Sehr gute Konditionen für ein hundert Prozent erneuerbares Energiesystem

Gespräch mit Dr. Lars Waldmann, Projektleiter „AGORA Energiewende“ (Deutschland)

Mittwoch, 07. Oktober 2015

Dr. Lars Waldmann

Beim achten Kronstädter Energietag (29. September, Hotel Kronwell, Kronstadt/Braşov) stellte Dr. Lars Waldmann die wichtigsten Herausforderungen und Chancen vor, die die viel zitierte Energiewende in Deutschland mit sich gebracht hat. Dabei sollten die Teilnehmer an der Tagung vergleichen können, inwieweit die deutsche Erfahrung auch hierzulande anwendbar ist, da die Diskussionen über die nationale Energie-Strategie das Hauptthema des diesjährigen Energietages waren. Dr. Lars Waldmann ist Projektleiter bei „AGORA Energiewende“ – eine gemeinsame Initiative der Stiftung Mercator und der European Climate Foundation. Mit Dr. Waldmann sprach in Kronstadt ADZ-Journalist Ralf Sudrigian.

Wie stehen die Voraussetzungen für  eine „rumänische  Energiewende“?

Die Energiestrategie, die sich Rumänien vorgenommen hat, ist eine große Herausforderung: Auf der einen Seite gehe ich von konventionellen Kraftwerken weg, reduziere den CO2-Austoß, auf der anderen Seite muss ich erneuerbare Energien dazu bauen. Rumänien hat sehr gute Voraussetzungen durch den hohen Anteil an Wasserkraft, die unter stabilen Bedingungen entsteht, und die Möglichkeit, Photovoltaik (Solarstrom) zu erzeugen. Das Windpotenzial ist in Rumänien auch sehr gut, räumlich gut verteilt. Es gibt eigentlich sehr gute Konditionen, um hier ein hundert Prozent erneuerbares System aufzubauen.

Trotzdem plant man nicht, im Unterschied zu Deutschland, aus der Kernenergie auszusteigen.

In Deutschland hat sich die Anti-Atomkraft-Bewegung schon in den 1970er geformt. Viele Physiker, viele Ingenieure, die sich damit beschäftigt haben, haben das Risiko als zu hoch eingeschätzt. So lange alles gut geht, ist es ja in Ordnung. Aber wenn einmal was passiert... Sie müssen sich einfach vorstellen: Ein Kernkraftwerk wie Isar, das im Ballungsraum München steht, wenn das hochgeht und ein Umkreis von 70 km einfach eine nicht mehr betreibbare Region wird – das ist eine Katastrophe, die wir nicht mal mit Geld benennen können!

Das heißt also: In Rumänien ist die Zivilgesellschaft nicht genügend über die Risiken informiert und in diesem Zusammenhang nicht genug aktiv geworden...

Das ist tatsächlich so, dass in Deutschland sehr viel und auch sehr kontrovers über Kernkraft diskutiert wird. Es ist inzwischen so, dass es eine Mehrheit innerhalb aller Parteien gibt, die auf der parlamentarischen Seite und auf der Regierungsseite jetzt klare Entscheidungen getroffen hat. Das war aber ein Weg von 30-35 Jahren.

Es gibt die Meinung, nicht auf diesen ausgeglichenen Energiemix in Rumänien zu verzichten, also die Kernenergie beizubehalten. Andrerseits werden Bedenken gemeldet in Bezug auf die Fluktuationen, die erneuerbare Energiequellen aufweisen könnten.

Von der Theorie her könnte Rumänien auf Kernkraft verzichten, wie auch auf Kohle. 30 Prozent des Energiebedarfes werden bereits durch Wasser gedeckt. Mit Investitionen in günstige Photovoltaik und Windkraftwerke könnte man eben diese fluktuierenden erneuerbaren Energien haben; auf der anderen Seite sogar Überschüsse über die Wasserkraftwerke zurückpumpen und „Langzeitspeicher“ einrichten. So könnte man ein stabiles System aufbauen. Diese Chance hat Deutschland gar nicht. Wir haben ganz andere Voraussetzungen. Andrerseits würde ich aber jetzt keinen Ratschlag in Richtung der rumänischen Regierung geben, wie sie die Energiepolitik zu machen hat. Die Risiken sind abzuwägen und die Bevölkerung soll günstigen Strom bekommen. Das ist der entscheidende Punkt.

Wie bindend sind die EU-Vorgaben?

Die EU gibt im Wesentlichen die Kohlendioxid-Reduktion vor. Das ist das Klimaziel, sozusagen das Oberziel. Nachdem Kernkraft keine oder nur geringe CO2-Emmissionen bringt, hat Europa kein Problem damit, wenn Länder ihre Energie-Strategie mit Nuklear fahren.

