Schule – gestern, heute, morgen (III)

Festvortrag von Thomas Şindilariu anlässlich des 25. Sachsentreffens in Mediasch am 19. September 2015

Samstag, 03. Oktober 2015

Vergleichbar den Jahren nach 1944 wirkt das Überleben des deutschen Schulwesens in Rumänien nach 1990 bei weitgehend konstant hohen Schülerzahlen in der Rückschau wie ein Wunder – eines von mehreren, die es im letzten Vierteljahrhundert, bezogen auf die kleine deutsche Minderheit in Rumänien zu erleben gab. In Langzeitperspektive betrachtet, ist das Wunder um das Überleben unserer Schulen mit Sicherheit das wichtigste gewesen. Es ist mir an dieser Stelle eine ganz besonders angenehme Pflicht im Namen der Deutschen Rumäniens, all jenen, die dieses Wunder herbeigeführt haben, zu danken. Dem rumänischen Staat, der das deutsche Minderheitenschulwesen wohlwollend weiter erhalten hat, den Lehrkräften, die trotz allem weiter gemacht haben, den Freunden im In- und Ausland, die Einsatz zur Beseitigung von Problemen gezeigt und helfend die Hand gereicht haben.

Der Quell für die wundersam hohe Nachfrage nach Schulbildung in deutscher Sprache auf muttersprachlichem Niveau ist allgemein bekannt: Es sind unsere nichtdeutschen, allermeist ethnisch rumänischen Mitbürger. An dieser Stelle muss vor allzu simpler Kategorienbildung gewarnt werden. Einerseits sind Schüler rumänischer Herkunft an deutschen Schulen Rumäniens keine Neuheit des letzten Vierteljahrhunderts. Sie prägten das Erscheinungsbild dieser Schulen im städtischen Rahmen spätestens während der letzten beiden kommunistischen Jahrzehnte mit. Auch weiter zurückblickend sind etwa um 1900 rumänische Schüler an deutschen Gymnasien Siebenbürgens zu verzeichnen, und zwar nicht wenige, in Mühlbach etwa strecken-weise gar in der Nähe von 50 Prozent!

Andererseits sind die Zugehörigkeitskriterien zum Oberbegriff „Deutsch“ derzeit so sehr im Fluss, wie noch nie. Abstammung als Kriterium wird zunehmend durch Bekenntnis zur deutschen Sprache und Kultur ersetzt. Trotz unterschiedlicher Gründe ist diese Entwicklung in Deutschland wie bei uns in Rumänien gleichermaßen zu beobachten, was als glücklicher Zufall zu werten ist. Überblickt man die strukturelle Zusammensetzung der Eltern derjenigen Schüler, die heute die deutschen Schulen besuchen, so ist festzustellen, dass bis zu einem Drittel der Eltern selbst einmal diese Schulen besucht haben. Partielle Elternabende könnten also bereits wieder in deutscher Sprache durchgeführt werden. In Kronstadt gemachte Erfahrungen damit waren für alle Beteiligten überaus angenehm und haben zumindest mehr Courage zur Benutzung der deutschen Sprache im häuslichen Rahmen als konkret greifbare Folge gehabt. Es ist hier etwas im Entstehen begriffen, womit nur gute Wünsche für die Zukunft verbunden werden können. Historisch Vergleichbares gibt es aus unserer Geschichte nicht! Festhalten kann man nur, dass trotz des Kultes um die ethnische Geschlossenheit der Siebenbürger Sachsen, der besonders im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts dominant war, ihr Gemeinwesen ein für Zuzug offenes gewesen sein muss. Anders lassen sich die früher häufigen Familiennamen wie Bloch, Türk, Ungar oder Horwath schlicht nicht erklären. Sachse konnte man einst werden, wieso nicht auch heute?

