank unserer Popularität, unserem Prestige und unserer Glaubwürdigkeit die Aura sichern sollen, sie, die PAC, das politische Feuerzentrum. Es kam anders. Der Tenor lautete gleich: Schluss mit der Engelhaftigigkeit, mit dieser Art Moralität. Wobei der Übergang eben dieser Moralität in die Politik unser Anliegen war... Der Zusammenprall zwischen der Bürgerallianz und der Bürgerallianzpartei stiftete Verwirrung in der Gesellschaft, es kam zu Brüchen, die der Wahlsieg nur noch vertiefte. Letztlich musste ich einsehen, dass wir die Ideen hatten, die anderen die Interessen. Enthusiasmus und Hoffnungen strandeten... Mein Mann und ich verstanden, dass der Wahlsieg allein nicht ausreichend war, um Mentalitäten zu ändern. Die Gesellschaft brauchte einen viel tieferen Wandel. Also beschlossen wir, unsere Energie nur noch in ein Werk zu lenken, dass sich selbstständig, weit von Eitelkeit und Machenschaften, trägt.

Die Gedenkstätte für die Opfer des Kommunismus und des Widerstands in Sighetul Marmaţiei, ein Projekt, das Sie beide schon 1992 initiiert hatten. Damit kommen wir zur Stiftung Academia Civică...

RR: Genau. Sie entstand 1994. Das war so: Karen Fogg, die damalige Leiterin der Delegation der Europäischen Kommission in Bukarest, konnte es nicht glauben, dass wir keiner Partei angehörten. Eine politische Mitgliedschaft wäre nämlich unvereinbar gewesen mit der Betreibung eines solchen Projekts. Der Vorschlag eine Stiftung zu gründen kam vom Europarat.
AB: Die Menschen wissen nicht, was Kommunismus bedeutet, in wie weit ihnen dieser das Gehirn gewaschen hat. Die Stiftung und ihr Sighet-Memorial wollen sie daran erinnern.

Brauchen wir dieses kollektive Gedächtnis, wozu dient es?

AB: Wir müssen wissen, woher die alten Abfälle in der jetzigen Gesellschaft kommen. Eine Gedenkstätte zeichnet keinen Weg in die Vergangenheit, sondern in die Gegenwart und in die Zukunft. Folgen von Totalitarismus verhindern heute noch eine normale Entwicklung. Um das zu verhindern, müssen wir genau verstehen, was der Kommunismus bedeutet. 

Welches sind die Aufgaben der Stiftung Academia Civică?

IB: Sie organisiert und verwaltet die Gedenkstätte für die Opfer des Kommunismus und des Widerstands, die auf zwei Pfeilern baut: das Museum im ehemaligen Gefängnis in Sighet und das Internationale Kommunismus-Forschungszentrum in Bukarest, Motor des gesamten Projekts.
RR: Vergessen wir die Departements nicht.
IB: Ja, vor allem Oral History. Herr Rusan führte die Abteilung 1993 ein. Sie sollte so viel wie mögliche mündliche Statements ehemaliger politischer Häftlinge registrieren.
AB: Anfangs arbeiteten wir ausschließlich mit Studenten und freiwilligen Mitarbeitern. Ioana Boca gehört zu der ersten Generation von Voluntären, die uns unterstützten.

Manche Spezialisten meinen, dass Projekt sei unique. Worin besteht die Einzigartigkeit?

AB: Es war das erste. Der Aufbau ist auch neu, diese Kombination aus Museum, Forschungszentrum und Schule erwies sich als effizient. Museum und Veröffentlichungen sind nämlich das direkte Ergebnis unserer Forschung. Anfang der 90er war das Archivgut noch unzugänglich, Informationen konnten wir nur aus dem Gedächtnis der ehemaligen politischen Häftlinge schöpfen.
RR: Inzwischen ist das Archiv relativ offen. Nach 2005 wurden ca. zwei Millionen Akten freigegeben an den Nationalrat für das Studium des Securitate-Archivs, plus die Dossiers des Militärgerichts. Nach 1996 bekamen wir von der Strafanstaltsdirektion an die 93.000 Inhaftiertenakten und von den Präfekturen weitere 10.000 Todesakten über die politischen Häftlinge, die im Gefängnis gestorben waren. Hinzu kommen unsere 6000 aufgenommenen Stunden mündlicher Geschichte und 87 verröffentlichte Bücher, zunächst mit Hilfe der Hanns-Seidel-Stiftung, nach 1998 unterstützt von der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS).

Sie kamen unlängst zurück aus Sighet, wo Sie gemeinsam die 15. Ausgabe der Sommerschule durchführten. Was ist diese Schule?

RR: Sie erinnern sich vielleicht an unsere zehn Symposien (1993–2002), die 45 Jahre kommunistische Geschichte in chronologischer Reihenfolge abdeckten. Wir arbeiteten mit Zeugen – ehemalige politische Gefangene und Deportierte. An den Tagungen nahmen 860 Leute teil, es wurden Bücher veröffentlicht, Memoiren, Dokumente... Anfangs war das nicht ganz risikolos, die kommunistische Ära war noch tabu. 1998 fanden wir unseren fast ausschließlich aus Opfern und Spezialisten gebildeten Kreis dann doch zu eng und riefen die Sommerschule ins Leben. Für Schüler, 15 bis 18 Jährige, auch aus Bessarabien, die aufgrund eines Aufsatzes ausgewählt werden.
AB: Die ausgewählten Essays der ersten vier Jahre veröffentlichten wir. Herrliche Bücher zu Themen wie „Was weiß ich über die kommunistische Zeit?“, „Ein Rumänien, in dem ich leben möchte“ (das müsste eine Pflichtlektüre sein für die einheimischen Politiker). Mit der Zeit änderte sich was an der Qualität.
RR: ...wahrscheinlich begannen direkte Informationsquellen zu versiegen. Großeltern waren inzwischen gestorben, die Eltern selbst sind auch nicht besonders wissend im Bereich. Diesen Sommer gaben wir den Teilnehmern unserer Veranstaltung in Sighet 42 Stunden Geschichtsunterricht, in der Schule hatten sie im ganzen Schuljahr 37, eine pro Woche...
AB: Seit vier Jahren kommen auch Geschichtslehrer zur Sommerschule. Für die Finanzierung der Beteiligung von Lehrern konnten wir ein Abkommen unterzeichnen mit dem Bildungsministerium. Hoffentlich bleibt es in Kraft...Den Schüler-Teil deckt die KAS ab. 

