Sechs Lebensgeschichten in Schwarz-Weiß

Fotografie-Ausstellung „Portraits der deutschen Minderheit“ im Deutschen Kulturzentrum eröffnet

Freitag, 05. Dezember 2014

Die Fotografie-Ausstellung wurde im Deutschen Kulturzentrum Kronstadt von Judith Urban, Konsulin der Bundesrepublik Deutschland in Hermannstadt, eröffnet.
Foto: die Verfasserin

 Georg Gärtner aus Bekokten/Bărcuţ steht vor einem großen Baum. Er hat ihn gepflanzt, als er noch ein Kind war. Zu der Zeit lebten in den 271 Häusern des Dorfes fast nur sächsische Familien. Nun sind fast alle nach Deutschland ausgewandert. Seit dem Tod seines Bruders ist Georg der einzige aus seiner Familie, der noch in Bekokten lebt. Er ist allein geblieben. Mit seinem Baum. Die Schwarz-Weiß Fotografie in der Georg vor seinem Baum steht, wirkt über 50 Jahre alt. Trotzdem wurde das Bild im Herbst 2014 aufgenommen. Die analoge Kamera, die dabei verwendet wurde, ist für diesen „Effekt“ verantwortlich.

29 Fotografien

Im Rahmen der Ausstellung „Portraits der deutschen Minderheit“, die am 26. November im Deutschen Kulturzentrum Kronstadt eröffnet wurde, werden 29 Schwarz-Weiß Fotos gezeigt, die Anfang November bei einem Workshop für analoge Fotografie in  Bekokten entstanden sind. An diesem Workshop haben sich zehn Jugendliche aus Fogarasch/Făgăraş  und Kronstadt/Braşov  beteiligt. Die jungen Leute haben mit über 50 Jahre alten Kameras einige der wenigen Angehörigen der deutschen Minderheit fotografiert, die in Bekokten und Seligstadt/Seliştat wohnen. Dabei entstanden nicht nur Schwarz-Weiß Fotos, sondern auch kurze Interviews, die anschließend zu Portraits zusammengefügt wurden. Anhand der Fotografien und  Texte, die ausgestellt wurden, hat man den Einblick in sechs Lebensgeschichten.
 
„Wir müssen den Ort, an dem wir geboren sind, lieben“

Die Kinder und Enkelkinder von Annelise Savu leben in Deutschland. Sie selbst wollte ihr Heimatdorf nicht verlassen. Ihren Ehemann, einen Rumänen, hat sie mit 17 Jahren kennengelernt. In Deutschland hätte er sich nicht integrieren können, deshalb ist auch sie nicht ausgewandert. Das ist auch der Grund weshalb es Sofia Marinescu oder Sofia Tonca nicht getan haben. Obwohl sie Sächsinnen sind, tragen sie seit ihrer Heirat rumänische Namen.

Für alle portraitierten Siebenbürger Sachsen hat das Dorf, in dem sie aufgewachsen sind, eine wichtige Bedeutung. Ihre wertvollsten Schätze sind die Erinnerungen an ihre Kindheit im Dorf. Annelise Savu erinnert sich an die Schokolade, die sie jeden Abend von ihrem Vater bekam oder an den Abend, an dem sie von ihrer Mutter in der Scheune mit einer Zigarette erwischt wurde.

„Wir müssen den Ort, in dem wir geboren sind, lieben“, meint sie. Für Georg Gärtner ist die schönste Erinnerung der Baum, den er mit 10 Jahren gepflanzt hat. Damals gab es in Bekokten viele Familien die „Gärtner“ hießen. Heute ist er der einzige im Dorf, der diesen Namen trägt. Er erinnert sich an die Zeit, wo zu Hause und im Dorf sächsisch geredet wurde. „Geträumt habe ich aber immer auf Rumänisch“. Auch Ingrid Maria Oprea wollte nicht weg aus Siebenbürgen. Ihrer Meinung nach hat man in Deutschland „mehr Geld, aber weniger Leben“. Nach Bekokten ist die Religionslehrerin gezogen, weil ihr rumänischer Freund hier wohnt. Sie war schon von klein auf an Religion interessiert und ging gerne in die Kirche, die während ihrer Kindheit jeden Sonntag voll war.

Nun sind im Gottesdienst 6 bis 8 Personen. Die anderen sind alle weg. Richard Herman hat noch Kontakt zu anderen Landsleuten aus Bekokten, die nun in Deutschland leben. Voriges Jahr hat er sich einen Laptop gekauft, hat aber noch nicht gelernt, damit umzugehen. „Ich schreibe viel. Briefwechsel mag aus der Mode gekommen sein, ist aber traditioneller und schöner“, meint er. Technologie hat ihn noch nicht begeistert und er vermisst die alten Zeiten, als die Leute in Trachten zu Festen gingen.  Die sechs Siebenbürger Sachsen haben ganz verschiedene Lebensgeschichten, und trotzdem etwas gemeinsam: Alle wollten in ihren Heimatdörfern bleiben.

„Heimat ist das Wichtigste“, meinen sie.  Der ifa-Kulturmanager Alexander Nutz, der den Workshop geleitet hat, meint, dass die analoge Fotografie gewisserma-ßen Parallelen zur deutschen Minderheit zeigt. „Ihre Existenz gerät in Vergessenheit, sie ist aber dennoch da“. Trotzdem ist einer der portraitierten Siebenbürger Sachsen damit nicht einverstanden: „Auch wenn wir heute eine kleine Minderheit sind, weiß man hier im Dorf noch, wer Sachse ist. Und ich  bin stolz darauf“, meint Richard Herman.

Die Ausstellung „Portraits der deutschen Minderheit“ kann bis zum 15. Dezember im Deutschen Kulturzentrum Kronstadt besucht werden.

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