„Selbstvertrauen schenken“

Die Rafael-Stiftung und ihr Engagement für Menschen mit Behinderungen

Freitag, 06. März 2015

Basteln in der Rafael-Stiftung. Im Hintergrund ein Schrank voller Spiele

Schmuck, Kerzen, Schachteln und Stickereien entstehen hier.
Fotos: Facebook-Seite der Rafael-Stiftung

Es ist Mittagspause: Disko-Zeit. Zwei Männer tanzen einen Walzer, eine junge Frau wird zu einem unkonventionellen Foxtrott aufgefordert. Wo sich dieser Club befindet? In Zeiden/ Codlea. Name? Rafael-Stiftung.

Die Rafael-Stiftung ist keine Diskothek im herkömmlichen Sinne. Zumindest hat sie nachts geschlossen. Sie bietet kostenlose Tagesbetreuungen für Menschen mit Behinderungen aus der Umgebung Zeiden und unterstützt sie auf dem Weg zu höherer Selbstständigkeit und bei der Verbesserung ihrer Lebensqualität. Etwa 60 Menschen mit verschiedenen Beeinträchtigungen - der Jüngste 2 Jahre alt, der Älteste über 60 - kommen mehrmals die Woche für einige Stunden in die Einrichtung. Hier können sie arbeiten, sich bewegen und spielerisch lernen. Neben der Betreuung und Anleitung zum Kunsthandwerk, bietet die Stiftung verschiedene Therapieformen, auch für Menschen mit Autismus und Downsyndrom an. Spaß und Förderung der individuellen Fähigkeiten stehen im Vordergrund, auch Ausflüge und Feiern werden organisiert. Für diejenigen, denen es nicht möglich ist, das Tageszentrum zu besuchen, bietet die Stiftung Hausbesuche mit Therapien vor Ort an.

Motto: Übung macht den Meister

Im Tageszentrum regelt ein strenger Zeitplan die Arbeitsphasen, Spielzeiten und Pausen der Erwachsenen- und der Kindergruppen. Das ist wichtig: zum einen, um den Tagesgästen eine Regelmäßigkeit in ihrem Tagesablauf zu garantieren und zur allgemeinen Organisation. Denn mit nur vier Mitarbeitern und unregelmäßigen Hilfen durch Freiwillige, wäre sonst ein ziemliches Durcheinander. Immerhin, die Mitarbeiterzahl wird in naher Zukunft um drei SozialarbeiterInnen und einen Angestellten für Marketing wachsen.

Die hellen Räumlichkeiten bieten eine Kerzen- und Handarbeitswerkstatt, einen Massage- und Sportraum und eben auch die kleine, improvisierte Disko. Als Zeidner oder Besucher kann man jederzeit vorbeischauen. Die hier entstandenen Bastelarbeiten und Kerzen werden vor Ort und auf lokalen Märkten verkauft. Die handwerkliche Arbeit ist dabei mehr als nur Beschäftigungstherapie. Emma Jugariu, sozialpädagogische Leiterin des Tageszentrums erzählt: „Am Anfang haben wir oft die Aufgaben gewechselt, wir wollten Abwechslung bieten, große und kleine Kerzen, kleine Schachteln, Stickarbeiten. Da aber haben wir feststellen müssen, dass es vielen besser gefällt, die immer gleiche Kerze zu machen. Das hat etwas mit Erfolgserlebnissen zu tun“. Jugariu, gebürtige Holländerin, verheiratet, lebt seit über 20 Jahren in Zeiden und kennt die Gegend seit Anfang der 90er Jahre, als ihr Vater mit Hilfsgütern selbst nach Zeiden kam. Die nach dem Schutzengel benannte Rafael-Stiftung, die die Einrichtung finanziert, besteht seit 2007 und ist seitdem stetig gewachsen. Neben ihrer Arbeit im Tageszentrum, beraten die MitarbeiterInnen auch die Familien und Angehörigen. Diese suchen auch den Kontakt zu Familien, um diese zu ermuntern, ihr behindertes Kind oder ihren Angehörigen, den Besuch des Tageszentrum zu ermöglichen. Um sicherzustellen, dass alle kommen können, arbeitet die Stiftung auch mit einem Taxiunternehmen zusammen.

Hinter den Gardinen

Warum der Besuch des Zentrums für diese Menschen so wichtig ist? „Es geht vor allem darum, das Selbstbewusstsein zu stärken. Zahlreiche Leute mit Behinderungen werden durch ihre Umwelt einschränkt, es wird ihnen kaum etwas zugetraut“, erklärt Jugariu. Wie kommt es, dass sie kaum auf den Straßen, im Supermarkt oder Bus präsent sind? Viele Familien verstecken ihre Angehörigen geradezu vor der Öffentlichkeit, denn eine körperliche oder psychische Beeinträchtigung wird von vielen Familien als Strafe Gottes wahrgenommen. Dort, im Haus, säßen sie oft jahrelang hinter den Gardinen ohne Kontakt zur Außenwelt. Die Scham der Familien spielt dabei eine entscheidende Rolle. Viele Familien nehmen die kostenlosen Angebote der Rafael-Stiftung mittlerweile wahr. Dennoch weiß Jugariu von vielen Fällen, in denen auch mehrmaliges Anrufen, Aufklären und Bitten, die Familien nicht überzeugen konnte. „Sie haben zu große Angst“. Dabei könnten die meisten ihrer Betreuten, nach einiger Zeit und unter professioneller Betreuung und Therapie, erstaunliche Fortschritte aufweisen. Der Kontakt mit anderen macht bekanntermaßen ausgeglichener. Sind solche Grundbedürfnisse nicht erfüllt, hat dies auch negative Folgen für die psychische Stabilität und die motorischen Fähigkeiten.

Wer ist schon normal?

Nach offiziellen Angaben waren am 31.März 2012 in Rumänien 687.597 Menschen mit Behinderungen gemeldet (www.mmunci.ro). Fast alle, nämlich 97,5 % lebten mit ihren Familien zu Hause. Wie viele davon eine Einrichtung besuchen, ist statistisch nicht bekannt. Bekannt ist jedoch: Jede sechste Person in der EU gilt als behindert. Bei den über 75-jährigen ist der Anteil mit einem Drittel sogar noch höher. Und: Europa wird immer älter. Schon angesichts der demographischen Alterung, bedarf es daher einer Infragestellung unseres Umgangs mit Behinderungen und unseren Vorstellungen von Normalität.

Ein Ziel der Rafael-Stiftung ist daher die Inklusion von Behinderten in die Gesellschaft. Unweit des Tageszentrums arbeiten heute Stammbesucher der Stiftung in einem Second Hand Shop. Viele der Leute, die das Tageszentrum besuchen, sind hier inzwischen halbtags angestellt. „Sie sind sehr stolz darauf, dass sie Geld verdienen.“, erzählt Jugariu und ergänzt: „Wir wollen die Mentalität von Arbeitgebern verändern und sie überzeugen, Menschen mit Behinderungen anzustellen. Und auch die Einstellung der Angestellten, die zusammen mit ihnen arbeiten. Eines ist klar: diese Leute machen einige Sachen viel besser als wir.“

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