Schwindler, Verschwörungstheoretiker, Nachbarsziegen-Hasser

Zwei Intellektuelle untersuchen die Anatomie der postkommunistischen Gesellschaft

Sonntag, 18. September 2016

Viele haben versucht, vor 1947 und nach 1989 den rumänischen Geist zu entziffern, viele haben sich gefragt, warum das Land und sein Volk doch so anders sind, warum hierzulande die Uhren anders ticken. Und so mancher ist an diesem Versuch verzweifelt, so zum Beispiel der während der Zwischenkriegszeit nach Paris geflohene Emil Cioran. Oder, vor dem Ersten Weltkrieg, Ion Luca Caragiale, der seine letzten Lebensjahre in Berlin verbrachte, nachdem er wegen eines angeblich abgekupferten Theaterstücks einer Verleumdungskampagne ausgesetzt worden war. Ein Jahrhundert danach setzen sich rumänische Intellektuelle fast ununterbrochen mit der rumänischen Wirklichkeit auseinander, untersuchen das Zeitgeschehen und die Charakterschwächen ihrer Landsleute. Aus der großen Politik haben sie sich jedoch zurückgezogen, die Versuche der meisten von ihnen, in der Politik auf Dauer Fuß zu fassen, scheiterten, in einigen Fällen sogar kläglich.

Einer, der den bitteren Geschmack seines politischen Abenteuers bestimmt noch nicht vergessen hat, aber die richtigen Lektionen daraus gezogen zu haben scheint, ist der Berufsdiplomat, Essayist und Religionswissenschaftler Teodor Baconschi. Der Sohn des beim Erdbeben von 1977 tödlich verunglückten Dichters A. E. Baconsky kam 1997 in den diplomatischen Dienst und war im Anschluss Botschafter beim Heiligen Stuhl, in Lissabon und in Paris. Zwischen Dezember 2009 und Januar 2012 hielt er das Amt des Außenministers inne, trat der PDL bei und kandidierte ohne Erfolg in Jassy/Iaşi für einen Senatorensitz. Seiner politischen Karriere setzte er 2014 einen Schlussstrich, nachdem er sich in der Partei der Volksbewegung (PMP) nicht zurechtfinden konnte. Der Mann kehrte in den Außendienst zurück, seinen Botschafter-Titel hatte er nicht verloren. Auf Facebook vertritt der ehemalige Außenminister eher konservative, EU- und Amerika-freundliche Positionen, seine Online-Leserschaft beziffert sich auf über 15.000.

Anfang dieses Sommers veröffentlichte Teodor Baconschi einen Gesprächsband im Humanitas Verlag, „Anatomia ratării. Tipuri şi tare din România postcomunistă”, auf Deutsch „Die Anatomie des Scheiterns. Typen und Makel im postkommunistischen Rumänien”. Sein Gesprächspartner ist Dan-Liviu Boeriu, ein junger Literaturkritiker aus Großwardein/Oradea, Jura-Absolvent der Temeswarer West-Universität und Notar in Salonta, der in der jüngsten Vergangenheit immer wieder öffentliche Gespräche mit namhaften Bukarester Persönlichkeiten geführt hat, unter anderem mit Gabriel Liiceanu, Andrei Pleşu, Ana Blandiana und Horia Roman Patapievici.

Solche veröffentlichten Dialoge erfreuen sich in der Tat einer immer stärkeren Beliebtheit, vor allem wenn es um eine Sommerlektüre geht. Baconschi und Boeriu brachten ihren Band rechtzeitig im Juni heraus, er ließ sich bis dato gut verkaufen.

