Schostakowitschs „Leningrader Sinfonie“ in Bukarest

Saisonschlusskonzert des Nationalen Rundfunkorchesters unter Tiberiu Soare

Freitag, 04. Juli 2014

Am 29. September 1941 wurde die Heeresleitung Nord von folgendem Entschluss Adolf Hitlers, die Zukunft Leningrads betreffend, in Kenntnis gesetzt: „Der Führer ist entschlossen, die Stadt Petersburg vom Erdboden verschwinden zu lassen. Es besteht nach der Niederwerfung Sowjetrusslands keinerlei Interesse an dem Fortbestand dieser Großsiedlung.“ In der etwa 900 Tage währenden Blockade von Leningrad starben zwischen 1941 und 1944 mehr als eine Million Menschen an Hunger, Kälte und Krankheiten sowie bei Granatbeschuss und in den Kämpfen um die Stadt.

Der russische Komponist Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch, der selbst in Sankt Petersburg geboren wurde, widmete seine siebte Sinfonie, wie er im Frühjahr 1942 in der „Prawda“ betonte, „unserem Kampf gegen den Faschismus, unserem unabwendbaren Sieg über den Feind, und Leningrad, meiner Heimatstadt“. So überschrieb er auch jeden einzelnen der vier Sätze dieses Werkes in C-Dur (op. 60) mit sprechenden Titeln, die er allerdings in die Druckfassung der Partitur nicht übernahm: I. Der Krieg, II. Erinnerungen, III. Heimatliche Weiten, IV. Der Sieg.

An anderer Stelle fasst Schostakowitsch das ideologisch-musikalische Programm seiner „Leningrader Sinfonie“ folgendermaßen zusammen: „Der erste und gleichzeitig ausgedehnteste Satz hat dramatischen, tragischen Charakter. Die drohenden Ereignisse des Krieges haben unser friedliches Leben jäh unterbrochen. Diese Musik hat auch noch eine andere Aufgabe: Als Requiem soll sie die Trauer unseres Volkes um seine toten Helden zum Ausdruck bringen. Die beiden folgenden Sätze sind als Intermezzo gedacht. Sie bilden eine Bekräftigung des Lebens im Gegensatz zum Kriege. Der vierte Satz ist unserem Sieg gewidmet. Er ist die direkte Fortsetzung, die logische Folgerung des zweiten und dritten Satzes. Er symbolisiert den Sieg des Lichtes über die Dunkelheit, der Weisheit über den Wahnsinn, der Menschlichkeit über die Tyrannei.“

Schostakowitsch schrieb die Partitur seiner siebten Sinfonie, die er schon vor dem Überfall der Deutschen auf die Sowjetunion im Juni 1941 begonnen hatte, in nur wenigen Monaten nach Beginn des Deutsch-Sowjetischen Krieges nieder. Im Oktober 1941 wurden er und seine Familie aus Leningrad ausgeflogen und der Komponist konnte das Werk im an der Wolga gelegenen Kuibyschew, dem heutigen Samara, fertigstellen, wo es am 5. März 1942 durch das Orchester des Moskauer Bolschoi-Theaters unter Samuil Samossud uraufgeführt wurde. Im Juni und Juli desselben Jahres wurde die Sinfonie unter Henry Wood und Arturo Toscanini in London und New York zur Aufführung gebracht, in den USA außerdem landesweit im Rundfunk übertragen. Nachdem die Partitur trotz Luftblockade durch ein Sonderflugzeug in das eingekesselte Leningrad gebracht worden war, konnte das Werk im August 1942 auch in Schostakowitschs Heimatstadt erklingen: unter der Leitung von Karl Eliasberg, gespielt von den noch lebenden Mitgliedern des Radioorchesters Leningrad und weiteren Musikern, die eigens zu diesem Zweck von der Front in den Konzertsaal beordert worden waren.

Das monumentale, abendfüllende Werk wartet mit einem riesigen Orchesterapparat auf, wie ihn Gustav Mahler und Maurice Ravel in ihren sinfonischen Werken verwendeten. Wenn man will, kann man den Durchführungsteil des umfangreichen ersten Allegretto-Satzes der Sinfonie als Ravel-Zitat begreifen, als Versetzung seines tänzerischen „Boléro“ in die Welt kriegerischen Totentanzes. Auf einer ostinaten Rhythmusfigur des Schlagzeuges, die in diesem Kontext den Marschrhythmus des Militärs evoziert, erhebt sich in beständiger Steigerung eine Melodie, die durch alle Orchestergruppen wandert und in immer neuen Variationen in permanentem Crescendo auf eine gewaltige Klimax zustrebt. Die Schlichtheit und Harmlosigkeit dieser Melodie aus Franz Lehárs Operette „Die lustige Witwe“, die dort auf den Text „Da geh’ ich zu Maxim“ gesungen wird, tritt dabei in scharfen Kontrast zur bewusst inszenierten Brutalität und Gewalttätigkeit der Musik Schostakowitschs in diesem gewaltigen Kopfsatz seiner siebten Sinfonie.

Der zweite Satz mit der Tempobezeichnung Moderato erinnert an ein Scherzo und birgt (wie übrigens auch der erste Satz) durchaus idyllische Momente, die aber immer wieder von seelenloser Motorik unterbrochen werden, besonders im an einen Militärmarsch gemahnenden Walzer des Trios im zweiten Satz.

Der dritte Satz, ein Adagio, wirkt eingangs wie eine düster-melancholische Totenfeier, voller Trauer, Schmerz und Schwermut, wird aber schon bald wieder, ganz im Stile der gewollten Zerrissenheit als Signum dieses Werkes, von lauten Blechbläsern, Marschrhythmik und fast grotesk wirkenden Walzerklängen unterbrochen.

Der Finalsatz Allegro non troppo, der dem ideologischen Programm der siebten Sinfonie gemäß den Sieg der Roten Armee über die Truppen Hitlers symbolisieren und als musikalische Utopie inszenieren sollte, ist zwar in der Tat ein Siegesmarsch, gleitet aber öfters auch in düstere Moll-Regionen ab, die dem Jubel Schmerz, dem Triumph Trauer beimischen und diese unversöhnlichen Gegensätze unauflöslich miteinander verbinden.

Das Bukarester Publikum belohnte nach dem Verklingen des Schlussakkords alle beteiligten Instrumentalisten, von denen sehr viele im Lauf der Darbietung der „Leningrader Sinfonie“ auch solistisch hervortraten, mit kräftigem und lang anhaltendem Applaus, der nicht nur dem überragenden Können der einzelnen Musiker galt, sondern auch dem gelungenen Zusammenspiel der einzelnen Instrumentengruppen, speziell auch dem Dirigenten Tiberiu Soare und nicht zuletzt dem Komponisten Schostakowitsch und seiner „Leningrader Sinfonie“, deren Partitur Tiberiu Soare am Ende mehrfach beschwörend in die Höhe hielt und so dem großen russischen Komponisten dankbar seine Reverenz erwies.

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