Schlammschlacht um Macht

Samstag, 17. Juni 2017

Symbolgrafik: pixabay.com

Wir erleben in diesen Tagen eine einzigartige politische Krise: die Mehrheitskoalition versucht, durch Misstrauensantrag die Regierung zu stürzen, die sie vor knapp sechs Monaten eingesetzt hat. Obwohl sie wirtschaftlich erfolgreich ist (höchste Zuwachsrate der Wirtschaft eines EU-Mitglieds) und die Bevölkerung mit ihr ausgesöhnt schien.
Der Premier dieser Regierung, bislang ein nationaler Nobody, weigert sich, zurückzutreten. Er „muss“ gestürzt werden, denn auch sein Parteiausschluss war folgenlos. Der Parteichef wäscht seine Hände in Unschuld: Er war´s, der durch selbstherrliche „Wahl“ die Regierung zusammengestellt hat, deren Scheitern er jetzt vorschiebt. Als unfähig „entlarvt“ sie einer, dem selber drei Prozesse drohen und der als Minister zurücktrat, als er inmitten eines Bestechungsskandals von der Antikorruptionsbehörde DNA erwischt wurde.

Fest steht, dass in der medial ausgetragenen Schlammschlacht um Macht jeder der Akteure Dreck am Stecken hat – nicht umsonst hat PSD-Chef Dragnea zu Beginn versucht, den allgemeinen Mist unterm Teppich zu verbergen, indem er dem zu schassenden Premier einen lukrativen Posten angeboten hat. Zwecks Maulstopfen. Dass aber ein Premierminister, der als Jasager aus dem provinziellen Nichts hochgezogen wurde, plötzlich „in aller Offenheit“ auf einer Pressekonferenz sagt, was man jetzt, bzw. seit ein paar Tagen, von ihm wahrnimmt sei „der wahre Grindeanu“, das ist gleich schlimm wie das balkanisch sture Ringen des dritten Manns im Staat um Allmacht. Hat der Temescher Kreisratschef, der Ex-Vizebürgermeister von Temeswar Sorin Grindeanu, bislang nie sein wahres Gesicht gezeigt? Oder hat er so viele Gfrieße (wie man´s im Banat sagt), dass keiner weiß, welches sein wahres ist?

Im Grunde enthüllt der öffentlich ausgetragene Streit an der Spitze der Regierungspartei gnadenlos, mit welch jämmerlichen Typen wir es zu tun haben. Mit einem skrupellosen Provinzfürsten („Baron“), Dragnea, der das verallgemeinerte Kuschen zum Idealzustand der Regierungspartei erhoben hat – wodurch er als der Größte übrig- und aufrechtbleibt – und einem schmierigen Schleimer, intelligent, aber in seiner Machtgeilheit zu jedem Kotau fähig, der in kürzester Zeit den geilen Charme der Macht roch und nun nicht mehr davon lassen kann. Dass der Provinzfürst den zu schassenden Niemand mit allen Mitteln zu erniedrigen sucht und dass der sich an die Macht Klammernde aus allen Enthüllungskanonen gegenfeuert, die ihm zur Verfügung stehen – das ist die offenbarende Begleitmusik des Skandals.

Den aufmerksamen Beobachtern bleibt die Genugtuung, durch die gegenseitige Beschimpfung der Kontrahenten zu Insider-Informationen zu kommen, die sonst unter der dreckigen Schweigedecke der Parteien verborgen geblieben wären. Dass glasklar wird, dass der Chef der Massenpartei PSD, Dragnea, nichts als eine Allmacht anstrebt, über die nicht einmal ein Ceauşescu verfügt hat – wozu ihm jedes Mittel recht und die Glaubhaftigkeit des Landes wurscht ist. Dass sein zeitweiliger Partner, ALDE-Chef Popescu-Tăriceanu, mindestens genauso skrupellos verlogen und machtgeil ist. Den politisch Unbedarften, die PSD und ALDE zu Mehrheitsparteien gewählt haben (indem sie einfach zu den Urnen gingen, während andere sich nobel zurückhielten), dürfte das egal sein. Doch die gegenwärtige Schlammschlacht, so ist zu hoffen, könnte die Februarprotestler Rumäniens aufwecken. Vielleicht findet sich diesmal auch ein Führer unter ihnen.

Kommentare zu diesem Artikel

Michael, 17.06 2017, 18:38
Braucht eine zivilgesellschaftliche Bewegung ausgerechnet einen Führer?
Francois, 17.06 2017, 10:32
Mit dieser Schlammschlacht beschmutzen PSD und ALDE den Ruf Rumäniens. Diesen Politikern ging es aber nie um Rumänien, sondern um sich selbst.
Peter, 17.06 2017, 08:48
Nichts ist widerwärtiger als die Majorität; denn sie besteht aus wenigen kräftigen Vorgängern, aus Schelmen, die sich akkommodieren, aus Schwachen, die sich assimilieren, und der Masse, die nachtrollt, ohne nur im mindesten zu wissen, was sie will. Johann Wolfgang von Goethe

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