Wie aktuell bleibt die Förderung von Schiefergas?

Sie sehen die Gaspreise im Moment. Sie sehen, dass die relativ hohen Förderkosten im Schiefergas sich gar nicht rentieren. In dem Maße, in dem erneuerbare Energiequellen zugebaut werden, wird Schiefergas gar nicht mehr gebraucht. In einer Investition, die ich heute tätige und die dann 40 Jahre lang halten soll, würde ich sowohl Gaskraftwerke als auch Kohlekraftwerke und Schiefergasvorkommen eher als verlorene Investitionen bezeichnen.

Können bei Fluktuationen der erneuerbaren Energien die Kohlekraftwerke so schnell einspringen, dass sie diese möglichen Schwankungen beheben?

Das ist der Punkt: Die bestehenden Kohlekraftwerke müssen nachgerüstet werden, um eine entsprechende Flexibilität anzubieten, um mit dem System mitzuatmen. Wenn sehr viel Wind ist, können die etwas runtergefahren werden, und wenn der Wind wieder aufhört, können sie wieder hochgefahren werden.

Das heißt, die bestehenden Kohlekraftwerke sollen am Leben erhalten und nicht darauf verzichtet werden.

Das hat man bei Steinkohlekraftwerken gemacht, das hat man jetzt bei einem Braunkohlekraftwerk gemacht, um zu zeigen, dass es geht. Wir diskutieren allerdings in Deutschland darüber, insgesamt aus dem Kohlesektor auch aussteigen zu müssen. Einfach wenn wir die 95 Prozent CO2-Reduktion in von jetzt ab noch 25 Jahren erreichen wollen, dann müssen wir irgendwann anfangen. Und wenn ich jetzt Investitionen tätigen würde: Ja, für die 25 Jahre rentiert es sich, die Kohlekraftwerke jetzt zu flexibilisieren aber ein neues Kraftwerk zu bauen ist nicht rentabel.

Was für Änderungen wären in der Energiepreispolitik erforderlich?

Die Kosten für Endverbraucher bei den Strompreisen in Rumänien sind sehr niedrig. Sie sind, glaube ich, auf europäischer Ebene die zweitgünstigsten. Je günstiger eine Ressource ist, desto weniger reizt sie an, damit effizient umzugehen. Es gab im Jahre 2000 in Deutschland eine bewusste Entscheidung, eine Ökostromsteuer einzuführen; also eine Reduktion des Verbrauchs durch eine Erhöhung des Preises, eine Steuer, anzulegen. Diese Steuer hat man zur Refinanzierung von erneuerbaren Energien und von Förderprogrammen verwendet. Aber das bedarf einer politischen Entscheidung. Der Endkunde wird je nach seinem Einkommen bemessen werden müssen. Wir haben in Deutschland in den 1950er Jahren 2,4 Prozent des Haushalts-Durchschnittseinkommens einer Familie für Energie aufgewendet und wenden heute auch 2,4 Prozent unseres Durchschnittseinkommens für Energie auf. Unter dem Aspekt gesehen, hat sich die Entwicklung des Strompreises von der Kaufkraft des Bürgers her nicht verändert. Man muss erkennen, dass man nicht mit einer Erhöhung des Strompreises andere ökonomische Faktoren verdrängt, Konsum zum Beispiel. Es wäre also wichtig sich anzusehen, wie entwickelt sich das Einkommen, die Kaufkraft innerhalb der Bevölkerung und dementsprechend passe ich dann den Strompreis an.

Ist das nicht ein Eingriff des Staates in die Marktwirtschaft?

Die gegenwärtigen 10 Cent stellen bereits einen Eingriff des Staates dar, weil auf dem freien Markt die Kilowattstunde teurer wäre. Die Produktionskosten sind höher.

Sind transnationale Vernetzungen der Stromsysteme zu empfehlen?

Das Pentalaterale Forum (Deutschland, Frankreich, Schweiz, Österreich, Benelux) hat den großen Vorteil, dass diese Regierungen schon längere Beziehungen haben und dass man sehr viel Diskussionen aufgewendet hat – AGORA hat da viel Expertise mit eingebracht –, um mit den Ökonomen, den Energieexperten, mit der Regulierungsbehörde der einzelnen Länder jeweils zu sprechen und das vorzubereiten. Das würde ich hier auch empfehlen in den Gesprächen zwischen Tschechien, Slowakei, Ungarn, Polen und Rumänien. Eine Kollegin von uns arbeitet da von Warschau aus und vielleicht wäre das ein Punkt, die Sache noch mal anzugehen, um hier gemeinsame Interessen zu finden und diese zu verstärken.