Aus gutem Grund. Denn die beiden, die sich als öffentliche Intellektuelle sehen wollen, nehmen Stellung zu Themen, die eben jene Bürger beschäftigen, die Rumäniens angehende Mittelschicht und obere Mittelschicht bilden sollten. Boeriu, 18 Jahre jünger als Baconschi, stellt die Fragen, Baconschi steht Rede und Antwort, jedoch ist das Buch strenggenommen kein Interview. Ausführlich zu Wort kommt auch Boeriu, dessen Meinung zu der behandelten Problematik sich auf eine grundsolide humanistische Bildung stützt und deshalb genauso lesenswert ist wie die auf hohem intellektuellem Niveau angesetzten Ausführungen des Diplomaten und Theologen Baconschi. So gehen die beiden von einem Text des rumänischen Philosophen Petru Creţia (1927 – 1997) aus, der wusste, dass es keine Heilung außerhalb der Wahrheit gibt, dass aber die Wahrheit nicht mit Zorn und Eifer ausgesprochen werden muss, sondern mit Liebe und Verständnis. In diesem Sinne versuchen die beiden, den innerrumänischen Krieg aller gegen alle, der nach 1989 ausgebrochen ist, zu begreifen, seine Teilnehmer unter die Lupe zu nehmen, die Neureichen, die Verarmten, die ehemaligen Partei- und Securitate-Kader, die Hintermänner von damals, die Drahtzieher von heute, die Schwindler. Jene, die überall Verschwörungen wittern, jene, die dem Kommunismus nachtrauern, jene, die egal unter welchen Umständen zu gedeihen wissen, die unteren Schichten, die an der Stange gehalten werden, indem man ihnen einen Glaubenseifer auftischt, garniert mit einer nationalistisch-exaltierten Sauce, deren Rezept bereits vor 1989 erfunden wurde.

Die Gesprächspartner Baconschi und Boeriu vergessen natürlich nicht, sich dem Politiker zu widmen, dem Journalisten und dem Intellektuellen, drei Kategorien, die zur Entwicklung des rumänischen Geistes nach 1989 maßgeblich beigetragen haben. Im Guten wie im Schlechten. Beklagt wird die mangelnde Qualität des Journalismus, die weiterhin schwache Stimme der Intellektuellen, die im kaum auszuhaltenden Lärm der hiesigen Medienlandschaft nur noch eine Randexistenz führt. Immer wieder erinnert Baconschi zu Recht daran, dass das rumänische Volk 1989 nicht einmal im Ansatz auf die Zukunft vorbereitet war, dass der rumänische öffentliche Raum mit dem unentbehrlichen „Ideenmarkt” überhaupt keinem Vergleich mit jenem in Ungarn, Polen oder der Tschechoslowakei standhalten konnte. Ohne die Makel der rumänischen Gesellschaft rechtfertigen zu wollen, sind sich die beiden einig, dass die Dunkelheit der Ceauşescu-Jahre ihren langen Schatten warf und weiterhin auf das Land wirft, das sich nur schwer und nur teilweise aus der Gefangenschaft seiner eigenen Vergangenheit losgerissen hat.

Das erklärt vieles: den Verfolgungswahn und die schwer demontierbaren Mythen der kommunistischen Geschichtsschreibung, mit den einhergehenden Verschwörungstheorien, sodann die Kitsch-Religiosität mit den Pilgerfahrten en masse und dem ungebremsten Bau von Kirchen und Klöstern, die nach 1990 entstanden ist und der die Rumänisch-Orthodoxe Kirche kaum etwas entgegensetzt, weil sie prächtig mitverdient. Und die Mäßigung, die dem Volk fehlt, und auf die Baconschi immer wieder hinweist. Die Überschwänglichkeit, auf die verzichtet werden müsse. Eines wichtigen Charakterzugs des rumänischen Volkes nehmen sich Baconschi und Boeriu des Weiteren an, setzen ihn in den richtigen Kontext, erläutern Zusammenhänge, suchen nach historischen und soziologischen Erklärungen: Auch die Ziege des Nachbarn solle krepieren, heißt es sprichwörtlich im Rumänischen, und auf diese Redewendung soll ein nicht unerheblicher Teil der Anatomie des Scheiterns im Falle der Rumänen zurückgehen.

