Schule und Akademie der Schönen Künste in Bukarest zwischen 1864 und 1948

Ausstellung im Nationalen Kunstmuseum Rumäniens in Bukarest

Freitag, 25. Juli 2014

Selbstbildnis von Camil Ressu

Am 28. Mai wurde im Nationalen Kunstmuseum Rumäniens eine Ausstellung eröffnet, die noch den ganzen Sommer über bis zum 28. September dieses Jahres in fünf Sälen im Erdgeschoss des ehemaligen Königspalastes an der Bukarester Calea Victoriei besichtigt werden kann. Der Titel der Ausstellung lautet in deutscher Übersetzung: „Von der Schule zur Akademie der Schönen Künste. Künstler in Bukarest 1864-1948“.

Historischer Anlass für diese sehenswerte Kunstschau ist das 150-jährige Jubiläum der Nationalen Universität der Künste Bukarest, die im Jahre 1864 unter dem Namen „Şcoala Naţională de Belle-Arte“ (Nationale Schule der Schönen Künste) auf Bestreben der Künstler Theodor Aman und Gheorghe Tattarescu durch ein Dekret des Fürsten Alexandru Ioan Cuza gegründet wurde und die im Laufe ihrer Geschichte mehrfach ihren Namen geändert hat. Sie hieß abwechselnd Akademie, Höhere Schule und Institut, bevor sie im Jahre 2002 ihren heutigen Namen „Universitatea Naţională de Arte Bucureşti“ erhielt.

Berühmte Künstler wie Theodor Aman, George Demetrescu Mirea, Camil Ressu, Eusta]iu Stoenescu, Jean Alexandru Steriadi und Alexandru Ciucurencu waren Rektoren dieser bedeutenden rumänischen Institution und zugleich begnadete Pädagogen, die sich für die Förderung der Bildenden Künste, der Malerei, der Skulptur, der Gravur, der Architektur und anderer verwandter Kunstsparten, einsetzten.

Die von den Kuratorinnen der Ausstellung Ioana Beldiman und Nadia Fîciu-Ioan zusammengestellten Exponate umspannen ein ganzes Jahrhundert, von einer frühen Aktstudie Gheorghe Tattarescus aus dem Jahre 1850 bis zu einem satirischen, vielleicht auch selbstironischen, Ölgemälde Camil Ressus mit dem Titel „Consiliu de îndrumare“ (Beratungsgremium) aus dem Jahre 1950, das sieben karikiert dargestellte Professoren zeigt, die einen vor seiner Leinwand stehenden und recht zaghaft wirkenden jungen Maler unter den neugierigen Augen zweier kiebitzender Zaungäste mit Ratschlägen sichtlich einschüchtern.

Die insgesamt über 200 Exponate, von denen einige erstmals zu sehen sind, stammen aus den Beständen des Nationalen Kunstmuseums und des Museums der Nationalen Universität der Künste Bukarest, ergänzt durch ausgewählte Möbelstücke aus dem Bukarester Museum Theodor Aman, die das historische Ambiente der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Bereich der Innendekoration wirkungsvoll evozieren.

Die in chronologischer Ordnung ausgestellten Kunstwerke, die sämtlich von Professoren und Studenten der Bukarester Kunstakademie stammen – ein sprechendes Beispiel dafür ist die Diplomarbeit des rumänischen Malers Dimitrie Serafim in Form einer Körperstudie in Öl mit dem Titel „Der nackte Hiob“ –, durchmessen selbstredend verschiedene Kunstepochen und zahlreiche Kunststile, angefangen vom Neoklassizismus Tattarescus, über den Eklektizismus gegen Ende des 19. Jahrhunderts, über die Rodin-Periode von Brâncu{i, den Jugendstil, die Avantgarde, den Postimpressionismus, den modernen Klassizismus der Zwischenkriegszeit, bis hin zu Exponaten aus der Nachkriegszeit, darunter eine Marmorbüste des rumänischen Königs Mihai aus dem Jahre 1946 von Oscar Han.

Im ersten Ausstellungssaal dominieren Skulpturen des Bildhauers und Malers Ion Georgescu aus den Jahren 1879 bis 1893: seine lebensgroße Bronzeskulptur „Der Lanzenwerfer“, Terrakotta-Büsten des Dichters Vasile Alecsandri sowie des Malers und Zeichenprofessors Constantin Lecca, eine Marmorbüste des Generals Ioan Emanuel Florescu, zwei in Gips gearbeitete Frauengestalten („Betendes Mädchen“, „Die Quelle“) und eine rötlich patinierte Gipsbüste des Dichters Dimitrie Bolintineanu. Des Weiteren kann man in diesem Saal das Ölporträt des Generals Magheru von Gheorghe Tattarescu, ein Ölgemälde von Theodor Aman mit einem Sujet aus der rumänischen Geschichte sowie weitere Ölporträts von George Demetrescu Mirea oder Alexandru Bănulescu betrachten. Von letzterem Maler ist auch ein großformatiges Ölgemälde aus dem Jahre 1888 ausgestellt, auf dem nicht weniger als 41 Einzelporträts von Professoren und Studenten der Bukarester Schule der Schönen Künste versammelt sind. Den Gesamteindruck des ersten Ausstellungssaales runden Skulpturen, Marmor-, Gips-, und Bronzebüsten ab, die von Carol und Frederic Storck stammen, den beiden Söhnen des aus Hessen stammenden und nach Rumänien ausgewanderten Bildhauers Karl Storck, der 1865 an der neu gegründeten Bukarester Schule der Schönen Künste zu ihrem ersten Professor für Skulptur ernannt worden war.

