Schuld war nur der Bossa Nova

Die Coverband Nouvelle Vague trat erstmals in Temeswar auf

Mittwoch, 03. Juli 2013

Es wird nachgeholt: Der Bossa Nova oder die Bossa Nova oder das Bossa Nova hat es nach Temeswar geschafft. Nouvelle Vague brachte die Vergangenheit in die Gegenwart und erinnerte an eine Musik, die in Rumänien wegen des Eisernen Vorhangs niemals durchgestartet ist. Foto: Zoltán Pázmány

Ach ja, die guten alten Zeiten, die in Rumänien niemals waren. Nouvelle Vague? Bossa Nova? Was ist das denn, würde nicht nur die Jugend stutzig fragen, sondern auch die älteren Kaliber. Als Manuela 1963 mit „Blame It On The Bossa Nova“ die Charts stürmte, drei Jahre, nachdem Jean-Luc Godard mit seinem Film „Außer Atem“ zuerst den französischen und später den europäischen Film auf den Kopf stellte, hatten die Rumänen andere Sorgen. In der Volksrepublik fand die musikalische und filmische Revolution in Hinterzimmern statt. Es war ein ganz exklusiver Club, der von der Neuen Welle und dem Neuen Beat schwärmte. Mehr Untergrund ging damals gar nicht, weshalb heute eine Coverband wie Nouvelle Vague den Rumänen nichts sagt.

Dass die Franzosen Marc Collin und Olivier Libaux seit zehn Jahren talentierte, junge Musikerinnen um sich scharren, um einem Musikstil Tribut zu zollen, der vor ihrer Zeit war, aber nichtsdestotrotz bei ihnen bleibende Spuren hinterlassen hat, darauf reagierten die Temeswarer mit einem „je m’en fiche“. Denn die große Konzertpremiere der französischen Band, die Musik der 1980er Jahre im Bossa-Nova-Stil neu einspielt, war in Temeswar gar nicht so groß: Gerade Mal zweihundert Neugierige waren bereit, 70 bis 90 Lei für ein Ticket zu zahlen, um im Rosengarten Melanie Pain, Liset Alea sowie Zula live zu hören.

In Frankreich hat sich Nouvelle Vague längst als Startrampe für junge Talente etabliert und als ein rettendes Schiff für untergehende Musik. Bands wie „Depeche Mode“ sind zwar noch immer so erfolgreich, wie in den Anfangsjahren, doch das Gleiche kann man von einer Punkband wie „The Clash“ nicht sagen. Da kann man Collin und Libaux als Retter sehen, die durch ihr Musikexperiment auch unterrrichten.

Und gerade in Rumänien bräuchte man die eine oder andere Geschichtsstunde über die Musik des 20. Jahrhunderts. Denn aus dem Tiefschlaf sind die wenigsten aufgewacht, ihre Kenntnisse hören bei Manele, Hip Hop oder Elektromusik auf. Wie gern würde man dem Bossa Nova die Schuld für eine hoffnungslos unglückliche Liebesgeschichte geben.  Man müsste sich nur die Schritte des Tanzstils aneignen und dazu Eydie Gorme zitieren: „Denn wer einen Bossa Nova tanzen kann,/ Dann fängt für mich die große Liebe an. Schuld war nur der Bossa Nova,/ Der war Schuld daran.“

Diese erste Begegnung mit der Musik, die gestern erschien, wobei gestern vor 20, 30, 40 Jahren war, also fast die Hälfte eines Lebens umspannt, diese war auch den beiden Musikern, die in Frankreich keine kleinen Nummern sind, wichtig. Darum singen für sie in Nouvelle Vague meist nur junge Frauen, die von den alten Liedern aus den frühen 1980er Jahren gar nichts wissen. Sie sind so naiv und unwissend, wie der Großteil des rumänischen Publikums, das weder den Stil einordnen, weder die Lyrics nachsingen oder die Musik nachempfinden kann. Wobei es für Collin schlichtweg egal ist, ob er mit Nouvelle Vague die Jugend anspricht oder die ältere Generation, die mit der Musik aufgewachsen ist. Sprich seine Generation, die im Westen beheimatet ist. Egal, meinte der Produzent während einer Q&A-Session im Hof des Französischen Kulturinstituts. Das Treffen mit Fans und Presse nur zwei Stunden vor dem Konzert an einem schwülen Junitag startete und endete mit einer blamierend kleinen Anzahl an Personen. Collin erging es in Temeswar nicht anders als einst Charles Chaplin in Berlin: Nur die Ausländer machten große Augen, reagierten euphorisch auf die Präsenz des Künstlers in einer Stadt, die sich den Titel „Kulturhauptstadt Europas“ anmaßen möchte.

Man versteht es natürlich, eben wegen dem mangelnden musikalischen Background. Collin spielte auf cool, antwortete auf die gleichen Fragen, die man ihm vor zehn Jahren schon stellte: Wieso nur Sängerinnen? Wieso sollten sie kein Vorwissen über die Songs, die gecovert werden, besitzen? Hat man keine Angst, dass man sich als Coverband mit fremden Federn schmückt?

Auf die letzte Frage antwortete Collin mit einem entschiedenen „Nein“. Schließlich macht er nebenbei seine eigene Musik und ist in zahlreichen anderen Projekten involviert. Was er durchaus ironisch findet, sind die ganzen Nouvelle-Vague-Covers, die auf Youtube erscheinen. Das Cover von einem Cover sozusagen, wobei die Nachahmer sich gar nicht darüber bewusst sind, dass die Musik nicht made by Nouvelle Vague ist, sondern by Depeche Mode, The Clash, Undertones oder Dead Kennedys. Aber selbst wenn sie es wissen, spielt es keine Rolle, denn Nouvelle Vague tut mehr als bloß nachspielen. Sie bemühen sich schon unterschiedliche Stile miteinander zu vermehlen und Klassiker neu zu interpretieren.

Weshalb auch letztendlich das erste Konzert in Temeswar ein Happy End hatte: Auch wenn die Zahl der Besucher bescheiden war, so war das Feedback danach umso berauschender. Zumindest 200 Leute konnten die Franzosen konvertieren. Da spielen Zahlen keine Rolle mehr. Denn sollte es zu einem „Next Time“ kommen, könnte sich Nouvelle Vague vielleicht doppelt so vielen Anhängern in der kleinen, rumänischen Stadt freuen. Schließlich fangen selbst die Großen klein an. 

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