Einer jüngst im Schiller Verlag veröffentlichten Studie über die Wahrnehmung der Stärken und Probleme des deutschen Schulwesens in Rumänien ist etwa zu entnehmen, dass als Grund für den Besuch „unserer“ Schulen bald nach der Benennung besserer Karrierechancen dank des Erlernens der deutschen Sprache die Art, wie Schule im Rahmen des deutschen Minderheitenschulwesens gelebt wird, als entscheidungsrelevant folgt. Als Historiker erkenne ich hierin die Erwartung der Eltern, dass unsere muttersprachlichen deutschen Schulen wie einst als Seminarium rei publicae, als Pflanzstätten des Gemeinwesens, wirken mögen. Es wird hier, um es anders auszudrücken, offensichtlich erhofft, dass über die in der Schule zu vermittelnden deutschen kulturellen Werte, so vage diese Vorstellung begrifflich auch ist, am Ende demokratische Mündigkeit in einem europäischen Kontext bei den Absolventen verankert ist. Dies deutet in Richtung der ureigensten Kollektiveigenschaft der Siebenbürger Sachsen, ihres „spirit of selfgovernment“, ihres Sinns für Selbstverwaltung, den ihnen vor 150 Jahren der englische Reisende Charles Boner aufgrund eingehender Auseinandersetzung mit unseren Vorfahren in trefflicher Weise attestierte. Es muss noch einiges davon erkennbar sein, sonst gäbe es den Andrang bei unseren Schulen nicht, aber auch keine kommunalpolitischen Wahlerfolge unseres Forums, die für den Außenstehenden so wundersam erscheinen mögen.

Mit Blick auf Schulbücher, zukunftsweisende Lehrinhalte und -methoden sowie adäquater finanzieller Ausstattung ist der rumänische Staat gerufen, seinen in der Theorie schon lang formulierten Grundsätzen deutlich mehr Taten folgen zu lassen als bisher. In Erinnerung an das unwürdige und letztlich ergebnislose Gezerre 2011 um die Anhebung der Lehrergehälter um 50 Prozent verwundert es niemanden, dass in der heutigen ADZ die Ankündigungen von Bildungsminister Sorin Câmpeanu, die Löhne im Lehrwesen noch im laufenden Jahr um 10 oder gar 20 Prozent anzuheben, gleich in der Artikelüberschrift mit einem Fragezeichen versehen sind. Da die strukturellen Probleme des deutschen muttersprachlichen Schulwesens in Rumänien über weite Strecken Probleme des gesamten Unterrichtswesens in Rumänien sind, wird ein grundlegender Wandel zum Besseren erst dann möglich sein, wenn die rumänische Gesellschaft das mit aller Nachhaltigkeit von ihren Politikern fordert – bislang sind nur Anzeichen in diese Richtung wahrzunehmen. Es ist nur zu hoffen, dass der Impuls, den Staatspräsident Klaus Johannis anlässlich des Schulanfangs heuer in diese Richtung zu geben bemüht war, auf fruchtbaren Boden fällt.

Als Minderheit wurde jedenfalls keine Gelegenheit ausgelassen, sich im Sinne der Sache hier einzubringen und über den eigenen Rahmen hinaus zu wirken. Sichtbarstes Beispiel für letzteres dürfte das jüngst nach deutschem Vorbild etablierte duale Berufsschulwesen sein, das dem Einsatz der uns nahe stehenden Deutschen Wirtschaftsklubs zu verdanken ist. In historisch sinniger Weise gelang der Durchbruch mit der „Deutschen Berufsschule Kronstadt“ in der Geburtsstadt von Johannes Honterus. Die zu 100 Prozent erfolgten Übernahmen der Berufsschulabsolventen in reguläre Beschäftigungsverhältnisse lassen erkennen, dass hier eine überaus zukunftsträchtige Qualifikationslinie eröffnet worden ist, zumal „deutsch“ in diesem Fall nicht sprachlich, sondern organisatorisch zu verstehen ist. Als größtes Gegenwarts- und Zukunftsproblem hat die erwähnte Studie die chronische Unterbezahlung des Lehrpersonals herausgearbeitet. Der Sachverhalt ist zur Überlebensfrage für unsere Schulen geworden, da zunehmend mehr gut bezahlte Beschäftigungsverhältnisse in der Wirtschaft auf guten Deutschkenntnissen aufbauen. Unser Schulwesen steht am Punkt, Opfer des eigenen Erfolgs zu werden! Denn anders als früher ist das Ausharren in der Lehrerstelle bis zur Wahl in eine Prediger- oder Pfarrstelle nicht mehr das unabwendbare Los des Lehrers. Die Möglichkeiten, die in der freien Wirtschaft geboten sind, haben die mangelnde Konkurrenzfähigkeit des rumänischen Schulwesens insgesamt deutlich gemacht und zu einem Problem für die Gewährleistung der Qualität im Unterricht werden lassen.

