Schlafgewohnheiten

Donnerstag, 14. Februar 2013

Symbolfoto: sxc.hu

Als ich mit meiner Mutter 2004 eine Überlandfahrt durch Rumänien unternahm, nächtigten wir in der Nähe von Bran in einer einfachen Landpension. Das Zimmer bestand aus rustikalem Vollholz, in der Mitte ein riesiges Doppelbett. Darauf prangte ein himmelblaues, schweres Ungetüm von Decke, die Sorte, die dem daunen- und mikrofaserverwöhnten Westeuropäer schier den Atem abdrückt. Als wir abends unsere Nachtgewänder anzogen, bereit, in die Falle zu hüpfen, kommentierte Mutti kichernd die himmelblaue Winnie-Puuh-Kinderbettwäsche auf dem Erwachsenenlager. Aber, oh Schreck – wo war denn die zweite Zudecke geblieben? „In Rumänien haben Doppelbetten nur eine Decke“, klärte ich sie schmunzelnd auf. Ihrem darauf folgenden Gesicht zu urteilen, stellte sie sich im Geist einen nächtlichen Ringkampf vor, bei dem jeder von seiner Seite her versucht, sich ganz fest in die Decke einzurollen – wer schneller oder stärker ist, hat gewonnen. „Wie waschen die denn so ein Ungetüm?“ tönte es nach geraumer Weile aus der Dunkelheit neben mir. Ich überging die Frage geflissentlich, die Antwort nur zu gut kennend. Hoffentlich war der Winnie Puuh wenigstens frisch. 

Andere Länder, andere Sitten. Das musste ich einst auch in Frankreich erleben, damals als blutjunge Werkstudentin auf Betriebsausflug in Paris. Dort sollte ich das Zimmer mit einer Kollegin teilen, die ich nur flüchtig kannte. Kaum schlossen wir die Türe auf, da sahen wir die Bescherung: Ein einziges, schmales Bett, das man nur an den beiden Kopfkissen als Doppelschlaflager erkennen konnte, und dann auch noch – ach du dickes Ei – eine gemeinsame, nicht minder schmale Decke! Die französische Art, das Nachtlager zu teilen, beschert nicht nur Liebespaaren – gewollt –  schlaflose Nächte, sondern ebensolche – ungewollt – denen, die es ganz sicher nicht sind. Frau Gimpel neben mir unter der Bettdecke wissend, traute ich mich jedenfalls nur stocksteif wie ein Brett am Rücken zu liegen. Irgendwann im Halbschlaf glitten unsere Körper dann doch in die natürliche Embryonalstellung. Oh wie peinlich, nun hatten sich versehentlich unsere Popos in der Mitte geküsst! Für den wenig berührungsaffinen Deutschen eine Erfahrung der ganz anderen Art...

Im prüden Deutschland ist das nämlich so: zwei Betten – zwei Decken. Ganz korrekt, „nemţeşte“, wie der Rumäne sagt. Allenfalls ein Riesenbett mit zwei Matratzen und Spalt in der Mitte – woher wüsste man sonst, wo die Mitte ist und wo sich das eigene Reich von dem des Bettgenossen abgrenzt. Selbst Ehepartner liegen brav wie dicke Bratwürste nebeneinander, jeder für sich fest in seine Decke gewickelt. Unromantisch? Vielleicht, aber ein Segen für Betriebsausflügler!

In den USA hingegen ist dies ganz anders. Bekommt man dort ein Doppelzimmer als Einzelzimmer – denn richtige Einbettzimmer gibt es nicht – kann man gleich seine ganze Sippe durchs Hintertürchen einschleusen. „Kingsize oder Queensize?“ fragte die Rezeptionistin und ich überlegte gerade, ob ich King oder Queen sei, da kürzte sie meinen Gedankengang ab: „Ich geb Ihnen das Kingsize, das ist sowieso frei.“ Dann die Überraschung: zwei riesige Doppelbetten a 2x2 Meter! Vom Königinnenformat unterscheiden sie sich nur dadurch, dass ersteres ein bisschen schmäler ausfällt – natürlich nicht so extrem wie in Paris. Luxuriöse vier Kopfkissen trösten über das Fehlen einer flauschigen Decke hinweg, denn der Amerikaner schläft „between the sheets“ und das Zimmer hat gefälligst so temperiert zu sein, dass man dies auch kann. Der Vorteil der Kingsize-Betten? Man darf längs, quer oder diagonal liegen, im oder entgegen dem Urzeigersinn rotieren und fällt trotzdem nicht raus. Vor allem aber deswegen nicht, weil man mit eingezogenem Bauch und nach unten vorgestreckten Gliedmaßen vorsichtig unter das rundum festgezurrte Decklaken robben muss – was einem eine Nacht wie im Briefumschlag beschert! Ach ja, das zweite Bett? Darauf schmeißt man den Koffer oder breitet die Klamotten aus.

Die Zeit der Hotels in fernen Ländern ist nun schon lange her. Nur selten übernachten mein Mann und ich auf Überlandfahrten in kleinen, heimischen Pensionen. Meist gibt’s dort noch das gute alte gemeinsame Deckenmodell, wenn auch ohne gelben Winnie auf seinem himmelblauen Grund. „Puuh!“ denke ich dann, „hier ist die Welt noch in Ordnung!“ – und hab kein Fünkchen Mitleid mit platonischen Reisekumpanen oder kaum miteinander bekannten Betriebsausflüglern.

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