Wie realistisch ist es, von einer gemeinsamen Energiepolitik der EU zu sprechen?

Es gibt da zwei Punkte: Das eine ist das gemeinsame Ziel der Dekarbonisierung, also des stufenweisen Ausschaltens der fossilen Kraftwerke, und das zweite – das gemeinsame Verständnis, dass Transportkapazitäten von Strom durch Europa helfen, um mit den erneuerbaren Energien insgesamt umgehen zu können. An diesen zwei Kernpunkten lässt sich dann die europäische Energiepolitik festmachen.

Wie ist es dann um die Autarkie bestellt?

Wir haben bei dem Thema Autarkie feststellen können, dass ein nachbarschaftlicher Austausch ökonomisch sinnvoller ist als die Überlegung, wirklich autark zu sein. Unter der langfristigen Perspektive, wenn Sie jetzt mal in Richtung eines 90 Prozent erneuerbaren Energiesystems kommen, werden immer noch 10 Prozent im Bereich Fossil bleiben und das wird höchstwahrscheinlich Gas sein, weil das sehr schnell reagieren kann.

Vielen Dank für dieses Gespräch!

Kommentare zu diesem Artikel

ion, 10.10 2015, 10:19
Dan!Leute wie Du sind es,denen wir unseren schlechten Ruf verdanken,der normale fällt nicht auf...der Kriminelle,der Unverschämte,der Schmarotzer schon.Oft wäre es gut,wenn Rumänien mehr vom Ausland lernen würde,Gesetze und Vorschriften übernehmen würde-das alltägliche Chaos wäre kleiner!
Manfred, 09.10 2015, 19:55
Dan,aus Dir spricht ständig purer Haß,gemischt mit Frust-keine gute Basis für durchdachte Kommentare.Wenn Deutschland mehr Rentner als Rentenbeitragszahler hätte,so wie in RO,würde ich mir darüber Gedanken machen...Wo bitte stände RO ohne Hilfe von außen???
Erst denken,dann schreiben!Wenn Du dazu nicht in der Lage bist,dann lasse es sein,für Dein Land bist Du eine Schande!Ich kenne viele Leute in RO,ebenso in D lebende Rumänen,so etwas wie Du ist mir zum Glück noch nicht unter die Augen gekommen.
dan, 09.10 2015, 19:51
Die Regierung in Deutschland diskriminiert Rumänen und Osteuropäer, obwohl sie seit Jahren in den Schengen-Raum wollen - anderseits wird jeder, der sich als "Flüchtling" tituliert, reingelassen- 2015 1,5 Mio. Menschen... von denen niemand weiß, ob wer es gut oder schlecht mit Deutschland und den Deutschen meint...
Hauptsache, die Fremden werden willkommen geheißen, während Deutschland europäische Brüder und Schwestern diskriminiert..
Bravo, das ist Gutmenschentum par excellence!!

VW ist ein weiterer Fall, der zeigt, daß deutschen "allmächtige" Konzerne, die den deutschen Mittelstand oft Daumenschrauben anlegen bei Lieferbedingungen, selbst sehr leicht verletzbar sind aus dem Ausland... und keine deutsche Regierung tut was für VW, im Gegenteil...
In jedem anderen normalen Land auf dieser Welt schützt die Regierung die Steuerzahler, nur in Deutschland nicht....
und was den Atomausstieg in DE betrifft: deswegen gibt es nun auch in DE immer wieder Netzzusammenbrüche und kein Strom ... d.h. wie vor 60 Jahren...
Bravo, nur weiter so, ihr Gutmenschen...

Es wäre an der Zeit, daß ihr irgendwohin hingeht, wo ihr niemandem mehr schadet... nach Sibirien am Besten, da ist Platz genug... ... oder dorthin, wo ihr Frieden stiften könnt (bisher hat die EU nirgendwo Frieden gebracht wo sie mitgemacht hat, sondern nur Krieg ohne Ende)
in Europa seid Ihr fehl am Platz.
dan, 09.10 2015, 19:43
Oh, die deutschen Rentner-Lehrer Manfred und Ottmar wollen in Rumänien sagen, wo es lang geht...
Schaut mal, was für einen Mist Eure Kanzlerin anrichtet bzw. angerichtet hat...

Was sucht Ihr überhaupt in Rumänien, wenn es hier so schlecht ist, und die Leute so dumm sind, und nur ihr wieder einmal das Rad erfunden habt??