Not macht aber bekanntlich erfinderisch und steigert die Entschlossenheit. Nach guter Vorbereitung konnte vor bald einem Jahr einer grenzüberschreitenden Initiative dank vieler einflussreicher Partner zum Durchbruch verholfen werden. Stellvertretend für alle Beteiligten und aufgrund ihres besonderen Einsatzes möchte ich dankend die hier anwesenden Herrn, Martin Bottesch, Vorsitzender des Siebenbürgenforums und langjähriger Leiter der Schulkommissionen des Forums, und Dr. Christoph Bergner, Mitglied des Bundestages und langjähriger Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, eigens erwähnen. In diesem Jahr konnte erst-mals über den Haushalt der Bundesrepublik die Bezuschussung der Lehrergehälter an den deutschen muttersprachlichen Schulen und Schulabteilungen erfolgen. Es besteht begründete Hoffnung auf Fortsetzung und Steigerung der jährlichen Zahlungen. Die gegenwärtigen 750.000 Euro, vielleicht bald mehr, sind viel Geld, das zu Dank verpflichtet, was ich ganz ausdrücklich betonen möchte. Zugleich ist es wenig Geld, wenn man bedenkt, dass es hier um eine zentrale Zukunftsfrage für unsere Minderheit dabei geht.

Jeder in diesem Bereich investierte Euro ist gut angelegtes Geld, das greifbaren Mehrwert in kultureller und wirtschaftlicher Hinsicht erzeugen wird! Mit Blick auf die Zukunft komme ich abschließend noch einmal auf die besagte Studie zu sprechen. Jenseits der finanziellen Fragen, gibt die Feststellung zu Sorge Anlass, dass kaum ein Schulabgänger sich vorstellen kann, einmal Lehrer zu werden. Wir haben es hier mit eingefahrenen Sichtweisen zu tun, deren Umkehrung eines gemeinsamen Kraftaktes bedürfen wird. Ein gezieltes Stipendienprogramm, das Leistung honoriert, könnte da vielleicht Abhilfe schaffen. Vorhin war von den Fördermöglichkeiten über die Deutsche Botschaft in Rumänien zu hören, bezeich-nenderweise mit dem Eingeständnis mangelnder Nachfrage. Im Jahr der Bildung, das die Evangelische Kirche in Rumänien heuer ausgerufen hat, komme ich als Historiker nicht umhin, daran zu erinnern, dass ein wesentlicher Teil des Immobilienreichtums der Stadtgemeinden eigentlich für Stipendienzwecke für Schule und Studium im 19. Jahrhundert gestiftet worden ist. Vielleicht lässt sich daran anknüpfen.

Nachzudenken ist in jedem Fall über die Ganztagsschule, vor allem ab der 5. Klasse. Bis zur 4. Klasse haben die Lehrerinnen das Problem der Ganztagsbetreuung weitgehend in Eigeninitiative gelöst. Ab der 5. Klasse kann dies jedoch nur auf anderer organisatorischer Grundlage, viel-leicht im Rahmen von öffentlich-privaten Partnerschaften auf wirtschaftlicher Grundlage erfolgen. Erforderlich sind diese Gedanken weniger wegen der meist ganztägigen Berufstätigkeit der Eltern, sondern vor allem um mehr Gelegenheiten zum Gebrauch der deutschen Sprache und zum Erleben der deutschen Kultur zu geben. Nur so erscheint es mir realistisch, das Deutsche als Jugendsprache in Rumänien vielleicht wieder zu beleben. Ob, im Sinne des Historiker-Bonmots, die getätigten Ausführungen unsere schulische Zukunft sicherer gemacht haben, muss ich ihrem Urteil überlassen. Wo ein Wille war, konnte Großes geleistet werden. Die Schule hat wie einst in unserer Gemeinschaft einen ganz besonderen Stellenwert, sodass Grund zur Hoffnung besteht. Schließlich sind strahlende Kinderaugen, die sich vor allem am ersten Schultag in den Blicken der Lehrer spiegeln, etwas ganz Besonderes, was der Schule jenseits finanzieller Fragen einen herausragenden Stellenwert im Leben eines jeden von uns verleiht.

Literaturnachweis


Johannes Honterus: „Rudimenta Cosmographica. Grundzüge der Weltbeschreibung“. (Corona/Kronstadt 1542). Ins Deutsche, Rumänische und Ungarische übersetzte und kommentierte Faksimile-Ausgabe. Hermannstadt, Schiller Verlag, 2015.

Adriana Hermann, Liana Regina Junesch, Tita Mihaiu, Diana Zoppelt: „Deutschsprachiger Unterricht in Rumänien – ein Überblick über die Wahrnehmung der Stärken, Probleme und Chancen“. Hermannstadt, Schiller Verlag, 2015.


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