Kurz gefasst: Der Gesprächsband von Teodor Baconschi und Dan-Liviu Boeriu liest sich leicht und angenehm, obwohl er eine Problematik anspricht, die alles andere als erfreulich ist. Es ist die Sprache, die die beiden ausgezeichnet beherrschen; die Anständigkeit, die sie vorleben, die Mäßigung, für die sie plädieren, die Belesenheit, die sie beweisen, all das lässt das Buch zu einer gesellschaftlichen Hygiene-Maßnahme werden, von der es nie genug geben kann.

Kommentare zu diesem Artikel

Tourist, 21.09 2016, 19:47
um die Maramuresch muss man sich weniger Sorgen machen, die Leute dort sind fleißig und haben sich inzwischen auch einen gewissen Wohlstand geschaffen, aber eben oft durch Arbeit im Ausland. Ganze Trupps von Maurern, Zimmermännern und Dachdeckern arbeiten regelmäßig im Ausland, meist in Frankreich. Aber sie investieren es daheim, weil sie dort Familie, Frau und Kind haben, wodurch es dort eben auch bergauf geht. Gebaut wird viel und auch die Kaufkraft steigt, so entstehen auch daheim Jobs. Was der Staat tun könnte, wäre die Infrastruktur zu verbessern. Wenn etwa die ungarische Nordost-Autobahn von Nyiregyháza eine Verlängerung bis in die Maramuresch hätte, dann würden sich dort auch westliche Industriebetriebe ansiedeln. Fleißige Arbeitskräfte mit handwerklichen Talent wären ja genug vorhanden dort.
Manfred, 21.09 2016, 13:02
Einverstanden,Tourist-es gibt besser entwickelte Regionen im Banat und in Siebenbürgen,aber auch die Moldau,Dobrudscha,Oltenien und Maramures gehören dazu.Solange halbe Dorfgemeinschaften gezwungen werden,um des Überlebenswillens im Ausland zu arbeiten(ob schwarz oder legal)kann man nicht von Rumänien sprechen...
Tourist, 21.09 2016, 00:47
Rumänien ist ein großes Land, dort wo ich lebe, ist vieles sehr in Ordnung. Natürlich drückt die Moldau und die Oltenia den Durchschnitt, aber dort bin ich nicht. Hier, wo ich lebe, suchen die Firmen ständig neue Mitarbeiter, die Löhne steigen ganz ohne Gewerkschaften, einfach weil die Firmen um die guten Leute konkurrieren und sie nur bekommen, wenn sie gute Löhne bezahlen.
Manfred, 20.09 2016, 10:01
Tourist,da hast Du Dich wohl im Land geirrt !
Die Industrieproduktion stieg in den ersten 7 Monaten um sensationelle 0,1 %,,die Geburtenrate ist extrem niedrig,die Zahl der Beschäftigten und der Fachkräfte ebenso,dafür ist die Jugendarbeitslosigkeit hoch...
Tourist, 19.09 2016, 22:28
in Wirklichkeit ist Rumänien viel besser, als die meisten glauben. Die Wirtschaft geht bergauf, die Arbeitslosigkeit ist niedrig, kulturell tut sich viel und man ist hier noch nicht so ganz von der amerikanischen Pop-Kultur verseucht, das rumänische Essen ist gut und die Rumänen ernähren sich besser als viele im Westen, dazu stimmt auch die Einstellung zur Familie noch. Hier wollen junge Frauen noch heiraten und Kinder bekommen. Dazu gibt es praktisch keine Immigranten aus dem Nahen Osten oder Afrika, nur ein paar Ex-Pats aus Westeuropa. Die Kriminalität ist in Wirklichkeit auch niedrig, man kann ein Auto eine Woche lang in einer Großstadt unverschlossen stehen lassen und keiner nimmt was. Sonstige politische Spinner sind nach dem Niedergang von Romania Mare auch weitgehend verschwunden. Eigentlich passt ja alles in Rumänien. Eigentlich ein blühendes Land und fast ein Vorbild für den Rest der EU.

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