Der zweite Saal ist bewusst nicht wie ein steriler Museumsraum, sondern wie ein Studiensaal oder eine Werkstatt, in der tatsächlich künstlerisch gearbeitet wird, ausgestaltet. Pinsel, Bleistifte, Kreiden, Federn, Farbtuben, Spachteln, Paletten liegen auf einem farbenbeklecksten Arbeitstisch, auf dem auch Skizzenblätter verstreut sind und Pinselgläser neben Wasserfarbkästen stehen. Schwere Tücher zum Verhängen der (als Attrappen gestalteten) Fenster, Staffeleien, Leitern, Sitzbänke für Aktmodelle und andere Möbel unterstreichen den Eindruck eines Ateliers, in dem Gipskopien berühmter antiker Skulpturen bewundert werden können, aber auch ein Écorché, also die bildhauerische Darstellung eines Menschen nur mit Muskeln und Knochen, aber ohne Haut: Die rötlich patinierte lebensgroße Gipsskulptur stammt von dem 26-jährigen Constantin Brâncu{i, die dieser in Zusammenarbeit mit dem Doktor der Medizin Dimitrie Gerota im Jahre 1902 angefertigt hatte. Interessant sind in diesem Saal auch zwei Werke, die insbesondere in diesem Raum jeweils wie ein Bild im Bild wirken. Eine Studie in Kohle und weißer Kreide von Pan Ioanid und ein Ölgemälde von Alexandru Szathmáry geben zwei Szenen wieder, in denen Aktmodelle von Malern und Bildhauern aufmerksam studiert und im Medium der Kunst wiedergegeben werden.

Der dritte und kleinste Ausstellungssaal wartet mit Ölgemälden des rumänischen Impressionisten Ion Andreescu auf, mit Frauenporträts in Öl von [tefan Luchian, ferner mit Bronzeskulpturen von Dimitrie Paciurea.  Unter anderem kann man hier eine von dessen berühmten Chimären sowie dessen beeindruckendes Spätwerk, die Bronzeplastik des bärtigen und gehörnten Gottes Pan, bewundern. Auch Constantin Brâncu{i ist in diesem Saal mit mehreren Werken vertreten, unter anderem mit einer bronzefarben patinierten Gipsbüste des Malers Nicolae Dărăscu aus dem Jahre 1906 und mit einer aus weniger als zwei Dutzend Strichen und Linien bestehenden Tuschezeichnung, einem Frauenakt aus dem Jahre 1924.

Im vierten Ausstellungssaal werden Werke von Corneliu Baba, Camil Ressu, Alexandru Ciucurencu, Max Hermann Maxy Victor Brauner, Lucian Grigorescu, Nicolae Dărăscu, Cecilia Cuţescu-Storck und Gheorghe Petraşcu gezeigt, um nur die wichtigsten der dort vertretenen Künstler genannt zu haben. Von Camil Ressu hängt dort ein hochinteressantes Ölgemälde aus dem Jahre 1912, das unter dem augenzwinkernden Titel „Die Terrassen-Akademie“ Koryphäen der rumänischen Kunst und Kultur zu einem Gemeinschaftsporträt versammelt, darunter Tudor Arghezi, Ion Minculescu, Iosif Iser und Jean Alexandru Steriadi. Von letzterem finden sich in diesem Saal zwei Exponate: Ein Selbstporträt aus dem Jahre 1935 und ein großformatiges Bild mit dem Titel „Chivuţele“, das auf Arbeit wartende Frauen wiedergibt, die mit langen Pinseln die Außenwände von Häusern zu weißen sich anbieten und ihre Arbeitsgeräte dabei stolz wie Lanzen in die Höhe recken.

Im letzten und größten der fünf Säle wird man von der Fülle der dort ausgestellten Skulpturen geradezu überwältigt, deren Gesamteindruck durch diverse Guss- und Gießformen wie auch durch zahlreiche Arbeitsgeräte des Bildhauers, Holzschnitzers und Graveurs noch gesteigert wird. In diesem Saal findet man auch eine informative Zeittafel zur Geschichte der Bukarester Kunstakademie und das foliantengroße Matrikelbuch der Schule der Schönen Künste. Aufgeschlagen ist dort die Seite mit dem vielleicht berühmtesten ihrer Absolventen aus dem 20. Jahrhundert: Constantin Brâncuşi, der von 1898 bis 1901 an der „Şcoala Naţională de Belle-Arte“ studierte und dort 1902 sein Abschlussdiplom erhielt, bevor er bald darauf Paris zu seiner Wahlheimat machte.

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