Sein, wie man ist

Mittwoch, 24. April 2013

Wer die Beziehungen zwischen Menschen und Normen, bzw. zwischen Individuen und Staat betrachtet, weiß, dass die gemeinhin sichersten und effizientesten Staaten jene sind, wo die abstrakten Normen und Gesetze strikt eingehalten und als Selbst der Individuen gelebt werden. Man versteht: die Normen und Gesetze gibt es nicht nur, der Staat achtet auch streng darauf, dass sie eingehalten werden. Man spricht von „nordischen“ oder „protestantischen“ Staaten.

In den südlichen, den „Mittelmeerstaaten“, werden die Normen lieber abgeleitet vom spontanen Zusammenleben und von spontan aufgestellten Regelwerken, was zu einer Art „organisierter Anarchie“ oder „individuengelenktem Chaos“ führt. Nicht unbedingt zu Unsicherheit oder fehlender Effizienz, aber zu einer anderen Sicherheit, einer anderen Effizienz. Zu beiden - meinen Anthropologen, Soziologen, Ethnologen usw. - ist in der südlichen Mentalität eine nichtstaatliche Ordnungskraft nötig: die gewalttätigen Geheimbünde des Südens, Mafia, Camorra usw.

Es gibt eine Art dritten Weg, Gesellschaften, wo man eine Wortwelt aufbaut („eines sagt“) und eine Tatwelt lebt („was anderes tut“), meist weit weg von der hehren Wortwelt ((„Red` nach jemandes Mund und tu, was du willst“, so sinngemäß ein rumänisches Sprichtwort von vielen derartigen). De jure wird laut die Strenge des Gesetzes betont, de facto arragiert man sich unaufhörlich und leise. Daraus nährt sich die in den Tiefen der Mentalität verwurzelte Korruption. Doppelzüngigkeit und doppeltes Maß aller Dinge sind an der Tageordnung, das Spannungsfeld zwischen formeller Norm und zwischenmenschlichem Arrangement („mica înţelegere“, wörtlich: „das kleine Verständnis“), zwischen Vertrauen in Institutionen und Vertrauen zwischen Individuen wird staatstragend.

„Sie trinken heimlich Wein und predigen öffentlich Wasser“, schrieb Heine etwa zur gleichen Zeit, als sich das, was sich heute Rumänien nennt, trotz tiefstverwurzelter Osttraditionen entschloss, einen Westweg einzuschlagen. Die byzantische-ottomanische Kulturtradition, von der sich dieses Land seit zweihundert Jahren loslösen will, wird es nicht los. Es ist immer noch ein zutiefst bäuerliches und mündlichen Traditionen verpflichtetes Land, das schriftliche Fixierungen meidet. Der Beschluss vom Beginn des 19. Jahrhunderts, ein städtisch geprägtes, auf Schriftlichkeit fußendes Land abendländischer Zivilisation zu werden, konnte nie tiefenumgesetzt werden, auch wenn das Abendland („die dort“) ehrlich bewundert und das innere Morgenland ("wir") distanziert, ironisch, auch mit Abscheu gesehen wird. Trotzdem: im „Balkanischsein“ fühlt man sich pudelwohl. Am besten, wenn man unter seinesgleichen ist. Ion Luca Caragiale lancierte die Selbstcharakterisierung der Rumänien („weder so, noch anders“), Constantin Noica sprach von „ewigen Bauern der Geschichte“.

Vielleicht sollte man sich hierzulande endlich fragen, ob es nicht reicht, zu sein wie man ist? Das dann aber gut.

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