Eine prosaische Frage: Wie kann die Effizienz der Schule gemessen werden?

AB: Die zehnte Ausgabe der Sommerschule gab uns Gelegenheit, einen Teil unserer Schüler entlang der Jahre zusammenzuführen. Die Jugendlichen, die mitmachen in Sighet, gehören einer Elite an. Der Filter, der ihnen die Aufnahme sichert, ist doppelt: Einerseits gibt es einen familiären Hintergrund, sie sind mit der Thematik von Haus aus vertraut, andererseits die intelektuelle Probe. Sie erzählten uns, fast ausnahmslos, wie zeichnend die Sommerschule für ihre Gesamtentwicklung war.

Wieso?

AB: Einfach. Junge Leute finden in der heutigen Gesellschaft nur schwer Modelle. Sie kommen nach Sighet, lernen hier ein Museum kennen, das unheimlich viel Leid beschreibt. Man könnte erwarten, dass sie das entmutigt, erschreckt. Und was passiert? Sie entdecken Modelle, sie lassen sich von den Schicksalen dieser Menschen, die unglaubliche Schwierigkeiten zu überwinden hatten, beleuchten. Sighet ist ein Ort der Modelle. 

Mit welchen deutschen Einrichtungen und Persönlichkeiten kooperierten Sie noch?

RR: Mit der Friedrich-Ebert-Stiftung, mit den Universitäten Jena und Tübingen, mit vielen deutschen Spezialisten, die in Sighet immer wieder vortragen, mit den Landsmannschaften der Siebenbürger Sachsen und der Banater Schwaben, mit dem Buchenland-Institut in Augsburg.

Auch mit dem jetzigen Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland, Joachim Gauck?

AB: Oh, ja, rührende Erinnerungen. 1992 waren wir als Vertreter der Bürgerallianz in Berlin, um uns zu informieren über die Tätigkeit der Stasi-Unterlagen-Behörde. Wir kämpften, in Rumänien etwas Ähnliches aufzubauen. Mit der naiven, letztlich falschen Hoffnung, dass das allein die politische Landschaft hätte klären können. Joachim Gauck besuchte Rumänien im März 1992 und 1997. 1999 gingen wir dann wieder nach Deutschland mit unserer ersten Ausstellung über das Sighet-Memorial. Werner Adam von der Frankfurter Allgemeinen moderierte im Palais Yalta eine sehr gut besuchte öffentliche Debatte, an der Herr Gauck und ich teilnahmen. Das riesige Interesse war für mich ungewohnt und faszinierend. Joachim Gauck half uns viel, er war allerdings skeptischer als wir. Er meinte nämlich, dass es damals schon spät war für Aufarbeitung der Geschichte in Rumänien – das Land konfrontierte sich schon mit Problemen der neuen Welt –, dass der Kreis der damit beschäftigten Personen letzlich auf eine kleine Gruppe von Intelektuellen zusammenschrumpfen wird. Gott, wollte ich das nicht wahrhaben.

Damals in Frankfurt sagten Sie, dass Menschen leichter fertig werden mit der Unfreiheit als mit der Freiheit? Was meinten Sie damit?

AB: Früher war Ceauşescu Schuld an allem. Nach Dezember 1989 sind wir jeden Augenblick unseres Lebens selbst zuständig für uns. Nicht einfach zu verdauen in Abwesenheit einer demokratischen Kultur.

Haben Rumänen inzwischen gelernt, frei zu sein?

RR: Ich glaube, nicht wenige Jugendliche verwechseln Freiheit mit Entertainment. Ihre Modelle sind Mircea Badea oder dieser Mazăre, doch nicht Maniu oder Adenauer.

Was hat die Stiftung in Zukunft vor?

AB: Sie wird 20 Jahre alt und wir planen mehrere Veranstaltungen. Bis dahin kümmern wir uns auch um unsere Ausstellungsreihen. Im Europäischen Parlament waren wir sehr erfolgreich mit „Gedächtnis als Justizform“ (die Abkürzung eines Satzes, den die Süddeutsche Zeitung veröffentlichte: „Schafft es die Justiz nicht, eine Gedächtnisform zu sein, so wird das Gedächtnis selbst zur Justizform). Jetzt bereiten wir die deutsche Fassung der „Schwarzen Pfingsten“ über die Deportationen, einschließlich der Deutschen, im Bărăgan vor, die wir im Herbst auch in der Gedenkstätte Berlin...
RR: Hohenschönhausen...
AB: und München, Tübingen, Augsburg u.a.m. zeigen wollen.

Und Ihre literarischen Projekte?

Das ist die Tragödie. Wir schreiben nachts und in den beiden Urlaubsmonaten, brauchen viel Kraft für unsere zahlreichen Pläne.

Die wünsche ich Ihnen aus ganzem Herzen!

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