Schonungslos und leidenschaftlich

Zu der Premiere „Szenen einer Ehe“ an der deutschen Bühne Hermannstadt

Samstag, 23. Dezember 2017

Krista Birkner und Daniel Bucher in „Szenen einer Ehe“.
Foto: Cynthia Pinter

Eine Wiederholungstat ereignete sich am Freitag, dem 15. Dezember, an der deutschen Abteilung des Hermannstädter Radu-Stanca-Theaters. In der Regie des luxemburgischen Spielleiters Charles Muller und der Bühnengestaltung von Dragoș Buhagiar wurde ein Klassiker in einer Ausnahmebesetzung geboten: „Szenen einer Ehe“ von Ingmar Bergman mit Krista Birkner und Daniel Bucher. Krista Birkner wurde in Neumarkt/Tg. Mureș geboren, machte ihre Ausbildung in München, hat u. a. unter Claus Peymann gespielt und ist derzeit Mitglied des Berliner Ensembles.

Daniel Bucher gehört dem Hermannstädter Ensembles an, hat aber an der Theater- und Filmakademie Athanor in Berlin studiert. Wer gemeint hatte, die im Herbst 2015 auf die Bühne gebrachten „Goldberg Variationen“ von George Tabori werden eine Ausnahmeerscheinung bleiben, wurde nun eines Besseren belehrt. Beide Inszenierungen waren Kooperationen mit dem Stadttheater aus Esch an der Alzette, mit dem es seit dem gemeinsamen Hermannstadt-Luxemburg-Kulturhauptstadtjahr 2007 eine gute Zusammenarbeit gibt.

Der Vorschlag, dieses Stück von Bergman zu inszenieren, kam von Regisseur Muller. 2018 wird ein Ingmar-Bergman-Jahr sein, der Geburtstag des bedeutenden schwedischen Film- und Theatermachers jährt sich zum 100. Mal. Charles Muller hatte „Szenen einer Ehe“ vor 11 Jahren am Escher Theater schon mal auf Französisch inszeniert und brachte es nun, als letztes Stück als Intendant des Escher Theaters, in deutscher Sprache auf die Bühne. Das ursprünglich für das Fernsehen geschriebene Drama, das es auch in Kinofassung gibt, wurde in der Regie Ingmar Bergmans 1981 als Theaterstück am Münchner Residenztheater uraufgeführt und wird seither an zahlreichen Theatern geboten. In Hermannstadt und Esch wird es in der dramaturgischen Bearbeitung durch Olivier Ortolani gespielt.

Bergman ist für die schonungslose Darstellung von Gefühlskonflikten und -äußerungen bekannt, diese können auf der Bühne zuweilen peinlich und/oder gar hysterisch wirken. Nichts dergleichen ist in der Inszenierung Mullers und der Darstellung von Krista Birkner und Daniel Bucher geschehen. Durchaus nachvollziehbar (und allzubekannt) ist der zunächst zwar durch Anspielungen gespickte, dennoch aber schonungsvolle Umgang miteinander von Marianne, Rechtsanwältin, und Johan, Naturwissenschaftler. Sie sind seit zehn Jahren verheiratet, haben zwei Töchter, die Ehe hat an Kitzel verloren und wird von sozialen Zwängen belastet, aber man bemüht sich, einander zuzuhören und die Gefühle füreinander am Lodern zu erhalten. Das Kriseln wird nicht zuzugeben, es wird unter den Teppich gefegt. Bis Johan gesteht, seit vier Jahren eine Beziehung zu einer 23-jährigen Studentin zu haben, und Marianne erfährt, dass ihre Freunde davon wussten, ihr jedoch nichts gesagt haben. Damit bricht der Damm der Gefühls- und Selbstkontrolle bei den Partnern. Verzweiflung, Verachtung, Hoffnung, Selbstzweifel, Hass, Selbstmitleid werden sich selbst eingestanden und dem anderen an den Kopf geschleudert. Bestehen bleibt Leidenschaft. Das Bett geht mit Marianne (per Videoeinspielung) in Flammen auf.

Ist eine derart in die Brüche gegangene Ehe noch zu retten? Marianne würde es versuchen, Johan hat eine andere Zukunft im Blick. Das Wiedertreffen ist ein Hin und Her zwischen Verlangen nach einander und Distanz von einander, beide versuchen, ihr Gefühlsleben durch Rationalisieren in den Griff zu kriegen. Beim Treffen, um die Scheidungspapiere zu unterschreiben, ist Marianne selbstsicherer geworden, Johan hingegen nach gescheiterter Beziehung zu der jungen Frau und vermasselter Karriere einsam. Er möchte nun die Scheidung nicht mehr. Es kommt zu gegenseitigen Demütigungen und Gewalttätigkeiten. Die beiden unterschreiben schließlich die Papiere.

Gegenseitige Achtung, Hass, Hassliebe – die Entwicklung der Charaktere wird von den beiden Schauspielern einfühlsam, nachvollziehbar und ohne übertriebenen Pathos dargestellt. Die Ausnahmeinszenierung macht neben der schauspielerischen Leistung die einfach erscheinende aber sehr aufwändige und originelle Bühnenausstattung aus: Das Podest wird mit den verankerten Möbeln in die Senkrechte gehoben, aus dem Bett wird durch Videoanstrahlung der Bücherschrank. Das Umkleiden als Schattenspiel dürfte die auf der Ehe lastenden Schatten andeuten, das Treffen in den mit Plastikfolie überdeckten Möbeln den Umzug und Neuanfang.

Esch an der Alzette ist 2022 eine der Kulturhauptstädte Europas. Man darf hoffen und wünschen, dass die Kooperation mit dem Hermannstädter Theater fortgesetzt wird und es zu weiteren, ähnlichen Inszenierungen kommt.

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