Wir sprechen in 10 Jahren nochmal, wenn bei Euch der Mittelstand tot ist, die Leute verdummt von gutverdienenden Gutmenschen, und die eigentlichen Deutschen nichts mehr zu melden haben...

Wenn in Rumänien viele Poltiiker korrupt sind, dann mit großer Unterstützung ihrer Schwesterparteien in der EU-- darunter auch einer SPD, CDU etc..

Hört zuerst ihr mal auf, zu bestechen in Rumänien!! Wir verzichten gerne auf Eure "Hilfe" dieser Art.. und auch sonst.

Jeder Staat sollte die Fähigkeit haben, sich selbst zu helfen, ohne Hilfe von Dritten..
Deutschland macht gerade vor, daß seine Regierung unter Merkel und ihrem SPD-Vize Gabriel nicht in der Lage ist, zu handeln..
Rumänien hat man nach 1990 Schritt für Schritt die Selbstständigkeit genommen...
damit der Mist dort verkauft werden kann, den im Westen niemand kauft. z.B.

Manfred und Ottmar, wacht auf aus Eurem Gutmenschentraum, solange ihr das noch könnt... wenn ihr keine Rente mehr erhaltet, habt ihr das Nachsehen.
Manfred, 08.10 2015, 20:22
Dan,Du wirst immer mehr zum Dummschwätzer!Hast Du vergessen,was in Tscherobyl und Fukushima passiert ist?Rumänien ist immer "gut" für ein recht schweres Erdbeben!Gehst Du schon davon aus,das die "Gutmenschen" aus Deutschland im Katastrophenfall helfen?
Ottmar, 08.10 2015, 00:05
Dan wir haben eine Physikerin als Bundeskanzlerin. Sie trrägt im Gegensatz zu eurem rumänischen Plagiator ihren Dr Titel ohne copy und paste a la Ponta. Hier zeigt sich ihr physikalischer Sachverstand. Dies hat ihr die analytische Fähigkeit gegeben einen Ausstieg aus der Atomenergie zu initiieren. Die klauenden Dummköpfe der rumänischen Hochschulabsolventen, ob Deutsche oder Rumänen können in ihrer geistigen Beschränktheit einer Entscheidung die auf Physik begründet ist definitiv nicht folgen. Darum wird in diesem Land 200 Jahre nachdem in Deutschland Strom ohne Einsatz von Atom, Verbrennungsenergie gewonnen wird sich immer noch Dreckschleudern bei der Erzeugung von Strom befinden.
Dirk, 07.10 2015, 10:24
Dan, da liegst Du nicht ganz falsch.
Wir können es noch besser ausdrücken, auch wenn es manche nicht gerne hören:
Die Konzerne bestimmen das Geschehen und die Politiker springen!!
Heute in die Richtung und morgen in eine andere!
Die deutschen Atomkonzerne machen inzwischen einen auf Öko und der Bürger bezahlt die Entsorgung der Atomaltlasten.
Dirk, 07.10 2015, 10:21
Sehr nett wenn man Fachleute aus Deutschland zu einer Veranstaltung nach Rumänien bringt.
Wir haben aber ausreichend Fachleute in Rumänien! Leute aus Rumänien, Italien, Deutschland und der Tschechischen Republik, die seit vielen Jahren hauptberuflich auf diesem Sektor hier tätig sind! Rumänien hat bereits viel Wind und Solarenergiesysteme installiert ! Nur hält sich der Staat nicht an seine Versprechen und es drohen Pleiten in einer Dimension von fast einer Milliarde Euro!!
Der Staat schuldet den Investoren bislang ca. 100 Mio Euro!!
Warum spricht denn da niemand darüber?
Was soll das Geschwafel bei Sekt und Schnittchen?
dan, 07.10 2015, 10:05
in Deutschland ist die Energiepolitik vom Staat voll abhängig.
Deutschland ist der einzige Staat in der EU, wahrscheinlich auch in der Welt, der der Atomkraft - von heute auf morgen, schlecht geplant und noch nicht umgesetzt (zB ist das Stromnetz Deutschlands dadurch anfälliger und instabiler geworden)- abgesagt hat.
In Deutschland haben die Gutmenschen, welche meist gutbezahlte Staatsdiener und Parteiaktivisten sind- das Sagen.
In Rumänien ist so ein deutsches System nicht realisierbar.
Wäre Quatsch und falsch, zum Schaden aller.
In Deutschland ist man dabei, immer mehr gleichzuschalten- der Staat hat zu viel Einfluß gewonnen, Politiker, die keine Ahnung haben von der Realität, fällen oft falsche Entscheidungen.
Zum Schaden der Bürger.
Sowas kann nirgendwo auf der Welt in anderen Ländern Ziel sein.

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