Schneetorte?!

Freitag, 20. Januar 2017

„Schneetorte! Wie bitte, was? Ja richtig, Schneetorte, gerade frisch angeschnitten! Riesig, die hält sich doch bestimmt ein paar Tage, oder?!“ Die Stimme am anderen Ende der Leitung lachte genüsslich über die Vorstellung, man könnte doch eine spontane Glühweinrunde auf dem Balkon einläuten.

Der Winter, der hier in Bukarest so plötzlich einfallen kann, war nun da; und wie! Es hatte seit drei Tagen ununterbrochen geschneit. Glatteis, Kälte und Schneemassen haben der Hauptstadt gleich zu Beginn des neuen Jahres, praktisch über Nacht ein Bein gestellt. Die märchenhafte Kulisse bringt natürlich auch ihre extreme Seite mit sich, die in hiesigen Gefilden Mensch und Tier hart treffen kann. Froh ist man dann, wenn die nötigsten Dinge eingeholt sind, die Heizung nicht ausfällt, man sich nach dem Befinden des alten Herrn aus dem Parterre erkundigt hat und es einem vielleicht gelungen ist, einen kleinen Weg (die Breite einer Schneeschaufel) vor der Haustür freizulegen. Warnstufe Orange: bedeutet wirklich nichts Gutes, hohe Minustemperaturen, meistens im zweistelligen Bereich, lassen sogar die Schule für einige Tage ausfallen. An den Doppelflügel-Fenstern unserer Altbau-Wohnung haben sich die Eisblumen rapide ausgebreitet, durch sie bekommt das hineinfallende Tageslicht nun einen milchigen Schimmer. An den Rändern sind noch einige Zentimeter frei geblieben, beim Durchschauen staune ich über die beachtliche Größe der Eiszapfen, die sich an der Dachrinne des Nachbarhauses gebildet haben.

Schließlich geht es hinaus. In den Straßen Bukarests sind Räumfahrzeuge unterwegs, die dazugehörigen Leute tragen leuchtende Signalkleidung, sie bewegen sich hin und her, gestikulieren und versuchen, sich in der in Weiß getauchten Umgebung zu orientieren. „Wohin noch mit den Schneemassen?“, ruft einer einem anderen zu. Keine fünfzig Meter weiter lenkt ein Mann mühsam einen Hand-räumwagen durch eine Seitenstraße, dabei wird der Schnee von der Straße in Richtung Trottoir geschleudert. Plötzlich wird er aus dem Fenster eines anliegenden Hauses heraus angeschrien, was ihm denn einfallen würde, die Autos mit Schnee zuzuschütten, er komme gleich mal runter, dann könne er was erleben. Der Mann mit dem Handräumwagen hält sein Gefährt an, entdeckt den „Störenfried“ und brüllt irgendetwas Unverständliches zurück. Mit verbalen Attacken versuchen nun beide ihre jeweilige Sichtweise zu vertreten. Nach einer Weile startet der Mann seinen Handräumwagen wieder, droht wütend mit der Faust in Richtung Fenster und geht seiner Tätigkeit unverändert nach.

Vieles im öffentlichen Raum bewegt sich am Limit, die Nerven scheinen noch schneller blank zu liegen als sonst! Immerhin, nach und nach werden die Hauptstraßen von den Schneemassen befreit, Schaufellader türmen auf großen Plätzen atemberaubende Schneeberge auf. Die Tram-Bahn rollt an mir vorbei und kommt einige Meter weiter an einer Kreuzung zum Stehen. Der Fahrer steigt aus, zurrt seine Fellmütze zurecht und versucht, mit Hilfe eines Metallhakens, manuell die Weiche an einem Gleis umzulegen. Vergeblich, sie scheint festgefroren zu sein. Der Fahrer beginnt zu schimpfen, derweil steigen einige der Fahrgäste aus und gehen zu Fuß weiter. Ich tue es ihnen nach und erreiche bald das anvisierte Postgebäude, vor dem einer der selten gewordenen Straßenhunde gerade gegen ein zugeschneites Fahrzeug pinkelt und weitertrabt.

Mit einem Benachrichtigungsschein in der Jackentasche betrete ich die Poststation, in der ein verspätetes Weihnachtspäckchen auf mich warten soll. Mit dem Päckchen in der Hand mache ich mich auf den Rückweg. Das gute Ding hat innerhalb Europas eine Weltreise hinter sich, könnte man meinen. Ganze vier Wochen sind vergangen, seitdem es losgeschickt wurde. Wieder zu Hause, wird es alsbald aufgemacht. Kekse, Plätzchen und eine Grußkarte kommen zum Vorschein. Der Lebkuchen darin ist entweder leicht versteinert oder noch gefroren. Meine Frau lächelt mich an: „Nun hab dich doch nicht so, lass ihn noch einige Tage in der Dose ziehen, das gibt sich noch!“ Draußen hört man den Wind pfeifen. Satte minus 20° Celsius hatten wir letzte Nacht hier in Bukarest, geht mir auf dem Weg zum Badezimmer durch den Kopf. Auf meinem neuen Shampoo klebt ein Button: Bis zu minus 80 Prozent Haarverlust steht darauf, ich reibe es in die Haare und lache in mich hinein. Das Jahr ist ja noch jung, draußen schneit es bereits wieder.

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